Leseprobe

Alles in Blut

A l l e s   i n   B l u t

 

Roman

© 2011 Ole R. Börgdahl

Zweite Auflage

Titel der Originalausgabe: »Alles in Blut«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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Donnerstag, 3. November 2011

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Als ich aus dem Fahrstuhl stieg, wartete Kurt Bruckner bereits vor der verschlossenen Wohnungstür. Ich ahnte schon, was sich in dem breiten Umschlag befand, den er unter den linken Arm geklemmt hatte, aber dazu später. Bruckner hörte mich nicht gleich kommen und so konnte ich ihn ein paar Sekunden lang beobachten, wie er kaum merklich auf seinen Schuhspitzen wippte und sich konzentriert das weiße Plastikgehäuse der Türklingel betrachtete. Ich versuchte seine Gedanken zu erraten, einfach nur zu beobachten. Offenbar irritierten ihn die Reste des Papiers, die auf dem Klingelschild klebten. Ich hatte das Namensschild eigenhändig abgekratzt. Die blaue Farbe des Filzstiftes schimmerte durch. Der Name war noch zu entziffern. Bruckner strich sich nachdenklich mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken. Er dachte sich seinen Teil, das spürte ich. Dann hatte er es akzeptiert und sein Blick wanderte beinahe gelangweilt zu den weißen Kacheln, mit denen die Wände des Flures bis hinauf in Augenhöhe gefliest waren. Erst jetzt hörte er meine Schritte und wandte sich um. Er musterte mich und holte das nach, was ich schon längst getan hatte. Ich hatte mich verspätet und begann unser Kennenlernen mit einer Entschuldigung.

»Sorry, sind Sie schon lange hier?«

Bruckner atmete tief ein und gleich wieder aus. Er lächelte. »Nein, nein, kein Problem.«

Erst jetzt streckte er mir seine Hand entgegen. Sein Händedruck war kräftig und bestimmend, er beherrschte seine Lektion Körpersprache, was ich auch nicht anders erwartet hatte.

»Ich habe mir gedacht, dass Sie schon hinaufgegangen sind. Sieht ja auch blöd aus, unten auf der Straße zu warten.«

Bruckner nickte. »Ich hatte Glück, jemand hat mich hereingelassen.« Er lächelte wieder. »Sie sind also Herr Halls oder soll ich Mr. Halls sagen?«

»Wie Sie mögen. Hier in Hamburg ist man ja recht international, oder?«

»Ja, das stimmt wohl, Hamburg ist sehr international, das Tor zur Welt, wie man immer sagt.«

Mit diesen einfachen Sätzen hatten wir das Terrain abgesteckt. Der Mann war mir durchaus sympathisch.

»Aber vielleicht sollten wir reingehen«, schlug ich vor.

Ich hatte noch etwas für ihn parat. Ich zog das Schlüsseletui aus meiner Hosentasche und klappte es auf. Ich wählte Hook und Spanner und brauchte nur Sekunden um die Stifte im Schließzylinder zu knacken. Mit dem Spanner drehte ich schließlich den Zylinder und die Tür sprang auf. Bruckner sah mich unbeeindruckt an, aber ich spürte die Frage hinter seinem Gesicht.

»Ein kleines Hobby«, gab ich zur Antwort. »Natürlich hätte ich auch einen Schlüssel für die Wohnung, aber dann würde ich ja nur noch mit Schlüsseln herumrennen.«

Bruckner nahm die Erklärung hin. Ich ließ ihn vorangehen. Das Apartment war zum Glück möbliert, so würden wir bei unserer Unterhaltung sitzen können. Ich habe nicht immer im Kopf, welche Wohnungen möbliert sind und welche ganz leer stehen. Diese hier war zwar klein, aber recht gut ausgestattet. In eine Ecke des Raumes waren zwei Sessel und eine schmale Couch gequetscht, davor ein winziger Beistelltisch. Ein Futonbett stand quer an der gegenüberliegenden Wand und war mit zahlreichen Kissen zu einer Art Couch umfunktioniert. Die Küchenecke besaß eine Zweierkochplatte. Immerhin waren es Ceranfelder, über denen eine ausziehbare Dunstabzugshaube schwebte. Daneben war eine Mikrowelle in den offenen Hängeschrank eingelassen. Ein Dreiersatz Tassen und Teller sowie ein Besteckkasten standen auf den Regalbrettern und gehörten ebenfalls zum Inventar, genauso wie die formschöne blaue Kaffeemaschine, die die umfangreiche Ausstattung abrundete.

»Einen Senseo?«, fragte ich.

Bruckner überlegte, schüttelte dann aber den Kopf. »Danke, jetzt bitte keinen Kaffee mehr.«

Er holte ein Kaugummi hervor, packte es aus und schob es sich in den Mund.

»Das ist der Bonus«, erklärte ich, während er zu kauen begann.

Bruckner schluckte kurz und sah mich fragend an. »Bitte?«

»Die Kaffeemaschine und achtzig von den Pads.«

Ich öffnete den Unterschrank und zeigte auf die Tüten mit den Kaffeeportionen.

»Wer die Wohnung nimmt, bekommt das alles als Bonus, aber bisher hat sich noch niemand überzeugen lassen.«

»Die Gegend ist doch ganz nett«, bemerkte Bruckner. Er ging zum Fenster, schob die Gardine ein Stück zur Seite und sah hinunter auf die Straße. »Ist das ihr Wagen, der schwarze Beetle?«

»Yes, jawohl«, sagte ich fröhlich.

»Der stand vorhin noch nicht da«, meinte Bruckner, »obwohl ich eher getippt hätte, dass Sie eine Limousine fahren.«

»Ich liebe es aber sportlich. Eine Limousine ist mir in Hamburg zu umständlich und so habe ich den genommen. Das ist ein 21th-Century-Beetle.«

»Hab die Werbung gesehen. Dann ist der ganz neu?«

»Nagelneu, den habe ich erst seit ein paar Tagen. Ist ein 2.0 TSI mit 200 PS. Den Vorgänger hätte ich nie genommen, war mir zu kugelig. Davor hatte ich einen TT, der ist mir aber geklaut worden.«

»Hier in der Gegend?«

»Nein, in Sternschanze.«

»Wollte ich doch sagen, die Gegend hier hat sich doch in den letzten Jahren gemacht.«

»Für Studenten ist die Lage aber wohl ein wenig zu ruhig. Das höre ich zumindest immer, wenn ich mal einen Interessenten hier habe. Einen Kaffee wollte bisher auch noch keiner von denen haben. Wir suchen jetzt schon seit fast einem Jahr nach einem neuen Mieter.«

»Also ein Verlustgeschäft?« Bruckner zog die Gardine wieder vors Fenster und drehte sich zu mir um.

Ich zuckte mit den Schultern. »Uns gehört die Wohnung ja nicht und bei der zu erwartenden Miete ist natürlich auch keine hohe Provision drin. Mein Schwiegervater wollte den Auftrag schon zurückgeben, aber mir gefällt das hier irgendwie.«

Ich breitete die Arme aus, als wenn ich ein Riesenreich präsentieren würde. Bruckner begann heftiger zu kauen und sah sich noch einmal um. Die Tapete war vergilbt, und wenn ich ehrlich bin, sahen die Möbel auf den zweiten Blick schäbig aus. Bruckner zückte schließlich seinen Dienstausweis und fingerte die Polizeimarke aus der Hosentasche.

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »ich habe mich noch gar nicht legitimiert.«

Die Polizeimarke glänzte, als wäre sie poliert worden. Ich warf aus Höflichkeit einen Blick auf den Dienstausweis. Das Foto war gar nicht einmal so schlecht. Bruckner hatte darauf aber längere Haare und einen Dreitagebart. Ich musste etwas dagegenhalten und so durchsuchte ich die Innentasche meines Jacketts nach einer Visitenkarte. Ich benutze die Visitenkarten sonst nur, wenn ein Kunde unentschlossen ist. Dann beende ich ein zähes Gespräch mit meiner Visitenkarte und den Worten, dass man es sich ja noch überlegen könnte. Ich hasse Unentschlossenheit und liebe darum Menschen, die sich schnell entscheiden können und dabei noch alles Wesentliche geklärt haben. Ich händigte Bruckner meine Karte aus. Er überlegte, betrachtete sie ausgiebig.

»Gustav-Schmidt-Immobilien!«, las er von der Karte ab. »Gustav Schmidt?«

»Das ist mein Schwiegervater, ihm gehört das Maklerbüro. Meine Frau ist waschechte Hamburgerin. Sie war zum Studieren in New York, als wir uns kennengelernt haben.«

»Interessant!« Bruckner widmete sich wieder der Karte. »Sie nennen sich Objektberater!«

»Das stimmt nicht ganz«, erklärte ich. »Ich bin schon auch der Geschäftsführer, aber so sieht es für den normalen Kunden besser aus. Ich habe noch andere Karten, die benutze ich aber nur, wenn es um richtig wichtige Verhandlungen und Geschäfte geht, dann muss man zeigen, dass man das Sagen hat.«

Bruckner sah weiter auf die Karte. »Ihren Vornamen, wie spricht man den eigentlich aus?«

Mit dieser Frage hatte ich nicht gerechnet und darum stutzte ich einen Moment und dachte über Lautschrift nach. »Die erste Silbe kurz und dazu das englische Wort für Mann«, antwortete ich.

Bruckner versuchte es. »Tillman!«

»Richtig!«, bestätigte ich ihm.

Er nickte. »Mr. Tillman Halls«, wiederholte er meinen vollständigen Namen. Er sah mich an. »Sie sprechen sehr gut Deutsch, ich meine Ihren Akzent, man hört nicht gleich, dass Sie Amerikaner sind.«

Ich lächelte. »So gut ist es auch wieder nicht, ich habe immer noch Schwierigkeiten mit einigen Begriffen und ich verwende viele alte deutsche Wörter. Zum Beispiel ist das Wohnzimmer für mich immer die Stube und das Schlafzimmer die Kammer. Das bekomme ich auch nicht mehr raus.«

Bruckner lachte. »Meine Großmutter hat das auch immer so gesagt.«

»Ja, sehen Sie, genau das ist es«, erklärte ich. »Ich habe die Sprache nicht von meiner Frau gelernt, sondern von meiner Großmutter. Meine Großeltern waren Deutsche.«

»Daher also«, sagte Bruckner nickend.

»Nur, meine Großeltern sprachen das Deutsch der Zwanziger- und Dreißigerjahre.«

»Wirklich interessant«, meinte Bruckner. »Ich habe bestimmt auch irgendwelche entfernten Verwandten in den Staaten.«

»Die United Staates waren und sind eben ein Einwandererland, auch wenn es mal, wie in meinem Fall in die andere Richtung geht.«

Bruckner nickte zustimmend, dann wurde ihm offenbar wieder bewusst, warum er mich aufgesucht hatte.

Ich kam ihm zuvor. »Aber lassen wir die alten Geschichten. Wollen wir uns setzen?«

Ich zeigte auf die beiden Sessel. Bruckner stimmte mir zu, wir nahmen Platz. Er zog jetzt den Umschlag hervor und legte ihn auf den Beistelltisch.

»Vielleicht jetzt doch einen Senseo?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein danke, wirklich nicht. Ich habe eigentlich nicht viel Zeit.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Wir haben in einer guten Stunde unser Briefing und ich muss noch ganz ins Präsidium zurück.«

Er tippte mit dem Finger auf den Umschlag. »Ich habe Ihnen ja schon am Telefon gesagt, dass ich Ihre Meinung zu einer ganz bestimmten Sache hören möch …«

Das ging mir zu schnell. »Ja, unser Telefonat«, unterbrach ich ihn. »Bevor Sie loslegen, entschuldigen Sie, ich habe mich natürlich gefragt, wie Sie auf mich gekommen sind.«

Bruckner lächelte. »Das wissen Sie nicht?«

»Nein!« Ich wusste es in diesem Moment wirklich nicht, auch wenn die Antwort denkbar einfach war.

»Experten- und Spezialistendatei«, sagte Bruckner. »Die ESPE des BKA, des Bundeskriminalamtes. Ich bin dort auf Ihren Namen gestoßen. Ihr Eintrag hat mich interessiert und veranlasst, Sie zurate zu ziehen, oder sind Sie der Falsche Tillman Halls?«

Jetzt dämmerte es mir, die Sache war mir ganz entfallen. »Ich bin der Richtige«, bestätigte ich Bruckner zunächst einmal, bevor ich begann, ihn zu enttäuschen. »Es stimmt, ich habe mich dort mal eintragen lassen, als ich vor drei Jahren von Amerika hierher gezogen bin. Ich weiß auch nicht, warum ich es gemacht habe. Vielleicht konnte ich damals noch nicht gleich loslassen. Das hat sich jetzt aber geändert, eigentlich stehe ich nicht mehr zur Verfügung und außerdem hat sich in den ganzen drei Jahren nie jemand bei mir gemeldet. Niemand, Sie sind der Erste, wirklich.« Ich griff in meine Jacketttasche. »Warten Sie.« Ich holte mein Smartphone hervor und aktivierte die Diktierfunktion. »Einen Moment!« Ich startete die Aufnahme und hielt mir das Smartphone vor den Mund. »Memo! Eintrag in E-S-P-E löschen lassen, sofort, dringend!«

Ich lächelte Bruckner an. »Feine Sache, was? Und so praktisch für unterwegs, man darf nur nicht vergessen, die Memos später auch abzuhören.«

Bruckner schien nicht beeindruckt zu sein. »Aber Sie haben in Amerika als Profiler gearbeitet, das stimmt doch?«

Ich nickte. Ja, ich musste es zugeben, ich hatte alles in diese Datenbank eingegeben, alles. Meine Zeit in New York, eine schöne Zeit. Die drei Jahre in Quantico, für mich eine Erfahrung und genau diese Erfahrung war es, auf die es dieser Bruckner anscheinend abgesehen hatte.

»Waren Sie bei der Polizei oder beim FBI?«

Bruckners zweite Frage konnte ich nicht so lässig beantworten. Ich war ja auch selbst schuld. Als ich nach Hamburg kam, hatte ich irgendwie gehofft, meinen alten Beruf nicht ganz so aufgeben zu müssen. Doch dann hatte ich Arbeit, sehr viel Arbeit. Evas Vater ging es damals nicht gut und so bin ich eingestiegen und mit der Zeit hat es mir auch richtig Freude gemacht. Ich taugte zu dem Job. Wir haben gut verdient, und nachdem Gustav wieder voll da war, blieb nicht mehr alles an mir hängen. Eigentlich war dieser Bruckner zu spät gekommen, dachte ich.

»N-Y-P-D«, antwortete ich auf seine Frage, »aber ich war meistens abgestellt, habe viel mit den Agents vom Federal Bureau of Investigation zusammengearbeitet und dann haben sie mich nach Quantico eingeladen.«

»Die FBI Academy?«

»Ganz richtig Quantico, auf der dortigen Militärbasis. Waren Sie schon einmal in Virginia?«

Jetzt hatte ich eine Frage gestellt, eine sinnlose Frage. Bruckner schüttelte den Kopf.

»Ich war noch nie in den Staaten. New York würde mich mal interessieren.«

Ich nickte. »New York kann toll sein. Quantico ist nicht so toll. Wir haben damals in Fredericksburg gewohnt, das ist noch weniger toll, tiefste Provinz. Gut, wenn man den ganzen Tag arbeitet, dann geht es, aber für meine Frau war es schwer, sie ist ohnehin nie ganz zur Amerikanerin geworden und da kann die Provinz schrecklich sein. Wenn wir damals in New York geblieben wären, dann wäre ich vielleicht heute nicht hier in Hamburg.«

»Und in Quantico hat es Ihrer Frau nicht gefallen?«, fragte Bruckner.

»Fredericksburg, wir hatten ein schönes Haus in Fredericksburg. Nach Quantico bin ich nur morgens hingefahren und abends wieder zurück nach Fredericksburg. Quantico, das ist nur Militär und Academy und ein Haufen Marines.«

»Und Sie haben an der Academy unterrichtet?«

»Crime Scene Investigation, Criminal Profiling, ich habe meine Erfahrungen weitergegen, aufgepeppt mit ein bisschen Psychologie und angewandter Wissenschaft. Ich habe mal ein paar Semester Physik studiert. Für den Nobelpreis hat es nicht gereicht und da bin ich eben zum New York City Police Department gegangen.«

Bruckner nickte anerkennend, obwohl ich ihn gar nicht beeindrucken wollte.

»Ich bin auch Profiler«, sagte er nach kurzem Zögern. »Hier bei der deutschen Polizei nennt es sich aber Fallanalytiker, Operative Fallanalyse. Obwohl es einen deutschen Namen hat, kommt alles aus den Staaten, aber ich glaube, das wissen Sie besser als ich.«

Jetzt musste ich aufpassen, nicht zu weit zu gehen. Es war wichtig, eine Grenze zu ziehen und zu sehen, was Bruckner unternahm. Meine nächsten Worte waren wohl überlegt.

»Herr Kommissar, ich will nicht unhöflich sein, aber wenn ich ehrlich bin, dann ist es mir nicht sehr genehm.«

Das hatte gesessen. Bruckner war überrascht. Er fuhr sich wieder mit Daumen und Zeigefinger über den Nasenrücken. Er brauchte einige Sekunden für eine Antwort.

»Entschuldigung, ich dachte …« Er räusperte sich. »Ich konnte am Telefon nicht so deutlich werden …« Er stockte, überlegte kurz, dann wurde seine Stimme wieder fester. »Ich kann auch gehen, so ist das nicht. Ich hatte nur gedacht, es würde Sie vielleicht interessieren und Sie würden mir, also Sie würden der deutschen Polizei gerne helfen, ich meine, Sie waren doch selbst einmal …« Bruckner beendete den Satz nicht, sondern strich mit der flachen Hand über den Umschlag, ohne ihn vom Tisch aufzunehmen.

»Nein!« Ich schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, dass Sie sich Hoffnung gemacht haben?«

»Aber am Telefon …«

Ich merkte, dass Bruckner sich bremsen musste, um nicht ärgerlich zu klingen. Es war ihm bewusst, dass er etwas von mir wollte und es war nicht nett von mir, ihn so hinzuhalten. Dann aber lächelte er.

»Warum sind Sie eigentlich nicht bei der Polizei geblieben, ich meine bei Ihrer Karriere? Sie hätten doch wieder nach New York gehen können.«

Jetzt versuchte er es auf diese Weise. Ich hatte ihm schon zu viel erzählt, er durchschaute mich. Er spürte, dass da etwas war. Ich wollte natürlich sehen, was er aus der Situation machte.

»Sie wissen anscheinend gut über mich Bescheid«, warf ich ein.

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, entgegnete er sofort.

Er wagte sich jetzt etwas vor. Er spürte irgendwie, dass mein Widerstand nur gespielt war. Ich lehnte mich erst einmal in meinen Sessel zurück und schwieg noch einige Sekunden, bis ich schließlich antwortete.

»Sie sind also an meiner Lebensgeschichte interessiert?«

Bruckner zuckte mit den Schultern. »Ich habe in der ESPE nach einem Experten gesucht und da hat das Programm Ihren Namen ausgespuckt.«

»Nur meinen Namen?«, entgegnete ich. »Es muss doch hier in Hamburg auch andere Experten geben.«

»Mag sein, aber die anderen haben mich nicht interessiert.« Bruckner hielt kurz inne, sein Blick veränderte sich. »Sie haben Dinge gesehen, die wir normalerweise nicht zu sehen bekommen. Ich würde eine Menge dafür geben, Ihre Erfahrung zu besitzen und dabei bin ich auch schon fast zwanzig Jahre im Dienst.«

»Mir haben acht Jahre auf der Straße gereicht und meiner Frau ebenfalls.«

»Ihrer Frau?« Bruckner runzelte die Stirn.

»Natürlich, ich liebe meine Frau und meine drei Kinder und ich liebe mein Familienleben. Eigentlich wollte ich mich mit dem Schritt nach Quantico aus dem aktiven Dienst verabschieden, aber wenn man der Branche treu bleibt, gelingt, dass nicht, das war, zumindest meine Erkenntnis. Dann kam natürlich noch hinzu, dass meine Frau nicht für dieses Landleben geeignet war. Sie können mir glauben, Virginia ist schön, aber es war nicht das Richtige und so haben wir eben etwas ganz anderes versucht. Das kann ich nur jedem empfehlen.«

Bruckner hatte meinem Vortrag unruhig zugehört. Es interessierte ihn nicht. Es gab nur eines, das ihn interessierte.

»Ich verlange ja gar nichts von Ihnen«, begann er wieder. »Ich habe ein paar Fotografien, die sollen Sie sich ansehen und mir Ihre Meinung sagen. In fünf Minuten bin ich wieder verschwunden. Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen …« Er zögerte. »… auch nicht vor Ihrer Frau.«

Ich reagierte nicht. Ich hatte Bruckners Provokation verstanden und er wollte, dass ich darauf einging. Jetzt war es tatsächlich ein Spiel.

»Sind Sie verheiratet?«, fragte ich.

Bruckner wusste, dass er noch nicht am Ziel war. »Ja, glücklich, keine Kinder, Reihenhaus in der Vorstadt. Meine Frau liebt den Garten und ich meine Ruhe, wenn ich vom Dienst komme.« Er ratterte die Worte wie auswendig gelernt herunter. Schließlich grinste er.

»Reihenhaus!«, entgegnete ich. »Sind Sie an etwas Neuem interessiert, vielleicht freistehend, mit einem größeren Garten, ruhig gelegen, aber dennoch zentral? Wir haben gerade neue Objekte hereinbekommen. Ich wohne in Osdorf, dort ist es auch sehr schön.«

Bruckner richtete sich in seinem Sessel auf. Er musste jetzt zeigen, dass er auch noch eine Alternative hatte und die hieß, auf meine Mitarbeit zu verzichten. Er sah wieder auf seine Armbanduhr. Das Gespräch dauerte schon zehn Minuten. Er strich noch einmal über den Umschlag.

»Ich könnte Ihnen das hier einfach dalassen. Entweder schauen Sie es sich an, wenn ich gegangen bin, oder Sie lassen es. Wir könnten es so machen, aber dann verliere ich kostbare Zeit. Ich hoffe nicht, dass ich jetzt schon kostbare Zeit verloren habe.«

Wir schwiegen einige Sekunden. Ich holte meine Brieftasche hervor, zog das Foto heraus, dass ich immer bei mir trage und das ich alle paar Monate durch ein Neues ersetze. Ich zeigte es Bruckner.

»Das sind meine Kinder. Zwei Jungs und ein Mädchen. Bert ist der Älteste, er ist elf. Ben ist neun und Beth fünf.«

»Sehr nett, Bert, Ben, Beth«, sagte Bruckner nickend.

Ich lächelte. »Wir haben es auch erst gemerkt, als es sich schon etabliert hatte. Die Kinder heißen mit vollem Namen Robert, Benjamin und Elizabeth. Beth ist eine waschechte Südstaatlerin. Ich arbeitete schon in Quantico, als sie zur Welt kam. Die Jungs sind beide in New York geboren. Ich habe in einem Keller gehockt, als Ben zur Welt kam. Ohne die Weste hätte ich den Abend nicht überlebt und mein Kind niemals gesehen. Meine Frau hat erst drei Tage später davon erfahren, vorher hatte ich keine Gelegenheit zu meiner Familie zu kommen. Die Ermittlungen standen an einem kritischen Punkt. Wir mussten weitermachen, Familie hin, Familie her.«

»Ihre Arbeit bei NYPD?«, fragte Bruckner.

Ich nickte. »Es war natürlich nicht immer so, eigentlich waren solche Momente in all den Jahren eher selten, aber es gab sie und jeder dieser Momente hätte mein Letzter sein können.«

»Und da haben Sie sich entschieden, aufzuhören?« Bruckner klang jetzt amüsiert.

»Wir haben einen Kompromiss gefunden: Quantico. Ich war dort natürlich nicht mehr in der Schusslinie.«

»Also Aufhören in Raten«, folgerte Bruckner.

Ich lächelte ihn an. »Alles hat seine Zeit. Was glauben Sie, was es für eine Befriedigung ist, wenn man eine Vorortvilla oder ein Innenstadtpenthouse für ein oder zwei Millionen Euro verkauft, wenn beide Seiten zufrieden sind. Selbst wenn ich mal eine Studentenbude wie diese hier losschlagen kann, habe ich hinterher ein richtig gutes Gefühl. Nein, ich habe meine Entscheidung bisher wirklich nicht bereut. Meine Frau ist glücklich, meine Kinder auch. Ich bin glücklich und jeden Abend pünktlich um halb sechs zu Hause.«

»Bravo, Bravo! Dann will ich Sie auch nicht aus Ihrem neuen Leben reißen. Ich freue mich, dass es Ihnen so gut geht.«

Bruckner meinte nicht, was er sagte und es brauchte auch nur ein paar Sekunden, bis es aus ihm heraus kam. Er schüttelte den Kopf und setzte noch einmal an.

»Sie können mir nichts erzählen. Ich glaube Ihnen schon, dass Sie keinen Drang mehr verspüren, irgendwelche Ermittlungen an vorderster Front zu leiten, das sicherlich nicht, aber die Flamme ist noch nicht erloschen, das kann ich mir nicht vorstellen.« Bruckner erhob sich aus seinem Sessel. »Ich bin jetzt wirklich spät dran. Ich werde dies hier wieder einstecken.«

Er nahm den Umschlag vom Tisch und klemmte ihn sich unter den Arm. Er trat einen Schritt zur Seite und wollte mir die Hand reichen. Ich blieb sitzen, rührte mich nicht. Wir blickten uns eine Zeit lang an. Ich nickte schließlich.

»Und Sie arbeiten bei der Mordkommission hier in Hamburg?«, fragte ich ihn in einem gelangweilten Ton.

*

Kriminaloberkommissar Kurt Bruckner hatte sich längst wieder gesetzt. Seine Dienststelle war das Landeskriminalamt Hamburg. Er arbeitete in der Abteilung LKA 4, Aufgabenbereich Kapitaldelikte, zu denen in Deutschland auch Mord gehörte. Ich hatte doch noch Kaffee gekocht, zwei leere Tassen standen vor uns auf dem Tisch. Wir hatten uns über die Polizeiarbeit unterhalten. Ich hatte mich in den vergangenen drei Jahren nicht sehr für die Polizei interessiert. Ich kannte wohl den opulenten Bau am Bruno-Georges-Platz im Stadtteil Winterhude, hatte aber keine Vorstellung davon, dass es sich bei dem Gebäude um das Hamburger Polizeipräsidium handelte. Kurt Bruckner hatte dort sein Büro, in irgendeinem der zehn Sternspitzen, wie er sie nannte. Dorthin wollte er eigentlich schon längst zurück sein, als wir uns endlich dem verschlossenen Umschlag widmeten, der wieder vor uns auf dem Tisch lag. Bruckner griff jetzt danach und begann den Falz zu lösen. Er blickte mich an.

»Es sind Fotos und eine Tatortbeschreibung.«

Er hielt den Umschlag schräg und als Erstes rutschten die Fotografien heraus. Er sortierte sie und reichte mir ein Bündel von fünf Aufnahmen.

»Das ist der Tatort, der mögliche Tatort«, erklärte er.

Bruckner wollte mir auch noch die zusammengefalteten Papiere reichen, die er ebenfalls aus dem Umschlag gezogen hatte.

»Nein, warten Sie«, forderte ich ihn auf. »Ich will erst einmal nur die Fotografien sehen.«

Ich nahm den dünnen Stapel in die Hände und legte Aufnahme für Aufnahme vor mich auf den Tisch. Ich vertauschte noch zweimal die Reihenfolge, dann stimmte es. Die Kamera war von rechts nach links um das Bett positioniert worden, an jeder Position eine Aufnahme. Meine Augen erfassten die Details. Es war ein Doppelbett, links und rechts standen Nachttische. Auf den Nachttischen je eine Lampe mit gelbem Lampenschirm. Auch die Tapete hinter dem Bett war gelb, ein dunkles gelb.

»Es sieht sehr aufgeräumt aus«, sagte ich schließlich.

Bruckner nickte. »Es gab auch keinen Staub, keinen Krümel und keine Fasern oder Stoffreste.«

»Wie meinen Sie das, es gab keinen Staub?«

Bruckner entfaltete nun doch den Bericht. Es waren nur wenige Seiten. Er überflog die ersten Zeilen.

»Die Spurensicherung war der Meinung, dass der Tatort sehr gründlich gereinigt worden sei. Eine Spezialfirma, Profis, da ist nicht einfach nur eine Putzfrau durchgegangen.«

»Und die Leiche wurde gewaschen?«, fragte ich.

»Das kann sein, warten Sie.« Bruckner sah noch einmal in den Bericht. »Stimmt, gewaschen und sogar desinfiziert. Es wurden laut Gutachten keine scharfen oder stark duftenden Reinigungsmittel verwendet. Ich lese vor: Auf der Haut des Toten wurden leichte Scheuerspuren wie bei der Einwirkung einer unparfumierten Seife gefunden.«

»Das diente eindeutig der Beseitigung jeglicher forensischer Spuren«, folgerte ich und besah mir wieder die Fotografien.

Ich nahm jetzt ein Bild nach dem anderen auf und betrachtete es dicht vor den Augen. Das Letzte behielt ich in der Hand und sah Bruckner an.

»Das ist aber nicht ihr Fall?«

»Was, bitte?«

»Sie sind nicht der Erste, der diesen Fall bearbeitet, das ist ein Cold Case.«

Bruckner begann zu lächeln. »Woran haben Sie es gemerkt. Die Abzüge können es nicht sein, die sind ganz neu.«

»An den Bildern kann man es auch nicht unbedingt erkennen. Ich fand es nur merkwürdig, dass Sie in Ihrem Bericht nachsehen mussten. Ein Profi kennt alle Details auswendig. Sie sind zwar Profi, das will ich Ihnen zubilligen, aber es war ursprünglich nicht ihr Fall.«

»Der Mann ist vor acht Jahren zu Tode gekommen«, erklärte Bruckner. »Die Umstände sind nie aufgeklärt worden, der Fall wurde dann zu den Akten gelegt, ist in Vergessenheit geraten, bis jemand von ganz oben meinte, so könne es nicht bleiben.«

»Sie sprechen nicht von Mord«, stellte ich fest.

Bruckner nickte. »Der Tote war zwischen fünfunddreißig und fünfundvierzig Jahre alt. Laut Gerichtsmedizin kann als Todesursache Ersticken angenommen werden. Dann wurden bei der Obduktion aber noch Hinweise auf einen Herzinfarkt gefunden. Der Pathologe hat nach Langem hin und her am Ende entschieden, dass es sich um keinen natürlichen Tod handelt und dass von Fremdverschulden auszugehen ist. So wurde es zu einem Fall für die Mordkommission.«

Ich sah mir noch einmal die Tatortfotos an und überlegte. »Sie sind da nicht so ganz sicher?«, fragte ich Bruckner.

»Dass es Mord war?«

»Ja, Fremdverschulden, Mord, Totschlag, was auch immer.«

Bruckner rieb sich das Kinn. »Es wäre einfacher, wenn der Mann eine Schusswunde gehabt hätte oder eine Stichverletzung, und weil diese und andere eindeutigen Anzeichen fehlten wurde die Angelegenheit zu einem Cold Case, wie Sie es nannten.«

»Niemand legt sich so hin, um zu sterben«, entgegnete ich. »Das sollte erst einmal klar sein. Es muss jemand den Tatort manipuliert haben. Wer sollte das gewesen sein, wer sollte daran Interesse haben?«

»Sehen Sie, da sind wir schon bei der Diskussion. Es ist eben nicht so einfach. Natürlich wurden alle Fakten überprüft, aber die Ergebnisse sind etwas dürftig.«

»Gut! Lassen Sie uns systematisch vorgehen, dafür haben Sie mich ja aufgesucht. Ich beginne auch schon zu spekulieren, was nicht richtig ist. Ich bin eben nicht mehr in Übung.«

»Systematisch vorgehen«, wiederholte Bruckner. »Ich werde noch einmal von vorne beginnen, Ihnen nur die Fakten nennen und Sie sagen mir hinterher, was Sie denken.«

Ich nickte und lehnte mich in meinen Sessel zurück. Bruckner sortierte die Unterlagen. Er begann mit der wichtigsten Information.

»Der Tote wurde am 30. September 2003 in einem Zimmer des Hotels Euroham in der Barkstraße 23 gefunden, in einem Zimmer, das gar nicht vermietet war. Das Zimmer Nummer 411 stand seit etwas mehr als einer Woche leer, davor wurde es wegen eines Wasserschadens im Badezimmer renoviert. Die Leiche wurde nur gefunden, weil ein neuer Gast, ein Vertreter aus Dortmund, genau das Zimmer Nummer 411 haben wollte. Der Mann hat die Leiche gefunden.«

»Wurde dieser Gast vernommen?«, fragte ich.

»Ja, aber es kam nichts dabei heraus, der Mann war eben nur ein Gast.«

»Warum wollte er genau dieses Zimmer haben?«

»Auch nichts Ungewöhnliches. Er war Stammgast, kam alle paar Monate nach Hamburg, stieg immer in demselben Hotel ab und hatte eben immer dasselbe Zimmer, die Nummer 411, weiter nichts.«

Wir schwiegen eine Sekunden.

»Soll ich weiter machen«, fragte Bruckner.

Ich nickte, lehnte mich wieder zurück.

Bruckner räusperte sich, nahm den Bericht. »Die Leiche war vollständig unbekleidet, Geschlecht männlich, mit neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nicht jünger als fünfunddreißig und nicht älter als fünfundvierzig Jahre. Der Körper lag auf dem Rücken, die Arme seitlich angelegt, leicht abgespreizt, die Beine gerade, die Füße senkrecht gestellt. Mund und Augen waren geschlossen. Es gab einen eingetrockneten Speichelfluss im rechten Mundwinkel. Die Leiche wies keine äußeren Verletzungen auf. Es gab noch keine vollständig ausgeprägten Leichenflecken. Die Lage und Anordnung der vorhandenen Leichenflecken deuteten nicht darauf hin, dass die Leiche nach Eintritt des Todes noch einmal bewegt wurde. Die pathologische Obduktion ergab folgenden Befund.« Bruckner begann, aus dem Bericht zu zitieren. »Äußere Leichenschau: Unauffällige Alltagsnarben von geringfügigen Verletzungen. An beiden Oberarmen wurden Impfnarben unbestimmten Alters festgestellt. Keine Tätowierungen. An der Innenseite des rechten Oberarms wurde aber eine Brandnarbe gefunden, die auch zur Beseitigung einer vorhandenen Tätowierung gedient haben könnte. Dann eine Operationsnarbe am linken Knie mit einem geschätzten Alter zwischen sechs und zwölf Monaten. Anhand einer Röntgenanalyse konnte eine Operation zur Korrektur des Bänderapparates im linken Knie diagnostiziert werden. Ansonsten hat die Röntgenuntersuchung keine frischen oder ausgeheilten Knochenfrakturen ergeben. Eine Röntgenuntersuchung des Gebisses zur Feststellung des Zahnstatus wurde nicht vorgenommen. Eine Begutachtung des Gebisses ergab keine gravierende Auffälligkeit, Weiteres ist dem Zahnstatusbericht zu entnehmen. Von der Leiche wurden DNA-Proben genommen, sowie die Fingerabdrücke aller zehn Finger.«

Bruckner blickte von dem Bericht auf. »Es gibt Aufnahmen von der äußeren Leichenschau.«

Er griff wieder in den Umschlag, zog ein weiteres Bündel Fotografien hervor und legte sie auf den Tisch. Ich beugte mich vor. Eines der Bilder zeigte die Narbe am Knie, zwei weitere die Impfnarben an den Oberarmen. Ich nickte und Bruckner fuhr in dem Bericht fort.

»Leichenöffnung: Keine inneren Verletzungen. Toxikologisches Gutachten negativ. Infarktbedingte Veränderungen an den Herzkammern und dem Herzmuskelgewebe sowie der Herzkranzgefäße. Eine geringfügige Vorschädigung des Herzens konnte diagnostiziert werden. Die sonstigen inneren Organe, Leber, Lungen, Nieren, Verdauungsorgane, entsprachen der Norm bezogen auf das geschätzte Alter des Toten. Mageninhalt negativ. Die letzte Nahrungsaufnahme muss mindestens zwölf Stunden vor Eintritt des Todes erfolgt sein. So weit zum Obduktionsbericht. Die Tabellen und Laborergebnisse brauche ich Ihnen ja nicht vorzulesen.«

»Nur wenn der Pathologe etwas Außergewöhnliches vermerkt hat«, antwortete ich.

Bruckner suchte noch einmal in dem Bericht und schüttelte dann den Kopf. »Toxikologisches Gutachten negativ, also kommen wir zum Tatort.« Er blätterte in den Seiten. »Fundort der Leiche war wie gesagt das Hotel Euroham in der Barkstraße, im Bezirk Hamburg-Wandsbek, Stadtteil Bramfeld. Kennen Sie sich in Bramfeld aus?«, fragte Bruckner mich.

»Ein wenig, allerdings kenne ich dieses Hotel nicht, nie davon gehört.« Ich überlegte. »Euroham in der Barkstraße, nein.«

Bruckner suchte nach weiteren Fotografien und legte sie mir vor. »Hier ist das Hotel von außen und hier die Barkstraße, eine kleine Nebenstraße. Das Hotel hat Zimmer nach vorne und welche zu einem Innenhof.«

Ich sah mir die Aufnahmen an. Mülltonnen standen auf dem Gehweg, ein Fahrrad mit einem platten Vorderreifen lehnte an der Fassade des Hotels. Die Leuchtreklame mit dem Hotelnamen war an einer Ecke zerbrochen, sodass man die Neonröhren im Inneren sehen konnte. Der Innenhof wirkte aufgeräumt. An das Geländer einer Kellertreppe waren leere Obstkisten und Pappkartons gestapelt. Ich legte die Fotografien zurück auf den Tisch. Bruckner sah mich an. Er versuchte wohl eine Reaktion aus meinem Gesicht zu lesen, aber die war nicht da, denn bisher hatte ich nicht viel Spektakuläres gesehen. Bruckner ging den Bericht weiter durch.

»Das Hotelzimmer: Ein schmales Doppelbett, hundertsechzig Zentimeter breit, zweihundert Zentimeter lang. Links und rechts neben dem Bett zwei Nachttische. Die Schubfächer der Nachttische waren mit Zeitungspapier ausgelegt, ansonsten waren die Schubfächer leer. Bei der Spurensicherung wurden weder Fasern, Haare noch sonstige Partikel gefunden. Gleiches galt für das gesamte Hotelzimmer. Die DNA-Spuren beschränkten sich auf die Leiche. Im Hotelzimmer wurden keine DNA-Spuren anderer Personen identifiziert.« Bruckner sah mich wieder an. »Das Hotelzimmer war ohnehin nicht sehr ergiebig.«

Er zeigte mir ein weiteres Foto, eine Totale. Im gesamten Raum waren nur drei Spurenkarten ausgelegt. Die Nummer eins war der Leiche zugeordnet. Die Nummer zwei wies auf einen unregelmäßig geformten Fleck im Teppich.

»Der hat sich hinterher laut Aussagen des Hotelpersonals als alter Kaffeefleck herausgestellt«, erklärte Bruckner.

»Ein alter Fleck, ich dachte, das Zimmer wurde renoviert?«

»So etwas bekommt man eben nicht immer heraus«, sagte Bruckner achselzuckend. »Und der Teppich wurde wohl bei der Renovierung nicht erneuert.«

»Und! War es Kaffee?«

»Ja, schwarz ohne Zucker und ohne Milch.« Bruckner grinste.

Die dritte Spurenkarte wies auf eine gesprungene Kante am rechten Bettpfosten, eine Beschädigung, die ebenfalls schon älter zu sein schien und schon einmal mit Holzwachs ausgebessert worden war, was sich auch aus dem Bericht bestätigte.

»Das sind so gut wie keine Spuren!«, war mein Fazit. »Was ist mit dem Zeitungspapier, das in den Schubfächern der Nachttische gefunden wurde. Wo ist der Rest der Zeitung, welches Blatt war es.«

»Moment!«, sagte Bruckner. Er hatte noch etwas in dem Umschlag. Es war eine Klarsichthülle, in der tatsächlich das alte Zeitungspapier steckte. »Hamburger Abendblatt vom 27. September 2003, Samstagsausgabe. Im rechten Nachttisch lag der Politikteil mit der Doppelseite eins, zwei, fünf und sechs. Links der Hamburgteil mit der Doppelseite sieben, acht, dreizehn und vierzehn. Nach Aussage des Hotelpersonals wurden die Schubfächer der Nachttische immer mit Zeitungspapier ausgelegt. Das gefundene Zeitungspapier wurde direkt nach der Renovierung eingelegt.«

»Gut, was gab es noch«, fragte ich.

Bruckner sah mich an. Er hielt die Papiere in die Höhe. »Das war es, ein fünfseitiger Bericht und zwanzig, nein einundzwanzig Fotografien. Die Leiche wurde eingeäschert, es gab ja keine Angehörigen und die Einäscherung ist billiger, als wenn die Stadt eine Grabstelle für einen Unbekannten vorhalten muss, das ist so üblich. Die Urne wurde dann anonym beigesetzt.«

»Fünf Seiten! Ziemlich knapp.« Ich streckte meine Hand aus und Bruckner gab mir den Bericht. Die Seiten waren zwar eng beschrieben, aber fünf Seiten sind dennoch verdammt wenig. Beim NYPD arbeiten zwar auch keine Literaten, aber unsere Berichte waren nie kürzer als vierzig, fünfzig Seiten. Bruckner hatte meine Gedanken wohl erraten. Er zuckte mit den Schultern.

»Der Fall hat eben Potential zum ewigen Cold Case«, sagte er fast schon resignierend.

Ich weiß nicht, ob er von mir an dieser Stelle ein Wunder erwartet hatte. Er sah mich zu mindest so an. Wir schwiegen einige Zeit. Dann machte ich ihm die Situation klar. Zunächst einmal gab ich ihm recht.

»Es sieht tatsächlich nach einem ewigen Cold Case aus«, sagte ich, »aber so etwas gibt es natürlich nicht.«

»Was gibt es nicht?«

»Es gibt keinen Todesfall, keinen Mord oder Selbstmord oder Unfall, der nicht irgendwann aufgeklärt werden kann. Kein Opfer bleibt ewig unbekannt. In der Theorie gibt es dass nicht.«

»In der Theorie?« Bruckner lächelte. »Haben Sie das Ihren Studenten erzählt?«

»Könnte sein.«

»Ach, und was heißt dass jetzt?«, fragte Bruckner leicht spöttisch.

»Gut, es gibt keine verwertbaren Spuren, aber wir haben eine Leiche, etwas, dass einmal ein Mensch war.«

»Wir hatten eine Leiche.« Bruckner beugte sich etwas vor und faltete die Hände über der Brust.

»Mir ist klar, dass die Leiche heute nicht mehr existiert, aber ich gehe davon aus, dass die deutsche Polizei und ihr Apparat die Leiche intensiv untersucht hat.« Ich zeigte auf den Bericht. »Diese Untersuchungsergebnisse müssen die Basis für die Identifikation sein. Wenn wir wissen, wer der Tote war, dann wird es sehr schnell weitere Lebende oder Tote geben, die mit ihm in einer Beziehung standen unter diesen Menschen kann der Täter sein, wenn es einen Täter gibt.«

»Ich weiß nicht«, Bruckner schüttelte den Kopf. »Ihnen muss doch klar sein, dass wir all diese Möglichkeiten schon erwogen haben.«

»Was wurde denn unternommen?«

Bruckner lehnte sich wieder in seinem Sessel zurück und zögerte einen Moment. Er sah mich fragend an. »Sie können davon ausgehen, dass seinerzeit alles unternommen wurde, den Mann zu identifizieren, über DNA bis hin zu zivilen und polizeilichen Datenbanken.«

»Was ist mit Interpol?«, fragte ich.

»Selbstverständlich, das ist Standard.« Bruckner lächelte.

»Krankenhäuser? Vielleicht war der Mann Patient einer Klinik und hat sich davon gemacht, um in Ruhe zu sterben. Da war doch so eine Narbe am Knie.«

»Wissen Sie, wie viele Knieoperationen es in Deutschland jedes Jahr gibt und die Narbe war nicht mehr frisch. Es gab an der Leiche auch keine Hinweise, dass der Mann wegen einer anderen Sache in einem Krankenhaus behandelt wurde.«

»Und was ist mit dem Herz? Wegen seiner Herzprobleme könnte er doch in Behandlung gewesen sein.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Bruckner schon fast ärgerlich. »Ich denke der Pathologe hätte einen Hinweis gegeben, wenn der Mann ein akuter Herzpatient gewesen wäre und man hätte sich an die Krankenhäuser gewendet oder an Kardiologen, oder wie die heißen. Dem war aber wohl nicht so und Sie können sich ja denken, wie viele Leute einen Herzinfarkt haben, ohne jemals Herzpatienten gewesen zu sein.«

»Und! Wurde ein Foto des Mannes in der Presse veröffentlicht?«

Bruckner stutzte. »Das kann ich jetzt nicht sagen … ich müsste …« Bruckner richtete sich in seinem Sessel auf. »Das müsste ich noch einmal überprüfen und wenn ja, dann kann dabei nichts rausgekommen sein, sonst wäre es in der Akte vermerkt.«

»Gehen Sie doch einfach jetzt noch einmal an die Presse. Was sind denn schon acht Jahre. Irgendjemand wird ihn bestimmt erkennen, machen Sie es landesweit, meinetwegen deutschlandweit.« Ich überlegte kurz. »Oder noch besser, europaweit. Es gibt doch jetzt nur noch Europa, veröffentlichen Sie ein Foto in den internationalen Zeitungen auf dem ganzen Kontinent, dann wird es sogar darüberhinaus bekannt, vielleicht leben ja Angehörige des Mannes in den USA oder in Australien.«

Bruckner lächelte erneut. »Ihre Vorschläge in allen Ehren, aber hier handelt es sich nicht um die Suche nach einem Staatsfeind oder um die Suche nach dem Erbe eines Millionenvermögens. Ich weiß nicht, welcher Aufwand gerechtfertigt ist.« Bruckner zögerte. »Gut, wir könnten das Foto des Mannes noch einmal in der Hamburger Presse veröffentlichen, das wäre möglich, ich hatte nur gehofft, dass Sie eine richtig zündende Idee hätten, etwas, das wir übersehen haben, das dann schnell zum Erfolg führt. Wenn so etwas nicht von Ihnen kommt, dann ist das ja auch nicht tragisch, dann bleibt es eben ein Cold Case.« Bruckner nickte bei seinen letzten Worten.

»Was Sie mir geliefert haben, ist aber recht dürftig, das wissen Sie doch.« Ich beugte mich vor und wischte mit der Hand über den Tisch und verteilte die Fotografien. »Kennen Sie das Prinzip des Staging, der Tatortinszenierung. Als ich die Fotos gesehen habe, dachte ich zunächst, dass uns der oder die Täter auf etwas hinweisen wollten oder dass sie eine falsche Spur legen wollten, aber das kann ich beim besten Willen nicht erkennen.«

»Staging, falsche Spuren«, sagte Bruckner. »Am effektivsten ist es doch, wenn man keine Spuren hinterlässt und das haben der oder die Täter ja auch sehr gut hinbekommen.« Er sah mich einige Sekunden lang an, dann räusperte er sich. »Also, wenn Ihnen nichts sonst aufgefallen ist, wenn es nichts gibt, das uns schon bekannt ist, dann sollten wir das hier jetzt beenden. Ich möchte mich aber bedanken …«

»Der Mann könnte aus der Ukraine stammen«, sagte ich, noch bevor Bruckner seinen Satz beendet hatte. »Aus Weißrussland, aus Armenien oder aus einer anderen Sowjetrepublik.«

»Bitte? Sowjetrepublik?« Bruckner hatte schon begonnen, die Unterlagen vom Tisch aufzusammeln. Er hielt in der Bewegung inne und sah mich an.

»Welche Sowjetrepubliken gab es?«, fragte ich.

»Moment, wie kommen Sie jetzt darauf?« Bruckner schien wirklich irritiert.

Ich überlegte selbst. »Estland, Turkmenistan, Kirgisien, nein, Kirgisien nicht, aber Lettland, Litauen, Moldau.«

»Halt, halt, halt! Da komme ich jetzt nicht mit.« Bruckner klang beinahe empört. »Warum Sowjetrepubliken? Sie meinen, der Tote war Ausländer?«

»Das kann ich nicht sagen.«

»Was dann, was können Sie dann sagen?«

»Der Tote hat meiner Ansicht nach seine Kindheit und vielleicht auch seine Jugend in einem Mitgliedsstaat der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verbracht.«

»Jetzt verstehe ich«, sagte Bruckner, »oder auch nicht. Wie kommen Sie darauf, was hat Sie zu dieser Annahme veranlasst?«

»Stimmt, Annahme ist die richtige Bezeichnung dafür«, antwortete ich. »Ich kann es jetzt und hier natürlich nicht beweisen.« Ich suchte auf dem Tisch nach zwei der Fotografien. »Der Pathologe hat doch die Impfnarben an den Oberarmen des Toten dokumentiert.« Ich fand die Bilder und reichte sie Bruckner. »Was steht in der Obduktion über die Impfnarben?«

Bruckner sah wieder in den Bericht. Er hatte die betreffende Stelle schnell gefunden, las sie sich durch und schüttelte dann den Kopf.

»Nichts weiter. Impfnarben. Der Pathologe hat nur geschrieben, dass an beiden Oberarmen Impfnarben vorhanden sind.«

Bruckner hielt mir die entsprechende Seite hin. Ich schaute nicht drauf, sondern tippte auf die Fotos, die vor uns auf dem Tisch lagen.

»Also, bei einer Impfung mit einer ganz normalen Spritze können sie natürlich nicht mehr sehen, dass überhaupt an der betereffenden Stelle geimpft wurde. Ganz anders ist es, wenn man eine Impfpistole verwendet. Sie wissen, was das ist?«

»Natürlich«, sagte Bruckner ungeduldig. »In der Massentierhaltung wird so geimpft, glaube ich, weil es schnell gehen muss und es ja meist sehr viele Tiere sind.«

»Das haben Sie jetzt gesagt.«

»Was habe ich gesagt?«, fragte Bruckner.

»Das mit den Tieren, denn so was wurde früher auch bei Menschen gemacht, eine Massenimpfung und dabei sind eben Impfpistolen zum Einsatz gekommen.«

»Und was ist so Besonderes daran, dass unser Toter anscheinend an einer Massenimpfung teilgenommen hat?«

»An sich ist das nichts Besonderes, nur ist es in Europa oder besser gesagt in der westlichen Welt seit den Fünfzigerjahren nicht mehr üblich gewesen, Impfpistolen einzusetzen, weil es unter anderem diese hässlichen Narben gab. Der Impfstoff wurde nämlich mit Hochdruck durch die Haut injiziert. Die Kontaktpunkte haben sich sehr oft entzündet. In der Sowjetunion hatte man anscheinend nicht so große Probleme damit und hat erst Ende der Siebzigerjahre mit den Impfpistolen aufgehört. Unser Mann ist nicht älter als fünfundvierzig, hat also in den Fünfzigerjahren noch gar nicht gelebt. Die Wahrscheinlichkeit ist also sehr hoch, dass er sich die Impfnarben in einem Mitgliedsstaat der ehemaligen Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken geholt hat. Wurde in diese Richtung ermittelt?«

Bruckner schüttelte erneut den Kopf. »Ich glaube nicht, dass in diese Richtung ermittelt wurde.« Er überlegte. »An Ihrer Annahme könnte natürlich etwas dran sein, aber ich finde es trotzdem weit hergeholt.«

»Warum wurden die Impfnarben nicht weiter untersucht? Es ist doch nicht ungewöhnlich, dass sich ein Ost-Europäer in Hamburg oder Deutschland aufhält?«

»Woher wissen Sie das überhaupt alles, mit den Impfnarben meine ich, oder mit der Sowjetunion.« Bruckner hatte eine der Fotografien vom Tisch genommen und betrachtete sie sich jetzt noch einmal genauer. Dann sah er mich an.

»Kalter Krieg«, antwortete ich. »In den USA lernt man eine Menge über Menschen, die aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, auch wenn der Kalte Krieg schon sehr lange vorüber ist. Ich habe schon Hunderte Bilder von solchen Impfnarben gesehen. Sie sind ein wichtiges Merkmal zur Identifikationseingrenzung, zumindest in den Staaten.«

»Ich denke, der Pathologe wird sich auch seine Gedanken gemacht haben«, sagte Bruckner, nachdem er kurz über meine Worte nachgedacht hatte. »Wir können ja jetzt nicht die ganze Obduktion anzweifeln und wir können sie schon gar nicht wiederholen.«

»Sie wollten etwas von mir hören, ich habe Ihnen etwas gesagt, mehr kann ich leider im Moment nicht erkennen.«

»Im Moment?«, fragte Bruckner.

»Ja, wenn Sie auf meine Zusammenarbeit Wert legen, dann würde ich mir alles noch einmal in Ruhe ansehen wollen, also, das biete ich Ihnen zumindest an.«

Bruckner schien unschlüssig zu sein. »Eine zündende Idee hat man entweder sofort, oder gar nicht, das ist doch so ein Prinzip, oder?«

»Das mag jetzt vielleicht ungewöhnlich klingen«, antwortete ich, »aber wenn Sie eine Fülle von Spuren gehabt hätten, dann hätte ich genau dieses Prinzip unterstrichen. Bei sehr vielen Spuren wird man blind für das Wesentliche, wenn man zu lange darauf schaut.«

»Aber wir haben eigentlich überhaupt keine Spuren«, warf Bruckner ein.

»Eben, das ist es. Vielleicht versteckt sich ja noch irgendwas in dem Bericht oder auch in den Fotografien.«

»Außer den Impfnarben meinen Sie?«

Ich zuckte mit den Schultern. Bruckner lächelte. Er holte eine Visitenkarte und einen Kugelschreiber hervor und notierte eine Nummer auf die Rückseite der Karte.

»Sie rufen mich zurück, wenn ich die Sachen wieder abholen kann.«

Ich nahm die Visitenkarte und sah mir die Telefonnummer auf der Rückseite an. »Ihr privates Mobile?«

»Mobile?« Bruckner lachte. »Ach, stimmt, wir blöden Deutschen sagen ja Handy dazu. Das werden wir auch nicht mehr aus uns rauskriegen.« Bruckner holte sein Telefon hervor. »Hab ich erst neu gekauft, bin noch nicht ganz so vertraut mit dem Gerät. Hat sogar GPS und Internet. Normale Telefone sind diese Dinger ja schon gar nicht mehr.«

»Ich hab auch so eins, nur größer.«

Bruckner lächelte und ich verstand im ersten Augenblick nicht warum. Ich zog mein Gerät ebenfalls aus der Jacketttasche.

»Ist tatsächlich größer«, kommentierte Bruckner.

»Ich benutze es sehr viel, nicht nur zum Telefonieren. Da braucht man die Displaygröße, damit es nicht so schnell anstrengend wird.«

»Ich verstehe«, sagte Bruckner nickend. »Benutzen Sie auch den Kalender?«

»Natürlich, das Wichtigste überhaupt«, bestätigte ich ihm.

»Das müssen Sie mir irgendwann mal zeigen, da gibt es doch spezielle Kalender aus dem Internet, die man sich herunterladen kann.«

»Sie meinen Kalender-Apps, da gibt es sicherlich viele.«

»Ja, ich weiß noch nicht einmal, wie man das aufs Telefon bekommt.« Bruckner lächelte. »Wie gesagt, bei Gelegenheit mal.«

»Gut! Zeige ich Ihnen gerne, bei Gelegenheit. Aber jetzt noch einmal zum Telefonieren. Wenn Sie den Wunsch verspüren, mit mir Kontakt aufzunehmen, dann würde es mir besser passen, wenn Sie direkt auf meinem Mobile anrufen. Haben Sie noch meine Karte?«

»Selbstverständlich!« Bruckner holte sie mit einem Griff aus seiner Hemdtasche.

»Sie können meine Büronummer eigentlich durchstreichen. Das führt in unserem Sekretariat nur zu Verwirrung, wenn die Polizei dort anruft. Also benutzen Sie bitte nur meine Mobilenummer. Sie können mir natürlich auch eine SMS schicken.«

»Gut, so mache ich es, nur übers, wie sagten Sie, übers Mobile.«

Ich stand aus meinem Sessel auf. Bruckner erhob sich ebenfalls. Den Spurensicherungsbericht und die Fotografien hatte er einfach auf dem Tisch liegen gelassen.

»Aber zunächst höre ich ja von Ihnen, wenn Sie noch etwas finden.« Er blickte kurz zum Tisch. »Aber bis Montag müsste ich die Sachen zurück bekommen.«

»Sie glauben nicht, dass ich Ihnen noch helfen kann?«, fragte ich ganz bewusst.

Bruckner überlegte. »Doch, doch, Sie haben mir schon geholfen. Ich kann vor meinem Chef jetzt besser einschätzen, ob es überhaupt etwas bringt, den Fall noch einmal aufzurollen.« Er zögerte kurz. »Und das mit den Impfnarben lasse ich mir auch noch einmal durch den Kopf gehen.«

Er reichte mir die Hand und eine Minute später war ich alleine in meiner Studentenbude. Ich kochte noch einen Kaffee, trank eine halbe Tasse und streckte mich dann auf dem Futonbett aus. Ich musste nachdenken und ließ mich auch nicht durch das Telefon ablenken, das beharrlich klingelte.

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A L L E S   I M   B L U T

ISBN 978-3-8476-3400-3

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