Dreyfus-Affäre

Focus online 09.10.2009

Der perfekte Täter

Unschuldig verurteilt, verbannt – und erst spät rehabilitiert: Vor 150 Jahren wurde Alfred Dreyfus geboren. Sein Schicksal zeichnet ein erschreckendes Bild des Antisemitismus im Europa des 19. Jahrhunderts.

Eine Putzfrau brachte den Stein ins Rollen. Sie war vom französischen Geheimdienst in die deutsche Botschaft in Paris eingeschleust worden. Das Verhältnis zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich ist nach dem Krieg 1870/71 angespannt. Im Papierkorb des deutschen Militärattachés Max von Schwarzkoppen findet sie im September 1894 ein Dokument, in dem ein französischer Soldat den Deutschen Geheiminformationen über das Militär Frankreichs anbietet. Das Geheimdokument („Bordereau“) schreckt die Militärführung auf. Wer war der Verräter? Es musste ein hochrangiger Militärangehöriger sein, der über viele Insider-Informationen verfügte.

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Demütigung vor 12 000 Zuschauern

In diesem vergifteten Klima also passte Alfred Dreyfus der Militärführung als Spion hervorragend – ein Jude, der den früheren Kriegsgegner Deutschland mit Informationen fütterte. Zudem stand Dreyfus der Monarchie eher zurückhaltend gegenüber. „Als überzeugter Republikaner und einziger Jude im Generalstab war er den Militärs doppelt verdächtig“, notiert der Historiker Detlev Zimmermann deshalb. Dreyfus aber war, das weiß man heute, unschuldig.

Im Oktober 1894 wird er ins Kriegsministerium gebeten. Ihm wird ein Brief diktiert, ein anschließender flüchtiger Handschriftenvergleich mit den in der deutschen Botschaft entdeckten Unterlagen genügt der Militärführung, um Dreyfus ins Gefängnis zu bringen. Durch einen anonymen Hinweis erfährt die antisemitisch gestimmte Presse von dem Vorfall – und weidet sich genüsslich an dem Thema: Angeblich bestünde nun akute Kriegsgefahr, da Dreyfus den Deutschen wertvolle Informationen zugespielt habe. Die einfache These der Antisemiten: Das Judentum schadet dem Land und treibt es in den Ruin.

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Rehabilitierung erst 1906

Doch dann veröffentlichte die Zeitung „Le Matin“ ein Faksimile des damals verdächtigen Briefs – und jeder Leser kann sich selbst ein Bild machen. Der Generalstab glaubt fälschlicherweise, Picquart habe die Zeitung mit den Informationen gefüttert und schickt ihn nach Tunesien. In seinem Testament enthüllt er die wahren Hintergründe des Falls Dreyfus. Picquarts Anwalt gibt die Unterlagen in Paris weiter, der Generalstab muss weiter fürchten, dass sein Lügengebilde auffliegt.

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