Leseprobe

tod-und-schatten

T O D   U N D   S C H A T T E N 

 

Roman

© 2016 Ole R. Börgdahl

Erste Auflage

Titel der Originalausgabe: »Tod und Schatten«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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Sonntag

»Hallo, bist du noch dran, Mia? Hallo?«

Es blieb einige Sekunden stumm. Marek hielt sich das Telefon dichter ans Ohr. Er hörte Schritte und dann wie eine Tasse oder ein Becher neben dem Telefon abgestellt wurden.

Mia schluckte herunter. »Entschuldige«, sagte sie mit belegter Stimme. »Ich habe mir meinen Kaffee aus der Küche geholt, bevor er ganz kalt wird.«

»Du trinkst jetzt noch Kaffee?«, fragte Marek und sein Ton klang beinahe vorwurfsvoll.

»Ja, das tue ich«, entgegnete sie energisch und kam gleich wieder auf das Thema zurück, über das sie noch vor zwei Minuten gesprochen hatten. »Und du weist genau, dass die Stelle bei dir in Berlin eine höhere Eingruppierung hat?«

»Auf jeden Fall. Was hast du jetzt an der Hochschule, BAT-VI? Die Stelle beim LKA hat die Eingruppierung V, Vb oder sogar Va.«

Mia überlegte. »Die Frage ist nur, ob sie mich nehmen.«

Marek hörte, wie sie noch einen Schluck Kaffee trank. »Verwaltung ist Verwaltung«, sagte er. »Du hast natürlich einen anderen Verantwortungsbereich. Da gibt es schon Unterschiede, ob man beim Landeskriminalamt oder bei einer Schule arbeitet.«

»Mehr Verantwortung?«, wiederholte Mia.

»Nicht so wie du denkst. Die Aufgaben sind hoheitlicher. Die Arbeit ist nicht schwieriger, nur wichtiger«, versuchte Marek zu erklären.

»Ich weiß nicht, dass macht mir immer etwas Angst. Ich habe es ja eigentlich gut, da wo ich bin.«

»Wie oft hast du dich über deinen Chef beschwert«, warf Marek ein. »Und immer dieser Kleinkram. Klausurnoten in Tabellen eintragen, Formulare ausfüllen, nur damit immer genug Kreide in den Klassenzimmern bereitliegt.«

»Ich habe noch nie Kreide bestellt. Außerdem geht er doch nächstes Jahr in Rente.«

»Wer?«, fragte Marek.

»Na der Alte.«

»Siehst du, da haben wir es doch, der Alte. Und über deine Kolleginnen hast du doch auch immer so oft geflucht und außerdem …«

»Und was außerdem?« Jetzt wurde es Mia wieder bewusst, warum Marek sie angerufen hatte.

Marek stutzte. Er überlegte, um die richtigen Worte zu finden, aber er fand sie nicht. Er räusperte sich. »Schau mal, ich bin seit einem halben Jahr wieder in Berlin. Wir hatten doch gar nicht …«

»Doch, das hatten wir«, unterbrach Mia ihn, »und du weißt genau, dass das nicht an Berlin liegt und daran, dass ich in Münster geblieben bin.«

»So habe ich das doch nicht gemeint«, beschwichtigte Marek. »Ich dachte nur, wenn wir … du musst schon verstehen, dass ich nicht jedes Wochenende nach Münster fahren konnte. Ich muss manchmal auch samstags und sonntags arbeiten, in Bereitschaft sein, so ist der Job eben.«

»Marek! Hallo! Versuchst du dich jetzt zu rechtfertigen? Das brauchst du nicht.« Mia machte eine Pause, holte bedächtig Luft. »Wir sind nicht mehr zusammen, hörst du. Wir waren uns doch einig. Natürlich würde mich Berlin reizen, aber du darfst doch nicht glauben, dass ich deinetwegen nach Berlin komme, wenn ich es überhaupt mache, das mit der Stelle, meine ich. Natürlich ist es schön, dass du dort bist, aber doch auf eine andere Art.«

»Entschuldige Mia, ich wollte nicht … Ich weiß das ja auch alles. Es ist nur … Wir hätten das damals anders machen sollen. Ich wusste doch, dass ich nur ein Jahr in Münster sein würde. Ich hätte mir dort etwas suchen müssen. Oder in München. Du weißt doch noch, dass die mich damals in München haben wollten, auch ohne Master. Und du wärst näher bei deiner Mutter gewesen.«

»Ja Marek, das weiß ich«, sagte Mia jetzt ernst, »aber auch München hätte nichts geändert. Wir hatten schöne Monate, aber jetzt ist es Vergangenheit. Es ist aus und das ist eben so, das passiert, es hat halt nicht mehr gepasst. Das hast du doch auch verstanden.«

»Aber mal ganz unabhängig davon, der Job beim LKA würde dich schon interessieren, oder was meinst du?« Marek versuchte das Gespräch jetzt wieder in eine andere Richtung zu lenken.

»Vielleicht«, antwortet Mia zögerlich. Sie holte noch einmal tief Luft. »Schau mal Marek, es ist doch schon nach neun. Wir haben Samstagabend. Ich werde gleich abgeholt. Hast du denn nichts mehr vor, heute Abend? Ich überlege es mir. BAT-V sagtest du, das klingt doch nicht schlecht. Ich überlege es mir wirklich.«

»Das ist gut«, sagte Marek sofort. »So machst du es. Es ist deine Entscheidung und du hast recht, es hat nichts mit mir zu tun. Ich würde mich nur freuen, wenn du … aber das ist jetzt ganz egal. Ich lege auf. Soll ich jetzt auflegen?«

»Ja!«

»Dann lege ich jetzt auf, Mia.«

»Ja, bitte, Marek, ich werde gleich abgeholt.«

»Dann wünsche ich dir einen schönen Abend.«

Mia seufzte. »Unternimmst du nichts mehr?«

»Doch, doch«, erwiderte Marek wenig überzeugend.

»Dann leg doch jetzt auf, bitte.«

»Mia?«

»Ja?«

»Ich lege jetzt auf.«

Marek drückte die Taste, starrte aber noch einige Sekunden auf das Smartphone. Er stellte den Fernseher wieder auf laut. Der Naturfilm über die Küsten Grönlands lag in den letzten Zügen. Er zappte in den Programmen zurück. In einer amerikanischen Krimiserie wurden die Bösen gerade von einer Meute Polizeiwagen verfolgt. Beim nächsten Klick erschien ein Stand-Up-Comedian, der das Publikum mit seinen Pointen belustigte. Auf dem Ersten schließlich lief eine der Samstag-Abend-Unterhaltungs-Shows. Das Frühlings-Sommer-Herbst-Fest der Volksmusik oder so ähnlich. Marek drückte schnell hintereinander zwei Programmtasten. Eine Casting-Show, in dem sich ein Nerd gerade vor der gestylten Jury und dem deutschen Fernsehpublikum blamierte. Es war zumindest so amüsant, dass Marek einige Minuten auf dem Kanal blieb und auch nicht umschaltete, als die Werbung begann. Ein Kaugummi, das das Zähneputzen ersetzen sollte. Marek prüfte instinktiv seinen eigenen Atem, konnte aber nichts Auffälliges feststellen. Es folgte eine Bierwerbung. Es sah einladend aus, aber Marek wusste, dass er kein Bier im Hause hatte, nicht im Keller und schon gar nicht im Kühlschrank.

Er dachte an Kaffee. Mia trank abends nur Kaffee, wenn sie glaubte, dass es eine lange Nacht werden würde. Disco, Geburtstag einer guten Freundin, Konzert oder irgendeine andere Feier. Marek starrte noch einmal auf sein Smartphone. Ein, zwei Sekunden, dann zuckte er zusammen. Es klingelte. Hatte seine Beschwörung funktioniert? War doch niemand gekommen, um Mia für den Samstagabend abzuholen? Hatte sie es sich anders überlegt? Marek zögerte, wollte den Moment, wollte die Gedanken nicht zerstören. Dann griff er zu. Der erste Blick auf die angezeigte Telefonnummer war keine wirkliche Enttäuschung. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie tatsächlich noch einmal zurückrufen würde, nicht am Samstagabend, nicht wenn sie eine Verabredung hatte. Marek nahm das Gespräch an.

»Kriminalkommissar Quint«, meldete er sich vorschriftsmäßig.

*

Auf dem Weg nach Friedenau musste Kriminalkommissar Marek Quint tanken. Dann benötigte er immer noch gut eine halbe Stunde von Frohnau zum Friedrich-Wilhelm-Platz. Er fuhr zweimal an der neogotischen Kirche vorbei, bis er die richtige Straße fand. Einer der beiden Streifenwagen vor dem Gebäude hatte das Blaulicht eingeschaltet gelassen. Marek Quint parkte neben einem dunkelgrünen Mercedes Sprinter des Tatorterkennungsdienstes. Auf dem Bürgersteig stand zudem noch ein weißer Hyundai H-1 der Charité Mitte. Die Gerichtsmedizin war also auch schneller vor Ort, als der Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes. Marek Quint stieg aus, hob das rot-weiße Absperrband an und betrachtete sich die beiden Eingänge. Neben einem großen Schaufenster führte eine Glastür direkt in das Ladenlokal. Die Leuchtreklame darüber war in gelb gehalten, passend zum Namen des Geschäftes. Sonnenklar Reisen. So simpel wie vielsagend. Das Schaufenster und die Eingangstür waren aber verhangen. An einigen Stellen am Rand der dunklen Tücher bahnte sich das gleißende Licht von Halogenstrahlern den Weg auf die Straße. Marek Quints Schatten wurde gegen den geschlossenen Kasten des Hyundais geworfen.

Er versuchte gar nicht erst, die Ladentür zu öffnen, sondern wandte sich gleich ein paar Meter weiter dem Hauseingang zu. Das große Klingelschild verwies im ersten Stock auf eine Anwaltskanzlei. Stolle & Partner, Rechtsanwalt. Über dem Messingschild mit schwarz eingelassener Schrift, war ein weiterer, eher schmuckloser Klingelknopf montiert. Marek Quint musste sich vorbeugen, um den Namen hinter der verkratzen Plastikabdeckung lesen zu können, aber es gab nichts zu lesen. Wenn es jemals einen Namen gegeben hatte, war dieser in dem blauen Rand der durchsichtigen Abdeckung verlaufen. Er holte sein Notizbuch hervor, um wenigstens den Namen der Kanzlei zu notieren. Er musste kurz überlegen, wie die Straße hieß, in der er sich befand. Lediglich die Hausnummer hatte er im Kopf behalten. Nach einem letzten Versuch, doch noch die ehemals blaue Schrift des schäbigen Klingelknopfes zu entziffern, drückte er die Türklinge und trat in einen langen Flur, an dessen Ende ein Streifenpolizist auf ihn aufmerksam wurde. Dann wurde unmittelbar neben dem Mann eine Tür geöffnet. Der Beamte stand kurz im hellen Licht, bis sich ein grober Schatten in den Flur schob.

»Da prescht die Einheit Kowalski wieder vor«, donnerte es leicht gedämpft durch den Hausflur.

Kriminalhauptkommissar Ulrich Roose zog sich den Mundschutz unters Kinn, ging durch den Flur und trieb Marek Quint durch die Eingangstür zurück auf die Straße. Draußen ging Roose voran und zum Fahrzeug des Tatorterkennungsdienstes. Er öffnete die große Schiebetür und stieg in den dunkelgrünen Transporter ein. Ein paar Handgriffe und er reichte Marek Quint einen Overall, Einmalgamaschen, Mundschutz, einen Satz Latexhandschuhe und sogar eine kleine Taschenlampe.

»Die Klamotten aber bitte erst im Haus anziehen«, wies Ulrich Roose an.

Marek Quint nickte. »Weiß ich doch.«

Ulrich Roose schaute ihn kommentarlos an, sprang dann aus dem Transporter und ließ die Schiebetür mit einem Dröhnen ins Schloss fallen. Mit leicht gesenktem Kopf folgte Marek Quint dem breiten Kreuz des Kriminalhauptkommissars. Im Flur hatte sich der Streifenpolizist nicht vom Fleck gerührt. Er öffnete schon einmal die Tür, die ins Reisebüro führte. Marek Quint blieb hinter Ulrich Roose stehen, zog sich den Overall, die Gamaschen und zuletzt die Handschuhe über. Die kleine Taschenlampe und den Mundschutz hatte er auf den Boden gelegt, nahm die Sachen jetzt wieder auf und steckte sie in eine Tasche des Overalls. Ulrich Roose drehte sich um und kontrollierte an seinem Gegenüber den Sitz der Schutzkleidung. Er deutete auf den Kopf.

»Die Kapuze nicht vergessen, und wenn Sie drin sind, bitte auch den Mundschutz vor. Wo haben Sie den Mundschutz?«

Marek Quint tippte auf die Tasche des Overalls und machte sich dann an der Kapuze zu schaffen. »Können Sie mich kurz briefen?«, bat er, während er auch den Kragen des Schutzanzuges bis ans Kinn schloss.

»Briefen?«, wiederholte Ulrich Roose.

»Ja, was erwartet mich hier?«

»Eine Leiche.«

»Das weiß ich ja bereits«, erwiderte Marek Quint. »Was weiß ich noch nicht?«

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