Interview…

19 Sep

Erstes autorisiertes Interview mit Ole R. Börgdahl

Geführt von Petra Schimbäck am 13. Oktober 2013

Es gibt Autoren die faszinieren einen von der ersten Zeile an. Ole R. Börgdahl hat das bei mir geschafft, was wenige können. Er hat mich gefesselt. Mit seinen Romanen trifft er den Leser und ist dabei auch noch auf den Spuren von historisch wichtigen Personen, die man vielleicht schon vergessen hat.
Ein Interview, das für mich etwas besonderes ist.

1. Seit wann schreibst du?

Ich schreibe seit etwa zehn Jahren. Die Idee zu einer Geschichte hat mich veranlasst, mehr daraus zu machen. Ich habe die Handlung weiter entwickelt, Recherchen angestellt, Überarbeitungen der Story vorgenommen und schließlich zu schreiben begonnen. Das Wichtigste bei dem ersten Buch-Projekt ist es, dass man dran bleibt und es beendet. Das gilt übrigens auch für alle nachfolgenden Buch-Projekte.

2. Warum veröffentlichst du „nur“ per E-Book?

Ich habe einige Möglichkeiten zur Veröffentlichung meiner Bücher geprüft und mich für die Self-Publishing-Plattform der Verlagsgruppe Droemer Knaur entschieden. Hier werden meine Bücher bei vielen Online-Händlern vertrieben, aber eben nur als eBooks.

3. Die Geschichte rund um Yvette Jasoline ist eine Trilogie. Wie ist die Idee entstanden?

Es war anfangs nicht als Trilogie geplant. In meinem Roman „Fälschung“ führt das Schicksal der französischen Familie Jasoline zur Auflösung des Rätsels. Für mich blieb die Frage offen, wer die Jasolines waren? Diese Frage wollte ich unbedingt beantworten und so sind die beiden Tagebuchromane „Ströme meines Ozeans“ und „Zwischen meinen Inseln“ entstanden.

4. In „Ströme meines Ozeans“ kommen zahlreiche historische Personen und Ereignisse vor (z. B. Eiffelturm-Bau, Attentate, Lindbergh-Baby, Kriegsausbrüche, Chevalier, Piaf, de Gaulle etc.). Wie schwer war es, all diese Ereignisse, Geschehnisse und Personen in deinen Roman hineinzubauen. 

Die Tagebuchromane spielen in den Jahren zwischen 1890 und 1961. Was für uns heute Geschichte ist, war für meine Protagonisten die Gegenwart, die sie entweder selbst erlebt haben, oder über die sie gelesen oder gehört haben, weil es für sie das Zeitgeschehen war.  Ich habe zunächst einmal systematisch Fakten historischer Ereignisse gesammelt, oft Dinge, die heute nicht mehr ganz so bekannt sind. Ich habe lange überlegt, welche Ereignisse Yvette wohl in ihrem Tagebuch erwähnen würde und auch wie sie es schreiben würde. Und ich habe einige Ereignisse ausgewählt, die Yvette als Zeitzeugin selbst erlebt haben konnte. Es war eine Menge Arbeit. Ich musste viel lesen, viel recherchieren, aber ich habe auch einiges Neues entdeckt, das ich dem Leser weitergegeben habe. Im Vordergrund der Handlung steht aber immer das Leben der Familie Jasoline und nicht die Weltgeschichte.

5. Das Bild von Gauguin erzählt quasi eine Geschichte. Wie sehr hast du dich mit dem Impressionisten beschäftigt? 

Ich habe sehr viel über Gauguin gelesen, Biografien, Romane, Kunstzeitschriften. Für die Tagebuchromane waren allerdings Gauguins Briefe an seinen Freund George-Daniel de Monfreid sehr aufschlussreich, weil Gauguin darin genau das beschreibt, was auch Yvette auf Tahiti oder den Marquesas-Inseln erlebt und gesehen haben muss. Eine weitere interessante Quelle sind Gauguins Lebenserinnerungen. Das Manuskript zu „Vorher und Nachher“ wurde nach Gauguins Tod in der Hütte auf Hiva Oa gefunden und ist später in der unfertigen Rohfassung veröffentlicht worden. Recherchen sind sehr wichtig für mich. Ich sage immer, dass ich für eine geschriebene Seite mindestens hundert Seiten lesen muss. Das gilt natürlich nicht für jedes Buch-Projekt, aber bestimmt immer für einen Historischen Roman.

6. Braucht der Leser geschichtliche oder historische Vorkenntnisse um sich an deinen Roman zu wagen?

Ich denke, das ist nicht notwendig. Viele historische Ereignisse reiße ich nur an, Yvette ist schließlich keine Geschichtsprofessorin, sondern Zeitzeugin. Ich gehe nicht immer ins Detail und dennoch erfährt der Leser alles Wichtige. Wer mehr wissen will, den möchte ich ermuntern, den Dingen selbst noch einmal nachzugehen. Das mache ich selbst sehr gerne, wenn ich historische Romane lese.

7. Wie hast du „aussortiert“? Der Familie Jasoline (keine Namen, sonst würde ich Spoilern) begegnen in diesem Roman zahlreiche Personen. Wie hast du entschieden, wer hineinkommt und wer nicht?

Auf unserem Weg durchs Leben begegnen wir vielen Menschen, weil wir mit ihnen arbeiten, bei ihnen einkaufen, weil wir mit ihnen verwandt sind und so weiter. Zu jeder Geschichte, die man erlebt, gibt es auch Menschen, mit denen man sie erlebt. So habe ich es Yvette auch ergehen lassen. Und so sind einige Personen zusammengekommen. Aber keine Angst, es gibt am Ende des Buches ein Personenverzeichnis. Ein kleiner Tipp: In vielen eBook-Readern kann man sich das Personenverzeichnis als Lesezeichen abspeichern und dann bei Bedarf springen.

8. Warum hast du dich für die Tagebuch-Form entschieden?

Ich habe zunächst mit der Roman-Form begonnen. Das gefiel mir aber nicht so sehr und so habe ich die Tagebuch-Form ausprobiert. Hier konnte ich die zahlreichen Lebensereignisse viel besser beschreiben. Ein Tagebucheintrag braucht zum Beispiel keine Einleitung, man legt einfach los und jeder weiß nach wenigen Zeilen, worum es geht. So bin ich bei der Tagebuch- Form geblieben.

9. Paris, London, Liverpool, Allaire, Tahiti usw. – Wo hat Ole R. Börgdahl persönlich recherchiert?

Nirgends, was nicht heißt, dass ich diese Orte nicht kenne. Ich konnte dort aber nicht recherchieren, weil die Tagebuchromane in der Vergangenheit spielen. Papeete auf Tahiti sieht heute anders aus, als zu Gauguins und Yvettes Zeiten. Paris und London haben heute wahrscheinlich ein ganz anderes Flair, als zu Beginn des 20.-Jahrhunderts. Andere Orte habe ich mir aber auch so geschaffen, wie ich sie brauchte, aber nur dort, wo es auch möglich war.

10. In Teil 3 (Zwischen meinen Inseln) geht es um die Marquesas. Woher dieses Wissen?

Diese kleine Inselgruppe mitten im Pazifik wird häufig vergessen. Ich bin zunächst Gauguins Spuren gefolgt. Dann bin ich auf weitere Persönlichkeiten gestoßen, die eine Beziehung zu den Marquesas hatten: Thor Heyerdahl, Jacques Brel, Robert Louis Stevenson, Herman Melville, Jack London. Der belgische  Chansonnier Jacques Brel hat den Marquesas sein letztes Album gewidmet. Er und Paul Gauguin sind beide auf der Insel Hiva Oa auf dem Friedhof von Atuona begraben. Wer die Inselwelt entdecken will, dem empfehle ich eine Fahrt auf der Aranui, die von Tahiti startet und die Marquesas mit Waren versorgt. Sie nehmen auch Passagiere mit.

11. Tahiti, Australien, Neuseeland – in Teil 3 geht es auf die andere Seite der Welt. Warst du schon an diesen Orten?

Vielleicht! So etwas würde ich dem Leser aber niemals verraten, Entschuldigung, denn ich schreibe auch über Orte, an denen ich noch nie gewesen bin. So etwas ist möglich, heute mehr als früher. Im Internet ist fast jeder Ort der Welt beschrieben und bebildert. Der persönliche Eindruck eines Ortes reicht meistens nicht aus, um ihn in einen Roman zu übernehmen. Ich lese sehr gerne Reiseberichte oder studiere Fotografien oder sehe mir Filme an. Bei historischen Romanen ist man zum Beispiel fast ausschließlich auf alte Fotografien angewiesen.

12. Woher diese Sehnsucht nach so fernen Orten?

Es ist richtig, in „Ströme meines Ozeans“ und „Zwischen meinen Inseln“ bin ich zu fernen Orten aufgebrochen. Daran ist aber Gauguin Schuld. Wäre er in Pont-Aven oder Arles geblieben hätte die Geschichte wo anders gespielt. Oder ich hätte sie gar nicht geschrieben. In anderen Romanen bin ich nicht ganz so weit gereist. Der Kriegsroman „Faro“ spielt hauptsächlich auf Gran Canaria. Meine drei Tillman-Halls-Krimis habe ich sogar in Hamburg angesiedelt. Aber es stimmt, ferne Orte faszinieren mich, wie wohl jeden von uns.

13Was bedeutet das R.?

Das R steht für Roelof. Das entspricht im Deutschen dem Namen Rudolf, aber wir sollten es bei dem R belassen.

14. Du bist großer Emilé Zola-Fan. Im 3ten Teil hast du ihm eine ziemlich große Rolle zugeschrieben. Was liegt dir so an Zola?

Oh, ist das so? Das war mir gar nicht aufgefallen. Vielleicht habe ich das gemacht, weil ich es geschafft habe, alle zwanzig Bände des Rougon-Marcquart zu lesen. Zola ist für die Familie Jasoline aber auch Gegenwartsliteratur. Dann hat sich Zola auch in die Dreyfus-Affäre eingemischt, die Yvette mit einigen emotionalen Tagebucheinträgen erwähnt. Darüber hinaus mag ich Zolas beschreibenden Stil. Im „Bauch von Paris“ wandelt man mit ihm durch die Markthallen, nimmt Gerüche wahr oder sieht die bunten Farben an den Blumenständen. Darüber hinaus hat Vincent van Gogh auf mindestens zwei seiner Stillleben Zolas Bücher verewigt. So liegt zum Beispiel auf dem Blumenbild Oleander von 1888 ein stark gelesenes Exemplar von „Die Freude am Leben“ neben einer Vase mit Blumen.

15. Gibt es ein Wiedersehen mit der Familie Jasoline?

Nein! Wer die Romane gelesen hat, wird wissen, warum ich das so sicher sagen kann.

16. Auf was dürfen sich die Leser als Nächstes freuen?

Ich habe immer einige Projekte im Kopf und ich habe genau ein Buch-Projekt, an dem ich aktuell arbeite. Ich habe aber auch ein Prinzip: Erst wenn ein Buch fertig ist, ganz fertig, spreche ich darüber. Ich bitte, dies zu entschuldigen.

Vielen Dank für das Interview!
copyright: Petra Sch., Ole R. Börgdahl

Ole R. Börgdahl auf Facebook: https://www.facebook.com/boergdahl

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