Faro – unveröffentlichter Prolog

5 Sep

Prolog

FaroDas Deck war nass. Die beiden Heizer drückten sich gegen die Brückenaufbauten. Der Regen ging in feinen Tropfen vor ihnen nieder. Es war schon nach Mitternacht. Die Maschinenwache hatte vor zehn Minuten gewechselt. Die kühle, feuchte Luft belebte die Männer.

„Bist du schon mal auf ’nem Bullen geritten?“

„Auf ’nem Bullen?“

„Ja, auf ’ner Kuh, auf ’ner männlichen Kuh.“

„Bestimmt nicht. Ich weiß ja nicht mal, wann ich zuletzt ’ne richtige Kuh gesehen habe. In Detroit Downtown laufen keine Kühe rum.“

„In Wyoming gibt es jede Menge und natürlich auch Bullen und jeder anständige Junge muss einen geritten haben, bevor er sein erstes Mädchen küsst.“

„Wyoming, wusste gar nicht, dass du aus Wyoming stammst.“

„Doch, aus Casper. Mein Vater hat da ’ne Futterhandlung, aber das ist nicht mein Ding.“

„Ach, und was ist dann dein Ding?“

„Viehzucht. Ich hab ’ne Braut, ’ne Farmerstochter. Daddy hat fünftausend Arces Land mit zehntausend Rindern drauf und da werde ich einsteigen, wenn ich von diesem Kahn runter bin.“

„Wenn ich ’ne Braut mit Geld hätte, dann wäre ich gleich dageblieben. Da hätte mich dieser beschissene Seelenverkäufen kreuzweise.“

„Ne, so ist das nich, wir brauchen noch Geld. Ich spare. Wir wollen Land dazukaufen. Ich möchte mal auf zwanzig- oder dreißigtausend Stück Vieh kommen und dann machen wir das große Geschäft mit der Armee.“

Der Mond schimmerte für einen kurzen Moment schwach durch die Wolkendecke und erhellte das offene Meer. Zwei Frachter, die seitlich fuhren und ein Tanker, gut eine halbe Meile voraus, hoben sich mit ihren schwarzen Silhouetten vom Horizont ab. Die Männer schwiegen, warteten bis die Schiffe wieder von der Dunkelheit verschluckt wurden.

„Ich hab’ keine feste Braut, also nich’ richtig fest. Wäre auch schön dumm, wo die Weiber in England so auf Amerikaner stehen.“

„Kann sein.“

„Verdammt, ich hab’ grad eine, die wollte mich gar nicht wieder gehen lassen. Ich soll abheuern, mir im Hafen oder in der Fabrik was suchen. Ich bin froh, dass die noch nich’ von Hochzeit gesprochen hat, aber das kommt bestimmt noch.“

„Wieso, ist doch nicht schlimm, einmal muss man sich eben entscheiden. Wir wollen nächstes Jahr heiraten und dann wird’s auch Zeit.“

„Mensch, ich hab noch was anderes vor. Ich will nich’ ewig Kohlen schippen oder im Hafen Säcke schleppen. Ich will noch mal zur Schule gehen und später ’nen Job machen, im Büro mit ’ner Sekretärin und dann ’nen pikfeinen Anzug tragen.“

„Wenn du das schaffst, musst du mir mal ein Foto schicken, das will ich sehen, du im Anzug in ’nem Büro, womöglich mit Couch und Ledersesseln.“

„Ich werd’s schaffen, das verspreche ich dir.“ Er überlegte. „Weißt du was, wir schicken uns gegenseitig Fotos. Ich im Anzug und du auf deinem Bullen.“ Er begann zu lachen.

„Ach nein, ich schicke dir lieber eine Aufnahme von meiner Hochzeit und von meiner Farm, dann weißt du, was du verpasst.“

„Lad mich doch besser gleich zur Hochzeit ein, so ’ne Feier auf dem Lande kann ich mir ungemein spaßig vorstellen und dann könnte ich auch gleich die Sache mit dem Bullen…“

Er stockte, konnte den Satz nicht mehr beenden. Es gab einen Schlag gegen den Rumpf des Schiffes. Das Deck erzitterte. Dann geschah alles in Bruch­teilen einer Sekunde. Es gab sofort eine zweite Explosion. Glühende Metallsplitter durchschlugen von unten das Deck, gefolgt von einer gewaltigen Stichflamme. Die beiden Männer waren sofort tot, ihre Körper von Metall zerrissen und von der großen Hitze zur Unkenntlichkeit verbrannt. Das Schanzkleid der Brückenaufbauten wurde abgesprengt, schlug auf das Deck, zertrümmerte eines der beiden Rettungsboote und blieb vorne auf dem Gehäuse der Ankertrosse liegen. Das Schiff verlor schnell an Fahrt, kam nach kurzer Zeit ganz zum Stehen. Einströmendes Wasser löschte den Brand im Maschineraum. Bei der Explosion waren vierzehn Männer gestorben, fünf ertranken jetzt beim Sinken des Schiffes. Andere Männer erreichten das Deck und machten das verbliebene Boot klar. Es musste nur wenige Meter abgefiert werden, der Schiffsrumpf war bereits abgesackt. Siebzehn Matrosen und zwei Offiziere fanden sich im Rettungsboot wieder. Mit hastigen Riemenschlägen versuchten sie vom Sog des Schiffes freizukommen. Es gelang. Neunzehn Überlebende. Einunddreißig Mann waren nicht herausgekommen, waren von den Explosionen getötet worden, waren verbrannt oder ertrunken.

Die Männer im Boot gewahrten erst jetzt das Treiben um sie herum. Es waren zwei weitere Schiffe torpediert worden. Der Tanker voraus stand in Flammen und gab der Szenerie ein unheimliches Licht. Ein Frachter an Steuerbord hatte starke Schlagseite. Hier wurden ebenfalls die Boote zu Wasser gelassen. Als letztes trafen die Zerstörer ein, die zur Flankensicherung weit außerhalb des Konvois gekreuzt hatten und sich jetzt aufteilten. Ein Zerstörer lief mit langsamer Fahrt auf die Rettungsboote zu, während sich die anderen drei Kriegsschiffe auf die Suche nach dem Feind machten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: