Leseprobe Yvette

Ströme meines Ozeans

S T R Ö M E   M E I N E S  

O Z E A N S

 

Roman


© 2008 Ole R. Börgdahl

Fünfte Auflage

Titel der Originalausgabe: »Ströme meines Ozeans«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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1     Yvette Jasoline

Vorwort

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In dem vorliegenden Band finden sich Auszüge aus den Tagebüchern von Madame Yvette Jasoline. Das Gesamtmaterial umfasst acht, in Karton gebundene Notizbücher zu je hundertvierundvierzig Seiten. Das Format aller Bücher liegt bei etwa dreizehn mal achtzehn Zentimeter. Die Einträge wurden von Madame Jasoline sehr sorgfältig und mit einer gut leserlichen Handschrift vorgenommen. Sie hat dabei Tinte und Feder und später auch einen Füllfederhalter verwendet. Alle Einträge beginnen mit Ort und Datum. Die nun folgenden Tagebücher sind Auszüge aus den Jahren 1890 bis 1938. Der Autorin sind laut ihrer Aufzeichnungen zahlreiche Menschen begegnet. Am Ende dieser Dokumentation findet sich daher ein alphabetisches Personenverzeichnis.


1890

Paris, 31. März 1890

Gestern standen Victor und ich vor dem Eiffelturm. Auf dem Champ de Mars selbst erinnert nicht mehr viel an die Menschenmassen, die sich noch vor wenigen Monaten auf der Weltausstellung tummelten. So verlassen das Gelände auch sei, desto belagerter ist der Eiffelturm. Vater konnte sich damals nicht vorstellen, dass ein solcher Koloss überhaupt Gefallen finden würde. Jetzt stehen die Zeichen anders, denn die Schlangen an den Aufzügen sind nach wie vor lang. Ich habe den Turm noch nie bestiegen und ich werde mich auch nicht trauen. Mir wird schon schwindelig, wenn ich nur unter ihm stehe und den Kopf in den Nacken lege und empor schaue. Victor ist da mutiger. Er war mit seinen Kameraden schon dreimal auf der obersten Plattform. Ich finde den Blick vom Trocadéro über die Seine hinüber zum Champ de Mars am schönsten, von dort gefällt mir der Eiffelturm auch am besten, wenn mein Blick ihn aus sicherer Entfernung in seiner ganzen Größe erfassen kann.

Paris, 12. April 1890

Victor und ich sind auf den Tag genau acht Monate verlobt. Ich finde es eine lange Zeit und frage mich, wann wir endlich heiraten. Es kann nicht sein, dass wir noch warten, bis Victor befördert wird, bis er ein eignes Kommando erhält. Für mich stellt er auch so etwas dar, aber Victor ist nicht damit zufrieden, es erst zum Lieutenant gebracht zu haben. Er ist schon über dreißig und gerade deswegen sollten wir doch schnell heiraten. Wenn ich seine Frau bin, dann werde ich künftig auch überwachen, was er an Romanen liest, das nehme ich mir vor. Victor behauptet, das Buch von einem Kameraden geborgt zu haben. Es ist etwas Neues von Monsieur Zola und es ist so ungeheuerlich. Auf den Straßen von Paris kann man noch die Plakate sehen, die für diese Mördergeschichte werben. Victor meint, dass es gut sei, spannend, und er habe es in nur drei Tagen verschlungen.

Paris, 18. April 1890

Vater war wieder für ein paar Tage in Liverpool. Er hat Postkarten mitgebracht, die aber wohl nur das schöne Liverpool zeigen. Im Hafen ist es eher schmutzig, aber die Eltern werden ja nicht im Hafen wohnen, dort wird nur Vaters Kontor sein. Mutter war dreimal mit in Liverpool und sie hat schon ein Haus in einem der Dörfer im Umland ausgesucht. Vater möchte zwar näher am Hafen wohnen, aber er muss eben auch Zugeständnisse machen.

Paris, 26. April 1890

Mutter und ich sind gestern von der Rue Marcadet zu Fuß fast ganz bis zur Seine gegangen. Das Wetter war so herrlich, die Sonne schon so kräftig. Es ließ sich bequem gehen. Wir waren gut anderthalb Stunden unterwegs. Unser Ziel war der Wohltätigkeitsbasar in der Rue Jean-Goujon. Es gab so viel zu sehen und so viele Versuchungen, etwas zu kaufen. Die Verkaufsstände sind zwar nur in einer einfachen Holzbaracke aufgebaut, aber alles ist so wunderschön dekoriert. Es wurde auch recht eng, weil der Basar an diesem Tag gut besucht war. Die Leute wollten aber nicht nur etwas kaufen, sie wollten auch die Verkäuferinnen sehen. Einige Damen aus der Pariser Gesellschaft haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Basar für die Armen stattfinden zu lassen. Sie müssen sehr gute Verkäuferinnen sein, denn es schien mir, dass außer uns wohl jeder andere etwas erworben hat, auch wenn er es nicht benötigt. Mutter hat in so etwas einen eigenen Willen und sie kauft nichts, was wir nicht auch gebrauchen können. Ich musste mich daher ebenfalls zurückhalten, aber das Schauen allein war mir schon eine Freude. Ich habe den Gesprächen der eleganten Herrschaften gelauscht, die Kleidung der Damen bewundert und über die Schlagfertigkeit der Verkäuferinnen gestaunt, die so geschäftstüchtig waren, als wenn es ihre Profession sei. Mutter wurde immer wieder von Bekannten aufgehalten, sodass ich mir die Zeit nehmen konnte, mich alleine umzusehen. Ich war sogar einmal versucht, eine Perlmutt beschlagene Dose zu kaufen, aber die zweihundert Francs waren mir schließlich doch zu viel. Die Dose ging dann vor meinen Augen an einen Herrn, der nicht nur zweihundert, sondern gleich fünfhundert Francs dafür gab. Mutter und ich waren gut zwei Stunden auf dem Basar und auf dem Rückweg war ich schon so müde vom Schauen und Umhergehen, dass wir uns eine Droschke genommen haben.

Paris, 2. Mai 1890

Heute waren wir im Chaumont und haben auf dem Rasen und vor dem großen Teich Fotografien machen lassen. Es sollen Erinnerungen sein. Jetzt sind es nur noch zwei Wochen, bis Vater und Mutter nach Liverpool abreisen. Mutter gefällt es nach wie vor nicht, dass ich allein in Paris bleibe, aber ich will es unbedingt.

Paris, 8. Mai 1890

Ich darf seit drei Tagen im Verkauf helfen. Monsieur Rolland hat es mir am Montag mitgeteilt. Madame Riuné hat mich am Nachmittag unterrichtet. Sie hat mir alles gezeigt, was wir im Geschäft verkaufen. Ich weiß jetzt, was Gold- und Silberlegierungen sind und dass ein Diamant aus versteinerter Kohle besteht. Ich habe es nicht geglaubt, aber es muss wohl stimmen. Überhaupt habe ich viel über Edelsteine gelernt. Ich kenne jetzt alle Namen, Rubine, Smaragde, Saphire, Amethyste, Malachiten und Topase. Besonders schwer ist es, sich die Schliffe zu merken. Die Trapez-, Oval- und Tropfen-Formen sind noch einfach, den Scheren- und Briolett-Schliff kann ich jetzt aber auch schon unterscheiden. Am schönsten finde ich jedoch den Ceylon-Schliff, er wirkt so erhaben, so wie ich mir einen richtigen Diamanten vorstelle. Von den Steinen mag ich neben den Diamanten am liebsten den Bernstein. Ich konnte es auch nicht glauben, dass der Bernstein das Harz längst vergangener Wälder ist. Wenn Kunden ins Geschäft kommen, schaue ich Madame Riuné oder Monsieur Rolland noch zu. Wir haben vereinbart, dass ich am Vormittag weiterhin die Buchhaltung mache und danach im Laden verkaufe. Gestern habe ich noch vor dem Mittag die Briefe für die Rohrpost aufgegeben und nach meiner Rückkehr bin ich gleich vorne im Laden geblieben. Wir haben auch das Schaufenster neu dekoriert. Die Anordnung der Stücke war mein Vorschlag. Wir haben die günstigsten Ringe und Ketten ganz nach links gelegt. Zur Mitte hin wird es dann immer teurer und ganz rechts liegen schließlich die exklusiven Schmuckstücke. Es war auch meine Idee, ein gerahmtes Podest zu errichten, auf dem immer ein ganz besonders wertvoller Armreif oder ein Diadem präsentiert werden sollen. Monsieur Rolland will die Auslagen alle zwei Wochen erneuern, was in Zukunft auch zu meinen Aufgaben gehören soll.

Paris, 17. Mai 1890

Ich hatte die halbe Woche frei. Am Donnerstag war Feiertag. Gestern habe ich mir dann auch noch frei genommen. Es war Abreisetag. Ich habe Mutter und Vater zum Zug nach Le Havre gebracht. Jetzt sind sie endgültig fort. Sie reisen aber zunächst noch nach London und von dort erst nach Liverpool. Das große Gepäck hat eine Spedition schon letzte Woche verschifft. Als ich vom Gare Saint-Lazare heimkam, war es im Haus so still. Zum Glück habe ich ja noch Jeanette und Madame Bernier. Und natürlich habe ich Victor. Er hat mir gestern ein Geschenk gemacht, etwas ganz Wertvolles, etwas, dass eine besondere Bedeutung für ihn hat. Es ist ein Orden, aber kein gewöhnlicher Orden, es ist der Orden der Ehrenlegion. Ich war stolz, dass er ihn mir geschenkt hat, aber ich war auch traurig, als ich die Geschichte gehört habe. Ich sehe Victor vor mir. Ich sehe den elfjährigen Victor, wie er von seinem Direktor in das Lehrerzimmer gerufen wird. Ich sehe wie diese Männer ihm den Orden überreichen, diesen Orden, den eigentlich sein Vater hätte bekommen sollen, wenn er nicht bei Gravelotte gefallen wäre. Ich habe nachgesehen, dieses Gravelotte liegt in Lothringen und das gehört seit dem Krieg nicht mehr zu Frankreich. Oh, ich liebe Victor so sehr. Sein Geschenk verwahre ich jetzt wie einen Schatz.

Paris, 7. Juni 1890

Heute ist ein kleines Paket aus Liverpool bei mir eingetroffen und es ist schon sehr interessant. Anfang des Jahres schrieb der Figaro von einem Treffen zwischen unserem Jules Verne und der amerikanischen Journalistin Mrs. Nellie Bly. Mrs. Bly war auf einer Weltreise und über diese Reise ist jetzt ein dicker Band erschienen. Mutter hat ihn aus London mitgebracht und er ist natürlich in englischer Sprache. Ich freue mich schon, ihn zu lesen. Eine junge Frau, nur ein paar Jahre älter als ich, unternimmt ganz allein eine Weltreise. In Jules Vernes Buch wird eine Weltreise in nur achtzig Tagen unternommen. Es ist natürlich nur eine erdachte Geschichte, aber es muss etwas Wahres daran sein, denn Mrs. Bly hat diese Reise höchstpersönlich unternommen und sie hat es in zweiundsiebzig Tagen geschafft. Wie das möglich war, muss ich mir noch erlesen. Ich überlege auch, ob ich mir vorher nicht noch Jules Vernes Buch vornehme.

Paris, 13. Juni 1890

Heute auf den Tag genau vor zwei Jahren haben wir uns kennengelernt, zwei Jahre, eine lange Zeit. Jeder findet es merkwürdig, dass Victor mir an diesem Tag nur eine einzige Blume schenkt und es ist noch nicht einmal eine Rose, sondern eine gewöhnliche Dahlie. Für mich ist sie aber nicht gewöhnlich, für mich ist sie etwas ganz Besonderes und nur Victor und ich kennen ihr Geheimnis.

Paris, 18. Juni 1890

Ich habe mir Jules Vernes Erzählung über die Reise um die Welt von einer Freundin geliehen. Sie besaß sogar die Erstausgabe von 1873. Es ist also nicht verwunderlich, dass Mrs. Bly gut acht Tage schneller gereist ist, als ihre Vorgänger Phileas Fogg und Monsieur Passepartout. In fast zwanzig Jahren werden die Eisenbahnen und Dampfschiffe schneller geworden sein. Ich denke auch, dass eine Weltreise in weiteren zwanzig Jahren in noch kürzerer Zeit geschafft werden kann. Ich lese jetzt in jeder freien Minute den Jules Verne und bin bereits mit den beiden Helden in Indien. Mrs. Bly hat sich bei ihrer eigenen Reiseroute wohl sehr genau an die Vorlage des Buches gehalten. Es gibt nur eine Ausnahme und das ist der Umweg nach Amiens, um dort Madame und Monsieur Verne persönlich zu treffen.

Paris, 3. Juli 1890

Mutter hat wieder geschrieben. Ich spüre immer mehr, dass ich ihre Nachrichten brauche. Ich vermisse Vater und sie. Mutter schreibt vom Geschäft. Vater hatte es die ersten Wochen nicht leicht, doch jetzt hat er seine Lieferanten gefunden. Sie haben eine große Ladung Mahagoni und Palisander nach Liverpool gebracht und Vater hat bereits fast alles an eine Möbelfabrik verkauft. Die Briten sind wohl ganz verrückt nach dem braunen, schweren Holz. Wer das Geld hat, lässt sich daraus Schreibtische, Kommoden oder Kleiderschränke tischlern. Ich soll die Eltern so schnell wie möglich besuchen. Natürlich will ich kommen. Ich habe Mutter sofort zurückgeschrieben und vorgeschlagen, im August für eine Woche zu reisen. Ich hoffe Victor begleitet mich, wir sehen uns jetzt fast jeden Tag und gehen bei schönem Wetter in den Parks spazieren. Am Wochenende hatten wir eine Kutsche und sind nach Versailles hinaus gefahren. Es war ein herrlicher Tag. Wir waren erst spät am Abend wieder zurück in Paris.

Paris, 12. Juli 1890

Victor hat mir einen Atlas geschenkt. Er ist nagelneu und muss ein Vermögen gekostet haben. Ich wollte Mrs. Blys Weltreise dort mit einem Graphitstift einzeichnen, genauso wie Jules Verne es auf der großen Karte in seinem Haus gemacht hat. Es war mir jedoch zu schade um das wertvolle Buch. Ich habe aber dann doch eine einfache Lösung gefunden. Ich verwende ein transparentes Blatt Papier und lege es über die Karte im Atlas. Die Karte scheint durch und ich kann auf das Transparentpapier zeichnen, ohne eine Spur in dem Buch zu hinterlassen. So kann ich immer die Route verfolgen und sie weiterführen, je nachdem, wie weit ich in Mrs. Blys Bericht fortgeschritten bin. Ich habe bereits den Atlantischen Ozean mit dem Graphitstift überquert. In Mrs. Blys Bericht hat mir bislang am besten der Besuch bei Madame und Monsieur Verne in Amiens gefallen. Ich habe schon überlegt Victor zu fragen, ob wir nicht auch einmal nach Amiens reisen könnten. Wir würden uns dann nach Monsieur Vernes Haus erkundigen und einmal daran vorbeigehen. Vielleicht würden wir ihm und seiner Frau ja auch in der Stadt begegnen und vielleicht lädt er uns zu sich nach Hause ein und zeigt uns sein Arbeitszimmer, so wie er es Mrs. Bly gezeigt hat.

Paris, 30. Juli 1890

Ich durfte mir heute Victors Büchlein ansehen. Es ist nicht so, dass er auch Tagebuch führt und wenn sein Büchlein ein Tagebuch wäre, dann hätte ich nicht darum gebeten, es zu lesen. Victor schreibt Sprüche und Zitate in sein Büchlein. Er sammelt sie und das schon, seitdem er Schüler war. Er ist sehr wählerisch und schreibt nur das auf, was ihm gefällt. Es sind daher auch keine zwanzig Seiten, die er gefüllt hat. Heute hat er wieder einen Spruch gefunden und ihn in meinem Beisein niedergeschrieben: »Ich beuge mich, aber ich breche nicht.« Victor notiert zu jedem Zitat, von wem es stammt und wann und wo er es gefunden hat. »Ich beuge mich, aber ich breche nicht« soll von Jean de Lafontaine stammen. Jedes Schulkind kennt Lafontaine und seine Fabeln. Victor hat schon viele seiner Sprüche notiert. Mir gefällt auch dieser hier: »Man läuft Gefahr zu verlieren, wenn man zu viel gewinnen möchte«. Victor hat ihn ebenfalls aus dem Figaro. Das allererste Zitat, das sich Victor jemals notiert hat, lautet: »Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf eine lange Erfahrung gründet«. Es stammt von Cervantes und Victor hat den Spruch in einem Schulbuch gefunden und ihn am 9. Mai 1875 notiert. Ich finde es ist sehr passend für das erste Sprichwort, das man sich aufschreibt.

Paris, 22. August 1890

Eben gerade habe ich die letzten Zeilen in Mrs. Blys Reisebericht gelesen. Ich habe den Atlas genommen und habe ihre Reiseroute noch einmal verfolgt. Von New York über den Atlantik hierher zu uns nach Europa, nach Frankreich. Dann in Italien von Brindisi aus auf dem Dampfer durch das Mittelmeer nach Ägypten, nach Port Said. Weiter durch den Suezkanal, durchs Rote Meer bis nach Aden. Von dort über den Ozean nach Colombo. Weiter nach Penang und Singapur bis nach Hongkong. Das waren schon zwölftausend Meilen, eine gewaltige Strecke, aber es ging ja noch weiter. Über Yokohama und zurück auf den amerikanischen Kontinent, nach San Francisco. Hier ist Mrs. Bly vom Dampfschiff auf die Eisenbahn umgestiegen, bis nach Chicago und schließlich zu ihrem Ziel nach Jersey City gefahren. Es waren genau einundzwanzigtausendsiebenhundertvierzig Meilen, einmal rund um die Welt in tausendsiebenhundertdreißig Stunden und davon hat sie auch noch fast sechzehn Tage durch unvorhersehbare und unvermeidliche Aufenthalte verloren. Wenn jedes Schiff, jede Zugverbindung ohne Verzögerung erreicht wird, wenn es nirgends auf dieser langen Reise eine Verzögerung gibt, dann hätte es Mrs. Bly in etwas mehr als sechsundfünfzig Tagen um die Erde geschafft. Vielleicht wird ein solches Rennen einmal arrangiert, vielleicht warten in jedem Hafen die Dampfschiffe, voll mit Kohle gebunkert, sodass der Weltreisende nur noch von einem Deck zum anderen springen muss und es geht weiter. Vielleicht wird für die Überlandfahrten eine Eisenbahn benutzt, die ohne Halt die Strecken überwindet. Wenn dies alles arrangiert ist, wenn die schnellsten Dampfschiffe und rasantesten Eisenbahnen zur Verfügung stehen, kann eine Reise um die Erde auch in fünfzig oder gar vierzig Tagen geschafft werden. Eines an Mrs. Blys Reise hat mich aber nicht minder verblüfft. Eine Weltreise zu unternehmen weckt in mir die Vorstellung, auch viel von der Welt zu sehen. Am Ende ihres Berichts zählt Mrs. Bly noch einmal auf, welche Länder sie schließlich besucht hat. Europa war mit England, Frankreich und Italien vertreten, sicherlich nicht sehr viele Länder. Außerhalb Europas war sie dann eigentlich nur noch in Ägypten, Japan und den Vereinigten Staaten und in einigen britischen Besitzungen an der arabischen, indischen und chinesischen Küste. Es ist nicht viel, und es fehlt doch der größte Teil der Welt. Wenn ich eine solche Reise unternehmen würde, so wollte ich doch auch Südamerika, Afrika und das nördliche Asien kennenlernen. Ich könnte mithilfe meines Atlas zahllose Städte und Orte aufzählen, doch sie zu bereisen dürfte Monate, nein bestimmt Jahre dauern. Eines hat Nellie Bly aber geschafft und das war ja auch das Ziel ihrer Reise, sie ist in eine Richtung gestartet, hat diese Richtung immer beibehalten und ist dann wieder dort angekommen, wo sie gestartet ist, eine Umrundung der Welt eben.

Paris, 30. August 1890

Mutter hat noch einmal geschrieben, obwohl wir Vater und sie doch in wenigen Tagen besuchen. Mutter hat mir ein paar Dinge aufgetragen, die ich ihr unbedingt mitbringen soll. Ich hoffe, die Sachen noch zu bekommen. Mutter ist auch etwas besorgt, wegen der streikenden Hafenarbeiter. Sie hat gehört, was vor einem Jahr in London auf den Docks passiert ist und fürchtet jetzt, dass Victor und ich in Liverpool nicht sicher sind. Vater wird uns bestimmt das Kontor im Hafen zeigen wollen und lässt sich davon auch nicht abbringen. Ihr wäre es am liebsten, wenn wir die ganze Zeit in Gayton blieben und nicht nach Liverpool hineinführen. Noch sind wir ja nicht in Liverpool und ich glaube, es wird schon nicht so schlimm sein. Ich werde größere Schwierigkeiten haben, Mutters Wunschliste zu erfüllen.

Paris, 9. September 1890

Morgen früh reisen wir. Erst nach Le Havre und dann weiter mit dem Schiff direkt nach Liverpool. Victor will mich mit irgendetwas überraschen und ich glaube auch zu wissen, was es ist. Ich werde hier nichts von meinen Vermutungen notieren, weil es Unglück bringt. Ich will jetzt auch nicht weiter darüber nachdenken. Ich freue mich erst einmal, die Eltern wiederzusehen und dann ist da ja auch noch Mutters Geburtstag.

Gayton, 13. September 1890

Victor hat selbst mich überrascht, obwohl ich es ehrlich gesagt schon geahnt habe. Victor hat mit Vater über die Hochzeit gesprochen und darum gebeten, dass wir noch dieses Jahr heiraten. Vater musste natürlich zustimmen, was sollen auch die Freunde und Bekannten in Paris sagen, wenn ich dort weiterhin ganz alleine lebe, ohne die Aufsicht meiner Eltern. Es ist einfach anständiger verheiratet zu sein und nicht nur verlobt. Ich habe ja ein wenig auf diesen Ausgang spekuliert, als ich mich geweigert habe, die Eltern nach Liverpool zu begleiten. Ich bin so glücklich, es ist so herrlich. Zu Weihnachten kommen Mutter und Vater nach Paris und wir heiraten am 24. Dezember, unserem Tag. Es gibt bis dahin noch so vieles vorzubereiten und so vieles zu besprechen.

Gayton, 14. September 1890

Auch am Tag danach hält das Glück an, ich kann kaum an etwas anderes denken. Wir sind auch noch gar nicht in der Stadt gewesen. Mutter hatte recht, es gibt dort Unruhen und es soll sogar ein Armeeregiment nach Liverpool beordert werden. Der Bürgermeister hat den Ausnahmezustand erklärt, und das alles nur, weil die Hafenarbeiter mehr Geld für ihre Arbeit fordern. Vaters Geschäfte sind auch betroffen, er hat niemanden mehr, der sein Holz verlädt. Er wollte schon einige Arbeiter aus Manchester kommen lassen, doch ihm wurde davon abgeraten. Wir wissen nicht, wie lange noch gestreikt wird und ob es in den nächsten Wochen eine Einigung gibt. Ich hoffe nur es kommt niemand zu Tode. Mutter und Vater haben jetzt auch ein Mädchen im Haus angestellt. Sie ist so alt wie ich, das gleiche Geburtsjahr. Miss Hutchinson scheint mir recht scheu zu sein, aber Mutter sagt, sie sei sehr zuverlässig.

Gayton, 18. September 1890

Heute reisen wir wieder ab. Es ist alles für Weihnachten geplant. Mutter und ich haben schon mit einer Liste begonnen. Es ist erstaunlich, woran wir alles denken müssen. Die schwerste Wahl wird für mich sein, eine Trauzeugin zu benennen. Victor musste nicht lange nachdenken, er hat einen Regimentskameraden, Alain Brunet, ein schüchterner, etwas steifer Lieutenant, dem ich erst einmal begegnet bin. Mir soll es Recht sein. In Liverpool hat sich die Lage auch entspannt. Die Arbeiter haben aufgegeben, so hat es zumindest Vater formuliert, denn sie haben wohl nichts erreicht. Der Streik ist jedenfalls beendet und Vater ist schon gestern wieder ins Kontor gefahren, zusammen mit Victor, der sich alles hat zeigen lassen.

Gayton, 20. September 1890

Wir sind doch noch zwei Tage länger geblieben. Seit gestern ist Onkel Gustave in Gayton, er löst uns ab. Onkel Gustave will sich vielleicht am Geschäft beteiligen, Vater hat so etwas angedeutet. Onkel Gustaves Geld wäre für Vater bestimmt sehr wertvoll, um in Liverpool erfolgreich zu sein. Nach England wird der Onkel allerdings nicht ziehen, niemals. Er klammert sich in Vannes zu sehr an sein Junggesellenleben. Er wollte ja damals nicht einmal mit nach Paris kommen, als es schon einmal so aussah, dass Vater und er das Geschäft gemeinsam führen würden.

Paris, 2. Oktober 1890

In einer Buchhandlung am Louvre, in der ich mich heute nach weiteren Werken von Jules Verne erkundigt habe, kam ich mit einem Verkäufer ins Gespräch. Er kannte alle Titel und hat mir verraten, dass die Reise um die Welt bereits einige Jahre vor Erscheinen des Buches von einem amerikanischen Geschäftsmann unternommen wurde. So ähnlich hat es Jules Verne ja auch Mrs. Bly erzählt. So ist an einer erdachten Geschichte wohl immer etwas Wahrheit.

Paris, 1. November 1890

Mein Geburtstag ist eher langweilig. Ich sitze nur herum, nicht einmal die Post ist gekommen. Es ist ein langweiliger Samstagvormittag. Victor hat noch Dienst. Wenigstens führt er mich heute Abend zum Essen aus. Ich schwöre, meine nächsten Geburtstage will ich nicht so alleine verbringen. Ich weiß, dass ich ungerecht bin. Victor hat extra den Dienst getauscht, damit wir den Sonntag zusammen verbringen können. Ich muss mich jetzt zwingen und mich auf den Abend und auf morgen freuen.

Paris, 11. November 1890

Ein Brief von den Eltern ist angekommen, endlich auch mit den Geburtstagsgrüßen. Es gab wohl irgendwo Verzögerungen mit der Post. Mutter und Vater sind wieder umgezogen, sie sind aber in Gayton geblieben, weil es ihnen dort so gut gefällt. Sie haben sich ein wenig umgesehen und tatsächlich ein Haus gekauft. Jetzt ist wohl beschlossen, dass sie länger in England bleiben, auch weil Vater mit seinem Kontor gute Geschäfte macht. Onkel Gustave hat sich nun doch nicht an der Firma beteiligt, er soll Vater nur etwas Geld geliehen haben.

Paris, 17. November 1890

Ich war bis gestern noch immer auf der Suche nach einer Trauzeugin, jetzt habe ich mich entschieden und es ist sehr praktisch. Alain ist Victors Trauzeuge und Camille, Alains Frau, wird die meine. Ich habe sie erst gestern kennengelernt und sie hat gleich zugestimmt. Camille und Alain sind schon seit fünf Jahren verheiratet und sie haben einen Sohn, Alain Junior. Jetzt ist auch diese kleine Schwierigkeit gelöst, niemand wird beleidigt sein, denn was liegt näher, ein Ehepaar als Trauzeugen zu erwählen.

Paris, 16. Dezember 1890

Die Wochen waren so lang und ich ersehne schon die ganze Zeit unseren großen Tag. Ich kann es kaum noch erwarten. Mutter ist seit gestern hier in Paris, Vater kommt erst am 20., die Geschäfte. Wir kaufen jetzt viel ein. Mit der Entscheidung für ein Kleid habe ich auch noch auf Mutter gewartet. Die Ringe haben Victor und ich natürlich bei Monsieur Rolland bestellt, sie werden herrlich aussehen. Mutter hat mir verraten, dass uns Vater das Haus in der Rue Marcadet schenken will. Victor ist einverstanden und hat sich auch sehr gefreut. Er wollte seine Wohnung in der Kaserne ohnehin aufgeben. Jetzt müssen wir uns wenigstens nichts Neues suchen und ich brauche mein zu Hause auch nicht zu verlassen.

Paris, 23. Dezember 1890

Jetzt sind alle da. Mutters Schwestern, Tante Carla mit Onkel Joseph und Tante Danielle mit Onkel Eugène. Die Cousins sind auch vollzählig, Pierre, Jacques, Roger und Bernhard und nicht zuletzt Cousine Anne, die mir verzeihen wird, dass sie nicht meine Trauzeugin ist. Onkel Gustave ist heute schließlich auch noch eingetroffen. Meine Familie. Victor bleiben nur seine Freunde, einige Kameraden, die er eingeladen hat und natürlich Camille und Alain Brunet. Aber es wird nicht mehr lange dauern und Victor hat eine große, eine ganz große Familie. Mutter und Vater übernachten heute noch einmal in der Rue Marcadet, dann ziehen sie ins Hotel, dort wo auch der Rest der Familie untergebracht ist. Es war nicht meine Idee, Mutter hat es bestimmt, denn ab morgen werden Madame und Monsieur Jasoline in der Rue Marcadet wohnen. Victor hat bereits zwei Koffer mit Kleidern bei uns untergestellt, den wenigen Rest seiner Habe wird er später nachholen. Heute Nacht schläft er ein letztes Mal in der Kaserne. Morgen früh sehen wir uns erst auf dem Standesamt.

Paris, 24. Dezember 1890

Eine kurze Notiz, eine ganz kurze. Heute ist unser großer Tag. In einer Stunde werden wir auf dem Rathaus vor dem Gesetz getraut, in zweieinhalb Stunden müssen wir schon in der Kirche vor dem Altar stehen. Ein enger Zeitplan, aber wir haben alles vorbereitet, die Droschken werden schon warten. Victor wird natürlich Uniform tragen. Ich liebe die blaue Uniform, sie passt zu meinem weißen Kleid, als wäre sie nicht für den Krieg, sondern für eine Hochzeit gemacht. Ich werde auch ein rotes Blumenbukett haben, und jemand hat gesagt, dass es zu Victors Uniformstreifen passen wird. Es ist schrecklich, worauf die Leute alles achten. Camille und Alain werden zweimal zum Einsatz kommen, aber ich denke sie werden es gut machen. Ich hoffe nur, dass ich nichts falsch mache. Von der Kirche aus geht es dann zur Feier. Wir werden vornehm Essen und nach der Hochzeitstafel mit der ganzen Gesellschaft einen Spaziergang unternehmen und uns schließlich zum Kaffee wieder im Restaurant einfinden. Der Nachmittag bleibt frei und erst für den Abend haben wir in der Rue Marcadet zu einem Umtrunk geladen, dies soll unseren Hochzeitstag beschließen. Ich hoffe es geht alles gut. Dies sind die letzten Zeilen von Madmoiselle Yvette Malcoue.

Paris, 26. Dezember 1890

Zweiter Weihnachtstag. Ich bin jetzt Madame Jasoline, ich muss mich erst noch daran gewöhnen. Die standesamtliche Trauung war für mich nicht die richtige Hochzeit, obwohl nur sie vor dem Gesetz gültig ist, wie Victor mir erklärt hat. Erst vor dem Pfarrer haben wir in meinen Augen richtig geheiratet. Ich war nicht aufgeregt. Zum Traualtar bin ich ohne Missgeschick gelangt, den ganzen langen Weg, durch die Kirche bis vor den Pfarrer und auch während der Trauung stand ich fest neben Victor, neben meinem Bräutigam. Victors Kameraden haben vor der Kirche Spalier gestanden. Mein Kleid war so schön. Mutter hat geweint und selbst Vater war gerührt. Noch vor dem Mittagessen wurden wir schließlich reich beschenkt. Ich kann es gar nicht alles aufzählen, es ist eine komplette Aussteuer zusammengekommen, vor allem Wäsche. Onkel Gustave hat uns ein großzügiges Geldgeschenk gemacht. Anne und Bernhard haben jeder eine Rede gehalten. Anne hat sehr lustig über meine Kindheit gesprochen. Sie hat allerhand ausgegraben und zum Besten gegeben. Victor hat jedes Mal geklatscht, wenn meine Sünden Zutage traten. Bernhards Rede war dann um einiges ernster, aber nur gespielt. Er hat über die Sorgen des Lebens gesprochen, über die Hürden, über die Victor jetzt nicht mehr elegant hinüberspringen könne, sondern über die er mich schleppen müsse. Es war am Ende auch sehr lustig, auch wenn Tante Danielle ab und zu einen kurzen Entrüstungsschrei ausgestoßen hat. Zum Glück sind wir über all diese Reden und Beschenkungen noch zum Essen gekommen. Dann habe ich am Nachmittag gehört, wie Tante Danielle und Tante Carla mit Mutter über Enkelkinder gesprochen haben. Oh, Gott, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Ich wünschte fast, die anderen wären auch schon verheiratet, dann würden die Augen künftig nicht so sehr auf Victor und mir lasten. Am Abend sind dann noch einige unverhoffte Gäste eingetroffen, nicht nur Victors Kameraden, sondern auch einige seiner Freunde aus dem Internat, das er nach dem Tod seines Vaters besucht hat.

Paris, 27. Dezember 1890

Bevor uns die Verwandtschaft aus Vannes heute verlassen hat, sind wir alle noch einmal zum Fotografen gegangen. Es sollte ein ganz normales Familienbild werden, ohne Brautkleid und ohne Festtagsanzug. Die drei Schwestern mit ihren Ehemännern standen ganzen hinten. Onkel Gustav neben Vater ganz rechts. Dann wurde eine Bank davor aufgestellt, auf die wir Kinder uns gesetzt haben. Ganz links vor Tante Carla und Onkel Joseph saßen Anne, Jacques und Pierre. Daneben, vor Tante Danielle und Onkel Eugène, haben sich Bernhard und Roger gesetzt. Und schließlich ganz außen, vor Mutter und Vater, saßen Victor und ich. Der Fotograf sagte dann noch, wenn es einmal mehr als zwei Generationen wären, würden sich die Alten ganz hinten auf ein Podest stellen müssen. Es würde dann aussehen, als wenn wir in einem Theater säßen.

Paris, 28. Dezember 1890

Die Feiertage sind vorüber, alle Feiertage. Die Gesellschaft ist abgereist. Die Eltern haben wir gestern früh zum Zug nach Le Havre gebracht. Madame Yvette Jasoline. Ich liebe diesen Namen, ich liebe Victor. Es ist so schön, jetzt ganz mit ihm zusammen zu sein. Für einen Spaziergang treffen wir uns nicht mehr irgendwo in einem Park oder auf einem Platz, sondern gehen gemeinsam aus dem Haus, aus unserem Haus, aus unserem Heim. Es schickt sich nicht über unser Schlafzimmer zu schreiben, und wie es dort aussieht, aber ich darf erwähnen, dass wir die Räumlichkeiten etwas ändern werden. Mein altes Zimmer werde ich verlassen. Es gibt noch ein großes Gästezimmer, das Victor und ich zu unserem Gemach auserwählt haben. Wir brauchen neue Möbel, wir brauchen noch so vieles mit der Zeit.


1891

Paris, 1. Januar 1891

Neujahr. Wir sind gestern Morgen ganz kurz entschlossen nach Deauville abgereist und haben am Strand auf das neue Jahr angestoßen nur Victor und ich. Das Hotel ist furchtbar teuer, obwohl kaum Gäste hier sind. Es ist überhaupt sehr einsam in Deauville und es ist kalt und es hat heute Vormittag zu regnen begonnen. Victor und mir macht dies aber alles nichts aus.

Paris, 10. Januar 1891

Victor hatte noch bis gestern dienstfrei. Wir haben gar nicht so viel unternommen, außer natürlich die dreitägige Reise nach Deauville. Victor und ich haben dann aber die Ruhe zu Hause genossen. Victor hat viel in der Zeitung gelesen, zu einem schönen Buch habe ich ihn allerdings nicht überreden können. Im Figaro gab es zwischen den Jahren eine kleine Serie über unsere Kolonien. Es ist schon erstaunlich, auf der ganzen Welt, in jedem großen Ozean, gibt es französische Besitzungen, Verwaltungen und vor allem Militär. Victor hat mir immer beim Frühstück vorgelesen, und mir die Zusammenhänge erklärt. Allein in Afrika gibt es so viele große Gebiete, auf denen die französische Fahne weht, dass die Fläche Frankreichs selbst mehrfach dorthineinpassen würde. Wir haben uns alles im Atlas angesehen. Es ist eine große leere Fläche. Victor hat berichtet, dass es jetzt Französisch-Sudan gibt und dass in der Hauptstadt Kayes seit letztem Jahr unsere Truppen stationiert sind. Victor wusste schon einiges mehr über dieses neue Land, als in der Zeitung stand.

Paris, 15. Januar 1891

Madame Bernier scheint über irgendetwas verstimmt zu sein. Sie ist besonders zu Victor sehr reserviert. Es sieht fast danach aus, als sei es ihr unangenehm, dass ein junger Mann im Hause ist. Schon bei unserer Rückkehr aus Deauville vor zehn Tagen hat sie sich gleich zurückgezogen, nur Jeanette war ständig um uns herum, hat sich um das Gepäck gekümmert und wollte Victor alles recht machen.

Paris, 22. Januar 1891

Noch vor zwei Wochen haben Victor und ich uns über die Kolonien unterhalten und dieses Thema lässt ihn wohl nicht los. Einige Offiziere aus seiner Kaserne gehen in den Senegal, mit dem Ziel, die Lage im Sudan zu festigen. Ich frage mich nur, was es bedeutet, die Lage zu festigen. Mir ist es schon bewusst, ein Soldat wird nicht nur für friedliche Missionen eingesetzt. Victor hat mir aber versichert, es sei durchaus friedlich in Kayes, gerade deshalb, weil Frankreich dort jetzt ein Protektorat errichtet hat und gerade weil die Armee dort Einfluss nimmt. Ich kenne Victor und seinen Wunsch, endlich weiter zu kommen, endlich ein Kommando zu erhalten oder als Stabsoffizier bessere Möglichkeiten zu haben. Vielleicht werden ja in Paris einige Posten frei, wenn ein Teil der Offiziere Kolonialdienst verrichtet. Dies könnte ein Weg sein, meint Victor, aber es wäre natürlich besser, sich selbst in den Kolonien zu beweisen, sich zu bewähren. Ich weiß, wo dies hinführt, ich weiß, welche Frage für Victor im Raume steht, aber ich werde es nicht aussprechen.

Paris, 15. Februar 1891

Seit ich denken kann, hat Madame Bernier immer bei uns im Hause gewohnt, in einem der Zimmer im Dachgeschoß. Ich war auch der Meinung, dass es ihr dort gefallen hat und sie sich nicht extra ein eigenes Zimmer oder gar eine Wohnung nehmen müsste. Dies ist jetzt anders. Madame Bernier ist gestern ausgezogen. Sie hat mir ihre neue Adresse gegeben, es ist ein paar Straßen weiter, keine zehn Minuten zu Fuß zur Rue Marcadet. Wenn Madame Bernier meint, wir würden ihr deswegen jetzt kündigen, dann hat sie sich geirrt. Solange sie jeden Morgen um halb acht zur Stelle ist, können wir mit der neuen Situation leben. Wir werden ihr aber auf keinen Fall mehr bezahlen, weil sie ja schließlich jederzeit wieder bei uns einziehen kann. Ich hoffe nur, es wird Jeanette dort oben unter dem Dach jetzt nicht zu einsam.

Paris, 26. Februar 1891

Ich kenne ja die Quelle der Sprichworte, mit denen Victor mich und andere so manches Mal überrascht. Es erstaunt mich nur, dass er die Sprüche in seinem Büchlein wohl auswendig kennt und dass ihm zur richtigen Gelegenheit auch immer das passende Wort einfällt. Es war keine besondere Situation. Ein Händler wollte mit seinem Handkarren in einen Hinterhof. Wir kamen gerade vorbei, als er versuchte das schwere Tor zu öffnen und dabei gleichzeitig darauf achten musste, dass der Karren nicht umkippte. Victor ist sofort hingegangen und hat ihm das Tor geöffnet. Es war wirklich nichts Besonderes, und als der Mann sich bedankte, hat Victor zu ihm gesagt: »Man muss sich gegenseitig helfen, das ist ein Naturgesetz.« Ich weiß nicht, ob der Mann es gleich verstanden hat, aber ich fand es witzig und passend zugleich. Später habe ich in Victors Büchlein nach diesem Spruch gesucht. Er stammt einmal mehr von dem Fabeldichter Lafontaine. Victor hat es sich schon vor gut fünf Jahren notiert.

Paris, 5. März 1891

Victor ist ja nicht mit sehr viel Hausstand in die Rue Marcadet gezogen. Er hatte auch schon alle seine Sachen beisammen, nur eines hatte noch gefehlt und genau dieses Stück hat mich entsetzt. Er bringt tatsächlich ein Schießgewehr in unseren Haushalt. Er nennt es sein Chassepot, ein Gewehr aus dem 1871-iger-Krieg. Das Grausige daran ist die Kugel, die im Schaft feststeckt. Victor behauptet, die Kugel hätte den Soldaten erst durchbohrt und wäre dann in den Schaft gefahren. Ich glaube ihm nicht so ganz, aber dennoch mag ich dieses Gewehr nicht. Victor behauptet dazu, dass man mit dem Gewehr noch schießen könnte. Er wollte es im Salon aufhängen, zur Dekoration. Ich habe es verboten. Er soll einen anderen Raum damit dekorieren, einen Raum, den ich nur selten oder gar nicht betrete. Er hat das Gewehr daraufhin erst einmal in eine Kiste auf den Dachboden gelegt. Dort kann es auch bleiben, wenn es nach mir geht.

Paris, 18. März 1891

Ostern ist dieses Jahr recht früh, schon in der nächsten Woche. Mutter hat geschrieben. In England gab es fürchterliches Wetter. Selbst die Zeitungen in Paris haben darüber berichtet, aber es schien so fern zu sein. Vater hat keine Verluste erlitten, obwohl sehr viele Schiffe auf See gesunken sind. Über die Anzahl der menschlichen Opfer schreibt Mutter nichts, sie berichtet nur von sehr schlechtem Wetter in Liverpool, von starken Regenfällen. In Gayton, war es genauso schlimm und Mutter hatte Angst, ihr Garten würde fortschwimmen. Der Brief war drei Tage unterwegs. Ich gäbe viel darum, mit Mutter telefonieren zu können, so wie es jetzt zwischen Paris und London möglich sein soll. Vielleicht gibt es in den nächsten Jahren auch solche Verbindungen zwischen Paris und Liverpool oder zwischen anderen Städten im Ausland.

Paris, 7. April 1891

Kayes sucht Offiziere. Sobald ein Offizier angefordert wird, klingt es für mich nach Krieg, nach Gefahr. Wir haben heute über die Möglichkeit gesprochen, dass Victor in den Sudan geht, dass wir nach Afrika gehen, oder dass nur er geht, für ein paar Monate und ich hier in Paris bleibe. Wenn ich mit nach Afrika käme, dann könnte ich in Dakar bleiben, solange Victor in Kayes zu tun hat. Er würde immer nach Dakar kommen, um mich zu sehen. Es ist noch lange nichts entschieden. Victor hat mit mir gesprochen, damit ich vorbereitet bin. Er will sich selbst nicht anbieten, das hat er mir versprochen, aber er will die richtige Antwort geben können, wenn sie ihm einen Posten im Sudan anbieten, wenn sie ihm dort Möglichkeiten in Aussicht stellen. Ich habe Victor angehört, ihm aber nichts versprochen, denn ich weiß selbst noch nicht, worauf ich mich einlassen würde, wenn aus den Plänen, aus den Gedanken, Realität wird.

Paris, 15. April 1891

Seit zwei Monaten wohnt Madame Bernier jetzt nicht mehr bei uns. Sie kommt jeden Morgen pünktlich und geht auch am Nachmittag ebenso pünktlich wieder. Sie verrichtet ihre Arbeit, aber das ist auch schon alles. Victor lässt dies gleichgültig. Ich weiß nicht, wie lange es noch so weitergehen soll, vielleicht sollte ich einmal mit Madame Bernier sprechen und vielleicht sollte auch Victor dabei sein.

Paris, 22. April 1891

Das Haus in der Rue Marcadet gehört uns. Wir wollen es umbauen. Ich plane bereits. Der Architekt war gestern bei uns und wir sind durchs Haus gegangen. Im unteren Stockwerk werden wir alles so belassen, wie es ist. Die Eingangshalle, der Salon und Vaters ehemaliges Arbeitszimmer können so bleiben, wie sie sind. Vielleicht ist Victor eines Tages Colonel oder noch etwas Höheres, dann können wir im Salon unsere Gäste empfangen und bewirten. Oben wollen wir eine kleine Wohnung einrichten, mit separatem Wohnzimmer und einem Schlafzimmer für Victor und mich. Die anderen Zimmer lassen wir auch noch umbauen, sodass Mutter und Vater ihre eigenen Räume haben, wenn sie uns in Paris besuchen. Die Zimmer für die Angestellten unter dem Dach werden wir auch so belassen. Es wohnt ohnehin nur noch Jeanette dort oben.

Paris, 27. April 1891

Victor hatte die letzten Wochen nicht viel Zeit. Morgens geht er schon früh aus dem Haus, aber ich genieße es, ihn abends bei mir zu haben. Ich bin auch morgens schon um neun im Geschäft von Monsieur Rolland und bleibe bis fünf. In der letzten Woche hat mich Monsieur Rolland zweimal mit zu Kunden genommen. Wir haben unsere Kollektionen vorgestellt und einen Auftrag über ein Kollier mit passendem Armreif und Ohrringen erhalten. Einmal sind wir auf der Rückfahrt am Palais Royal vorbeigekommen und Monsieur Rolland hat mir gezeigt, wo sein altes Geschäft war. Das Palais Royal ist natürlich eine sehr gute Adresse. Monsieur Rolland hat den Laden aber aufgegeben, weil die Räumlichkeiten immer beengter wurden und auch, weil die Mieten sehr hoch sind. Ich hätte nichts dagegen, im Palais zu arbeiten, es ist alles so würdevoll und alt.

Paris, 2. Mai 1891

Es ist eine Schande, warum müssen Menschen sterben, warum wird auf wehrlose Menschen geschossen. Ich weiß es nicht, alles was ich weiß, habe ich aus der Zeitung erfahren. Die Fabrikarbeiter in ganz Frankreich, ich glaube sogar in ganz Europa oder sogar der Welt, haben gestern einen Feiertag begangen, den Tag der Arbeiter, der seit gestern nun jedes Jahr zum 1. Mai stattfinden soll. Dieser Tag wird aber bestimmt nicht noch einmal begangen, nicht nach dem, was sich gestern in Fourmies ereignet hat. Die Polizei hat auf Demonstranten geschossen, es gab neun Tote, zumeist ganz junge Männer, wie die Zeitungen schreiben und es wurde auch eine Frau verletzt, eine Frau, die ganz bestimmt keinem der Polizisten etwas zuleide hätte tun können. Ich habe Victor gefragt, was er unternommen hätte, ob er auch den Befehl zum Schießen gegeben hätte. Es ist nicht ganz fair, so etwas zu fragen. Victor ist mir ausgewichen. Er hat mich gefragt, ob ich denn wüsste, dass die Demonstranten nicht bewaffnet gewesen seien und ob ich es besser gefunden hätte, wenn nun die Frauen der Polizisten um ihre Männer trauerten. Ich wusste es natürlich nicht. In der Zeitung wurde nur von friedlichen Demonstranten berichtet. Ich bin aber davon überzeugt, wenn sie friedlich waren, dann hatten sie auch keine Waffen. Als Offizier, so meinte Victor, hätte er immer die Verantwortung für seine eigenen Männer und so kann es auch dem Polizeioffizier ergangen sein. Ich gebe Victor nur in einem Recht, wir waren beide nicht in Fourmies dabei und kennen nur das, was die Zeitung berichtet.

Paris, 20. Mai 1891

Gestern haben wir einen Eilauftrag bekommen. Eine ungewöhnliche Sache, denn Monsieur Rolland hat eine Brosche nicht verkauft, sondern für zwei Tage verliehen. Der Empfänger brauchte sie innerhalb einer Stunde und so hatte ich den Einfall, das Schmuckstück mit der Rohrpost zu verschicken. Wir sind gemeinsam zum Amt gegangen, aber leider wurde unsere Sendung nicht angenommen. Monsieur Rolland war mir aber nicht böse. Er hielt es trotzdem für eine gute Idee. Wir haben schließlich einen Kurier geschickt.

Paris, 11. Juni 1891

Aus der Kaserne gab es heute Neuigkeiten. Colonel Dubois, Victors Vorgesetzter wird auf eigenen Wunsch nach Brest versetzt. Colonel Dubois will seine letzten Dienstjahre in seiner Heimatstadt verbringen. Es wird aber erst im Oktober soweit sein. Victor bedauert es sehr, weil er mit Colonel Dubois mehr einen väterlichen Freund als einen Vorgesetzten hat.

Paris, 19. Juni 1891

Ich habe heute mit einer Dame gesprochen, ich weiß gar nicht, wer sie war. Ich bin nach Hause gekommen, da hat sie mich auf dem Bürgersteig angesprochen. Sie hat die Häuser in der Rue Marcadet gelobt, dass alles wieder so schön hergerichtet worden sei und dass unser Viertel nobler geworden wäre. Ich habe erst gar nicht verstanden, was die Dame damit meinte, aber dann hat sie mir erzählt, dass die Rue Marcadet ein Opfer der Commune gewesen sei, dass vor zwanzig Jahren viele Häuser in der Straße niedergebrannt wurden. Unser Haus muss auf den Trümmern der alten Rue Marcadet errichtet worden sein, ein merkwürdiger Gedanke. Ich frage mich gerade, ob vielleicht unser Keller noch der Keller des alten Hauses ist.

Paris, 6. Juli 1891

Der Sudan feiert bald sein einjähriges Bestehen unter französischem Schutz. Einige Wochen lang haben Victor und ich nicht mehr darüber gesprochen. Es gibt ein paar Heimkehrer in Victors Kaserne, die Männer der ersten Stunde, wie er sagt. Alle sind unversehrt und sehr zufrieden, mit der geleisteten Arbeit. Frankreich profitiert von seinen Kolonien. Ich weiß jetzt auch mehr über Afrika. Dieses Afrika ist faszinierend und unheimlich zugleich. Die Menschen, die dort leben, sind keine Franzosen, aber sie sollen den Franzosen gehorchen. Mehr will ich nicht mutmaßen. Es ist ungefährlich und gefährlich zugleich. In einem Land, das unter dem Schutz eines anderen Landes steht, gibt es immer Gefahren. Ich weiß nicht, ob ich auf dem Lande leben könnte. Vielleicht hier in Frankreich, aber bestimmt nicht in Afrika, wo es nur das Land gibt. Selbst Dakar ist nicht Paris, nicht einmal eine Stadt, wie es sie in Frankreich gibt. Es ist mir auch unheimlich, wenn die Menschen in einer Sprache sprechen, die ich nicht verstehe, wenn sie vielleicht über mich reden, vor meinen Augen und ich bekomme es nicht mit, verstehe womöglich die Beleidigungen nicht, die Pläne nicht, die gegen mich verschworen werden. Dies sind meine Gedanken. Ich habe Victor gebeten, nicht nach Afrika zu gehen. Er will mich nicht alleine lassen, er würde mich sogar nach Kayes mitnehmen und alles tun, dass es mir dort gut geht. Ich habe Angst vor Afrika. Victor weiß es jetzt.

Deauville, 12. Juli 1891

Wir sind gestern mit dem Zug nach Deauville gefahren. Heute ist unser erster richtiger Urlaubstag, der Erste von fünf. Unser Hotel liegt nicht sehr günstig, wir müssen gut einen Kilometer bis zum Strand laufen. Im Januar haben wir näher am Meer gewohnt. Das Wetter ist dafür aber wesentlich besser als noch im Winter. Es ist herrliches Sommerwetter, heiß und sonnig. Im Januar fand ich es aber auch sehr schön und den Urlaub im Januar werde ich ganz bestimmt auch länger in Erinnerung behalten, als jeden kommenden Urlaub. Mit Mutter und Vater war ich zuletzt vor drei Jahren in Deauville, natürlich auch im Sommer.

Deauville, 15. Juli 1891

An der Promenade habe ich mir die Namen von einigen Hotels und Pensionen aufgeschrieben, mit samt den Adressen und ich habe mir die Preise geben lassen. Wenn wir im nächsten Jahr hier sind, möchte ich doch nicht mehr so weit vom Meer entfernt wohnen. Dennoch waren die letzten Tage sehr schön. Die Sonne und das Meer beflügeln das Gemüt. Ich bin lange nicht mehr so viel spazieren gegangen und damit meine ich nicht allein den Weg vom Strand zu unserem Hotel, sondern auch die Spaziergänge auf der langen Uferpromenade.

Paris, 19. Juli 1891

Wir sind wieder in Paris. Es wird aber keine vier Wochen dauern und es geht erneut auf Reisen, nach Schottland. Schottland ist ein Geschenk von Vater und Mutter, es ist schon lange geplant und wird unsere eigentliche Hochzeitsreise sein.

Paris, 30. Juli 1891

Jeanettes Kochkünste sind schon bemerkenswert. Sie bringt es aus ihrem Elternhaus mit und wir haben wirklich Glück gehabt, dass sie auch hier Madame Berniers Rolle ausfüllen kann. Kartoffeln schälen, Fleisch schneiden oder Zwiebeln hacken, können aber auch gefährliche Tätigkeiten sein. Heute Vormittag musste ich mit Jeanette zum Arzt. Sie hatte sich böse geschnitten, es wollte gar nicht mehr aufhören zu bluten. Der Arzt musste dann aber doch nicht nähen, sondern hat nur einen strammen Verband angelegt. Es ist zum Glück nur die linke Hand, denn in der Rechten hatte Jeanette ja das Messer. Sie trägt den Arm jetzt in einer Schlinge. Heute soll sie gar nichts mehr arbeiten und morgen wohl auch nicht.

Paris, 11. August 1891

Im Juweliergeschäft habe ich heute ein junges Paar beraten. Es ging natürlich um Trauringe. Madame Riuné hatte schon die Kästen mit den Ringen hervorgeholt, dann hat Monsieur Rolland aber angeordnet, dass ich die Kunden übernehmen soll, weil ich mir doch selbst erst kürzlich Trauringe ausgesucht hätte. Ich habe mich natürlich gefreut und bin voller Eifer an die Sache herangegangen. Der jungen Frau gefiel auch gleich mein eigener schlichter Ring. Er war ihr dann aber doch etwas zu schlicht und so habe ich den Vorschlag gemacht, dass sie noch einen Brillantring davor stecken solle. Ich habe es vorgeführt und sie war ganz begeistert. Monsieur Rolland kann stolz auf mich sein. Ich habe zwei Trauringe und einen Brillantring verkauft.

Gayton, 17. August 1891

Seit gestern sind wir bei den Eltern. In zwei Tagen geht es mit dem Zug nach Edinburgh. Alle schwärmen von Schottland. In Liverpool leben jede Menge Schotten, so scheint es. Wir haben vier Reiseführer für Edinburgh und zwei für Glasgow angeboten bekommen. Ich lese mich schon ein.

Gayton, 22. August 1891

Den Reiseführer für Edinburgh habe ich bislang nicht gebraucht. Wir waren nur kurz in der Stadt. Wir haben uns auch ein anderes Hotel gesucht. Edinburgh ist sicherlich eine wunderschöne Stadt, aber wir haben das Land für uns entdeckt. Wir sind von Dorf zu Dorf gewandert. Victor hatte sich extra eine Karte besorgt. Es gibt auch Wanderungen, die man nur mit einem Führer unternehmen soll, weil die Wege durch gefährliche Moore verlaufen. Wir waren auf sicherem Terrain unterwegs, durch die baumlose Landschaft, an grünen und feuchten Wiesen vorbei. Es war aber anstrengend, herrlich anstrengend. Heute machen wir noch eine Pause und bleiben in unserem Gasthaus. Für morgen hat Victor aber schon eine neue Wanderung geplant. Am Montag fahren wir dann mit dem Zug nach Glasgow.

London, 25. August 1891

Ich fürchte, ich werde erst in Paris wieder richtig ausruhen können. Die letzte Woche war sehr anstrengend, die Highlands und dann Glasgow und wir waren immer in Bewegung. Die Zugfahrt von Glasgow nach London hat zwar die ganze Nacht gedauert, aber ich habe kein Auge zugetan. Ich bin etwas übermüdet und jetzt wollen wir natürlich auch London noch erkunden.

Paris, 30. August 1891

Victor geht seit gestern schon wieder zum Dienst. Ich habe noch frei. Zu Hause ist es jetzt richtig gemütlich. Den Salon nutzen wir nicht so oft, weil wir ja noch das Wohnzimmer im Obergeschoß haben. Madame Bernier hat eine Bemerkung gemacht. Sie hatte wohl mehr zu tun, als Vater und Mutter noch in Paris gelebt haben. Ich habe es schon geahnt, sie hat lange nichts gesagt, aber ich habe es ihr angesehen. Ich glaube sie will kündigen, ich bin mir fast sicher. Victor versteht sich ohnehin nicht so gut mit ihr. Jeanette lassen wir aber bestimmt nicht gehen und ich glaube auch nicht, dass die Gefahr besteht.

Paris, 3. September 1891

Als wir vor zwei Wochen in Gayton waren, hat Mutter mir eine Zeitschrift mitgegeben, das Strand Magazine. Es ist natürlich auf Englisch, sodass ich meine Übungen, die ich mit Mrs. Blys Reisebericht begonnen habe, fortsetzen kann. Im Strand Magazine werden die Artikel durch Illustrationen ausgeschmückt. Eine schöne Sache, denn dadurch wirkt alles sehr anschaulich. Ich habe vom Strand Magazine die Juliausgabe, die mit etwa hundertzwanzig Seiten recht umfangreich ist. Beim ersten Durchblättern bin ich gleich auf eine Geschichte gestoßen, die ich an zwei Nachmittagen gelesen habe. Sie handelt von einem Detektiv und seinem Freund, einem Arzt. Ich interessiere mich eigentlich nicht für Kriminalgeschichten, nur ist es hier etwas anders. Es ist wirklich spannend zu verfolgen, mit welchen Gedankenspielen und anhand welcher Auffälligkeiten der Detektiv das Geheimnis in der Geschichte gelöst hat, wie er am Aussehen der Kleidung oder kaum sichtbarer Spuren genau herausfinden konnte, was geschehen ist. Ich mag die Geschichte aber nicht nur deswegen, sondern auch, weil sie von einer intelligenten Frau handelt und es gerade wegen dieser Frau ein überraschendes Ende genommen hat.

Paris, 15. September 1891

Victor hat mir einen Wunsch erfüllt, wir sind ins Theater gegangen und ich habe endlich die große Bernhardt gesehen. Es war ein herrlicher Abend, wir sind zu Fuß gegangen. Es waren schon einige Kilometer, aber wir haben es gar nicht gemerkt, so schön war es, an der frischen Luft zu sein. Wir waren rechtzeitig am Theater und haben vor dem Glockenschlag noch etwas vom Buffet abbekommen und zur inneren Erwärmung Champagner getrunken, aber nur ganz wenig. Sarah Bernhardt war großartig. Wann immer mich jemand fragen wird, so hat mich ihre ausdrucksvolle Stimme besonders beeindruckt, noch mehr als ihr grandioses Spiel. Es war kein bisschen Routine zu merken, obwohl die Cléopâtre schon vor über einem Jahr Premiere hatte. Die Geschichte von Antonius und Kleopatra wurde Madame Bernhardt auf den Leib geschrieben. All dies ist nicht meine eigene Meinung, vielmehr habe ich von den Gesprächen der etwas sachkundigeren Theaterbesucher gelernt, obwohl ich es sicherlich jetzt bestätigen kann. Sarah Bernhardt war jedenfalls einzigartig, und wenn Victor auch nicht viel für das Theater übrig hat, habe ich ihm das Versprechen abgenommen, dass dies nicht unser letzter Besuch war. Es war schon sehr spät, schon nach Mitternacht, als wir das Theater endlich verlassen haben. Die Droschken haben schon gewartet, als wenn sie das Programm gekannt hätten und wir sind schließlich ohne Umwege zurück nach Hause gefahren.

Paris, 27. September 1891

In meinem letzten Brief habe ich Mutter gebeten, mir das Strand Magazine weiterhin zu schicken. Mit ihrer Antwort habe ich heute die Ausgabe für den August und den September erhalten. In beiden Heften wurden die Detektivgeschichten fortgesetzt, was mich unendlich freut und mir in den nächsten Tagen viel Vergnügen bereiten soll. Ich habe bereits herausgefunden, dass der Autor der Geschichten, ein Mr. Doyle, auch in Paris kein Unbekannter mehr ist. Es gibt zwei Romane, in denen die Leser bereits vor zwei Jahren Bekanntschaft mit Mr. Sherlock Holmes und seinem Freund und Biographen Dr. Watson gemacht haben. Sie sind hier in Paris natürlich auf Französisch zu erhalten, aber ich interessiere mich mehr für den englischen Text. Ich habe Mutter gegenüber schon entsprechende Wünsche geäußert und ich hoffe, sie wird in Liverpool fündig. Ob ich mir die französischen Ausgaben dann auch noch besorge, wäre zu überlegen.

Paris, 30. September 1891

Colonel Dubois wurde heute verabschiedet. Es ist schon länger davon die Rede, dass es keinen Nachfolger geben wird. Das Ressort soll mit einem anderen zusammengelegt werden. Wer dann Victors Vorgesetzter wird, ist noch nicht bekannt.

Paris, 14. Oktober 1891

Madame Bernier ist tatsächlich fort. Ich habe es Mutter geschrieben, aber sie hat es schon gewusst. Madame Bernier hatte sich sogar bei ihr beschwert. Es ist schade, aber nicht zu ändern. Jeanette lebt jetzt richtig auf. Sie ist viel verantwortungsbewusster geworden, seitdem Madame Bernier ihr nicht mehr vorsteht. Victor ist damit einverstanden, dass wir ihr Gehalt ein wenig aufbessern. Sie kauft jetzt ein und führt die Haushaltskasse. Victor meint, dass sie ganz gut rechnen könne und keine Fehler macht.

Paris, 26. Oktober 1891

Heute kam Victor mit einer guten und einer schlechten Nachricht nach Hause. Zuerst die gute Nachricht, mein Lieutenant hat die Aussicht, zum Capitaine befördert zu werden. Capitaine Victor Jasoline. Ich finde es klingt fantastisch. Aber halt, es könnte fantastisch klingen, denn da ist ja noch die schlechte Nachricht. In Paris gibt es für Victor vorerst keinen Posten als Capitaine. Anders wäre es, wenn er sich nach Nantes versetzen ließe. Es wäre nur für ein Jahr, dann könnte er wieder nach Paris zurückkehren und könnte im Stab eines Brigadegenerals unterkommen. Wir haben schon überlegt, ein Jahr ist doch recht lang. Wir müssen aus Paris fort, jetzt, wo wir das Haus umgebaut haben. Ich bin Victors Frau und wo er hingeht, gehe auch ich hin, das ist für mich selbstverständlich. Ich bin allerdings auch ein bisschen neugierig auf eine neue Stadt. Ein Umzug muss natürlich vorbereitet sein, auch wenn es nur für ein Jahr ist. Wir müssen in Nantes eine neue Wohnung finden. Ich kann nicht mehr bei Monsieur Rolland arbeiten und ich weiß auch nicht, ob er mich wieder nimmt, wenn wir nach diesem einen Jahr zurück in Paris sind. Jeanette haben wir auch noch nicht gefragt, ob sie uns begleiten will. Es wäre schade, wenn wir sie nun auch noch verlieren würden, jetzt wo sie ihre neuen Aufgaben so gut erledigt.

Paris, 1. November 1891

Mein schönstes Geburtstagsgeschenk ist Victors Beförderung. Ich will nicht zu übermütig sein, noch ist es ja nicht durch, aber es wurde ihm am Freitag noch einmal bestätigt und dass die Zeit in Nantes wohl nicht länger als sechs Monate dauern würde. Mir ist dies allerdings egal, ob sechs Monate oder ein Jahr, ich glaube es wird eine schöne Zeit. Der heutige Tag verspricht ebenfalls schön zu werden. Am Vormittag hatten wir schon reichlich Sonne, obwohl es etwas kühl ist. Wir werden meinen Geburtstag am Nachmittag in einem Café feiern, nur für uns und vielleicht ist ja auch ein Spaziergang im Park möglich.

Paris, 25. November 1891

Ich war nur ein paar Tage in Nantes und jetzt bin ich schon wieder in Paris. Es ist mir natürlich nicht über, aber uns fehlen noch einige Dinge aus unserem Pariser Haushalt, die wir jetzt doch mitnehmen müssen. Es begann mit Victors Dienstwohnung. Victor hat mich noch beruhigt, dass wir eine Wohnung gestellt bekämen. Er hatte sie sich Anfang des Monats schon einmal angesehen und war zufrieden. Ich habe einen kleinen Schreck bekommen. Die Wohnung liegt im Hafen, direkt über den Büros der Hafenkommandantur. Es gibt dort genau fünf Wohnungen. Es sieht alles aus wie in einer Kaserne. Victor war jahrelang nichts anderes gewöhnt, mich stört es aber, mit jungen Kadetten und ledigen Offizieren Tür an Tür zu wohnen. In der Tat wohnen dort nur ledige Herren, für die die Wohnungen groß genug sein mögen. Wir hingegen brauchen Platz für uns und Jeanette. Ein Schlafraum und ein Wohnzimmer, das auch noch die Küche beherbergt, reichen da nicht aus. Auch wenn es nur für einige Monate ist, muss es ein wenig Komfort besitzen. Es hat genau einen Tag gedauert, bis wir ein Haus gefunden haben. Es liegt in einer ruhigen Straße. Victor kann in zwanzig Minuten zu Fuß den Hafen erreichen, mit einer Droschke in nicht einmal fünf Minuten. Jeanette und ich haben gemeinsam entschieden und das war auch gut so, denn ihr muss es ja schließlich auch zusagen, wo sie der gute Geist unseres neuen Heimes werden soll. In Nantes war es in den letzten Tagen schon recht kühl. Ich hoffe nur, wir können die Nähe der Küste genießen, wenn es Frühjahr und Sommer wird.

Gayton, 29. Dezember 1891

Die Feiertage haben wir bei Mutter und Vater verbracht und werden sogar noch bis Neujahr in Gayton bleiben. Wir wissen ja auch nicht, wie oft wir im nächsten Jahr Gelegenheit haben, nach England zu kommen. Natürlich haben wir nicht nur Weihnachten gefeiert, sondern auch unseren ersten Hochzeitstag. Victor hat mir einen neuen Federhalter geschenkt. Er ist wunderschön, der Griff und die Feder sind vergoldet. Es ist wie ein Schmuckstück, nur praktischer, denn diese Zeilen hier entstehen schon mit meinem neuen Schreibgerät. In England werden die Weihnachtsgeschenke erst am Morgen des 25. Dezember verteilt und so haben wir es auch gehalten. Ich will gar nicht weiter aufzählen, was wir uns dann noch alles geschenkt haben, Vater, Mutter, Victor und ich. Nur eines möchte ich erwähnen, denn zu dem, was ich von den Eltern bekommen habe, gehörte auch das Strand Magazine mit dem neusten Holmes-Fall, den ich schnell verschlungen habe. Diesmal hat mich die Geschichte sogar zum Nachdenken gebracht. In Paris finde ich es fast selbstverständlich, den Bettlern ein paar Sous hinzuwerfen. Jetzt habe ich aber gelernt, dass ein Bettler gar nicht so arm sein muss, wie er sich in seinen schmutzigen und zerrissenen Kleidern gibt. Sherlock Holmes hat einen Bettler entlarvt, der sich in London ein Vermögen verdient hat. Seine Leiden waren lediglich vorgetäuscht. Auch wenn die Geschichte nur erdacht ist, so kann ich mir schon vorstellen, dass ein Sous zum anderen kommt, wenn jeder etwas gibt, weil er meint, dass es doch nur ein geringes Almosen ist. Die Zahl der Gönner steigt am Ende eines Tages vielleicht auf fünfzig, sechzig oder gar hundert an und so kommen leicht zwanzig oder dreißig Francs zusammen, eine anständige Summe, die über Tage und Wochen gerechnet, den Bettler wohlhabend machen kann. Die Bettler müssen sich künftig bei Mr. Doyle beschweren, wenn sie sich wundern, dass ich nicht mehr so freigiebig bin. Miss Hutchinson interessiert sich übrigens auch für den Holmes. Ich habe ihr das Heft geliehen und sie hat es mir schon am nächsten Tag zurückgebracht. Sie muss es nachts gelesen haben, denn am Tage hatte sie doch im Haushalt der Eltern genug zu tun.


1892

Nantes, 10. Januar 1892

Nantes ist doch so viel kleiner als Paris, es ist eine richtige Provinzstadt, aber das darf ich hier nicht so laut sagen. Die Leute sind sehr nett. Ich glaube manchmal zu spüren, dass ich ja eigentlich meine Wurzeln ganz in der Nähe, in der Bretagne habe. Wenn die Leute reden, hat es mich Anfangs immer an Vater erinnert, er spricht manche Worte noch heute genauso aus, wie es die Leute hier in Nantes tun. Victor hat jetzt mehr Verantwortung als noch bei seinem Dienst in der Kaserne. Er leitet eine Kompanie und hat hundertzehn Mann unter seinem Kommando. Seine Leute kontrollieren die Fracht- und Passagierschiffe, die in den Hafen einlaufen, und unterstützen dabei die Beamten der Zollbehörde hier in Nantes. Die Zollvorschriften sind doch recht kompliziert. Victor erklärt mir immer sehr viel. Ich glaube, ich werde noch zur Expertin. Das ging schon in Paris los, als er selbst noch nicht so viel über das Zollwesen wusste. Manchmal habe ich Angst, wenn er auf ein Schiff gehen muss, wenn er von einem bewaffneten Trupp begleitet wird und dabei hat er mir anfangs noch erzählt, dass er so etwas nicht tun müsse, dass er wie in Paris nur am Schreibtisch sitzen würde. Victor erzählt mir aber nicht, was bei einer Kontrolle passieren könnte und ich will es auch nicht wissen. Ich bin seit November in Nantes, eigentlich keine gute Jahreszeit. Das Wetter ist sehr schlecht. Zum Glück habe ich schnell Kontakt gefunden. Natürlich haben mich die Frauen von Victors Offizieren bei sich aufgenommen. Es gibt immer irgendeine Veranstaltung, besonders im Winter. Ich habe sogar bei der Organisation eines Weihnachtsbasars geholfen. Über Weihnachten waren Victor und ich ja in Gayton, bei Mutter und Vater. Jeanette hat die Feiertage in Paris verbracht. Ich bin immer noch so froh, dass sie uns nach Nantes begleitet hat.

Nantes, 22. Januar 1892

Eine kleine Zeitungsnotiz hat mich heute ein wenig erschreckt. Der Schriftsteller Monsieur Maupassant wurde in den vergangenen Tagen in Passy eingeliefert. Es gab einen Zusammenbruch, so schreibt das Blatt, demzufolge Monsieur Maupassant ärztliche Hilfe der entsprechenden Art benötigte. Jetzt weiß jeder, was dies bedeutet und dass es sich bei der ärztlichen Hilfe um die Heilanstalt des Dr. Blanche handelt. Ich hoffe nicht, dass Monsieur Maupassant verrückt geworden ist. Ach, was habe ich seinen Bel-Ami verschlungen, gerade in der Zeit, als ich Victor kennengelernt habe. Heute lache ich darüber, aber ich habe immer geprüft, ob Victor nicht Züge dieses Georges Duroy trägt und ob er wie dieser ein Doppelleben führt. Ich habe Victor davon erzählt und er hat nur gelacht, was mich noch misstrauischer gemacht hat. Ich war wirklich dumm und Victor musste mir versprechen, seinen Dienst niemals zu quittieren, um dann Journalist zu werden oder einen Beruf bei einer Zeitung zu ergreifen. Auf dem Kasernenhof gibt es keine Frauen, keine Damen, die sich als Mätressen anbieten, dort gibt es nur Männer. Bei einer Zeitung jedoch gibt es diese Versuchungen, wie ich überzeugt war, weil Monsieur Maupassant es mir im Bel-Ami so erzählt hat. Victor hat den Bel-Ami dann auch gelesen, um meine Gedanken und mein Misstrauen zu verstehen und er hat mich dann beschworen, nein, er hat mich sogar gewarnt, ihn jemals Bel-Ami zu nennen. Ach, wie lange ist das alles schon wieder her. Aber ich verbinde unser Kennenlernen, den Beginn unserer Liebe immer ein bisschen mit diesem Buch. Ich habe mich immer mit dem Bel-Ami begnügt und weiß gar nicht, welche Literatur Monsieur Maupassant noch hervorgebracht hat. Entweder werde ich mich diesbezüglich einmal umsehen oder ich belasse es, um den jetzt noch ungetrübten Eindruck nicht zu verfälschen.

Nantes, 2. Februar 1892

Zu Weihnachten habe ich vergeblich auf mein Buch gewartet, Mutter und Vater haben es in Liverpool einfach nicht bekommen. Vater war im Januar in London und hat es dort auch versucht. Es war in keiner Buchhandlung zu finden, weil es ausverkauft war. Erst einer von Vaters Geschäftspartnern hat mir dann zu meinem Glück verholfen. Das Heft, welches ich heute in Händen halte, ist zwar nicht mehr ganz so neu und hat auch gelitten, weil es eben nicht fest eingebunden ist, es lässt sich aber lesen. In Beeton’s Christmas Annual für das Weihnachtsfest vor über fünf Jahren ist die erste Holmes-Geschichte veröffentlicht worden und daher ist diese Lektüre auch so wichtig für mich, weil ich bis heute den Anfang von Mr. Holmes und Dr. Watson nicht kenne. Hier soll es mir jetzt offenbart werden, wobei ich sicher eine der Letzten bin, die es erfahren wird.

Nantes, 5. Februar 1892

Ich bin froh, dass Victor nach Nantes versetzt wurde und nicht zu einem Ort namens Werchojansk, an dem vor wenigen Tagen eine Temperatur von fast achtundsechzig Grad unter null gemessen wurde. Die Zeitung schreibt, dass dies jetzt der kälteste Ort ist, an dem Menschen leben. Da dieses Werchojansk im russischen Sibirien liegt, wird ein französischer Armeeoffizier wohl kaum dorthin versetzt werden. Ich muss überlegen, was die kälteste Temperatur war, der ich jemals ausgesetzt wurde. Mit Vater und Mutter bin ich im Winter einmal in der Nähe von Grenoble gewesen und wir sind auf einem See Schlittschuh gelaufen und es hat geschneit und es war auch sehr kalt, aber es war eigentlich nicht unangenehm, es hat mir sogar Freude gemacht. Ich war am Abend so herrlich erschöpft und hungrig. Es waren wohl nur wenige Grade unter null und es lässt sich bestimmt nicht mit der Kälte in diesem Werchojansk vergleichen. Ich frage mich, ob das Blut nicht gefriert, bei achtundsechzig Grad unter null. In Nantes zeigt das Thermometer heute sechs Grad Plus und es hat am Vormittag geregnet. Schneefall wäre mir allerdings lieber als dieser Regen.

Nantes, 16. Februar 1892

Heute Morgen bin ich im Bett geblieben, es ging mir nicht so gut. Jetzt langweile ich mich. Ich bin matt, kann aber auch nicht schlafen und zum Lesen habe ich auch keine rechte Lust. Jeanette ist einkaufen gegangen, Victor hat Dienst. Er wird ausgerechnet heute erst spät nach Hause kommen.

Nantes, 21. Februar 1892

Die letzten Tage waren verflixt. Einmal bin ich morgens wieder so matt und mir ist schlecht, dann geht es mir am nächsten Tag wieder hervorragend. Dieser Wechsel dauert nun schon fast eine Woche an. Ich mag ja kaum daran denken, aber ich glaube, ich erwarte ein Kind. Ich war bislang noch nicht bei einem Arzt, ich habe noch nicht einmal einen Arzt hier in Nantes. Es wäre natürlich unser größter Wunsch, wenn ich wirklich ein Kind bekäme. Ich weiß nicht, ob es albern ist, damit jetzt zu einem Arzt zu gehen, vielleicht sollte ich noch abwarten. Aber wenn es etwas anderes ist, wenn ich wirklich krank bin, dann muss ich doch zu einem Arzt gehen. Ich weiß nicht recht, noch ist mir ja nicht sterbenselend.

Nantes, 27. Februar 1892

Es ist wieder alles in Ordnung mit mir, mein Unwohlsein ist seit vier Tagen vorüber, als wenn nichts gewesen sei. Gestern hatten wir sogar Besuch von Tante Carla, Onkel Joseph und von Anne. Victor hatte den Nachmittag dienstfrei und so sind wir alle gemeinsam in die Stadt gegangen. Anschließend haben wir die Drei wieder zum Bahnhof gebracht. Vannes ist mit der Eisenbahn keine zwei Stunden von Nantes entfernt. Ich überlege mir daher, bald einmal einen Gegenbesuch zu unternehmen.

Nantes, 3. März 1892

Die Ruhe war trügerisch. Vor fünf Tagen war mir am Morgen wieder so furchtbar übel. Ich habe mir gleich einen Arzt empfehlen lassen und bin noch am Vormittag in die Sprechstunde gegangen. Natürlich war ich wegen einer möglichen Krankheit besorgt, doch insgeheim habe ich noch immer auf etwas anderes gehofft, die Anzeichen waren doch da. Ich bin zu meinem Unglück schnell eines Besseren belehrt worden. Der Arzt hat ein Fieber festgestellt, irgendeine Krankheit, die in diesen ungemütlichen Wochen in Nantes umgeht. Ich habe Bettruhe verordnet bekommen, Jeanette hat mich gepflegt und Victor ist die ersten beiden Tage nicht zum Dienst gegangen. Ich bin so dumm. Vor der Untersuchung wollte ich dem Arzt schon anvertrauen, dass wir uns ein Kind wünschen und welche Vermutung ich zu meinem Zustand hätte. Ich bin nur froh, dass ich es nicht getan habe. Ich komme mir so dumm vor. Zum Glück lässt die Enttäuschung langsam nach, auch weil ich mich auf dem Wege der Besserung befinde.

Nantes, 15. April 1892

Mutter hat geschrieben und uns einen Einblick in die neusten Ereignisse des Liverpooler Lebens gegeben. Vater engagiert sich jetzt in einem Fußballverein, der in Kirkdale ansässig ist und der schon seit Jahren auf einem angemieteten Platz seine Spiele austrägt. Vater und Mutter sind oft Zuschauer und auch Victor und ich haben es uns ein- oder zweimal angesehen. Der Fußballplatz wurde bislang von dem Vermieter zu einem vertretbaren Preis überlassen, was sich aber vor ein paar Wochen geändert hat. Die Miete wurde einfach horrende erhöht. Hier sah Vater eine Gelegenheit, als Gönner aufzutreten und versprach, für einen guten Teil der neuen Mietzahlungen aufzukommen. Die Vereinsführung war sehr dankbar, wollte sich aber auch nicht von dem Vermieter übervorteilen lassen. Es gab daher eine andere Entscheidung. Es wurde ein neues Gelände gefunden, ebenfalls in Kirkdale und daher nicht weit von dem alten Spielfeld entfernt. Das Gelände wurde kurzerhand gekauft. Der Fußballverein verspricht sich nun mit einem eigenen Spielfeld und den noch zu errichtenden Gebäuden und Buden mehr Unabhängigkeit. Da Vater nicht dazugekommen ist, die Mietlast zu mildern, weil es nichts mehr zu mieten gab, beteiligte er sich stattdessen an dem Kauf des neuen Fußballplatzes.

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 Im Buchhandel als eBook

Ströme meines Ozeans

ISBN 978-3-8476-2105-8

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