Leseprobe

Pyjamamord

P Y J A M A M O R D

 

Roman

© 2013 Ole R. Börgdahl

Erste Auflage

Titel der Originalausgabe: »Pyjamamord«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

.

.

Mittwoch, 13. März 2013

.

Auf meinem Dachboden stehen noch drei Umzugskartons, die vor vier Jahren ungesehen gleich dort oben abgestellt wurden. Es sind die beruflichen Überbleibsel meiner Zeit in Quantico. Ich bin im Schnitt alle drei Monate einmal auf unserem Dachboden. Am Wochenende war es wieder so weit. Ich hatte den Sonntagvormittag gebraucht, um die Kinderzimmermöbel meines Ältesten auseinanderzubauen. Wir hatten ihn erst zwei Tage zuvor mit zeitgemäßerem Mobiliar ausgestattet. Das Bett war zu klein, der Schreibtisch zu niedrig geworden, und so hatten wir auch gleich Schränke und Regale ausgetauscht. Mit den neuen Möbeln hatte ich keine Arbeit. Alles wurde angeliefert und von den Männern der Spedition zusammengebaut und aufgestellt. Gegen ein entsprechendes Trinkgeld hatten mir die Leute sogar geholfen, die alten Sachen in die Garage zu tragen. Wir standen dann vor der Frage Sperrmüll oder Dachboden. Eva hat sich für den Dachboden entschieden. Ich habe nicht gefragt warum. Ich kann mir nur denken, dass sie an unsere Enkelkinder gedacht hat. Ich muss allerdings auch sagen, dass die Möbel für den Sperrmüll in der Tat noch zu gut waren. Was nicht schon zerlegt war, musste ich folglich auf Dachbodenformat bringen und in Einzelteilen über zwei Treppen hinaufschleppen. Ich musste oben auf dem Dachboden Platz schaffen, optimieren, umräumen. Und dann habe ich sie gefunden, die drei Umzugskartons. Ich habe sie gleich wiedererkannt. Das blaue Walmart-Logo war vorne und hinten auf die Kartons gedruckt. Ich hatte alle unsere Umzugskartons bei dem Walmart am Southpoint Parkway in Fredericksburg gekauft. Wir hatten nachher viele verschenkt und die Restlichen lagen gefaltet und gestapelt im Lagerraum unseres Immobilienbüros, alle bis auf diese drei.

Ich hatte zunächst nur ein Auge auf die Kartons geworfen. Nach meinem vierten Gang brauchte ich eine Pause. Ich hockte mich auf einen der Teppichreste, mit denen wir den Dachboden ausgelegt hatten. Ich rutschte ein Stück näher heran, sodass ich den ersten Umzugskarton mit ausgestreckten Armen erreichen konnte. Ich trommelte mit den Händen auf die Pappe. Ich robbte schließlich noch ein Stück vor und klappte den Deckel auf. Ganz oben lagen lose Blätter, die schon etwas durcheinandergerutscht waren. Die große Büroklammer aus Kunststoff, die die Papiere zusammengehalten hatte, war offensichtlich gebrochen. Einige Fragmente rutschten mit einem Klacken in die Tiefen des Kartons. Ich raffte die Blätter zusammen und besah mir den Inhalt. Es war eine Zusammenstellung von Büchern, Zeitschriften und Inventar aus meinem Büro in der Schule. Ich hatte einiges an Literatur in Dauerausleihe und musste das meiste bei meinem Austritt natürlich wieder zurückgeben. Ich hatte alles abgehakt. Dort wo der Haken fehlte, erinnerte ich mich, die Sachen nicht mehr gefunden zu haben. Es war nicht sehr viel. Das Exemplar einer forensischen Zeitschrift, die Ausgabe vom November 2008. Ein dreibändiges Lexikon, von dem mir sofort wieder einfiel, dass ich es einem Kollegen geliehen hatte. Ich faltete die Blätter und legte sie neben mich auf den Teppich. Ich kramte weiter in dem Karton und förderte einige Bücher hervor. Ich blätterte kurz in James Brussels Casebook of a Crime Psychiatrist. Es war eines der älteren Werke des Profilings, fast schon ein Klassiker und stammte aus den sechziger Jahren. Ich erinnerte mich, dass die Schule einen Bestand von fünfzig, sechzig Exemplaren hatte, die aber fast alle immer ausgeliehen waren. Ich hatte meines ebenfalls aus diesem Bestand, da das Buch seit Jahren vergriffen war. Ich hatte es schließlich behalten dürfen.

Als Nächstes fand ich zwei Bücher von Holmes & Holmes. Die Autorennamen waren echt: Ronald M. Holmes und Stephen T. Holmes. Ich las die Titel der Bücher. Contemporary Perspectives on Serial Murder war einer Disziplin gewidmet, die in der Polizeiarbeit eher selten vorkam. Nur im Fernsehen oder in reißerischen Kriminalromanen gab es diese große Häufung von Serienmördern. Im echten Leben waren sie so selten, dass man ihre Namen kannte. John Knowles, der Casanova Killer oder Chester Turner, der Southside Slayer. Ich kannte sogar den Namen und die Fälle eines deutschen Killers: Friedrich Haarmann, der den schaurigen Beinamen Schlächter von Hannover trug. Die Einstufung als Serienmörder war abhängig von der Anzahl der Opfer und dem Zeitraum, über den die Morde vom Täter begangen wurden. In der Fachliteratur lag die Schwelle bei fünf Opfern und bei den Umständen und den Beziehungen der Opfer untereinander. Wer bei einem Bankraub fünf Wachleute erschoss, war kein Serienmörder. Wer sich innerhalb eines Jahres willkürlich drei Opfer aussuchte, gehörte dagegen schon in diese Kategorie. Aber das war alles Theorie, ein Versuch der kriminologischen Einordnung. Ich schaute nach, was ich sonst noch von Holmes & Holmes besaß: Profiling Violent Crimes, ein relativ neues Buch. Ich blätterte es durch und erinnerte mich, dass ich es in meinem letzten Jahr in Quantico viel für den Unterricht verwendet hatte.

Gleiches galt für die kleine DVD-Sammlung. Das ganze CSI-Zeugs, Crime Scene Investigation. Die Serie CSI-New York lag mir wegen der Örtlichkeit noch am nächsten. Ich hatte einzelne DVDs an die Schüler verteilt, mit der Aufgabe, die Fälle, die Ermittler und die Ermittlungsmethoden auf Authentizität zu analysieren. Es hatte dazu geführt, das trotz aller Professionalität, der Schauspieler Gary Sinise in der Rolle des Detective Mac Taylor als einer der ihren angesehen wurde. Ich sortierte die DVD-Hüllen. Von CSI-New York hatte ich die Staffeln eins bis drei, von CSI-Maimi eins bis fünf und von CSI-Crime Scene Investigation sogar die Staffeln eins bis acht. Die meisten Folgen hatte ich mir selbst gar nicht angesehen.

Ich legte die DVDs wieder in den Karton zurück. Dabei hätte ich fast zwei weitere Bücher übersehen: Applied Criminal Psychology und Offender Profiling beide von Richard Kocsis. Letzteres interessierte mich. Es war ein umfassendes Werk zum Thema Profiling und es war ebenfalls noch relativ neu. Ich blätterte auf die Verlagsseite, erste Auflage 2005. Das Inhaltsverzeichnis erstreckte sich über sechs Seiten. Die Themen waren wirklich sehr umfassend. In den ersten Kapiteln begann es mit psychologischen und soziologischen Täter-Opfer-Profilen zu Gewaltverbrechen. Im zweiten Teil des Buches wurde die eher technische Seite beleuchtet, die Crime Scene. Spurensuche, Spurenanalyse und Forensik waren die Stichworte. Der dritte Teil schließlich, war der Arbeit des Ermittlers, des Profilers gewidmet.

Ich begann in einzelnen Kapiteln zu lesen. Nach einer Viertelstunde wurde es mir zu kalt auf dem Dachboden und ich beschloss, das restliche Möbelschleppen auf den Nachmittag zu verlegen. Ich verschloss den Umzugskarton und sah noch einmal kurz in die anderen beiden. Hier hatte ich nur meine Unterrichtsmanuskripte und die Kopien der schriftlichen Arbeiten meiner Schüler. Es wäre sicherlich sehr interessant gewesen, auch noch dieses Material durchzuschauen, aber ich verschob es auf später.

*

Am Sonntag hatte ich doch nicht mehr die Gelegenheit, mich näher mit Kocsis Offender Profiling zu beschäftigen. In der Hoffnung, im Büro mehr Ruhe zu finden, hatte ich das Buch am Montagmorgen gleich in meine Tasche gesteckt. Nach einem Telefonmarathon von über einer Stunde brachte Frau Sievers mir meinen zweiten Kaffee und ein Stück Bienenstich. Ich wühlte in meiner Aktentasche, fand das Buch und lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück. Ich studierte noch einmal das Inhaltsverzeichnis. Es gab ein Kapitel, das schon gestern mein Interesse geweckt hatte. Ich blätterte auf Seite hundertfünfundvierzig und begann im Abschnitt The Crime Classification Manual zu lesen.

Als das Telefon erneut klingelte, war ich schon drauf und dran, gar nicht abzunehmen. Der Anruf würde bei Gustav landen, und wenn es wirklich für mich war, dauerte es höchsten eine Minute, bis Frau Sievers zu mir kam, um nachzusehen, was los war. Ich entschied, dass mir diese Minute Aufschub auch keinen Vorteil brachte. Ich schwang in meinem Sessel nach vorne und hätte beinahe das ganze Telefon umgerissen, als ich nach dem Hörer griff. Ich drückte auf die Rufannahme und musste mich auf meinem Platz erst wieder stabilisieren, sodass ich den Anrufer nicht gleich verstand. Ich hörte nur den Hall seiner Stimme, aber das reichte, meinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Ich räusperte mich und presste den Hörer an mein Ohr.

»Hallo, Entschuldigung, Bruckner, sind Sie das?«

»Wollten Sie mich taub machen?«, lachte Bruckner, »oder sind Sie vom Stuhl gefallen?«

»Das eine wollte ich natürlich nicht, das andere habe ich gerade noch verhindert.«

»Würde auch nicht zu Ihnen passen«, entgegnete Bruckner und lachte noch einmal. Ich hörte, wie er Luft holte und sich dann räusperte. »Ist immer lustig mit Ihnen, leider habe ich in den letzten Monaten nicht viel zu Lachen gehabt.«

»Und Sie fallen immer gleich mit der Tür ins Haus.«

»Mache ich das?«

»Jetzt gerade machen Sie es, noch bevor ich Sie fragen kann, wie es Ihnen seit dem Sommer ergangen ist.«

»Dann fragen Sie doch«, entgegnete Bruckner.

»Gut«, erwiderte ich, »wie ist es Ihnen ergangen?«

»Beschissen!« Bruckner lachte.

»Hört sich nicht so an.«

»Doch, doch, beschissen ist schon richtig, zutiefst beschissen. Die Sache vom Sommer hängt mir noch nach.«

»Aber das war doch gar nicht Ihre Schuld.«

»Na, ich bitte Sie, wie sieht das denn aus. Ich ermittle bei einem ehrenwerten Bürger und das Ganze artet in einen SEK-Einsatz aus.«

»Wer hat behauptet, dass Sebastian von Treibnitz ein ehrenwerter Mann war?«

»Da gibt es genug Leute, und das Schlimme ist, dass diese Leute Einfluss haben. Ich musste sogar Angst haben, verklagt zu werden.«

Ich hatte von der Geschichte erfahren. Magdalena von Treibnitz war bis zum heutigen Tage nicht verhandlungsfähig und wurde gleich nach den Vorfällen vom 2. August letzten Jahres in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Bruckner hatte kein Geständnis bekommen. Der Prozess gegen den Entführer des kleinen Jérôme von Treibnitz war ausgesetzt, weil auch die Leiche des Kindes noch nicht gefunden wurde.

Bruckner griff meine Gedanken auf. »Hilke schweigt seit seinem Geständnis, das damit nicht viel Wert ist. Und die Treibnitz spielt die Verwirrte. Da hat ein ehrlicher Polizist keine Chance und so sehen es leider auch meine Chefs. Ich werde ziemlich kurz gehalten, sodass ich nichts mehr anrichten kann. Ich hatte schon überlegt, zu schmeißen. Wenn die Täter sich mit einer Klatsche aus der Verantwortung ziehen können, dann muss mir das doch auch möglich sein. Ich habe Kollegen, die sich darauf berufen. Psychologischer Stress! Ich habe schon mit dem Gedanken gespielt, meine Situation dadurch zu verbessern und den Kopf wieder freizubekommen.«

»Davon hat mir Hartmann nichts berichtet. Ich habe Hartmann mal in der Europapassage getroffen, Ende Januar. Der hat sich ja wieder gut erholt.«

»Ich weiß«, meinte Bruckner, »hat er mir erzählt, ich meine, dass er sie mal getroffen hat.« Ich merkte, wie Bruckner am Telefon zögerte. »Schade, dass Sie sich nicht auch mal bei mir gemeldet haben.«

»Sorry, aber so bin ich eben. Außerdem hätten Sie ja auch …«

»Hab’ ich doch jetzt«, warf Bruckner sofort ein und lachte wieder. »Also Schwamm drüber. Irgendwie kommen wir ja immer wieder zusammen, oder?«

»Das hört sich nicht gut an, das endet meistens in einem Fall.«

»Ich hab’ keine richtigen Fälle mehr, nur noch unwichtigen Kleinkram.«

»Dann ist es wieder ein Cold Case. Bitte hören Sie damit auf.«

»Auch kein Cold Case. Mein Chef hat den Staatsanwalt davon überzeugt, dass die ganze Angelegheit ein Scherz ist.«

»Aber das ist ja noch Schlimmer als ein Cold Case, mit Mord scherzt man doch nicht.« Diesmal musste ich lachen.

Bruckner blieb ein paar Sekunden still.

»Hallo, sind Sie noch dran«, fragte ich, »oder habe ich endlich ein Mittel gefunden, Sie loszuwerden?«

»Ja, ja, ich bin noch dran.« Bruckners Stimme klang etwas ernster als zuvor. »Ich nehme das wichtig, für mich ist das kein Scherz«, sagte er nach einem weiteren Zögern.

»Gut, meinetwegen, dann erzählen Sie.«

»Nein, nicht am Telefon.« Bruckners Stimme blieb ernst. »Wir müssen uns unbedingt treffen. Ich brauche Ihre Hilfe. Ich habe auch wieder Material, das ich Ihnen zeigen möchte.«

»Sie schildern das ja sehr dramatisch. Ist es denn wirklich so dringend? Ich weiß gar nicht, ob ich heute überhaupt Zeit habe, jedenfalls nicht am Vormittag.«

»Nein, nein, so ist es nicht, ich will nur keine Zeit verlieren. Sie kennen mich ja.« Bruckner machte eine Pause. »Ich würde mich freuen, wenn Sie … Also ich habe gleich auch noch einen Termin. Aber geht es nicht vielleicht doch bei Ihnen am Nachmittag.«

»Gut, aber nicht vor zwei«, sagte ich.

»Drei, mir wäre drei Uhr lieber.« Bruckners Stimme klang jetzt wieder heller.

Ich überlegte kurz. »Gut, abgemacht, drei Uhr. Kennen Sie noch die Wohnung in Altona?«

*

Bruckner kannte die Adresse noch. Wir verabschiedeten uns auf später. Ich stellte mein Telefon zurück in die Ladeschale und lehnte mich in meinem Bürostuhl ganz zurück. Ich konnte nicht entscheiden, wie ernst Bruckners Situation wirklich war. Hartmann hatte mir nur wenig erzählen können. Er selbst war wieder voll und ganz beim Erkennungsdienst und hatte in den vergangenen Monaten nicht mehr viel mit Bruckner zu tun gehabt. Ich erinnerte mich an die Presse, die bis in den September hinein den Fall der Eheleute von Treibnitz breitgetreten hatte. Am Ende konnte den Lesern auch die kleinste Information präsentiert werden. Die Vorstrafe von Caroline Upp und ihr Verhältnis zu Sebastian von Treibnitz, die Gerüchte um die Vaterschaft bis hin zur Rolle von Klaus Hilke. Magdalena von Treibnitz wurde immer mehr als das Opfer dargestellt. Es gab Interviews mit ihren Ärzten, die schließlich von der Staatsanwaltschaft unterbunden wurden, was aber die öffentliche Fürsprache für Magdalena von Treibnitz noch erhöhte. Es schien so, als wenn sie von der Mörderin zum Opfer wurde. Selbst das Vorgehen des SEK, des Sondereinsatzkommandos, wurde kritisiert. Es gab Stimmen, die behaupteten, Linda Salbert und Sebastian von Treibnitz seien erst durch den angeblich überzogenen SEK-Einsatz zu Tode gekommen.

Ich konnte mir gut vorstellen, dass Bruckner bei seinen Vorgesetzten lange Zeit in der Schusslinie stand und für den ganzen Rummel verantwortlich gemacht wurde. Vielleicht suchte er das Gespräch mit mir, um genau diese Dinge noch einmal aufzuarbeiten. Vielleicht gab es gar keinen neuen Fall. Ich überlegte, ob so etwas zu ihm passen würde. Ich kam zu keinem Schluss. Ich hatte ihn schließlich noch nie in einer Phase des Misserfolgs erlebt.

Es klopfte hastig und Frau Sievers steckte den Kopf zur Tür herein. Ich brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, was sie mir sagen wollte.

»Sie müssen sofort nach Hause. Ihre Frau hat angerufen. Ihre Tochter hatte einen Unfall.«

»Beth!«, rief ich und schnellte aus dem Bürosessel hoch. Frau Sievers erkannte wohl die Panik in meinen Augen und klärte mich rasch über die tatsächliche Tragweite des Unfalls auf.

»Sie ist auf dem Schulspielplatz mit dem Kopf irgendwo angestoßen. Es soll schon nicht mehr so stark bluten, aber Ihre Frau sagt, dass Sie mit ihr ins Krankenhaus will.«

»In welches Krankenhaus?«

»Das hat Ihre Frau mir nicht gesagt.«

»Aber ich muss doch wissen, in welches Krankenhaus ich zu fahren habe«, rief ich.

»Nein, nein!« Frau Sievers schüttelte den Kopf. »Ihre Frau und Ihre Tochter sind noch zu Hause in Osdorf. Sie sollen gemeinsam ins Krankenhaus fahren.«

Ich nickte. »Und es blutet nicht mehr so stark?«

»So hat Sie es formuliert«, bestätigte Frau Sievers.

Ich war schon am Schrank, hatte meine Jacke herausgeholt und verließ schnellen Schrittes das Büro. Von unterwegs rief ich meine Frau an, sprach auch mit meiner sechsjährigen Tochter, sagte ihr, wie tapfer sie sei und dass ich gleich bei ihnen wäre. Ich brauchte zwanzig Minuten nach Hause und noch einmal zehn, bis wir es zur Asklepios Klinik in Altona geschafft hatten und dort im Wartezimmer der Notaufnahme saßen. Nach einer halben Stunde waren wir endlich an der Reihe, obwohl es mir schien, dass wir an diesem Morgen die einzigen Patienten waren. Ich hatte Beth die ganze Zeit Mut gemacht und ihr erzählt, dass es nicht wehtun würde und dass sie morgen in der Schule den anderen Kindern eine echte Seeräubernarbe zeigen könnte. Sie war dann so enttäuscht, als der Arzt verkündete, die Verletzung müsse nicht genäht werden, dass sie beinahe wieder zu weinen begann. Sie bekam dann immerhin ein extragroßes Pflaster. Der Arzt schloss eine Gehirnerschütterung aus. Wir sollten nur wieder ins Krankenhaus zurückkommen, wenn es Beth doch noch übel werden sollte und sie sich übergeben müsse. Die ganze Angelegenheit war nach einer weiteren halben Stunde überstanden. Wir fuhren nach Hause. Eva legte das Kind sofort schlafen. Beth war allerdings schon wieder aufgestanden, noch bevor ich erneut auf dem Weg ins Büro war.

*

Bruckner war pünktlich. Bevor er an der Wohnungstür klingeln konnte, hatte ich ihm schon aufgemacht. Er trat einen Schritt vor und sah sich um.

»Wusste ich’s doch. Haben Sie immer noch keinen Mieter gefunden?«, fragte er.

»Doch! Ist schon wieder frei, seit Februar.«

Bruckner sah sich um und überlegte. »Wo ist denn das Bett, da war doch so eine Futonmatratze, oder?«

Ich nickte. »Die ist hinüber. Die sah so aus, als wenn der Mieter eine Fahrradkette darauf repariert hätte, Öl- und Schmierflecken. Ich weiß auch nicht, was der Typ gemacht hat. Ging alles von der Kaution ab.«

»Ich kann mir vorstellen, dass Sie da knallhart sind«, lachte Bruckner.

»Das kostet eben alles Geld.«

Erst jetzt gaben Bruckner und ich uns die Hand. Ich deutete auf die Sitzecke. »Wollen Sie schon mal Platz nehmen. Einen Senseo?«

»Jetzt ist es doch ein Déjà-vu«, meinte Bruckner. »Beim letzten Mal haben Sie mich das auch gefragt. Ich dachte, der Mieter bekommt die Maschine als Bonus geschenkt?«

»Hat er auch, zusammen mit den Kaffeepads. Ich habe eine Neue gekauft.« Ich deutete zur Küchenecke, wo die Kaffeemaschine schwarzglänzend stand. »Die hat jetzt sogar eine Kalkanzeige und einen verstellbaren Auslass, wegen der Tassengröße.«

Bruckner zog einen der Sessel zurecht und setzte sich. »Da sind Sie ja richtig spendabel, die war doch bestimmt nicht billig?«

»Sonderangebot! Ich habe gleich elf Stück gekauft, weil sich das Konzept auch bei der Mietersuche für andere Wohnungen bewährt hat.«

»Und wie viele Pads gibt’s gratis?«

»Fünf Tüten, zweihundert Pads! Ich kaufe jetzt bei einem bekannten deutschen Discounter. Der Kaffee ist klasse, den trinken wir sogar zu Hause. Also! Wollen Sie einen?«

Bruckner nickte. Ich drehte mich zu der Maschine um, füllte Wasser in den Tank, legte die Pads ein und drückte den Schalter, der sofort zu blinken begann. Ich sah wieder zu Bruckner, der sich gerade eine Zigarette in den Mund steckte.

»Schade, dass Sie wieder rauchen«, sagte ich sofort, »und schade, dass ich es Ihnen hier leider nicht erlauben kann.«

»Kein Problem«, sagte Bruckner und hielt mir die vermeintliche Zigarette hin. »Ist das neuste Modell, kaum größer als eine Echte. Ich war es leid, dass man mich immer wegen des schwarzen Stiftes angesprochen hat.«

Ich überzeugte mich selbst. Tatsächlich handelte es sich um eine dieser elektrischen Zigaretten. Ein dünner, weißer Kunststoffschaft, das Mundstück sah aus wie der Filter einer richtigen Zigarette. Bruckner steckte sich die E-Zigarette wieder in den Mund und sog daran. Feiner Dampf entwich zwischen seinen Lippen und verflüchtigte sich sofort.

Ich nickte. »Das geht in Ordnung. Und Sie können immer noch nicht ohne?«

»Leider nicht, wobei ich auch ganz froh bin, wenn meine Finger etwas zu tun bekommen.«

Der erste Kaffee war durchgelaufen. Ich holte die Tasse und stellte sie auf den kleinen Couchtisch vor Bruckner hin.

»Ich kann Ihnen nur schwarzen Kaffee anbieten«, sagte ich. »Milch und Zucker habe ich nicht so schnell auftreiben können.«

»Geht schon in Ordnung.«

Ich ging noch einmal zur Maschine, legte neue Pads ein und wartete, bis die zweite Tasse durchgelaufen war. Bruckner sah mir nachdenklich zu. Ich kehrte zu ihm zurück und nahm mir den zweiten Sessel. Wir tranken jeder einen Schluck. Bruckner setzte die Tasse ab und beugte sich vor.

»Und sonst geht es Ihnen gut«, sagte er wieder mit veränderter Stimme, als wenn er von einer auf die andere Sekunde eine schlechte Nachricht erhalten hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. »Das Geschäft läuft gut, wir waren über Weihnachten in den Staaten, meine Familie ist gesund …« Ich stutzte. » …das heißt, meine Tochter hat sich heute den Kopf gestoßen. Wir waren im Krankenhaus, aber es musste nicht genäht werden. Erst hat sie geweint, hinterher war sie ganz enttäuscht.«

Bruckner nickte und sah auf. »Ich sagte Ihnen ja schon am Telefon, dass die letzten Monate bei mir eher nicht so gut waren. Es hat ja schon ein paar Wochen gedauert, bis ich wieder einigermaßen normalen Dienst tun konnte, aber so richtig hat mich mein Chef nicht mehr rangelassen.«

»Aber es war nicht Ihre Schuld.«

»Sie haben doch sicherlich auch die Presse verfolgt?«, sagte Bruckner.

»Ja, natürlich!«

»Das war alles Mist, ganz großer Mist.«

Ich überlegte. Bruckner hatte es wenigstens geschafft, mich aus der ganzen Sache herauszuhalten. Das war schon bei unserem ersten gemeinsamen Fall so. Anscheinend hatte er dafür umso mehr abbekommen.

»Aber es muss doch langsam Gras über die Sache wachsen?«, fragte ich.

»Ja, doch, aber irgendwie dauert es mir zu lange. Wir sind unterbesetzt, dass weiß jeder im Präsidium, aber dennoch lässt man mich nicht zurück auf die Straße, wenn Sie verstehen, was ich meine.«

»Sie haben keine Fälle mehr?«, fragte ich.

Bruckner zögerte. »Wie soll ich das erklären. Es gibt zum Glück nicht jeden Tag einen Mord. Unser Hauptgeschäft sind die ungeklärten Todesfälle, die Fälle die erst zu Mord oder Totschlag werden, wenn wir die Fakten aufdecken. Sie müssen das doch selbst kennen, aus Ihrer aktiven Zeit?« Bruckner erwartete keine Antwort von mir. Er machte eine Pause und sprach dann weiter. »Also aus diesem Geschäft bin ich vorläufig raus. Ich telefoniere nur den ganzen Tag. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Leute bei der Polizei anrufen, um ein Gewaltverbrechen zu melden. Das meiste bleibt bei den Revieren hängen. Sehr viele Fälle werden aber zu mir durchgestellt. Ich kann mich dann mit durchgeknallten Leuten herumschlagen. Wenn so einer dreimal den Streifenwagen ruft, dann kommen die beim vierten Mal nicht mehr und dennoch muss einer das zu Protokoll nehmen. Können Sie sich vorstellen, dass das alles bei mir hängen bleibt. Manchmal fahre ich ja raus, aber das mache ich nur für mich. Ja, so ist meine derzeitige Situation und es sieht nicht so aus, dass es in nächster Zeit besser wird, ganz im Gegenteil. Mein Chef sagt, dass ich bei der Staatsanwaltschaft verbrannte Erde bin. Wissen Sie, was das bedeutet? Ich muss bei meinen Ermittlungen doppelt so viele Argumente und Beweise haben, bis der Staatsanwalt mir für irgendetwas grünes Licht gibt. Darauf will sich mein Chef natürlich nicht einlassen.«

»Muss es denn die Mordkommission sein?«, fragte ich, um wenigstens etwas zu Bruckners Situation zu erwidern.

Er überlegte und schüttelte dann den Kopf. »Wo soll ich sonst hin, zur Schutzpolizei. Ich bin Ermittler und will es auch bleiben.«

»Dann würde ich warten, bis mein Stern wieder am Aufsteigen befindet.«

Bruckner nickte. »Genau das ist es, genau deswegen wollte ich mit Ihnen reden.« Er überlegte wieder. »Wie soll ich anfangen. Sagen wir es einmal so. Man hat mir etwas hingeschmissen, damit ich mir nicht ganz nutzlos vorkomme. Ich habe die Sache geknetet, von allen Seiten betrachtet und ich habe das Gefühl, dass da was Großes hinter steckt.«

»Was Großes?«

Bruckner zuckte mit den Schultern. »Lassen wir das erst einmal so stehen. Ich möchte Ihnen ganz unbefangen die Fakten darlegen und dann sollen Sie entscheiden, ob ich mich weiter aus dem Fenster lehnen soll. Ich möchte natürlich nicht, dass der Schuss nach hinten losgeht.«

»Wie soll ich das für Sie entscheiden?«

»Mit Ihrer Erfahrung oder sagen wir, dass ich bei dem Fall schon blind bin, mich zu sehr auf etwas versteife, was es vielleicht gar nicht gibt. Sie sollen mich wieder in die Spur bringen.«

»Ich weiß nicht«, sagte ich nachdenklich. »Ich habe natürlich nichts dagegen, aber wie ist es mit Ihren Kollegen, mit Hartmann oder Galler. Ich dachte Hartmann wäre Ihnen gegenüber loyal?«

»Das ist er ja auch, aber ich will ihn nicht in Verlegenheit bringen. Ich will es mal so sagen. Seit der Sache in Nienstedten ist es besser für ihn, wenn er nicht mehr so viel mit mir gesehen wird. Er selbst hat natürlich keine Probleme damit, das weiß ich.«

»Gut, wo Sie schon einmal hier sind, dann erzählen Sie mir doch, worum es in Ihrem Fall geht.«

Bruckner nickte, nahm noch einen Schluck Kaffee und lehnte sich dann in seinen Sessel zurück.

»Im Präsidium wurde die Sache von Anfang an für einen Scherz gehalten. Entsprechend wurden die Ermittlungen auch geführt.« Bruckner machte erneut ein Pause.

»Jetzt rücken Sie schon damit raus, machen Sie es nicht so spannend«, rief ich.

»Ja, ja! Es begann vor etwa vier Monaten, im Dezember letzten Jahres. Ein paar Kilometer vor dem Autobahndreieck Moorfleet, Richtung Lübeck, auf der A1 gibt es eine Raststättenanlage.«

»Kenne ich. Da gibt es immer LKW-Stau, hört man häufig im Radio.«

»Ganz richtig. Das ist eine beliebte Rastanlage bei den Brummifahrern. Viele machen dort ihre gesetzlich vorgeschriebene Fahrtzeitunterbrechung, wie es im Fachjargon so schön heißt. Da ist immer eine Menge los. Auf jeden Fall erstrecken sich die Parkplätze über eine große Fläche. Es gibt dort auch ein angrenzendes Waldstück. Wem es bis zu den Toiletten zu weit ist, der verschwindet dann eben mal hinter den Bäumen. Ein dänischer LKW-Fahrer hat sich wohl etwas geniert und ist ein ganzes Stück in den Wald hineingegangen. Laut Aussage hat er schon gepinkelt, als plötzlich jemand hinter einem Baum hervortrat. Er musste allerdings zweimal hingucken, um festzustellen, dass dieser jemand sich niemals bewegt haben konnte.« Bruckner musste grinsen. »Das ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie zuverlässig Zeugenaussagen sind. Wäre der Mann davon gerannt, hätte er immer behauptet, dass ihm jemand im Wald aufgelauert hätte.«

»Jetzt sagen Sie nicht, dass er eine Leiche gefunden hat?«

Bruckner schüttelte den Kopf. »Ich sag doch, die Person hat aufrecht gestanden, oder besser gesagt die Puppe hat aufrecht gestanden.«

»Eine Puppe?«, wiederholte ich.

»Eine Schaufensterpuppe«, erklärte Bruckner. »Ein Torso, Kopf, Arme, Beine. Die Standfestigkeit wurde durch eine Stange mit Sockel erreicht. Der Sockel war ein Stück im Boden vergraben, wind- und wetterfest.«

»Gut, eine Schaufensterpuppe. Männlich oder weiblich?«, fragte ich.

»Weiblich und sie war bekleidet und das ist jetzt der Knackpunkt.«

Ich grinste. »Sie hatte bestimmt das Chanel-Kleid an, das Julia Roberts in Pretty Woman getragen hat, und das erst kürzlich aus einer Ausstellung gestohlen wurde.«

»Was?«

»War nur ein Scherz. Also, was hatte die Schaufensterpuppe an?«

Bruckner schüttelte den Kopf. »Mir ist die Sache wirklich ernst.«

»Entschuldigung! Was hatte die Puppe an?«

»Einen Pyjama, aus Baumwolle, ein grünes Baumwollmuster. Der Stoff war blutdurchtränkt. Später wurde festgestellt, dass es sich um menschliches Blut handelt, Blutgruppe A, Rhesus positiv.«

»Hab’ ich auch!«

»Das ist unwichtig.« Bruckner klang für einen Moment verärgert. »Also, menschliches Blut, in einem Baumwollstoff, zum Teil schon herausgewaschen. Die weiteren Untersuchungen haben ergeben, dass es anderthalb bis zwei Liter Blut gewesen sein müssen. Das Oberteil und die Hose des Pyjamas hatten große Blutflecken.«

»Und es wurde von einem Verbrechen ausgegangen?«, fragte ich.

»Das ist ja gerade die Sache. Von Anfang an wurde das Ganze für einen Scherz gehalten. Die Spurensicherung hat nur das Blut gefunden, keine sonstige menschliche DNA, keine Haare, keine Haut, keine anderen Körperflüssigkeiten, nichts. Der Pyjama war unbenutzt, Massenware eines Discounters. Man vermutet, dass er aus der Verpackung genommen und der Schaufensterpuppe angezogen wurde. Es war auch nichts von der Innenseite in den Stoff eingeblutet. Das Blut wurde voraussichtlich von außen über den Pyjama geschüttet.« Bruckner machte eine Pause. »In Eppendorf gibt es so einige schräge Rituale bei den Medizinstudenten …«

»Ach, daher die Scherztheorie«, folgerte ich. »Sie meinen, es war ein Studentenulk?«

»Ich meine das nicht, meine Vorgesetzten glauben das und der Staatsanwalt will erst eine Leiche, bevor er den Apparat in Gang setzt. Eigentlich hätte meine Abteilung den Fall gar nicht behalten, aber dann hat man sich an mich erinnert. Jetzt wissen Sie, um was für Dinge ich mich in den letzten Monaten kümmern musste.«

Ich nickte. »Und, was haben Sie unternommen?«

»Ich war natürlich stinksauer. Ich habe mich ein paar Tage im Universitätsklinikum in Eppendorf umgesehen, habe mit dem Dekan gesprochen, mit etlichen Fakultätsvertretern. Ich habe mich sogar ins Studentenwohnheim getraut. Ich habe bei Blutbanken recherchiert, ob denen etwas fehlt. Ich habe versucht herauszufinden, woher die Schaufensterpuppe stammte. Wenn Sie wüssten, wie viele Hersteller es da gibt und die Puppe war weder alt noch neu, hätte überall her sein können.«

»Und was glaubten Sie, damit herausfinden zu können?«

»Ich wollte wissen, wer sich diesen Scherz erlaubt hat. Es war ja eigentlich nichts Strafbares, zumindest hätten die Juristen einen Paragraphen finden müssen, wie zum Beispiel illegale Müllentsorgung oder Diebstahl, grober Unfug, was weiß ich.«

»Moment, ich dachte, Sie hätten es nicht für einen Scherz gehalten?«

»Doch, anfangs war ich auch Anhänger der Scherztheorie, und darum habe ich mich doch so geärgert. Ich habe dann aufgegeben, und zwar so lange, bis Mitte Dezember eine zweite Puppe gefunden wurde. Gleicher Rasthof, aber andere Fahrtrichtung. Die Schaufensterpuppe wurde diesmal nicht im Wald gefunden, sondern auf der Damentoilette.«

»Hat wieder was mit Pinkeln zu tun«, bemerkte ich. »So eine Toilette ist doch ein belebter Ort, hat denn diesmal niemand gesehen, wer die Schaufensterpuppe aufgestellt hat?«

»Belebter Ort, das mag stimmen«, erklärte Bruckner, »aber die Anlage ist vierundzwanzig Stunden geöffnet, auch nachts, wenn nicht so viel los ist. Die Schaufensterpuppe stand in einer Kabine, die verschlossen war. Irgendjemand hat ein Schild hingehängt, defekt. Die Putzfrauen sagen, dass das Schild mindestens eine Woche da gehangen hat.«

»Und die haben sich nichts dabei gedacht, nicht mal nachgeschaut?«, fragte ich.

»Die machen da sauber, eine defekte Toilette bedeutet eine Toilette weniger zu putzen. Außerdem waren Monteure da, die haben aber genau diese eine Toilette übersehen. Dann hat sich aber doch wohl einer gewundert und mal nachgeschaut, weil es komisch gerochen hat. Es war das gleiche Modell wie die Schaufensterpuppe aus dem Wald. Ebenfalls ein Pyjama, diesmal aber ganz edel, aus grüner Seide, trotzdem wieder Discountware, wie sich später herausgestellt hat. Auf den ersten Blick war nichts zu sehen, wenigstens kein Blut. Bei der genaueren Untersuchung kam dann heraus, warum es so gerochen hat. An der Innenseite des Pyjamas hat man abgelöste Haut gefunden, gut durchgekocht, wie der Pathologe meinte. In der Gerichtsmedizin war man der Meinung, dass der Pyjamaträger sich verbrüht hat. In den Bereichen der Arme, der Oberschenkel, der Schulter und des Brustkorbes wurden Hautablösungen aufgrund einer Verbrühung festgestellt. Der Pathologe kam zum Schluss, dass die Verletzungen post mortem zugefügt wurden.«

»Warum?«, fragte ich. »Wie kann man so etwas schlussfolgern, wenn man keine Leiche hat, oder wurde eine gefunden?«

»Nein, nein, keine Leiche«, sagte Bruckner schnell. »Es war die Verteilung der Hautablösungen. Die Verbrühungen wurden nacheinander zugefügt, was einer absichtlichen Verstümmelung gleichkommt. Diese Indizien waren für den Pathologen, für meinen Chef und dem Staatsanwalt ausschlaggebend. Irgendjemand kam dann mit der Idee von den anatomischen Leichen und da war man wieder bei einem Studentenulk aus Eppendorf.«

»Eine gewagte Schlussfolgerung«, meinte ich.

»Wenigstens hatte die Art des Deliktes an Potential gewonnen. Während es im ersten Fall noch grober Unfug in Verbindung mit dem Diebstahl von Blutkonserven war, konnte man im zweiten Fall schon von Leichenschändung sprechen. Ich bekam die Akte wieder auf meinen Schreibtisch, aber erst, als die Spurensuche und der Pathologe schon fertig waren und die Sache ad acta gelegt hatten. Ich war natürlich nicht sehr motiviert, bin vorzeitig in den Weihnachtsurlaub gegangen und war in der zweiten Kalenderwoche noch ein paar Tage krank.«

.

Im Buchhandel als eBook

P Y J A M A M O R D

ISBN 978-3-8476-3816-2

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: