Leseprobe

Kowalskis Mörder - Kopie (2)

K O W A L S K I S    M Ö R D E R

 

Roman

© 2018 Ole R. Börgdahl

1. Auflage

Titel der Originalausgabe: »Kowalskis Mörder«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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Kowalskis Mörder

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Ein Motorroller fuhr knatternd am Haus vorbei. Die Geräusche des Zweitakters entfernten sich, wurden noch einmal lauter, als der Rollerfahrer von der Starnhäuser Straße in den Potsdamer Weg abbog und wieder Gas gab. Marek Quint drehte sich um, schob sich das Kissen unter den Kopf und zog die Bettdecke etwas höher. Er blinzelte mit dem linken Auge Richtung Wecker. Auf der Digitalanzeige war es zwei Minuten vor sechs. Er rückte noch einmal das Kissen zurecht und schlief wieder ein.

Um sechs Uhr zwölf am Sonntag den 7. Februar 2016 erwachte Marek erneut. Diesmal kamen die Geräusche nicht von der Straße. Ein Piepton kroch ihm langsam über die Ohren ins Bewusstsein. Es dauerte ein, zwei Minuten, bis er die Augen aufschlug und im Bett hochfuhr. Er horchte nach dem Piepton, der auch sofort wieder erklang, um dann für ein paar Sekunden auszusetzen. Marek schwang die Beine aus dem Bett, tastete nach seinen Hausschuhen, die er nicht fand. Barfuß ging er über das Parkett, das er erst vor einem Monat im Schlafzimmer verlegt hatte. Die Tür war offen. Er ging auf den Flur und horchte. Der Piepton erklang, als er gerade vor dem Geländer stehengeblieben war. Danach war wieder Stille.

Im ganzen Haus war es dunkel. Marek tastete sich am Geländer entlang bis zum Treppenabgang. Dort blieb er noch einmal stehen, wartete den Piepton ab, der sich erneut einstellte. Erst jetzt war er richtig wach. Er drehte sich um, schlug mit der Hand gegen den Lichtschalter neben der Tür zum Bügelzimmer. Die Energiesparbirne in der Flurlampe gab zunächst nur ein schwaches Licht ab. Marek ging die Treppe hinunter. Als er von der letzten Stufe auf den Fliesenboden trat, piepte es zum wiederholten Male. Im Wohnzimmer lag sein Handy, und von genau dort kam das Signal. Er schaltete die Strahlerreihe über dem Wohnzimmerschrank ein und eilte über den angenehm flauschigen Teppichboden zu der Schale auf dem Sideboard neben der Terrassentür.

Das Display seines Smartphones leuchtete auf, als der Signalton erklang. Marek nahm das Telefon unschlüssig in die Hand. Die Informationsleiste auf dem Display zeigte den Eingang einer SMS an. Marek schloss die Augen und schüttelte den Kopf. Irgendeine blödsinnige Werbebotschaft hatte ihn an diesem Sonntagmorgen aus dem Schlaf gerissen. Er wollte das Handy ausschalten. Er zögerte, tippte dann doch auf das SMS-Icon. Im selben Moment begann das Telefon sich zu verselbständigen. Ein Programm wurde geladen. Marek versuchte das Schlimmste zu verhindern, aber es war schon zu spät. Das Display wurde blau, der Schriftzug HIKE-Messanger erschien in weißen Lettern. Das Programm installierte sich zu Ende, durchlief mehrere Stadien mit Erklärungen in verschiedenen Sprachen, die Marek so schnell nicht erfassen konnte.

Er versuchte den Akku aus seinem Smartphone herauszudrücken, aber er konnte den Gehäusedeckel mit seinen kurzen Fingernägeln nicht aufhebeln. Dann fror das Display ein, die Installation war offenbar abgeschlossen. Die Startseite verschwand, ein Text erschien. Die Schrift war sehr klein eingestellt. Marek kniff die Augen zusammen. In seinem Kopf arbeitete es, als er die Worte der Nachricht begriff.

 

*

 

Thomas Leidtner setzte sich in einen der beiden Sessel die zu Mareks Ledercouchgarnitur gehörten. Gähnend streckte er sich aus und sah kurz auf seine Armbanduhr. Es war viertel vor sieben. Mareks Anruf hatte ihn vor fünfundzwanzig Minuten erreicht. Er war in seine Kleider gestiegen und hatte sich sofort auf den Weg in die Starnhäuser Straße 27 nach Berlin-Frohnau gemacht.

Marek betrat das Wohnzimmer mit zwei Tassen Instantkaffee und stellte sie auf den Tisch vor Thomas ab. Marek hatte sich ebenfalls angekleidet. Thomas griff nach seiner Tasse und nahm einen Schluck.

„Verdammt, ist der heiß!“ Er rieb sich die Unterlippe.

Marek achtete nicht darauf. Er hatte sein Smartphone in der Hand und hielt Thomas das Display hin. Thomas beugte sich nach vorne und las den Text.

„Das ist doch ein Scherz“, sagte er kopfschüttelnd, „oder glaubst du wirklich, das Jürgen ermordet wurde?“

„Das ist ja noch nicht alles“, sagte Marek. „Ich habe auch erst gedacht, wer schreibt denn so etwas: Kowalskis Mörder ist in Berlin. Dann kam aber noch etwas und dann habe ich dich angerufen.“

Marek tippte auf seinem Smartphone und hielt Thomas das Telefon erneut hin.

„Wir haben deine Freundin. Wir schreiben auf ihrem Telefon“, zitierte Thomas die Displayanzeige. „Ja, hast du das denn gecheckt, hast du Kerstin endlich erreicht?“

„Bis jetzt noch nicht, sie geht nicht ans Telefon, aber ich probiere es gleich noch einmal.“

„Und du sagtest, Kerstin sei verreist?“, fragte Thomas.

„Nicht verreist, sie ist dieses Wochenende bei einer Freundin.“

„Also doch verreist?“

„Die Freundin wohnt auch in Berlin, in Köpenick. Kerstin ist gestern Vormittag zu ihr gefahren. Sie wollten nachmittags ins Kino gehen und sich dann einen schönen Abend machen, ausgehen, auf eine Party oder so. Ich weiß nicht genau, was geplant war …“

„Die Freundin wohnt in Köpenick?“, unterbrach Thomas ihn. „Dann lass uns da doch sofort hinfahren und vor Ort klären, ob das hier alles nur ein Scherz ist oder was das sonst sein soll.“

„Die Nachrichten wurden von Kerstins Handy gesendet“, erklärte Marek. „Es ist ihre Nummer, die als Absender angezeigt wird.“

„Bist du dir da ganz sicher?“

„Natürlich! Ich habe die Nummer zwar erst nicht erkannt, weil Kerstin ihr altes Handy vor zwei Monaten bei der Bergung einer Wasserleiche verloren hat. Abgesoffen, Handy und SIM-Karte …“

„Wasserleiche?“, fragte Thomas.

„Ja! Ist doch egal. Sie haben es im Schlick nicht wiedergefunden. Kerstin wollte sich dann das iPhone SE kaufen, aber das gibt es erst im März …“

„Was? Was erzählst du da?“ Thomas schüttelte den Kopf. „Dann bist du dir doch nicht sicher, dass es Kerstins Nummer ist, denn die ist ja beim Bergen einer Wasserleiche abgesoffen …“

„Verdammt, nein! Ich bin mir sicher“, rief Marek. „Ich hatte noch ein altes Galaxy mit Prepaid-Karte. Die habe ich wieder aufgeladen, bis Kerstin ihr verdammtes SE bekommt und ihre alte Nummer wieder aktiviert wird. Sie hat es sogar schon bestellt.“

„Zeig mal die Nummer her.“

Marek nahm das Smartphone wieder an sich und öffnete sein Telefonbuch. Er hielt Thomas den geöffneten Eintrag schließlich hin, der sich die ersten sechs Zahlen zu merken versuchte.

„Und jetzt die Nummer, über die diese blöden Nachrichten gekommen sind“, sagte er.

Marek fuhr mit dem Finger über das Display und tippte bei der HIKE-App auf Absender. Die Nummer wurde angezeigt. Thomas starrte ein, zwei Sekunden darauf und nickte.

„Stimmt das ist ihre Nummer, wenn das ihre Nummer ist. Sind zumindest identisch.“

„Und wenn ich anrufe, nimmt sie nicht ab“, sagte Marek und wählte erneut Kerstins Handynummer. Wie bei den Malen zuvor schaltete sich der Anrufbeantworter ein.

„Scheiße!“, rief Marek. „Du kannst sagen, was du willst, aber da stimmt doch was nicht.“

„Du sagtest, die haben gestern Party gemacht? Ist doch möglich, dass die beiden besoffen sind und dich nur verarschen wollen. Und wenn wir da aufkreuzen, dann pennen die gerade ihren Rausch aus.“

„Kerstin besäuft sich doch nicht.“ Marek schüttelte den Kopf.

„Wie heißt denn die Freundin?“

„Steffanie Hartfeld.“

„Und kennst du sie auch?“

„Nein, nicht richtig.“

„Was heißt nicht richtig?“

„Ich kenne sie eigentlich gar nicht. Ich weiß nur, dass sie seit einigen Monaten wieder Single ist …“

„Single!“ Thomas grinste. „Dann lass uns sofort hinfahren.“

„Jetzt hör doch mal auf, verdammt“, rief Marek und ließ sich auch in einen der Ledersessel fallen.

„Sorry!“, sagte Thomas nur. „Was weißt du noch über diese Steffanie?“

„Sie hat sich vor ein paar Monaten von ihrem Mann getrennt. War wohl ein bisschen stressig, besonders die Zeit unmittelbar danach. Kerstin hat fast eine Woche lang jeden Abend mit ihr telefoniert.“

„Telefoniert“, wiederholte Thomas. „Probiere noch mal, Kerstin zu erreichen.“

„Habe ich doch gerade.“

„Mach einfach!“

Marek nickte und ließ sein Smartphone erneut wählen. Er hielt es sich erst ans Ohr, stellte dann aber den Lautsprecher an und legte das Telefon auf den Wohnzimmertisch, als wieder nur der Anrufbeantworter ansprang.

„Los, frag sie, was das soll“, rief Thomas.

Marek schüttelte den Kopf und unterbrach die Verbindung. „Ich habe so ein komisches Gefühl.“

„Dann lass uns fahren.“ Thomas erhob sich aus seinem Sessel und blieb vor Marek stehen.

Marek rührte sich nicht, dann nahm er das Smartphone vom Tisch, suchte über das Display den Nummernspeicher und ließ das Telefon erneut wählen. Die Verbindung kam zustande, aber auch diesmal sprang ein Anrufbeantworter an. Eine beschwingte Frauenstimme war zu hören.

„Hi, Steffi hier, kann grad nicht ans Telefon gehen. Würde mich aber über eine Nachricht freuen. Tschüüüüß!“

„Ist sie das?“, fragte Thomas. „Kling doch ganz nett. Single sagst du, kannst mir ja mal ihre Nummer geben.“ Thomas grinste.

„Ich finde das gar nicht lustig“, sagte Marek und unterbrach die Verbindung, bevor der Signalton des Anrufbeantworters zu hören war. „Außerdem habe ich ihre Handynummer nicht, war der Festnetzanschluss.“

„Köpenick, lass uns endlich fahren. Sicher klärt sich das alles und wir gehen gemeinsam einen Kaffee trinken, Kerstin, du, diese Steffanie und ich.“

„Das dauert zu lange“, sagte Marek. „Das dauert alles jetzt schon viel zu lange. Wir brauchen eine Stunde nach Köpenick.“

„Aber doch nicht am Sonntagmorgen?“

„Gut, lass es eine dreiviertel Stunde sein, wenn wir mit Blaulicht fahren.“ Marek schüttelte den Kopf.

„Und was willst du dann tun?“, fragte Thomas und setzte sich wieder.

„Ich rufe jetzt ein Revier in Köpenick an. Ich habe die Nummer vorhin schon herausgesucht. Da soll mal eine Streife nachsehen, das geht schneller.“

„Und was glaubst du, sagt Kerstin dazu, wenn sie und ihre Freundin von einem Sondereinsatzkommando aus dem Bett geklingelt werden? Wenn die gestern auf Piste waren, dann schlafen die jetzt noch.“ Thomas sah auf seine Armbanduhr. „Mann, es ist erst kurz vor sieben. Wenn wir sofort losfahren, dann sind wir um acht da, warten noch eine halbe Stunde und überraschen die Mädels mit frischen Brötchen, die wir unterwegs organisieren.“ Thomas grinste erneut.

„Du kapierst das wohl nicht, da ist was nicht in Ordnung“, rief Marek.

„Hey, ich kann das aber nicht sehen, dass da was nicht in Ordnung ist.“ Thomas gestikulierte in die Luft. „Oder nimmst du diese albernen Nachrichten wirklich für voll?“

„Ja, das tue ich.“ Marek zögerte. „Nachdem ich bei dir angerufen habe ist nämlich noch etwas gekommen.“

Thomas verdrehte die Augen. „Lass mich raten, die haben eine Bombe unter Tremmels Arsch deponiert und werden die zünden, wenn wir nicht tun, was sie wollen. Frage ist nur, was die wollen.“

„Ich kann dir genau sagen, was die wollen.“ Marek wischte über sein Smartphone und hielt es Thomas hin.

 

 

Im Buchhandel als eBook

K O W A L S K I S   M Ö R D E R

ISBN 978-3-7427-3865-3

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