Leseprobe Kapitel 10

 Cover Fälschung 1400 Pixel

F Ä L S C H U N G

 

Roman

 

© 2007 Ole R. Börgdahl

11. Auflage

Titel der Originalausgabe: »Fälschung«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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10                Fälschung

Georg stieg aus seinem Wagen und überquerte den Parkplatz. Er hatte den Umschlag dabei, in dem sich die Dokumente befanden. Die beglaubigten Kopien des Zeitungsartikels vom Auckland Chronicle waren noch während seiner Abwesenheit per Post eingegangen. Es war jetzt einen Monat her, dass Florence an seine Zimmertür geklopft hatte. Er war am nächsten Morgen nicht zurück nach München geflogen. Es war noch nicht die Zeit dafür, es war jetzt alles anders, ganz plötzlich, obwohl es sich schon einige Zeit vorher angekündigt hatte. Er liebte Florence und sie liebte ihn. Sie waren beide noch ein paar Tage auf Tahiti geblieben. Sie wollten zusammen sein, ohne sich von irgendetwas stören zu lassen, sie wollten reden, sich kennenlernen, anders als sie sich zuvor kennengelernt hatten. Nach einer weiteren Woche auf Tahiti hatte Georg die Idee mit dem Hotel auf Moorea, Urlaub auf Moorea, Urlaub für Verliebte. Dann waren sie zurück nach Tahiti gefahren und hielten weiter aneinander fest, solange bis Georg endgültig fortmusste. Florence hatte mehrmals mit ihrem Bruder telefoniert. Es war ihr egal, dass er sich in dieser Zeit alleine um das Geschäft kümmern musste. Florence sollte es in wenigen Monaten nicht anders ergehen, wenn der Plan ihres Bruders aufging und er die Apotheke auf Tahiti übernehmen konnte. Florence nahm sich ihre Auszeit. Georg wusste allerdings nicht, was sie über ihn erzählte, er wusste nicht, ob ihre frische Liebe noch allein ein Geheimnis zwischen ihnen beiden war, es war ihm auch nicht wichtig. Es zählte die Zeit, die sie miteinander verbringen konnten. Sie wussten auch nicht, wann sie sich wiedersehen würden. Georg musste zurück nach München, aber er überlegte oft, ob er überhaupt etwas musste, außer mit Florence zusammen zu sein. Georg dachte jetzt an die letzten vier Wochen zurück. Es war gut, so wie er es gemacht hatte, wie sie es gemacht hatten. Es war wichtig für ihn und auch für Florence.

Georg hatte sich schon gestern mit Simon getroffen und einen ersten Bericht abgegeben. Heute sollte die große Besprechung stattfinden, heute sollte die Versteigerung des Gauguins geplant werden. Das Besprechungszimmer war voll besetzt. Edmund Linz, Heinz Kühler und auch der Kunstsachverständige Claudius Brahm saßen bereits an dem großen runden Tisch, als Simon und Georg den Raum betraten. Zur Begrüßung standen alle wieder auf. Georg sah sich um. In einer Ecke des Besprechungszimmers war die Staffelei mit dem Gemälde aufgebaut. Er ging hin und betrachtete sich das Bild. Er dachte kurz an Florence. Sie hätte das Original so gerne selbst einmal gesehen.

»Demnächst wirst du nicht mehr so dicht an das Bild herankommen, hoffe ich zumindest«, sagte Simon.

Georg sah ihn an. »Wie meinst du das?«

»Ich denke in einem Museum wirst du es nur noch hinter einer Absperrung betrachten können, oder du bekommst es gar nicht mehr zu sehen, wenn ein Privatsammler es kauft und es nicht ausstellt.«

Edmund Linz stellte sich zu ihnen. »Ich möchte mich bedanken, Herr Staffa, Sie haben gute Arbeit geleistet.«

Georg drehte sich zu ihm um. »Ich habe am Ende nur Glück gehabt, dass es doch noch so schnell ging, wo wir doch anfangs überhaupt keine richtigen Anhaltspunkte hatten.«

»Der Zufall hat hier wirklich eine große Rolle gespielt, keine Frage«, sagte Simon. »Es ging schon damit los, dass Madame Uzar die Fotografien von dem kleinen Mädchen gefunden hat.« Er zögerte kurz. »Aber letztendlich hat eiserne Recherche zu den wichtigsten Beweisen geführt. Also, meine Herren, lassen Sie uns zum Thema kommen. Wir werden heute das weitere Vorgehen zur Versteigerung des Gauguins planen.«

Simon wies auf den Besprechungstisch und sie setzten sich. Georg holte seine Unterlagen aus dem Umschlag, den er auf den Tisch gelegt hatte. Claudius Brahm saß neben ihm und beugte sich über den Zeitungsartikel.

»Herr Brahm, bitte prüfen Sie noch einmal die Unterlagen, die Herr Staffa mitgebracht hat«, forderte Simon ihn auf.

Claudius Brahm nahm die beglaubigte Kopie des Zeitungsartikels und blätterte die Seiten durch. »Ich kenne den Inhalt ja bereits. Ich denke es ist reine Formsache. Ich habe den Entwurf meines Gutachtens dabei. Ich habe noch einmal alles zusammengefasst, die Materialergebnisse, die Expertise und die Schlüsse, die sich aus den Dokumenten ergeben, die Herr Staffa ausfindig gemacht hat. Ich kann es Ihnen gerne erklären, bevor Sie es selbst lesen.«

Simon nickte. »Es wird uns ein Vergnügen sein.« Er blickte sich in der Runde um. Heinz Kühler, Edmund Linz und Georg stimmten zu.

»Gut, meine Herren, also dann ein kleiner Vortrag«, begann Claudius Brahm und lächelte. »Zunächst möchte ich auf das Thema Paul Gauguin einstimmen. Dies müssen Sie mir zugestehen, ich bin schließlich auch Kunsthistoriker und nicht nur Gutachter.« Er blickte jeden einzelnen kurz an. »Wie bei so vielen verkannten Genies hat auch Gauguin erst nach seinem Tod Anerkennung gefunden. Schon in seinem Todesjahr, 1903, gab es in der Galerie Vollard in Paris eine Gedächtnisausstellung, im sogenannten Herbstsalon. Im Jahre 1906 wurden dann in Paris über zweihundert seiner Werke gezeigt. Gauguin war zum Thema geworden. Plötzlich gefiel Gauguins Einstellung. Ein Bild darf nicht Abklatsch der Natur sein, sondern muss im Kopf des Künstlers entstehen. Dieser Ausspruch wurde zum Leitmotiv der gesamten Klassischen Moderne. Gauguin war plötzlich auch Vorbild. Ein Edvard Munch entwickelte Gauguins Holzschneidekunst weiter, ein Henri Matisse zelebriert den Rhythmus und die Farbigkeit in Gauguins Werken. Sogar der Jugendstil, also eine eigenständige Kunstrichtung, übernimmt das Schmückende und das Ornamenthafte, das sich bei Gauguin findet. Nicht zuletzt wären auch die deutschen Expressionisten ohne einen Gauguin oder einen van Gogh nicht so weit gekommen. Aber was sagt der Kunsthandel. In meinen Recherchen habe ich noch einmal belegt, dass es in der Vergangenheit immer wieder Gedächtnisausstellungen gab, in denen das Werk Gauguins gewürdigt wurde.«

»Wie sieht es mit dem Wert eines Gauguins aus«, fragte Edmund Linz unvermittelt. »Was kann so ein Bild einbringen.«

Claudius Brahm sah Edmund Linz an. »Nun gut, es ist klar, dass Sie so etwas mehr interessiert, als meine Huldigungen an den Meister.« Er lächelte. »Das Problem ist, dass ein Gauguin in letzter Zeit nicht auf dem Markt war. Wer einen Gauguin hat, der behält ihn auch.« Claudius Brahm stutzte. »Wenn er es sich leisten kann. Das Bild Maternité wurde vor nicht allzu langer Zeit verkauft, hiermit können wir uns natürlich nicht messen. Ich habe daher nur ein einziges repräsentatives Beispiel, es gibt das Bild Der Strand von Pouldu, La Plage du Pouldu, von 1889, das etwa drei Millionen Dollar eingebracht hat. Außer den aktuellen Verkäufen gibt es natürlich Schätzwerte von den Bildern der Museen und Privatsammler. Gauguin wird hier etwa mit zweidrittel des Wertes eines van Goghs beziffert, wir sprechen hier durchaus von mehreren zehn Millionen D-Mark, um die obere Bandbreite zu markieren.«

Simon unterbrach ihn. »Ich denke wir kommen ohnehin gleich noch einmal auf dieses Thema, ich bitte Sie daher, jetzt etwas zu unserem Bild zu sagen. Ich hoffe, Sie können sich noch gedulden, Herr Linz.«

Claudius Brahm nickte und sah kurz zu Edmund Linz hinüber. »Gut, einverstanden. Über Gauguins Stellenwert habe ich ja bereits informiert, nun zu dem Werk Julie des Bois aus dem Jahr 1902. Die Details der Materialergebnisse lasse ich fort, es ist alles authentisch, die Farben, die Leinwand, und es wurden auch keine Stoffe gefunden, die nicht auf ein Ölgemälde aus der Zeit der Jahrhundertwende gehören.« Er machte eine kurze Pause und holte Luft. »Die Art der Darstellung, der Malstil, die Pinselführung und auch das Motiv lassen auf Paul Gauguin schließen, französischer Expressionist und Begründer des Symbolismus und wofür er sonst noch steht. Dass er noch weitere Stilrichtungen aktiv oder indirekt beeinflusst hat, wurde ja bereits von mir erwähnt.« Claudius Brahm blickte Simon an. »Das Entstehungsdatum des Bildes, laut Signatur, und das Umgebungsmotiv passen zur Vita Gauguins. Es wurde mit dem vollständigen Namen signiert, was nichts Ungewöhnliches ist. Gauguin hat sowohl mit P.G. oder mit P. Gauguin als auch mit Paul Gauguin signiert und ich glaube, es gibt auch Arbeiten, auf denen einfach nur Gauguin zu lesen ist. Unser Augenmerk sollte sich aber auf die Jahreszahl richten. Im neunzehnten Jahrhundert tragen die Werke Gauguins ausschließlich eine zweistellige Jahreszahl, also ’89 für 1889, wie zum Beispiel auf dem Bild Die schöne Angele. Ab 1900 hat Gauguin ausschließlich mit vierstelligen Jahreszahlen signiert. Es wäre also ein grober Fehler und der Hinweis auf eine Fälschung, wenn unser Gemälde mit ’02 und nicht mit 1902 datiert wäre.«

Alle nickten und sahen zur Staffelei hinüber. Claudius Brahm wartete, bis er wieder die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer hatte, bevor er weitersprach.

 »Soweit zu diesen grundlegenden Fakten. Auf dem Bild ist nichts dargestellt, was Gauguin unbekannt war. Also kommen wir jetzt zu dem, was uns das Bild selbst nicht sagen kann. Zunächst einmal die Ausstellungshistorie des Objekts. Es ist nicht bekannt, dass das Bild jemals in einer Ausstellung gezeigt wurde. Hierbei werte ich die Rechercheergebnisse von Herrn Kühler, die er aus London von Tate und aus dem Victoria and Albert Museum mitgebracht hat oder besser gesagt nicht mitgebracht hat, weil es kein Material gab. Es liegt nahe, dass sich das Gemälde ständig in einer Privatsammlung befunden hat, wie auch in den letzten Jahren, seitdem es Eigentum von Herrn Edmund Linz ist.«

Edmund Linz richtete sich in seinem Stuhl unmerklich auf, als ihn Claudius Brahm direkt ansprach. Die anderen sahen zu ihm hinüber und Simon nickte zustimmend. Nach einer erneuten Pause setzte Claudius Brahm seine Ausführungen fort.

»Es liegen Beweise vor, dass es sich bei dem kleinen Mädchen, um eine Frau namens Julie Jasoline handelt. Als Kind hat sie mit ihren Eltern auf den Marquesas-Inseln in Französisch-Polynesien gelebt, und zwar nachweislich zu der Zeit, als sich der Maler Paul Gauguin ebenfalls dort aufhielt. Die Begegnung zwischen Maler und Motiv wird des Weiteren durch eine Zeugenaussage bestätigt, in der sogar konkret davon gesprochen wird, dass Paul Gauguin ein Bild von gewisser Julie Jasoline angefertigt hat. In dem Text steht eigentlich nur, dass Gauguin ein Bild von der Tochter des Victor Jasoline gemalt hat, aber das spielt keine Rolle. Julie Jasoline hatte zwar noch eine Zwillingsschwester, namentlich als Thérèse Pallet, geborene Jasoline, bekannt, sodass auch sie als Motivgeberin in Betracht käme, aber das sind nur Details, die nicht ganz so relevant sind.« Claudius Brahm machte erneut eine Pause und sah in die Runde. »Alle Urkunden sind entweder schon beglaubigt oder wurden von mir in meiner Eigenschaft als Gutachter beglaubigt. Fertig.«

Simon lächelte. »Wissen Sie, was toll ist«, sagte er unvermittelt. »Der Zeitungsartikel, den Herr Staffa für uns recherchiert hat, für den er bis nach Sydney gereist ist, an dem war mein Mitarbeiter, Herr Kühler, schon vor einigen Wochen dran, als er in London in den Historic Catalogues of the National Art Library gesucht hat. Victor Jasoline hat zwei Artikel zum Thema Impressionismus geschrieben, das heißt, zunächst hat er im Dezember 1926 einen Leserbrief verfasst. Dann folgte ein paar Wochen später, im Januar 1927 noch ein richtiger Artikel, der, den Sie jetzt vor sich liegen haben. Den Leserbrief hat Herr Kühler in der Datenbank gefunden. Er ist der Sache aber leider nicht weiter gefolgt, weil es keine Hinweise gab, dass das Dokument etwas mit unserem Gauguin zu tun hatte. Er hat aber wenigstens eine Kopie gespeichert. Erst in den letzten Tagen, als wir alles noch einmal durchgegangen sind, alle unsere Recherchen, auch die aus London haben wir den Zusammenhang erkannt. Fazit, wir hätten schon vor Wochen unseren Herkunftsnachweis gehabt, wie gesagt hätten.«

»Das ist ja gerade das Interessante an der Arbeit«, kommentierte Claudius Brahm. »Wir sind oft schon dicht an einer Sache dran und dann verliert sich eine Spur wieder. Wichtig ist, dass schließlich Herr Staffa diesen zweiten Artikel entdeckt hat, das Endergebnis zählt.«

Alle nickten zustimmend. Edmund Linz war mit seinen Gedanken aber woanders. Er hatte den Zeitungsartikel aus dem Jahr 1927 jetzt auch vor sich liegen. Er war an der Stelle, die Claudius Brahm vorhin zitiert hatte.

»Hier steht etwas von Skizzen, sketch painting, aber es handelt sich doch um ein Ölgemälde?«

Claudius Brahm räusperte sich. »Ein guter Einwand«, bestätigte er. »Aber Victor Jasoline schreibt auch, dass aus der oder den Skizzen ein richtiges Bild geworden ist. Der Begriff sketch ist nicht ausschlaggebend, wichtiger ist das Wort painting für Malerei. Es ist üblich die Wortfolge sketch painting für die Vorstufe eines Ölgemäldes zu verwenden, so findet es sich auch anderswo in der Literatur und so habe ich es auch interpretiert. Es ist ja auch die Rede davon, dass aus der Skizze erst ein Bild gemacht wurde, diesen Part in dem Dokument halte ich für wichtig, verstehen Sie.«

»Ich habe ja auch nur gefragt, weil ich sichergehen will, dass hinterher niemand genau auf diesen Punkt stößt«, erklärte Edmund Linz. Er sah Claudius Brahm an und lächelte. Dann sah er zu Simon Halter. »Entschuldigen Sie, aber wie sieht es eigentlich mit einer zweiten Expertenmeinung aus?«

»Das muss der Käufer entscheiden«, antwortete Simon. »Der Käufer hat das Recht, eine zweite Expertise erstellen zu lassen und unsere Beweise zu prüfen.«

Claudius Brahm nickte und Edmund Linz lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück.

»Gibt es sonst noch Fragen an den Gutachter?«, sagte Simon, als wenn sie sich vor einem Schiedsgericht befanden. Er ließ einige Sekunden vergehen.

»Also gut, wann können Sie uns das Gutachten aushändigen, Herr Brahm?«

»Morgen Mittag können Sie es in meinem Büro abholen lassen.«

Simon nickte. »Und nun zur wichtigsten Frage«, sagte er ruhig und sah kurz zu Edmund Linz hinüber. »Auf welche Summe empfehlen Sie das Mindestgebot für die Versteigerung?«

Claudius Brahm holte einen Zettel aus seinem Jackett und schob ihn zu Simon hinüber. Simon nahm das Papier und faltete es auseinander. Er sparte sich die Begründung für die Zahl, die dort geschrieben stand. Er sah erneut Edmund Linz an, der überrascht schien.

»Was heißt Mindestgebot, warum wird das jetzt schon festgelegt«, fragte Edmund Linz, noch bevor Simon die Summe nennen konnte.

»Es ist das Gebot, mit dem wir die Versteigerung beginnen werden. Das Gebot wird vor der Auktion veröffentlicht, so wissen die Bieter, woran sie sind, weiter ist es nichts.«

»Aber Sie beeinflussen die Leute doch damit. Ich möchte einfach nur den höchstmöglichen Preis für mein Bild erzielen.«

»Das werden Sie ja auch«, beschwichtigte Simon. »Jetzt hören Sie doch erst einmal, was Herr Brahm empfiehlt.«

Edmund Linz wollte noch etwas sagen, nickte dann aber. Simon wartete kurz, bis er sich wieder dem Zettel in seiner Hand zuwandte.

»Der Schätzwert für das Gauguin-Gemälde lautet sieben Millionen Deutsche Mark, wir erhöhen um zehn Prozent, sodass das Mindestgebot auf sieben Millionen siebenhunderttausend D-Mark stehen wird. Wie gesagt ist es das Mindestgebot, mit dem wir einsteigen.«

Georg hatte mit dieser Summe gerechnet, eigentlich hatte er sogar mit noch mehr gerechnet, aber es war ja auch nur der Einstieg und es konnte im Verlaufe einer Versteigerung auch ein zweistelliger Millionenbetrag werden. Der Gesichtsausdruck von Edmund Linz erhellte sich, obwohl er versuchte es zu unterdrücken.

»Sieben Millionen siebenhunderttausend«, wiederholte er die Summe. »Was bleibt da für mich?«

»Eine einfache Rechnung«, antwortete Simon. »Von den knapp acht Millionen bleiben Ihnen fünfundsiebzig Prozent. Unsere Kosten werden sich wohl ungefähr auf fünfhunderttausend belaufen. Da sind die Gebühren und Kosten der Auktion und die des Gutachtens enthalten, die Versicherung und andere Kleinigkeiten und natürlich auch das Honorar von Herrn Staffa. Sie sehen Herr Linz, ich bin ganz offen. Sie können sich also leicht ausrechnen, was Ihnen bleibt. Ein gutes, sehr gutes Geschäft für Sie, das Sie nur mit unserer Hilfe und unserem Engagement durchführen konnten.«

Simons Worte klangen etwas übertrieben, doch Edmund Linz hörte einige Sekunden lang nicht richtig zu. Er rechnete bereits, fünfundsiebzig Prozent, das waren nicht ganz sechs Millionen. Die Zahl hörte sich nicht sehr hoch an, aber sie zu haben, war besser, als von zweistelligen Millionenbeträgen nur zu träumen.

»Wie geht es jetzt weiter«, fragte Edmund Linz schließlich.

Simon hob die Hand und wies in Richtung seines Mitarbeiters. Heinz Kühler richtete sich in seinem Stuhl auf. Er war bisher nur Zuhörer gewesen. Er hatte einige Zettel vor sich liegen und begann nach etwas zu suchen. Er blickte schließlich auf.

»Die Versteigerung wird in gut zehn Wochen stattfinden. Und zwar am 25. September, einem Freitag. Der Veranstaltungsort wird das Kongresszentrum der AMS, der Assekuranz-München-Salzburg sein. Die AMS übernimmt auch die Versicherung des Gemäldes. Die Versicherungssumme wird noch ausgehandelt, und zwar auf Basis des Gutachtens von Herrn Brahm. Es ist aber üblich, etwa dreißig bis vierzig Prozent über dem Mindestgebotspreis zu versichern. Genau am Samstag den 5. September, also gut drei Wochen vor der Versteigerung, wird das Gemälde im Kongresszentrum der AMS ausgestellt. In der Zeit während der Ausstellung, also bis zum Versteigerungstermin, werden wir eine PR-Kampagne durchführen.« Dann schwieg Heinz Kühler einige Sekunden, bevor er fortfuhr. »Es gibt da noch eine Sache, die wir so gut wie klargemacht haben.« Er sah zu Simon hinüber.

»Nein, ist schon in Ordnung, erzählen Sie ruhig«, gab Simon sein Okay.

»Gut, also, wie der Zufall es so will, findet seit Mitte Juni im Folkwang Museum Essen eine Gauguin-Ausstellung statt. Die Ausstellung hat auch noch den treffenden Titel: Paul Gauguin – Das verlorene Paradies. Vielleicht haben Sie davon gehört?« Heinz Kühler sah kurz in die Runde, bekam aber keine Bestätigung. »Die Ausstellung läuft noch bis Mitte Oktober und zieht dann weiter nach Berlin, in die Neue Nationalgalerie, um dort bis Ende Januar nächsten Jahres gezeigt zu werden. Herr Halter und ich haben uns mit den Verantwortlichen der Neuen Nationalgalerie in Verbindung gesetzt. Wir waren natürlich sehr diskret, aber man hat uns versichert, Interesse an unserem Gauguin zu haben. Sie wollen das Bild in ihre Ausstellung integrieren. Der neue Eigentümer wird sich bei der Versteigerung dazu verpflichten müssen, den Gauguin für ein paar Monate der Neuen Nationalgalerie Berlin zu überlassen. Ich denke, das ist doch eine tolle Sache.«

Heinz Kühler hatte auf dem leeren Stuhl neben sich ein Buch liegen, das er jetzt auf den Besprechungstisch hob. Es war ein großer schwerer Band in weißgrau. Auf der Coverseite war das Gauguin-Gemälde »Contes Barbares« abgebildet. Er stellte den Katalog auf und hielt ihn in die Runde.

»Den Ausstellungskatalog gibt es natürlich schon«, kommentierte er, »weil die Ausstellung ja bereits in Essen läuft. Unser Gauguin kann daher also nicht mehr in den Katalog aufgenommen werden, was etwas schade ist, wenn ich an unsere Probleme zu Beginn dieses Falles denke.«

Alle nickten, außer Edmund Linz, der sofort etwas entgegnete. »Das verstehe ich nicht, warum ist das noch wichtig, wir haben doch jetzt einen schönen Herkunftsnachweis?«

»Das stimmt ja auch«, antwortete Simon, »und wir werden unsere Ergebnisse ja auch publizieren, sodass in alle Ewigkeit bekannt sein wird, dass unser Gauguin ein echter Gauguin ist.« Er atmete tief ein, bevor er weitersprach. »Ich hätte es nur gerne gesehen, dass dieses Bild in einem Ausstellungskatalog verzeichnet ist. Wenn eines Tages jemand nach London reist, so wie es mein Mitarbeiter Herr Kühler getan hat, um aus welchem Grund auch immer bei Tate oder in den National Gallerys etwas über das Gauguin-Werk Julie des Bois zu recherchieren, dann findet er wenigstens auch etwas.«

Claudius Brahm tippte auf den Katalog, den Heinz Kühler inzwischen in die Mitte des Besprechungstisches geschoben hatte. »Ich denke die Kollegen von der Neuen Nationalgalerie werden einen Flyer drucken lassen und ihn zusammen mit dem Katalog verkaufen oder weitergeben. Das ist zwar nur ein kleiner Trost, aber besser als gar nichts.«

»Auf jeden Fall ist unser Gauguin jetzt in einer namhaften Ausstellung positioniert«, fügte Heinz Kühler noch hinzu. »Dennoch ist es natürlich wichtig, dass bis zur ersten Pressekonferenz Anfang September weiterhin eine Art Nachrichtensperre gilt.«

Simon nickte. »Dieser Punkt ist wirklich sehr wichtig. Die Nachricht von einem unbekannten Gauguin soll einschlagen wie eine Bombe. Die Herren in Berlin wissen lediglich, dass wir einen Gauguin zu ihrer Ausstellung beitragen wollen. Wir werden erst auf der Pressekonferenz die Karten auf den Tisch legen. Die Einladung an die Journalisten und natürlich auch an die Vertreter der Neuen Nationalgalerie und des Folkwang Museums wird erst kurz vorher herausgegeben.«

»Eine PR-Kampagne?«, fragte Edmund Linz. »Ich möchte aber nicht, dass jemand meinen Namen erfährt, ich möchte nicht als Eigentümer des Millionen-Gemäldes bekannt werden.«

»Keine Sorge«, beschwichtigte Simon. »Es geht nur um den Gauguin selbst, die PR gilt nur dem Bild. Wir werden nach der Pressekonferenz Museen und bekannte Privatsammler anschreiben, selbstverständlich alles sehr gemäßigt und seriös. Sie müssen sich dabei um nichts kümmern, Sie müssen nicht einmal zur Pressekonferenz oder gar zur Versteigerung erscheinen, Sie können in Ruhe Ihr Geld verdienen.« Simon sah in die Runde.

»Ich habe auch eine Frage«, meldete sich Georg. Er wartete noch, bis alle ihn ansahen. »Herr Brahm, in Ihrem Gutachten sind ja nur die wesentlichen Beweise angeführt, die zu einem Herkunftsnachweis des Gauguin-Gemäldes führen. Was ist mit all den anderen Informationen, die wir gesammelt haben. Gehört es nicht auch zu der Geschichte des Gemäldes, was aus dem kleinen Mädchen geworden ist, wer sie war, ihre Lebensgeschichte, die Geschichte ihres Umfeldes? Und, ohne unbescheiden zu sein, ist es doch auch sehr interessant, auf welche Weise wir schließlich den Herkunftsnachweis entdeckt haben.«

Claudius Brahm lächelte. »Natürlich ist das von Bedeutung«, antwortete er. »Wenn das Bild eines Tages bekannter geworden ist, wird es auch Sachverständige geben, die über das Gemälde Aufsätze schreiben und die Verfasser werden sich dann sicherlich auch mit diesen Nebenthemen beschäftigen.«

»Siehst du, Georg«, fuhr Simon fort. »Das Haus Blammer wird natürlich alle Informationen, die du gesammelt hast und die wir nicht unmittelbar für den Herkunftsnachweis verwenden müssen, in einer ausführlichen Expertise zusammenfassen und dem Gemälde quasi als Begleitschreiben mitgeben. Außerdem planen wir selbst einen umfangreicheren Artikel in einer Fachzeitschrift zu platzieren, in dem wir die Geschichte des Bildes auch aus Sicht der beteiligten Personen bringen möchten.«

Georg nickte. »Ich würde mich gerne daran beteiligen, an diesem Artikel, es wäre mir ein persönliches Anliegen und ich denke, dass Florence es genauso sieht.«

»Gut, wir können ja noch einmal über dieses Projekt sprechen. Ich denke es berührt die Interessen von Herrn Linz nicht, wenn wir uns um diese Aufbereitung kümmern. Selbstverständlich wird auch hier sein Name nirgends auftauchen, das garantieren wir.«

Edmund Linz verstand nicht genau, was Simon sagen wollte. Für ihn war nur der letzte Satz wichtig, dass niemand erfuhr, wem der Gauguin einmal gehört hat, sodass er in der Tat seinen wirtschaftlichen Vorteil nicht in Gefahr sah. Er stimmte wortlos, nur mit einem Nicken zu.

 

*

 

An jedem Abend seit seiner Rückkehr hatte Georg mit Florence telefoniert, immer gegen 22:00 Uhr, so hatten sie es vereinbart und in den letzten zwei Wochen auch eingehalten. Um diese Uhrzeit war es Vormittag auf Nuku Hiva und Georg erreichte Florence heute in ihrem Büro, in der Apotheke. Er versuchte, ihr die Stimmung während der Besprechung im Hause Blammer zu vermitteln. Von den Beteiligten kannte sie nur Heinz Kühler und selbstverständlich auch Simon.

»Als Erstes hat der Sachverständige, ein gewisser Claudius Brahm vorgetragen«, erzählte Georg. »Der Gauguin wurde offiziell als echt begutachtet.«

»Was heißt offiziell?«, unterbrach ihn Florence.

»Dieser Claudius Brahm wird eine Expertise schreiben. Er ist vereidigter Sachverständiger, was natürlich furchtbar bürokratisch klingt. Es soll aber bedeuten, dass er nach Wissen und Gewissen für die Echtheit bürgt.«

»Und wenn er einen Fehler gemacht hat?«, fragte Florence, »kann er dann zur Verantwortung gezogen werden?«

»Ich weiß nicht, wie viel Verantwortung er tragen muss, sicherlich gibt es da irgendwelche Ausstiegsklauseln. Zum Beispiel, wenn man ihm falsche Tatsachen vorgespielt hat, er getäuscht wurde oder ähnliches, dann kann ein Gutachter nichts für sein Fehlurteil.«

»Aber er war sich absolut sicher, dass der Gauguin echt ist?«

»Ja das war er, er hat den Wert des Bildes sogar auf sieben Millionen D-Mark beziffert.«

Florence rechnete überschlägig. »Das sind ja mehr als dreiundzwanzig Millionen französische Francs«, stellte sie fest. »Und das bekommt alles dieser Edmund Linz?«

»Nicht ganz mein Schatz. Es werden genau fünfundzwanzig Prozent abgezogen, zweiundzwanzig Prozent für Blammer und drei Prozent für mich, als Prämie. Meine Auslagen und Spesen und natürlich auch mein Honorar habe ich dabei schon ausgezahlt bekommen.«

Florence rechnete erneut. »Dann bist du ja jetzt eine gute Partie.« Sie lachte.

»Das ist ja noch nicht alles«, erklärte Georg. »Das Mindestgebot für die Versteigerung wurde sogar auf sieben Millionen siebenhunderttausend D-Mark festgelegt, also noch ein Plus von zehn Prozent und das ist nur der Einstieg. Es kann durchaus noch mehr werden.«

Florence schwieg einige Sekunden.

»Bist du noch dran, Liebes?«, fragte Georg.

»Ja, ich bin noch dran. Ich habe nur an das Geld gedacht. Es ist natürlich eine schöne Summe, besonders für diesen Monsieur Linz, aber ich hätte lieber ein solches Bild, einen echten Gauguin, wenn ich es mir leisten könnte und nicht auf das Geld angewiesen wäre.«

»Das habe ich doch schon einmal von dir gehört«, antwortete Georg. »Dieser Edmund Linz wird wohl anders denken, er kann sich das Bild nämlich auch nicht mehr leisten, er muss es verkaufen, aber er wird sich mit den Millionen sanieren können, das ist sicher. Es stellt sich nur die Frage, wie viel letztendlich für ihn übrigbleiben wird, wenn er seine Schulden bezahlt hat.«

»Ich finde, dieser Mann hat uns viel zu verdanken«, lachte Florence.

»Oder wir haben ihm viel zu verdanken.«

»Das sehe ich anders. Wenn du nicht nach Nuku Hiva gekommen wärst, dann wäre ich wieder nach München geflogen und hätte dich mit Hilfe von Colette angebaggert, oder wie sagt man.«

»Weißt du was, genau das hätte ich dir auch zugetraut. Hey Schatz, ich vermisse dich.«

Florence seufzte. »Wir haben das Pech, dass es bei mir Morgen ist, wenn bei dir die Nacht anbricht.«

»Ich liebe dich, Florence. Ich kaufe dir ein Ticket und du besuchst mich hier für ein paar Wochen.«

»Ich würde es glatt machen. Vielleicht muss ich ohnehin ganz von den Marquesas fort, weil ich die Apotheke alleine nicht führen kann oder nicht will. Ich muss ja schließlich auch irgendwie ein Auskommen haben.«

»Das überlegst du dir noch, notfalls bin ich an deiner Seite.«

»Pass auf, ich nehme dich beim Wort, obwohl ich nicht weiß, was ich mit einem Rechtsverdreher anfangen soll. Einen Pillendreher könnte ich eher gebrauchen, aber du hast ja noch mitbekommen, es wird langsam ernst. Entweder schaffe ich es mit der Apotheke alleine oder ich verkaufe und folge meinem Bruder vielleicht nach Tahiti. Noël und ich müssen das in den nächsten Wochen klären, vorher kann ich hier nicht fort.«

Georg seufzte. »Ich muss in München auch nach dem Rechten sehen. Es ist nur erstaunlich, obwohl ich nicht in der Kanzlei war, lief alles ganz ordentlich, auch ohne mich, man ist eben ersetzbar. Ich habe zwei Partner, eigentlich brauchen sie mich nicht, um die Kanzlei am Leben zu erhalten. Meine Fälle hat einer der angestellten Rechtsanwälte übernommen.«

»Und das geht so einfach?«, fragte Florence.

»Gut, ich muss sagen, dass ich in der letzten Zeit keine neuen Klienten hatte, außer Simon, also das Haus Blammer, versteht sich. Außerdem, wenn man eine Kanzlei führt, eine Kanzlei mit allein fünf angestellten Anwälten, dann ist man mehr Unternehmer, als dass man selbst noch viel als Anwalt arbeitet. Ich habe natürlich auch meine Fälle, zumeist berate ich aber oder entscheide, wie der eine oder andere Klient behandelt werden soll, wenn es notwendig ist.« Er zögerte.« Florence, ich glaube mir fehlt in letzter Zeit die Lust auf meinen Beruf, obwohl ich viel zu tun habe. Naja, ich bin ja auch erst seit knapp zwei Wochen wieder zurück, klar, dass man da noch nicht richtig wieder im Thema ist.« Er zögerte erneut. »Ich werde mich auf jeden Fall dieses Jahr noch einmal von hier losmachen, das verspreche ich.«

»Ach, es ist zu schade. Wir hatten so wenig Zeit. Wenn du es nicht schaffst, dann nehme ich mir doch noch eine Auszeit, bevor mein Bruder die Marquesas endgültig verlässt, das ist er mir eigentlich schuldig.«

»Das brauchst du vielleicht nicht, ich werde ganz bestimmt kommen und dann bleibe ich sicher bis Weihnachten oder länger, mal sehen. Außerdem habe ich für uns beide eine kleine Aufgabe angenommen, die ich nur mit dir zusammen erledigen kann.«

»Eine Aufgabe?«, fragte Florence überrascht.

»Es hat auch mit dem Gauguin-Gemälde zu tun. Simon hat mich auf der Besprechung darum gebeten oder besser gesagt, ich habe darum gebeten, es zu machen. Und zwar sind in dem Gutachten des Sachverständigen natürlich nicht alle unsere Entdeckungen aufgenommen worden, weil für den Herkunftsnachweis nicht alles relevant ist.«

»Das habe ich mir fast schon gedacht«, sagte Florence. »Letztendlich war ja auch nur der Zeitungsartikel ausschlaggebend, oder.«

 »Richtig, so ähnlich hat es dieser Claudius Brahm auch gesagt. Ich habe daher angeboten, dass wir die Geschichte aus Sicht der Familie Jasoline aufschreiben und natürlich auch unseren Weg, hin zur Entdeckung des Herkunftsnachweises erzählen. Es soll eine Art Fachartikel werden, in dem wir alles aufnehmen können, meine Recherchen in Paris und Allaire, die Begegnung mit der alten Frau auf Ua Huka, die Sache mit dem Gedenkstein, das Treffen mit Jane und Alfred Dearst in Sydney und all die anderen Fakten.«

»Das klingt gut, lass uns gleich ein Buch über die Geschichte schreiben und dafür kommst du wieder zu mir auf die Marquesas.« Sie lachte.

»Eine gute Idee. Bevor wir damit beginnen, will ich in den nächsten Tagen aber noch einmal nach Frankreich, nach Paris, in die Rue Mandar zu Madame LaRosa. Ich möchte die Angelegenheit richtig abschließen und ich möchte ein Geschenk für dich besorgen. Mehr verrate ich nicht.«

 

*

 

Gestern hatte er mit Madame LaRosa telefoniert und ihr seinen Besuch für heute angekündigt. Das Taxi hatte ihn an der Rue Montmartre abgesetzt und er ging die Rue Mandar wieder zu Fuß bis zur Nummer 88. Er hatte die zweite Maschine von München aus genommen, um nicht so früh aufstehen zu müssen. Es ging daher schon auf Mittag zu, als er die Stufen zur Eingangstür hinaufstieg. Die Tür war nicht verschlossen. Er trat ein und ging zum Rezeptionstresen. Den Knopf der Klingel drückte er zweimal kurz. Die Küchentür am Ende des Flures wurde sofort aufgerissen und Madame LaRosa kam ihm strahlend entgegen.

»Ich freue mich so, Sie wiederzusehen«, sagte sie fröhlich. »Kommen Sie mit ins Wohnzimmer. Ich bin schon so gespannt.«

Georg folgte ihr ins Wohnzimmer. Madame LaRosa hatte bereits den Metallkasten bereitgelegt. Er hatte ihr schon angekündigt, dass er die Bilder aus Thérèse Pallets Nachlass noch einmal sehen wollte. Zunächst sah ihn Madame LaRosa aber gespannt an. Sie hatte Kaffee gekocht und einen Teller mit Gebäck auf den Wohnzimmertisch gestellt. Sie schenkte ein und Georg nahm einen Keks mit Schokoladenüberzug. Er biss einmal ab und legte das restliche Stück auf die Untertasse seines Gedecks. Er hatte seine Mappe dabei. Er hatte von all den Rechercheergebnissen, von den Fotografien und den Dokumenten, eine übersichtliche Collage angefertigt, die er jetzt auf dem Tisch ausbreitete. Madame LaRosa beugte sich kurz darüber, blickte dann aber wieder zu ihm in Erwartung seiner Ausführungen.

»Ich möchte zunächst einmal eine kleine Flunkerei aufklären und mich dafür entschuldigen«, begann Georg. »Es war schon richtig, dass ich nach Spuren der Familie Jasoline gesucht habe. Der Grund war aber nicht, dass eine Klientin von mir nach ihren Vorfahren gesucht hat. Ich bin vielmehr im Auftrag eines Münchner Auktionshauses unterwegs gewesen. Es ging um den Herkunftsnachweis für ein Kunstwerk. Die Schwester von Madame Pallet ist auf einem noch unbekannten Werk des Malers Paul Gauguin dargestellt.«

»Paul Gauguin«, wiederholte Madame LaRosa überrascht.

Georg nickte. »Ein Privatsammler wollte das Bild zum Verkauf anbieten, es war aber nicht eindeutig geklärt, ob es sich um ein echtes Gemälde handelt, es fehlte noch der Beweis ob Paul Gauguin jemals ein solches Bild gemalt hat.«

»Und diesen Beweis haben Sie jetzt erbracht? Und die alte Postkarte hat Ihnen dabei geholfen?«

»Ja, das ist richtig, es war einer der Schlüssel zum endgültigen Beweis.«

Er erzählte jetzt von Allaire, dass er das alte Sanatorium aufgesucht hatte, von Yvette Jasoline und davon, dass Thérèse Pallet und Julie Jasoline Zwillinge waren. Er berichtete von seiner Reise in die Südsee, von Sydney, von den Dearsts und schließlich von dem Zeitungsartikel, der am Ende das große Beweisstück war, der gesuchte Herkunftsnachweis für das Gauguin-Gemälde. Er nahm seine Collage zur Hand und zeigte die Fotografien und Daten in ihrer chronologischen Reihenfolge.

»Oh, das ist ja spannend«, entgegnete Madame LaRosa. »Dann hat Madame Pallet den berühmten Paul Gauguin vielleicht auch gekannt.«

»Ganz sicher sogar«, bestätigte Georg.

 Madame LaRosa dachte nach. »Ich muss mir überlegen, ob ich nicht vielleicht ein Paul-Gauguin-Zimmer hier im Hause einrichte, so etwas ist jetzt modern, Themen-Zimmer. Wäre das in Ordnung?« Sie sah Georg mit leuchtenden Augen an.

»Warum nicht, es spricht sicherlich nichts dagegen.« Er lächelte. »Sie haben wirklich eine Menge Fantasie.«

»Danke«, sagte sie etwas verlegen. »Ich muss halt auch mit der Zeit gehen.«

»Eine Frage ist allerdings noch offen«, erklärte Georg. »Aus unseren Unterlagen geht hervor, dass Madame Pallet den Nachlass ihrer Schwester Julie übernommen hat. Sie ist dazu im Jahre 1958 oder auch erst 1959 nach England, nach Liverpool gereist. Ich möchte Sie bitten, sich noch einmal zu erinnern. Gibt es nicht doch irgendetwas Persönliches von Madame Pallet? Ich meine weitere Briefe oder Unterlagen, irgendetwas. Oder haben die Behörden damals noch etwas erwähnt, dass sie sich zum Beispiel melden sollen, wenn sich einmal jemand nach Madame Pallet erkundigt?«

Madame LaRosa sah ihn an. Sie dachte nach. »Wir haben damals mit einem Immobilienmakler verhandelt. Er hat uns ein wenig von den Umständen erzählt, unter denen das Haus zur Versteigerung kam. Es war aber nichts Ungewöhnliches an der Sache, es ging nicht um irgendein Geheimnis. Sie haben einfach niemanden von den Angehörigen mehr gefunden. Mit den Behörden hatten wir nur zu tun, als es um den Grundbucheintrag ging. Ich muss Sie also enttäuschen. Sie müssen schon mit dem Nachlassgericht sprechen, um das zu erfahren, wonach Sie mich gefragt haben.«

»Danke. Ich bin mir dessen natürlich bewusst. Die ganze Angelegenheit interessiert mich nur persönlich. Ich bin auch davon überzeugt, dass das Nachlassgericht hier in Frankreich, alle Unterlagen bereits vernichtet hat, nach so langer Zeit.« Georg atmete tief ein und lächelte Madame LaRosa an. »Gut, dann wäre es das.«

Georg hatte seine Mission beinahe erfüllt. Er hatte Madame LaRosa über den Ausgang des Falles unterrichtet und er hatte sich noch einmal versichert, nichts übersehen zu haben. Sie tranken noch Kaffee und Georg erzählte ihr von Tahiti und den Marquesas-Inseln. Er erzählte jetzt auch von Florence und dass er in ein paar Wochen wieder auf Nuku Hiva sein wollte.

»Dann hat diese Julie, die Schwester von Madame Pallet, Sie beide in gewisser Weise zusammengebracht.« Madame LaRosa lächelte ihn an.

»In gewisser Weise schon, ja, diese ganze Geschichte hier. Aber ich habe Florence schon hier in München kennengelernt, noch bevor ich von dem Fall wusste.« Er machte eine Pause und musste selbst lächeln. »Ich möchte Florence, also Madame Uzar, etwas schenken, etwas, das uns immer an die ganze Sache erinnern soll.«

Sie sah ihn an und schmunzelte. »Es ist sicherlich etwas, bei dem ich Ihnen helfen kann«, sagte sie.

»Da haben Sie recht, Madame. Ich möchte Ihnen das Ölgemälde abkaufen, das Sie oben in einem der Zimmer hängen haben, das Bild vom Pont Saint Michel, das Thérèse Pallet gemalt hat, das sie signiert hat, vorausgesetzt, Sie wollen verkaufen.«

Madame LaRosa sah ihn an, als hätte sie geahnt, was er von ihr wollte.

»Ich zahle Ihnen auch dreitausend Francs«, sagte Georg schnell.

Sie lächelte. »Das geht nicht«, antwortete sie. »Ich kann von Ihnen kein Geld dafür nehmen, ich habe es selbst nicht bezahlen müssen, es lag im Müll und wäre dort auch geblieben, wenn mein Mann es nicht herausgeholt hätte, gegen meinen Willen, wobei ich heute natürlich froh darüber bin.« Sie lächelte. »Nein, ich möchte Ihnen das Bild schenken«, sagte sie energisch.

»Das kann ich wiederum nicht annehmen«, sagte Georg.

»Sie werden Probleme mit mir bekommen, junger Mann, wenn Sie mir meinen Wunsch abschlagen.«

»Dann zahle ich Ihnen ein Honorar«, schlug Georg vor.

»Ein Honorar, wofür?«, fragte Madame LaRosa überrascht.

»Ich bin für meine Arbeit bezahlt worden, ich habe ein Honorar bekommen«, erklärte Georg betont. »Da Sie mir wichtige Informationen gegeben haben, quasi für mich gearbeitet haben, muss auch ich Sie bezahlen.«

Madame LaRosa zögerte. »Nein, nein, das ist doch nicht richtig.«

»Doch, ich bestehe darauf«, sagte Georg er griff in seine Jackettasche und zog einen Umschlag hervor. »Ich lege das Geld hier in den Blechkasten, Sie können es ja spenden, oder sonst etwas damit tun.«

»Nein«, wiederholte Madame LaRosa. »Das ist wirklich nicht…«

Georg hatte den Umschlag bereits fallengelassen und den Deckel auf den Blechkasten gedrückt. Madame LaRosa sagte nichts mehr. Sie erhob sich und verließ den Raum. Nach einer Minute kehrte sie zurück. Sie hielt ein Paket in der Hand. Es war flach, mit grauem Packpapier eingeschlagen und mit Schnüren zusammengehalten.

»Was ist das?«, fragte Georg. Diesmal war er überrascht. »Das ist es doch wohl nicht…, so schnell konnten Sie unmöglich in den zweiten Stock hinaufsteigen, damit herunterkommen und es auch noch einpacken.«

Madame LaRosa nickte. »Doch, das konnte ich.« Sie lächelte. »Ich habe es irgendwie geahnt. Ich wusste, dass Ihnen die Pont Saint Michel gefällt. Ich habe es gestern Abend aus dem Zimmer geholt und schon einmal verpackt. Ihr Geld werde ich aber trotzdem nicht nehmen.«

»Ich habe es auch wieder aus dem Kasten genommen«, behauptete Georg und zwinkerte ihr zu.

Sie lächelte ihn an. »Nein, ich nehme es nicht, ganz bestimmt nicht.«

 

*

 

Georg hätte eigentlich schon am Abend zuvor wieder aus Paris zurück sein müssen, aber seine Maschine war ausgefallen und er hatte die Nacht in einem Hotel in der Nähe des Flughafens verbracht. Er war mehrmals in Versuchung gewesen, das Ölgemälde auszupacken, aber er wollte schließlich doch damit warten, bis er wieder zu Hause in München war.

Es war noch früher Vormittag, als er die Wohnungstür aufschloss. Er stellte seine Reisetasche in den Flur, legte das Jackett ab und brachte das Paket in die Küche. Georg wollte erst nachmittags in der Kanzlei vorbeischauen, jetzt hatte er noch etwas Zeit. Das Packpapier und die Schnüre legte er sorgfältig beiseite. Er brauchte die Sachen noch. Madame LaRosa hatte auch den Rahmen um das Bild gelassen. Es passte eigentlich nicht, aber Georg beließ alles so, wie es war. Als er das Gemälde zum ersten Mal gesehen hatte, dachte er, dass es an dem dunklen Zimmer lag, aber auch jetzt, im Neonlicht seiner Küche wirkte das Bild düster. Aber es war gut gemalt, keine Details, alles war nur angedeutet, die Pont Saint Michel, der Fluss und die Stadt, die sich über den Horizont erstreckte. Er besah sich die Signatur, »T. Pallet«, der Namenszug war schwungvoll gezeichnet, obwohl das »T« etwas krakelig wirkte, als wenn es nachträglich vor den Nachnamen gesetzt worden sei. Die Ziffern der Jahreszahl waren zwar deutlich zu erkennen, aber die Farbe darunter schien verwischt worden zu sein. Vielleicht hatte sie sich verschrieben und musste die Stelle abwischen. Georg nahm das Bild mit ins Wohnzimmer. Er stellte es auf ein Sideboard und lehnte es so an die Wand, dass es aufrecht stand und er es vom Sofa aus sehen konnte. Er sah auf die Uhr. Auf den Marquesas brach gerade die Nacht an. Er wollte eigentlich schon gestern Abend wieder mit Florence telefoniert haben. Jetzt würde er sie wahrscheinlich zu Hause erreichen. Er hatte ihre Nummern im Verzeichnis seines Telefons gespeichert und brauchte nur noch den richtigen Eintrag aus der Liste auszuwählen. Das Klackern und leise Summen, während die Verbindung aufgebaut wurde, war ihm schon vertraut. Das Freizeichen ertönte zweimal, bis Florence abnahm.

»Du bist spät«, sagte sie sofort, aber ohne jeden Vorwurf. »Du siehst, ich warte auf dich, ich habe mich schon zu sehr an deine Anrufe gewöhnt, wo ich doch im Moment nur deine Stimme habe.«

»Tut mir leid mein Schatz, der Flieger nach München ist gestern Abend ausgefallen. Ich bin erst heute Morgen wieder nach Hause gekommen.«

»Gestern?«, fragte Florence. Sie überlegte. »Ach ja, natürlich ich vergesse immer, bei dir fängt der Tag ja erst an. Okay.« Sie seufzte. »Dann warst du also gestern in Paris und wie war es nun?«

»Ich habe Madame LaRosa noch einmal nach den Briefen gefragt, ob es doch noch einen Nachlass gibt, bei den Behörden, ob sie von früher noch etwas weiß, darüber gehört hat, aber sie wusste leider nichts. Fazit ist, dass es in der Rue Mandar wohl keine Spuren mehr von Julie gibt.«

»Naja, eigentlich sind die Briefe wohl nicht mehr wichtig«, meinte Florence mit einem Seufzer. »Wir haben den Herkunftsnachweis für das Gemälde ja dann auch so gefunden, unabhängig davon, was noch in den Briefen gestanden hätte.«

»Mag sein, aber ehrlich gesagt, mich hätte es schon noch interessiert.«

»Mich doch auch«, antwortete Florence.

Sie schwiegen einige Sekunden. Georg hatte sich von der Couch erhoben. Florence hörte es klappern. Georg hatte das Ölgemälde, das auf dem Sideboard in seinem Wohnzimmer stand, in die Hände genommen. Den Telefonhörer hatte er sich dabei zwischen Kinn und Schulter geklemmt.

»Was machst du gerade?«, fragte Florence.

»Ach nichts, ich habe hier etwas. Ich habe dir aus Paris etwas mitgebracht. Ich sage dir noch nicht, was es ist. Ich werde es dir aber schicken. Es wird ein Paket sein. Ich werde es irgendwie als Luftfracht nach Nuku Hiva bringen lassen, damit es nicht so lange unterwegs ist. Ich muss mich nur noch erkundigen, wie das geht.«

»Du bist gemein«, sagte Florence lachend. »Komm schon, du kannst mir doch nicht sagen, dass du ein Geschenk für mich hast und dann muss ich warten, bis es bei mir eintrifft, das ist doch nicht fair«, schmollte sie.

»Nein, warte es ab, aber sei nicht enttäuscht, es ist keine Perlenkette oder ein teurer Ring von Dior. Es hat etwas mit den Jasolines zu tun, es soll eine Erinnerung sein. Mehr erfährst du aber nicht.«

»Keine Kette, kein Ring!« Florence lachte. »Schade, wirklich schade, aber warum erzählst du mir jetzt nicht, was es ist und bringst es mir dann im September mit? Das wäre doch einfacher und du hättest etwas gegen meine Neugierde getan.«

»Nein, nein, du willst mich nur austricksen, Liebes«, sagte Georg lachend. »Wenn ich dir jetzt sage, was es ist, dann willst du hinterher doch, dass ich es dir sofort schicke. Du musst dich leider gedulden, also lass mir bitte die Freude, warte auf das Paket, es sind ja nur ein paar Tage, vielleicht eine Woche maximal.«

 

*

 

Georg hatte sich für das Bild einen Transportbehälter besorgt. Im Luftfrachtzentrum des Münchner Flughafens gab es alles zu kaufen. Es gab einen Shop, in dem er das passende bekam. Es war ein verstärkter Kunststoffbehälter, der für drei ungerahmte Bilder passte. Er nahm die mittlere Größe, die für das Gemälde ausreichte. Den Rahmen hatte er jedoch an dem Bild belassen, sodass der Platz in dem Behälter fast ausgefüllt war. Die Dame, die ihm behilflich war, stopfte noch geriffeltes Papier in die Hohlräume. Das Ganze wog zusammen mit der Verpackung schließlich fast zehn Kilogramm. Die Sache war nicht billig. Bis nach Tahiti betrugen die Frachtkosten etwa fünfhundert D-Mark. Für den Rest des Weges nach Nuku Hiva kamen noch einmal zweihundert hinzu. Am Flughafen musste Georg dann alles noch dem Zoll vorstellen. Heinz Kühler hatte ihm die Formulare gegeben und sie mit ihm zusammen ausgefüllt. Der Zollbeamte war nicht sehr gründlich. Er besah sich lediglich den Behälter und prüfte die Papiere. Im Frachtzentrum würde der Transportbehälter ohnehin noch durchleuchtet und den Drogensuchhunden präsentiert werden. Es sollte vier Tage dauern, bis Florence das Paket am Flugplatz abholen konnte. In den Tagen darauf hatte er noch mehrmals mit ihr telefoniert. Das Bild war aber schließlich sechs Tage unterwegs.

 

*

 

Die Veranstaltung war nur Insidern bekannt. Edmund Linz gehörte eigentlich nicht zu diesem erlauchten Kreis, nicht mehr. Noch vor Jahren hätte er ganz bestimmt persönlich eine Einladung erhalten. Er hätte sicherlich keine Bilder gekauft, keine Kopien. Er liebte nur den Reiz von Originalen. Er hätte sich alles angesehen, mit Freunden und Geschäftspartner gesprochen, er hätte dazugehört und er hätte Geld gespendet, für irgendeine gute Sache, egal welche. Heute besaß er weder die finanziellen Mittel noch die Freunde und Geschäftspartner, aber er hatte plötzlich das große Interesse an Kopien bekannter Meisterwerke. Die Auktion fand alle zwei Jahre statt und war nur ein Programmpunkt der Abendeinladung eines Kulturvereins. Zu den anderen Programmpunkten gehörten ein kleines Konzert und ein ausgedehntes Dinner. Auf der Veranstaltung würde er sich wie eine Art Fremdkörper vorkommen. Noch vor wenigen Jahren hätte er zu diesen Leuten gepasst, die mit ihrem vielen Geld nicht wussten, welche karitative Leistung sie als nächstes unternehmen sollten. Die Auktion sollte etwa eine Stunde nach dem Dinner stattfinden. Die Auktion war eher klein, gemessen an den angebotenen Objekten. Es gab zwei Kategorien, ganz neue Bilder, die erst in den letzten zwei Jahren entstanden waren und Bilder, die auf früheren Auktionen bereits einen Besitzer gefunden hatten, der sich jetzt aber wieder von dem guten Stück trennen wollte. Die Angebote beider Kategorien waren begehrt, denn es gab immer genau nur eine einzige Kopie eines großen Vorbilds, mehr stellte der unbekannte Maler, der Künstler, nicht her, genau nur einmal. Aufträge an ihn konnten nicht erteilt werden. Es musste genommen werden, was kam. Eine weitere Einschränkung waren die Meister, die kopiert wurden. Es handelte sich ausschließlich um Claude Monet, Vincent van Gogh und Paul Gauguin. Der letzte Name hatte auch dazu geführt, dass Edmund Linz sich für die Veranstaltung zu interessieren begann. Es wurden also Kopien von Paul Gauguin angeboten. Ein Bekannter hatte ihm davon berichtet. Es war einer der letzten Kontakte, die Edmund Linz noch aus seinem alten Leben hatte. Sein Bekannter besaß selbst ein solches Bild, allerdings keinen Gauguin, sondern einen Monet. Edmund Linz hatte es bei ihren seltenen Treffen bewundert. Es war ein Landschaftsgemälde, nicht sehr bekannt, außer bei Kennern. Es zeigte am Horizont das Meer, eine Küste an der Normandie. Der Betrachter stand auf einem Weg durch die Getreidefelder bei Pourville, »Chemin dans les bles a Pourville«. Das Bild stammte von 1882 und die Kopie war perfekt, mochte man den Experten glauben und denen, die sich dafür hielten. Sein Bekannter hatte die Einladung zu Konzert, Dinner und Auktion, wollte oder konnte aber selbst nicht teilnehmen. Jetzt hatte Edmund Linz die Einladung. Es war ein Sonntagabend, als er seinen Wagen an der Straße zu dem großen Anwesen parkte. Er traute sich nicht, das Grundstück zu befahren, obwohl es dort extra einen Gästeparkplatz gab. Das Tor zur Einfahrt war geöffnet und er ging zu Fuß zum Herrenhaus, einer stattlichen Villa aus dem vorherigen Jahrhundert, das die passende Kulisse für das bevorstehende Ereignis bildete. Er hatte sich bemüht, nicht zu früh einzutreffen. Er wollte Gespräche mit den anderen Gästen vermeiden, die sicherlich im Gegensatz zu ihm nicht gescheitert waren. Er hatte auch Angst, dass der eine oder andere ihn noch kannte, seine Geschichte kannte. Vor der großen Eingangstür stand ein Angestellter, der dezent die Einladungen entgegennahm. Edmund Linz hatte seine Eintrittsberechtigung zunächst in seiner Wohnung liegengelassen. Er saß bereits im Wagen, als es ihm einfiel und er noch einmal ausstieg und zurückging. Zunächst hatte er nicht geglaubt, dass er sie wirklich benötigen würde, aber die Gastgeber legten anscheinend Wert darauf, dass ausschließlich geladene Gäste an der Veranstaltung teilnahmen. Ohne Befürchtungen ließ er sich daher kontrollieren. Sein Name wurde mit denen auf einer Liste verglichen. Sein Bekannter hatte sich erst zwei Tage zuvor abgemeldet und einen Vertreter benannt. Bevor der Vertreter Einlass fand, gab ihm der Mann des Empfangskomitees noch eine Nummernkarte, nicht irgendeine, sondern eine Nummer, die vorher schon für ihn bestimmt zu sein schien. Edmund Linz war kaum fünf Schritte in die Villa eingetreten, als ihm auch schon das erste Getränk angeboten wurde. Eine Dame vom Service ließ ihn einen Cocktail von einem Tablett nehmen und zog dann zu anderen Gästen weiter. Später war er froh, dass er wenigstens die eine Hand mit dem Glas beschäftigt hatte, als er durch die Menge der Gäste schritt. Jeder hielt seinen Cocktail fest und schien damit zu signalisieren, dass er dazugehörte. Dreimal gingen Kellnerinnen und Kellner mit Tabletts voller Getränke an ihm vorüber, bis ihn endlich auch ein Imbiss gereicht wurde. Es war die notwendige Vorspeise, denn die nächsten anderthalb Stunden gab es nur noch einen Ohrenschmaus. Er war einer der Letzten, die eingetroffen waren, denn keine zehn Minuten nach seiner Ankunft, wurden die Gäste in einen großen Saal gebeten, in dem in Reihen angeordnete Stühle vorbereitet waren. Er setzte sich in die Zweitletzte von sieben Reihen. Als die Musik begann, zählte er mit den Augen weiter und kam auf achtzehn Plätze pro Reihe. Es waren also über hundert Gäste, die sich hier versammelt hatten. Das Konzert langweilte ihn, Klassische Musik war ohnehin nicht seine Welt. Er glaubte Mozart und Beethoven herausgehört zu haben, wobei er eigentlich immer auf Mozart und Beethoven tippte. Es traten insgesamt drei Interpreten auf. Zuerst betätigte sich ein Jüngling am Klavier und anschließend spielten zwei nicht mehr ganz junge Damen auf der Geige oder Violine. Er nutzte die Zeit, um sich umzusehen, er kannte aber zum Glück keinen der anderen Gäste. Nach dem Konzert verließen die Leute den Saal wieder und begaben sich zurück in die Eingangshalle und in die angeschlossenen Räume, die er erst jetzt erkundete. Es gab noch eine Bibliothek, ein kleineres Esszimmer, das aber auch zwanzig bis dreißig stehende Gäste fasste und einen großen Wintergarten. Diesmal wurden nur Getränke gereicht. Er suchte nach etwas ohne Alkohol. Er dachte an seinen Wagen, den er heute noch selbst wieder nach Hause chauffieren wollte. Er lauschte einer Unterhaltung und wurde in seiner Annahme zumindest zum Teil bestätigt. Der Klavierakt war tatsächlich von Mozart, der Rest von Haydn und Vivaldi, also kein Beethoven. Bei Vivaldi musste er an Pizza und an das bevorstehende Dinner denken. Er stand mit drei Herren und zwei Damen in der Bibliothek. Die Damen hatten mit dem Thema Musik begonnen, sich aber nicht lange durchsetzen können. Einer der Herren sprach eine aktuelle politische Debatte an, die zurzeit die Gemüter in Aufruhr versetzte. Edmund Linz selbst vermied es immer, über Politik zu reden, über Politik und Religion, das war auch schon in seinen besseren Zeiten so. In dieser Gesellschaft war es aber anscheinend nicht für jeden ein Tabu. Er beteiligte sich erst an dem Gespräch, als die Versteigerung erwähnt wurde, die die Gäste nach dem Essen zu erwarten hatten.

»Ich besitze seit drei Jahren einen Monet«, brüstete sich ein Herr, der zuvor noch seinen Unmut über ein neues Steuergesetz geäußert hatte. »Ich kann Ihnen sagen, dass ich immer großes Erstaunen damit hervorrufe, man will nicht glauben, dass es nur eine Kopie ist.«

»Wer ist der Künstler, wer malt die Bilder?«, fragte Edmund Linz. »Oder ist es kein einzelner Künstler, ist es vielleicht ein Team, eine Werkstatt, die sich auf Gemäldekopien spezialisiert hat?«

»Es ist nur einer, so hat man es mir zumindest erklärt«, sagte eine Dame in einem rosa Kleid. »Und er signiert immer mit dem Kürzel S.L. immer direkt unter der Signatur des kopierten Meisters.«

»Wenn es überhaupt ein Er ist«, meinte ein Herr im Smoking, der sich zu ihnen umgedreht hatte. »Die Urkunden geben auch keine Klarheit.«

»Die Urkunden«, fragte Edmund Linz. »Was meinen Sie damit?«

Die Dame im rosa Kleid wandte sich an ihn. »Das ist ja erst der Clou«, erklärte sie. »Auf der Rückseite von jedem Bild ist eine Urkunde aufgeklebt. Es gibt eine Menge wissenswertes über die Kopie, über das Originalbild und es wird hier ausdrücklich versichert, dass es sich um eine Kopie handelt.«

»Die Urkunden sind so geklebt, dass sie sich nicht ohne Weiteres entfernen lassen«, erklärte der Herr im Smoking. »Es gab früher einmal eine Demonstration an einer Probeleinwand. Die Urkunde lässt sich nicht abreißen, ohne die Leinwand zu beschädigen, sie reißt unter Umständen ein.«

»Wofür soll das gut sein?«, fragte Edmund Linz überrascht.

»Es wird behauptet, die Kopien seien so gut, dass sie ohne die Urkunde glatt als Original durchgehen könnten«, meinte der Smokingträger. »Mit der aufgeklebten Urkunde ist somit zu hundert Prozent garantiert, dass es nicht zu einer Verwechselung mit dem Original kommt.«

»Das halte ich für vermessen«, tönte Edmund Linz.

»Sagen Sie das nicht«, erwiderte der Herr im Smoking. »Kennen Sie denn Han van Meegeren nicht.«

Edmund Linz schüttelte den Kopf. »Es ist hoffentlich keine Wissenslücke, wenn man noch nie von einem Meegeren gehört hat.«

Die Dame im rosa Kleid lachte und legte Edmund Linz die Hand auf den Arm. »Ich kenne ihn auch nicht«, sagte sie und wandte sich an den Herrn im Smoking. »Los Erich raus mit deinem Wissen, du Angeber.«

Der Smokingträger schaute kurz wie beleidigt, räusperte sich und legte dann los. »Also Han van Meegeren war ein Meisterfälscher.«

Was dann kam, war ein fast zehnminütiger Vortrag. Am Ende schüttelte Edmund Linz provokativ mit dem Kopf.

»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte er. »Und es soll heute noch Bilder von diesem van Meegeren geben, die nicht als Fälschung entlarvt worden sind. Aber ein Fachmann muss so eine Fälschung doch erkennen. Ich bin selbst Naturwissenschaftler. Es gibt genügend Untersuchungen, an den Farben, an der Leinwand, selbst am Holz des Rahmens. So perfekt kann eine Fälschung doch nicht sein.«

 »Sie können es glauben oder nicht«, sagte der Herr im Smoking. »Selbst namhafte Experten haben es nicht gemerkt. Ich weiß allerdings nicht, ob alle Untersuchungen durchgeführt wurden, von denen Sie gesprochen haben. Ich weiß nur, dass man sich sehr schwergetan hat. Es war sehr schwer, zu beweisen, welche Bilder van Meegeren überhaupt gefälscht hat und welche echt waren.«

Edmund Linz wollte noch etwas entgegnen, kam aber nicht mehr dazu. Die ganze Diskussion wurde schlagartig durch einen Gong unterbrochen. Die Gäste wurden wieder in den großen Saal zum Dinner gebeten. Jetzt klärte es sich auf, wofür am Empfang die Nummernkarten verteilt wurden. Der große Saal war umgebaut worden. Anstelle der Stuhlreihen waren runde Tische aufgebaut. An jedem Tisch fanden zehn Personen Platz, die Stühle waren dieselben wie noch beim Konzert. Jeder Tisch hatte in der Mitte eine Nummer und jeder Gast hatte seinen Tisch schon beim Eintreten in die Villa zugewiesen bekommen. Edmund Linz sah sich um, er hatte die Nummer sieben. Er fand den Tisch links von der Tür und er hoffte nicht mit den Leuten zusammensitzen zu müssen, mit denen er sich eben noch in der Bibliothek unterhalten hatte. Die Sitzordnung an den Tischen war nicht vorgegeben und darum wartete er, bis sich seine Tischnachbarn langsam eingefunden hatten. Es war gut gemischt, vier Frauen und fünf Männer. Man stellte sich vor und setzte sich. Edmund Linz wusste, dass er sich die nächsten ein bis zwei Stunden nicht vor der Konversation drücken konnte. Er war durchaus ein charmanter Gesprächspartner. Zu seiner linken saß eine junge Frau, fast noch ein Teenager und rechts ein Mann, etwa in seinem Alter.

»Woher kennen Sie den Gastgeber«, fragte eine Frau in die Runde.

Nacheinander kam jeder der Aufforderung nach. »Ich bin für einen Freund eingesprungen«, erklärte Edmund Linz, als er an der Reihe war.

In Erwartung, dass er einen Namen nannte schwiegen seine Tischnachbarn einige Sekunden. Edmund Linz sagte allerdings nicht, wer sein Bekannter war. Das junge Mädchen neben ihm lächelte in die Runde.

»Also, wer mich nicht kennt, ich bin die Tochter der Gastgeber«, sagte sie. »Ich habe mir meine Einladung quasi selbst gedruckt.«

Alle lachten und bedankten sich für das bis dahin gelungene Fest. An jedem Tisch bedienten zwei Kellner. Die Anzahl des Personals für diesen Abend musste enorm sein, es gab immerhin elf Tische. Das Dinner begann mit zwei Vorspeisen. Als Erstes brachten die Kellner grünen Spargel mit Lauchzwiebeln, Serranoschinken und Parmesan. Während die Gäste auf das Hauptmenü warteten, wurden noch belegte Maiscracker gereicht. Das Hauptmenü bestand aus Riesenscampi provençalischer Art auf rotem Linsengemüse und im Anschluss aus einer Putenkeule mit Curry-Nuss-Reis und Gemüse. Selbst das Dessert bestand aus zwei Gängen. Es wurde zunächst ein Himbeer-Tiramisu und zum Schluss eine bombastische Crème Brûlée mit Schokoladenzylinder und frischen Früchten gereicht. Für jeden Gast war die Menüfolge auf einem Kärtchen abgedruckt, das rechts neben dem Besteck lag. Die Getränke standen auf den Tischen, Rot- und Weißwein und Mineralwasser aber kein Bier oder Limonaden. Hier sah die Tischordnung vor, dass sich jeder selbst bediente, nur der Abschlusskaffee wurde wieder von den Bediensteten gebracht und serviert. Edmund Linz war von sich selbst überrascht, dass er beinahe alle Speisen aufgegessen hatte, auch das Brûlée. Nach genau einer Stunde und siebzehn Minuten erhoben sich die Gäste langsam wieder und verließen den großen Saal. Das Ritual wie vor dem Dinner, begann erneut. Alles verteilte sich wieder auf die Halle, die Bibliothek, das zweite Esszimmer und den Wintergarten. Die Armada der Kellnerinnen und Kellner hatte sich aufgeteilt und brachte Sherry auf Tabletts unter die Leute. Edmund Linz nahm auch ein Glas, an dem er aber nur nippte. Diesmal hielt er sich im Wintergarten auf, weil er seiner Tischnachbarin gefolgt war. Er hatte noch eine ganz bestimmte Frage an sie, war aber beim Essen nicht dazu gekommen. Sie stand mit anderen Gästen zusammen, die vom Alter her eher zu ihr passten. Edmund Linz war es zwar nicht gewohnt von jungen Leuten umgeben zu sein, er hatte aber keine Scheu sich zu der Gruppe zu stellen und zunächst den Gesprächen nur zuzuhören. Als er seine Chance sah, brachte er das Thema auf die anstehende Auktion. Er wandte sich direkt an die Tochter der Gastgeber.

»Sie sind doch sicherlich eine Eingeweihte«, sagte er verschwörerisch. »Die Versteigerung, steht da ein bekanntes Auktionshaus hinter?«

»Nein, es ist eine rein private Versteigerung«, antwortete sie. »Waren Sie noch nie dabei?«

Edmund Linz schüttelte den Kopf. »Ist das sehr schlimm«, sagte er lächelnd.

Sie lächelte. »Es ist so, dass Freunde ihren Freunden etwas verkaufen. Eine richtige Auktion ist es daher nicht, auch wenn es so aussieht und ein richtiges Auktionshaus haben wir natürlich auch nicht beauftragt, wir haben mittlerweile selbst genug Erfahrungen. Unser Fest findet jetzt schon zum dritten Mal statt.«

»Ja, und wer leitet dann die Versteigerung, wer ist für alles verantwortlich?«, fragte Edmund Linz.

Die junge Frau sah sich um. »Ach, Herr Schumann wird sich um den Aufbau kümmern«, sagte sie. »Vielleicht haben Sie ihn ja kennengelernt, Prof. Dr. Konrad Schumann, er ist oder war Hochschullehrer, ein älterer Herr, so um die sechzig, er trägt einen grauen, kurzen Vollbart und sein Haar, er hat eine hohe Stirn, oder wie sagt man.«

Edmund Linz schüttelte den Kopf. Er überlegte, ob ihm jemand unter den Gästen aufgefallen war, auf den die Beschreibung zutraf. Nein, er konnte sich nicht erinnern.

»Und wer ist oder sind die Künstler, die versteigert werden?«, fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte, aber er hoffte, dass die Kleine etwas wusste, was den anderen nicht bekannt war.

»Es sind immer Monets, van Goghs und Gauguins«, antwortete sie.

»Und wer hat die Kopien gemalt? Ist es ein einzelner Künstler oder stammen die Bilder von verschiedenen Malern und ist jemand von Ihnen heute auch hier?«

»Oh, das ist das große Geheimnis«, antwortete sie fast schon im Flüsterton. »Wir kennen den Künstler nicht, wir nehmen an, dass es nur einer ist, mit den Initialen S.L. spannend nicht wahr. Ich glaube das macht die ganze Sache auch so interessant für die meisten von unseren Gästen. Viele würden gerne erfahren, wer der Künstler ist und ihm den Auftrag geben, Bilder nach Wunsch zu malen. Professor Schumann blockt aber immer ab, wenn wir ihn danach fragen.«

Edmund Linz konnte sich immer noch nicht vorstellen, was so besonderes an den Ölgemälden sein sollte. Er hatte bisher zwar noch keines der Bilder gesehen, aber die einfache Kopie eines Meisterwerks konnte doch niemals solch einen Wirbel verursachen. Er sah auf die Uhr. Das Dinner war seit fast einer dreiviertel Stunde vorüber. Es ging auf 22:00 Uhr zu. Er hatte bestimmt nicht vorgehabt hier bis Mitternacht zu bleiben, aber der eigentliche Grund seines Besuchs ließ noch auf sich warten. Dann plötzlich kam Unruhe in die Gesellschaft, ein Gong erklang, derselbe, der schon zum Essen gerufen hatte. Als Edmund Linz in die Halle kam, sah er schon die weit geöffneten Türflügel zum großen Saal. Die Tische waren wieder beiseite geräumt, sie befanden sich gar nicht mehr im Saal und die Stühle waren wieder in Reihen aufgestellt. Als er den großen Saal betrat, sah er, dass in der hinteren Ecke ein Bereich abgegrenzt war. Dort standen zehn, nein zwölf Staffeleien, auf denen Ölgemälde gesetzt waren. Neben jeder Staffelei hing an der Wand ein großes Poster. Einige der Gäste schritten bereits die Galerie ab und sahen sich jedes der Bilder genau an. Edmund Linz reihte sich ebenfalls ein. Jetzt erkannte er, dass die postergroßen Fotografien das Original zeigten, dessen Kopie zum Verkauf stand. Das erste Gemälde war ein Monet. Es war vom Motiv her aufwendiger, als das Bild, das sein Bekannter besaß. Es war keine Landschaft, sondern eine Gartenszene. Das Schildchen unter dem Gemälde kündete von einem frühen Monet, es hieß »Das Mittagessen«, »Le Dejeuner« und stammte aus der Zeit um 1873. Er blieb wie gebannt davor stehen und verglich es mit der Fotografie des Original-Monets. Diese Technik, diese Details. Bei dem Landschaftsbild war dies alles noch nicht so hervorgetreten, doch die Darstellung des Gartens, des gedeckten Tisches und der Personen war schon erstaunlich. Jetzt verstand er so langsam, was die anderen Gäste meinten. Er ging ganz dicht an die Bildoberfläche heran, besah sich die Strukturen, die Farbgebung, den Malstil, suchte nach der Signatur, es war erstaunlich. Er konnte sich nicht länger an dem ersten Bild aufhalten, andere wollten auch etwas sehen. Es reichte ihm auch. Begierig ging er zu dem zweiten Gemälde, es war ebenfalls ein Monet, »Die Kirche von Varengeville im Gegenlicht«, »l’Eglise de Varengeville-sur-Mer«. Das Original stammte von 1882. Wieder staunte er, am liebsten hätte er eines der Bilder an Simon Halter gegeben, damit die Experten von Blammer ihre Meinung über das Werk abgeben konnten, er dachte an diesen Claudius Brahm. Die Menschen, die die Bilder hier bestaunten, waren Laien, aber was würde ein Fachmann sagen. An dem dritten Bild, wieder ein Monet, ging er vorbei, weil die Leute hinter ihm sachte drängten. Dann kam ein van Gogh, nicht das bekannte Sonnenblumenbild, aber ebenfalls ein Stillleben, mit dem Titel »Mohnblumen«, »Poppies«, von 1886. Van Gogh war viel auf Postern zu finden und auf Strukturdrucken, die Motive hatten mittlerweile eine Art Inflation durchlitten, doch bei diesem hier, war es anders, das hier war dem Original ebenbürtig. Es blieb nicht die Zeit sich jedes der zwölf Bilder genau anzusehen. Auf der siebten Staffelei erkannte er sofort einen Gauguin. Es war ein Landschaftsbild, »Les Alyscamps«, die Darstellung eines romanischen Gräberfeldes bei Arles. Das Original stammte von 1888. Das Bild hatte einen ganz anderen Charakter, als das Gemälde von dem kleinen Mädchen mit dem Sonnenhut. Es hatte auch ein anderes Format, es war um einiges größer. Edmund Linz blieb lange stehen und betrachtete es intensiv. Er konnte dieses Bild aber nicht mit seinem eigenen vergleichen. Er ging schließlich weiter. Das zehnte Gemälde war ebenfalls ein Gauguin mit dem Titel »Matamoe«, gemalt 1892. Es war bereits eines der Südseebilder, aber es war kein Portrait, sondern eher auch ein Landschaftsbild, mit Pfauen, Spaziergängern und einer holzhackenden Frau. Edmund Linz blieb an diesem Gemälde wieder lange stehen. Einige der Gäste, die ihm nachfolgten, stellten sich erst neben ihn und überholten ihn dann. Er wandte sich schließlich auch von der Gauguin-Kopie ab und sah sich noch kurz die letzten beiden Bilder an. Es war noch einmal ein Monet und das Letzte ein van Gogh, »Stillleben mit Bibel«. Neben der großen Bibel war ein zerfleddertes Buch dargestellt. Edmund Linz ging näher heran und konnte sogar den Titel und den Autor lesen. Es war Französisch, »La joie de vivre«, »Die Freude am Leben«, und stammte von Zola. Bevor er wieder zu den Stühlen ging, sah er noch hinter die Leinwand. Auf der Rückseite klebte tatsächlich ein Papier, eine Urkunde, leicht glänzend, soweit es im Halbschatten zu erkennen war. Den Text darauf konnte er von der Seite nicht entziffern. Er hätte sich die Urkunde gerne noch genauer angesehen, aber die Gäste begannen, sich langsam in die Stuhlreihen zu setzen. Diesmal nahm Edmund Linz in der zweiten Reihe Platz. Er wollte dem Geschehen, den Bildern ganz nahe sein. Vor ihm lag die Bühne, links die Bilder, in der Mitte ein Pult, hinter dem jetzt zwei Männer standen. Der eine, der sich als der Gastgeber herausstellte und der Vater der jungen Dame war, mit der Edmund Linz beim Dinner gesessen hatte, betätigte sich als Auktionator oder zumindest als derjenige, der die Gebote zuteilte. Er trug einen schwarzen Anzug mit einer auffälligen roten Fliege. Der andere Mann musste dieser Konrad Schumann sein. Er sah aus, wie ihn die junge Dame beschrieben hatte, nur noch ein wenig langweiliger. Die Tatsache, dass er Hochschullehrer war, ließ sich gut erahnen. Er trug ein Cordjackett und Cordhosen. Auf die Arme des Jacketts waren Ellbogenschoner aufgenäht. Mit seinem Aufzug passte er nicht zu den anderen Gästen, aber er war ja auch kein Gast. Er war um die einsachtzig und hatte einen leichten Bauchansatz. Er wirkte wie ein älterer Herr. Sein Gesicht war etwas blass, aber seine Körperhaltung wirkte aufmerksam und konzentriert. Edmund Linz sah ihn in den ersten Minuten nur von der Seite. Während Konrad Schumann noch schwieg, begann der Gastgeber schließlich über das Prozedere der folgenden Auktion aufzuklären.

»Liebe Gäste und Freunde. Wie immer gibt es keine Bieterkarten, heben Sie einfach die Hand für ein Gebot und testen Sie mich, ob ich noch Ihren Namen kenne. Wen ich aber nicht kenne, und entschuldigen Sie, dass dies natürlich auch vorkommen kann, also, wen ich nicht kenne, den benenne ich einfach nach seinem Aussehen.«

Der Gastgeber sah sich um. In der vordersten Reihe, nicht weit von Edmund Linz, saß eine Dame im roten Kleid. Der Gastgeber ging auf sie zu und blieb vor ihr stehen.

»Das wäre dann die Madame in Rot.«

Die Gesellschaft lachte. Edmund Linz verstand zunächst nicht warum. Erst später erfuhr er, dass die Angesprochene, die Ehefrau des Gastgebers war. Der Mann fuhr mit seiner Erklärung fort.

»Wenn Herr Schumann jemanden des Gebotes bezichtigt, ist das bindend, es sei denn, sie oder er schüttelt unmittelbar nach Aufruf deutlich den Kopf. Das Mindestgebot wird von Herrn Schumann immer vorher ausgerufen. Jedes Handzeichen erhöht das jeweils letzte Gebot um hundert D-Mark. Ab einem Gebot von fünftausend D-Mark, gehen wir dann in Schritten um jeweils fünfhundert D-Mark höher, um die Spreu vom Weizen zu trennen.«

Erneut lachten die Gäste und es dauerte einige Sekunden, bis wieder Ruhe herrschte. Der Gastgeber fuhr fort.

»Ich überwache alles und sorge dafür, dass es fair zugeht, aber ich glaube das ist unter uns doch selbstverständlich.« Er hielt kurz einen Holzhammer in die Höhe, der auf seinem Pult gelegen hatte. »Dies ist der Auktionatorhammer. Bei einmal Schlagen wird es interessant. Beim zweiten Mal schon gefährlich. Beim dritten Schlag zücken Sie bitte Ihr Portemonnaie.« Er sah sich lächelnd um. »Ich hoffe, Sie haben alle unsere kleinen Regeln verstanden. Ach ja! Der Obolus für die ersteigerten Objekte ist sofort zu entrichten. Wir nehmen natürlich auch Schecks, aber Ihr guter Name reicht uns natürlich nicht, da müssen Sie schon mehr bieten.«

Der Gastgeber zog sich hinter das Pult zurück. Konrad Schumann klatsche, drehte sich erst jetzt richtig zu den Gästen um und schwieg einige Sekunden, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Sein Blick ging über die Stuhlreihen. Edmund Linz sah ihn gebannt an. Er hatte noch die Rede des Gastgebers im Ohr, aber irgendetwas irritierte ihn. Er sah Konrad Schumann genau an. Kannte er diesen Mann? Er überlegte noch einmal. Schumann, nein Prof. Dr. Schumann, nein. Sicherlich kannte er einige Leute mit diesem Namen, aber keiner von ihnen war mit Prof. Dr. Konrad Schumann identisch. Es vergingen einige Sekunden, in denen Edmund Linz nachdachte. Das Raunen im Saal verstummte langsam.

»Danke, danke, dass Sie mir heute die Gelegenheit geben…«

Es waren diese ersten Worte des Mannes, der jetzt vor den Gästen stand und sprach. Es hallte in Edmund Linz Ohren nach. Diese Stimme kannte er, genauso wie das Gesicht des Mannes. Er nahm nicht mehr wahr, was Konrad Schumann sagte, sondern hörte nur noch den Klang seiner Stimme.

»…einmal wieder die hervorragenden Arbeiten zu präsentieren, die den großen und alten Meistern würdig sind…«

Konrad Schumann kam ohne Umschweife auf das erste Bild zu sprechen. Er erklärte das Motiv, erzählte Anekdoten über die Entstehung und rühmte den Ort, an dem das Original hing. Mit Beginn seiner Rede hatten zwei Bedienstete die Staffelei weiter nach vorne geschoben, sodass das Bild jetzt im Mittelpunkt der Szene stand. Edmund Linz nahm diese Bewegungen nicht wahr. Er starrte nur Konrad Schumann an. Er bekam auch nicht den Beginn der Auktion mit, das Abgeben der ersten Gebote. Er sah ausschließlich den alten Mann dort vorne vor ihm. Konrad Schumann hatte sich nicht verändert, glaubte Edmund Linz zumindest. Die Erinnerung war da, auch wenn sie nur auf sehr wenigen Eindrücken basierte.

Die beiden Männer hatten sich einmal am Telefon gesprochen und genau einmal getroffen, und zwar in Edmund Linz’ Haus. Es war sieben oder acht Jahre her und seit dieser Zeit besaß Edmund Linz ein vielversprechendes Ölgemälde von Paul Gauguin, ein Bild, an dem heute all seine Hoffnungen hingen und das ihm in wenigen Wochen all seine finanziellen Probleme abnehmen sollte. Er hatte den Gauguin von diesem Mann gekauft, der jetzt nicht weit von ihm stand und dem Publikum einen Monet anpries, einen gefälschten Monet, eine Kopie, für die bereits die ersten Gebote ausgerufen waren.

 

*

 

Edmund Linz versank unmerklich in seinem Stuhl. Seine Gedanken gingen einige Jahre zurück. Es gab noch viele Freunde und Geschäftspartner, die seine Leidenschaft kannten. Irgendjemand hatte den Tipp gegeben und Konrad Schumann hatte sein Angebot unterbreitet. Zunächst telefonisch und dann hatten sie sich verabredet. Bereits beim ersten Gespräch hatte Konrad Schumann angedeutet, worum es ging, aber am Telefon ließ sich schlecht abschätzen, ob alles so stimmte, was er behauptete. Konrad Schumann kam allein, wie vereinbart. Edmund Linz sah sein Gesicht, sein Aussehen von damals, jetzt ganz genau vor sich und er hörte kurz die Stimme, die aus dem Heute kam und die die Gebote ausrief. Dann versank Edmund Linz wieder in seine Gedanken, er war wieder in dem prächtigen Haus, das er einst besessen hatte. In dem Holzkoffer befand sich das Objekt. Konrad Schumann setzte sich auf den angebotenen Sessel, behielt die Hand aber immer noch fest am Griff des Holzkoffers. Edmund Linz setzte sich ihm gegenüber. Sie sahen sich erst an, dann wanderte Konrad Schumanns Blick durch das Zimmer. Es war beinahe wie ein Salon eingerichtet, teure Möbel, Vasen, Skulpturen, alles sehr geschmackvoll arrangiert. Es kam Bewegung in den Holzkoffer. Konrad Schumann deutete auf den Tisch. Edmund Linz verstand und nickte. Der Gast legte den Holzkoffer auf die mit Keramikfliesen besetzte Tischoberfläche. Es war ein mittelgroßer Atelierkoffer, zur Aufbewahrung von Bildern, Zeichnungen, Skizzen und kleinformatigen Ölgemälden. Der Koffer hatte zwei Schnappverschlüsse, die Konrad Schumann mit seinen Daumen entriegelte. Die Schnapper schnellten hoch und er öffnete den Deckel. Er klappte ihn ganz weit auf, sodass er auf der Tischplatte zum Liegen kam. Edmund Linz blieb dabei ruhig sitzen. Er beugte sich nicht vor. Er sah nur die ganze Zeit seinem Gegenüber ins Gesicht, beobachtete seine geschäftige Miene. Dieses intensive Beobachten musste mit ein Grund dafür sein, dass Edmund Linz den Mann jetzt wiedererkannte. Er brauchte gewöhnlich einige Treffen mehr, um sich das Gesicht von Menschen einzuprägen, um sie später wiederzuerkennen. Konrad Schumann nahm das Tuch heraus, das den Gegenstand bedeckte. Mit den Fingerspitzen griff er seitlich in den Koffer und hob das Bild heraus. Er drehte es und hielt es vor seine Brust. Edmund Linz rührte sich noch immer nicht. Er sah sich das Bild aus der Entfernung an. Er musste seine Emotionen unterdrücken. Dann erhob er sich plötzlich. Er hatte etwas vorbereitet. In der Ecke des Zimmers stand an der Wand gelehnt eine zusammengeklappte Staffelei. Edmund Linz nahm die Staffelei und zog sie auseinander. Er trug sie zu einer halbhohen Säule, auf der eine Vase stand, die von einer Deckenlampe angestrahlt wurde. Er nahm die Vase vorsichtig von ihrem Sockel und stellte sie auf den Boden. Den Sockel stellte er ebenfalls zur Seite. Er richtete die langen Enden der Staffelei aus, sodass die Deckenlampe genau auf die Ablageleiste der Staffelei zielte. Konrad Schumann erhob sich, brachte das Bild zu dem vorbereiteten Platz und setzte es auf der Ablage. Er trat einige Schritte zurück und überließ dem Hausherrn das Terrain. Edmund Linz zögerte zunächst, stellte sich dann aber so vor das Bild, dass seine Statur den Strahl der Deckenlampe nicht unterbrach. Vor ihm auf der Staffelei stand ein Ölgemälde. Das Format war quadratisch, nicht mehr als fünfzig mal fünfzig Zentimeter. Es war das Portrait eines Kindes, eines kleinen Mädchens. Sie trug einen Sonnenhut und sie lächelte den Betrachter verlegen an. Im Hintergrund des Gemäldes waren einige Objekte abgebildet, die einen Hinweis auf den Ort gaben, an dem sich das Kind aufhielt. Es war ein Meer zu sehen, gemalt in einem starken Blau, und ein Strand mit fast gelbem Sand und gesäumt von tiefgrünen Palmen. In bunten Farben lag ein Fischerboot am Strand, den Kiel in den Sand gebohrt. Eigentlich waren die Farben nur noch zu erahnen und nur durch das Licht der Deckenlampe in ihrer Ausstrahlung geweckt. Die Bildoberfläche war stark verschmutzt. Die Kunst eines Restaurators wurde an diesem Gemälde schon sehr lange nicht mehr ausprobiert. Edmund Linz ging jetzt mit dem Gesicht dicht vor das Gemälde. Er konnte leichte Crackelierungen erkennen, feine Risse, die die Ölfarbschicht durchzogen. Sie waren nicht überall, nur in einigen Bereichen. Edmund Linz besah sich die Bildoberfläche mit den Augen, sah sich einige Details an. Die Ausführung des Hintergrunds, die feinen Linien, mit denen der Sonnenhut gezeichnet war und das Gesicht des Mädchens, das glatt und rein erschien. Dann nahm er das Bild von der Staffelei. Er hielt es so zwischen seinen Händen, wie zuvor Konrad Schumann. Er drehte es auf die Rückseite. Die Leinwand hatte Flecken, das Holz des Rahmens war nicht vollständig von der umgeschlagenen Leinwand verdeckt. Das Holz schimmerte im Licht des Deckenfluters grau und wirkte sehr trocken. Er stellte das Bild wieder ab. Erst jetzt betrachtete er sich die linke untere Ecke des Gemäldes. Er hatte es gleich beim ersten Blick auf das Bild gesehen. Es stimmte also. Wieder beugte er seinen Oberkörper nach vorne und ging mit dem Gesicht ganz dicht heran. Der Schriftzug lag ebenfalls unter einem schmutzigen Firnis. Es waren zwei Zeilen. Edmund Linz stellte sich wieder aufrecht und sah zu Konrad Schumann hinüber, der regungslos die bisherige Begutachtung beobachtet hatte.

»Sie wollen mir also tatsächlich einen Gauguin verkaufen? Woher stammt er, woher haben Sie den?«, fragte Edmund Linz ganz ruhig.

»Privatbesitz«, antwortete Konrad Schumann. »Umständehalber zu verkaufen. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, vertrete ich die Interessen eines Sammlers, der sich von dem Bild trennen muss.«

An genau diese Worte konnte sich Edmund Linz plötzlich sehr gut erinnern: »Umständehalber zu verkaufen.« Das, was ihm vor Jahren den Gauguin eingebracht hatte, die Not seines Vorbesitzers, war jetzt auch sein eigenes Schicksal. Umständehalber zu verkaufen von einem Sammler. Edmund Linz war damals auch begierig, neben dem Gauguin noch andere Werke zu bekommen, das fiel ihm jetzt ebenfalls wieder ein.

»Es gibt also eine Sammlung. Warum haben Sie mir dann nur dieses eine Bild angeboten?«, fragte er.

Konrad Schumann zuckte mit den Schultern. »Ich habe nur den Auftrag, genau dieses eine Bild zu verkaufen. Ob es tatsächlich eine Sammlung gibt, und ob sie ebenfalls veräußert wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Alles was ich weiß, hat mir mein Auftraggeber so mitgeteilt, wie ich es Ihnen gerade erzählt habe. Und ich habe fast schon zu viel gesagt, wenn ich ehrlich bin.«

»Woher weiß ich, dass das Bild echt ist, dass Sie mir hier keine Fälschung andrehen wollen?«, fragte Edmund Linz weiter. »Was ist mit einem Herkunftsnachweis?«

»Gibt es nicht. Das Bild wurde niemals ausgestellt. Alles, was es gibt, ist eine Expertise. Stil und gewählte Symbolik entsprechen dem, was Gauguin in den Jahren 1889 bis zu seinem Tode im Jahre 1903 unter Kunst verstand.«

Der Herkunftsnachweis. Edmund Linz hörte kurz wieder Konrad Schumanns Stimme, wie er ein Gebot nannte. Der Herkunftsnachweis war schon damals ein Thema. Das Haus Blammer hätte den Gauguin ohne Herkunftsnachweis nicht angefasst, aber er selbst war damals so begierig auf das Bild. Er wollte es haben, um es zu besitzen. Damals hatten ihm die Beweise gereicht, die Konrad Schumann ihm vorlegte. Er hatte Simon Halter auch nicht die Wahrheit gesagt. Er hatte gar nicht sofort eine eigene Materialanalyse gemacht. Natürlich hatte er Laboruntersuchungen durchgeführt, aber erst ein gutes halbes Jahr später, nachdem er das Bild schon gekauft und bezahlt hatte. Er musste zugeben, dass er beim Kauf des Bildes der Erste sein wollte und später hatte er immer Angst, dass seine Analysen eine Fälschung entlarven würden und sein Traum dann vorbei war, aber so kam es nicht. Die Materialanalyse zeigte nichts Verbotenes auf. Die Farben und die Leinwand waren fast sicher authentisch und es gab das Gutachten eines Kunsthistorikers namens Professor Lehner, der ebenfalls von der Echtheit des Bildes überzeugt war. Auch Simon Halter hatte all diese Untersuchungen noch einmal durchführen lassen und war zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Schwieriger war es da schon mit dem Herkunftsnachweis, aber auch hier gab es mittlerweile positive Ergebnisse, die die Echtheit des Gauguins belegten. Aber warum verkauft Konrad Schumann heute Kopien, also genau genommen Fälschungen? Diese Frage durchzuckte kurz seine Gedanken, dann erinnerte er sich wieder, wie die Verhandlungen an jenem Abend vor ein paar Jahren in die entscheidende Phase gingen.

»In Ordnung, wenn es keinen Herkunftsnachweis gibt, dann zeigen Sie mir wenigstens die Expertise, die Sie haben«, sagte Edmund Linz zu Schumann.

Konrad Schumann ging hinüber zum Tisch und suchte etwas in dem Holzkoffer. Er kehrte mit einem Umschlag zurück und übergab ihn Edmund Linz. Darin befand sich der Bericht von Professor Lehner, emeritierter Kunsthistoriker der Universität Tübingen, zuletzt wohnhaft in Augsburg. Edmund Linz hatte noch nie etwas von dem Mann gehört, was nichts bedeuten mochte. Professor Lehner schrieb eingangs, dass ihm das Werk selbst nicht bekannt sei, ordnete es dann aber einer Epoche zu, die mit der zweiten Südseereise Gauguins zusammenfiel. Edmund Linz überlegte.

»Und Sie haben keinen Beleg, dass das Bild schon einmal in einer Ausstellung präsentiert wurde?«, fragte er noch einmal.

»Ich sagte doch, es gibt keinen Herkunftsnachweis, meines Wissens wurde das Bild niemals ausgestellt. Es war wohl immer in Privatbesitz und der bisherige Eigentümer hatte kein Interesse, großartig bekannt zu machen, dass er einen Gauguin besitzt.«

Edmund Linz betrachtete sich wieder die Signatur. Neben dem Schriftzug Paul Gauguin war die Jahreszahl 1902 eingetragen. Darunter und noch etwas weiter nach links versetzt gab es einen Bildtitel. Edmund Linz drehte sich zu Konrad Schumann um und sah ihn an.

»Gauguin hat um 1900 in der Südsee gelebt«, sagte er. »Das Mädchen ist aber eindeutig eine Europäerin. Dem Titel nach heißt sie Julie, »Julie des Bois«. Ein ungewöhnlicher Titel, ein ungewöhnliches Motiv für Gauguins Südseephase, meinen Sie nicht? Er hat doch damals eher Südseefrauen gemalt, wenn ich richtig informiert bin.«

Konrad Schumann sah seinem Gastgeber gelassen ins Gesicht. »Ich kenne mich da nicht aus. Wir können uns ein zweites Mal treffen und Sie bringen dann jemanden mit, der all diese Fragen beantworten kann und der vielleicht auch Proben für eine Materialanalyse nimmt. Ob ich dann allerdings das Ölgemälde noch zum Kauf anbiete, oder ob es noch zu haben ist, wenn das Labor seinen Bericht fertig hat, kann ich Ihnen leider nicht garantieren.«

»Warum bietet Ihr Auftraggeber das Bild nicht einfach einem Auktionshaus an? Bei einer Versteigerung kann er doch bestimmt einen höheren Preis erzielen?«, fragte Edmund Linz und achtete auf Konrad Schumanns Reaktion.

»Es gibt sicherlich Gründe dafür, die Sie sich bestimmt denken können«, antwortete Konrad Schumann immer noch emotionslos.

Edmund Linz sah ihn weiterhin an. Dann drehte er sich mit einer hastigen Bewegung weg, ging zu einer der Kommoden und holte aus einer quietschenden Schublade ein Vergrößerungsglas heraus. Er kehrte zur Staffelei zurück und zog die beiden vorderen Füße nach vorne, sodass das Ölgemälde jetzt flacher lag. Edmund Linz beugte sich wieder zur Bildoberfläche herunter und richtete die Lupe aus. Er inspizierte beinahe jeden Quadratzentimeter des Bildes. An einigen Stellen verharrte er länger an andere kehrte er ein zweites oder drittes Mal zurück. Die Signatur hatte er sich bis zum Schluss aufgehoben. Mit winzigen Bewegungen scannte er jeden Millimeter des Namenszuges und des Bildtitels ab. Schließlich richtete er sich wieder auf, fasste sich in den Rücken und streckte sich. Er drehte sich zum Tisch um. Neben dem Holzkoffer, in dem das Ölgemälde transportiert wurde, lag noch das Tuch. Edmund Linz schritt eilig auf den Tisch zu, griff es sich und kehrte damit zu der Staffelei zurück. Er nahm das Ölgemälde auf und übergab es wortlos an Konrad Schumann, der es vorsichtig entgegennahm. Dann hängte Edmund Linz das Tuch über das Gestänge der Staffelei. Er ließ sich das Ölgemälde zurückgeben und legte es mit der Bildseite nach unten auf die Streben der Staffelei. Die Auflagefläche war jetzt mit dem weichen Tuch geschützt. Die Lupe hatte er in die Hosentasche gesteckt. Er holte sie wieder hervor und begann sich die Rückseite des Ölgemäldes ebenso genau anzusehen, wie zuvor die Vorderseite. Die Flecken mussten von Feuchtigkeit stammen. Es hatten sich feine Ränder darum gebildet. Einige Punkte stammten aber auch von Farbresten, die irgendwie von hinten an die Leinwand gekommen waren. An der Leinwand war soweit nichts auszusetzen. Es war ein Baumwollgewebe, nicht sehr fein gewebt. Die Lupe wanderte weiter zum Rand, zum Holzrahmen. Er hielt die Lupe auf das Holz. Er wusste nicht, was er hier zu sehen erwartete, was ihm Anhaltspunkte geben sollte. Die einfachen Hinweise verstand er, wie zum Beispiel, dass eine Leinwand nicht synthetisch und dass das Holz des Rahmens nicht mehr frisch sein durfte. Für alles andere war er kein Experte. Er glaubte aber, schon genug alte Meisterwerke, alte Ölgemälde gesehen zu haben, um zu entscheiden, dass das Bild hier vor ihm, durchaus dazugehören könnte. Er steckte die Lupe wieder in die Hosentasche, um das Ölgemälde aufzunehmen. Konrad Schumann verstand sofort. Er nahm das Tuch und richtete das Gestell wieder auf. Edmund Linz drehte das Bild und setzte es wieder in die Staffelei. Er trat einige Schritte zurück und sah noch einmal prüfend auf das Ölgemälde.

»Was wollen Sie oder besser Ihr Auftraggeber für den Gauguin haben? Sie hatten mir den Preis noch nicht genannt, glaube ich.« Edmund Linz Stimme klang sachlich, als ginge es nur um ein reines Geschäft und nicht um die Emotionen, die sich jetzt in ihm abspielten.

»Entschuldigen Sie, aber ich habe Ihnen den Preis mitgeteilt und Sie haben Glück, dass Sie noch nicht mit anderen Interessenten um das Bild bieten müssen. Wir möchten das Geschäft so diskret wie möglich abwickeln. Das heißt aber nicht, dass es keine anderen Interessenten gibt.«

»Stimmt, ich erinnere mich natürlich, Sie haben mir den Preis genannt.«

Edmund Linz musste sich entscheiden. Es war viel Geld. Aber es war ein Preis, den er durchaus bereit war, zu zahlen und vor allem er besaß dieses Geld, anders als heute. Damals war es für ihn kein Problem. Er überlegte dennoch. Ein Gauguin dachte er. Die Gelegenheit war günstig. Er sah noch einmal zu dem Ölgemälde. Konrad Schumann folgte seinem Blick. Edmund Linz zückte die Lupe erneut aus seiner Hosentasche. Er ging dichter an das Gemälde heran. Fast zögernd richtete er die Lupe auf das Bild, zunächst auf die Augen des kleinen Mädchens, dann noch einmal auf die Signatur. Es war die einzige Chance, ein solches Bild für relativ wenig Geld zu bekommen.

»Warten Sie bitte hier«, sagte er dann höflich.

Er hatte eine Entscheidung getroffen. Er verließ den Raum durch eine zweite Tür, die in sein Arbeitszimmer führte. Er zog die Tür hinter sich zu und ließ Konrad Schumann allein zurück. Der Safe war schnell entriegelt. Es waren vier Packen mit Geldscheinen, die er sich bereitgelegt hatte. Sie waren glatt wie gebügelt, vier saubere Pakete. Er konnte sie alle mit einer Hand greifen. Er verschloss den Safe wieder und kehrte zu seinem Gast zurück. Konrad Schumann hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert. Er sah seriös und zugleich unberechenbar aus. Er sah das Geld in Edmund Linz Hand, aber er verzog noch immer keine Miene, als wäre es nichts, als löse das viele Geld keine Emotionen aus. Wie hoch würde seine Provision sein, zehn Prozent, zwanzig. Vielleicht war es keine Summe, die ihn zum Jubeln brachte. Edmund Linz erreichte Konrad Schumann und sah ihm ins Gesicht. Er lächelte und erzwang damit auch von seinem Gegenüber ein Lächeln. Bevor Edmund Linz das Geld übergab, deutete er zum Tisch, auf dem noch immer der aufgeklappte Holzkoffer lag. Konrad Schumann verstand und beide gingen hinüber und setzten sich wieder. Erst jetzt reichte Edmund Linz die Geldbündel hinüber. Konrad Schumann sah sich die Packen nur oberflächlich an. Er blätterte ein Bündel durch, fand an den Scheinen aber nichts auszusetzen. Er legte das Geld in den Holzkoffer und wollte gerade das gefaltete Tuch darüber ausbreiten.

»Ach entschuldigen Sie«, sagte Edmund Linz. »Der Koffer, würde es Ihnen etwas ausmachen, mir auch den Koffer zu überlassen?«

Konrad Schumann sah ihn an und lächelte dann. »Kein Problem.« Er nahm die Geldbündel wieder heraus und stopfte sie links und rechts in die Innentasche seines Jacketts, als wenn es gar nichts wäre. Er schob den Holzkoffer ein Stück zu Edmund Linz hinüber, hob den Deckel an und klappte ihn schließlich zu.

Das Klappen des Deckels, das Aufeinanderschlagen des Holzes holte Edmund Linz wieder in die Gegenwart zurück. Der Gastgeber hatte gerade das Höchstgebot mit einem Hammerschlag besiegelt. Es ging wieder um einen Monet, eine Kopie, eine Fälschung. Dieser Konrad Schumann verkaufte Fälschungen. Das Wort Fälschung klirrte in Edmund Linz Kopf, es hallte nach. Seine Gedanken flogen zu dem Gauguin, der zurzeit noch im Kunst- und Auktionshaus Blammer verwahrt wurde, als handele es sich um den größten Schatz der Geschichte. Der Gauguin war echt, hämmerte es in Edmund Linz Kopf. Das Bild war echt, keine Fälschung. Er zwang sich, daran zu glauben, es definitiv zu wissen, weil nicht allein er es bestätigt hatte, sondern weil es Simon Halter wusste und auch Heinz Kühler, weil es der Sachverständige Claudius Brahm bestätigt hatte. Und dann waren da noch die anderen Beweise, die historischen Beweise, wie Simon Halter sie nannte. Alles sagte, dass der Gauguin, das Gemälde »Julie des Bois«, echt sei. Sie hatten dem Bild in ihrer Euphorie sogar schon einen neuen Titel gegeben, »Julie des Bois – Mädchen mit Sonnenhut«. Das Mädchen, Julie Jasoline, war historisch belegt, sie hatte existiert, ein richtiger Mensch, keine Fantasiegestalt. Die Beweise waren vorhanden, der Gauguin war echt, er musste echt sein, unbedingt.

Es ging bereits um das achte oder neunte Bild. Edmund Linz hatte den größten Teil der Versteigerung nicht mitbekommen. Konrad Schumann erklärte gerade etwas zu dem Motiv des Gemäldes. Das Bild wurde neben ihn geschoben, während er sprach. Edmund Linz sah nur Konrad Schumanns Lippen, er hörte nicht, was sie wirklich sagten, er hörte etwas anderes. Es hämmerte sich in seinen Kopf. Konrad Schumann stand plötzlich direkt vor ihm. Außer ihnen beiden war niemand mehr im Raum. Sie befanden sich auch nicht mehr in dem großen Saal. Edmund Linz war wie in Trance. Konrad Schumann sagte etwas, deutlich und klar, seine Lippen bewegten sich.

»…haben Sie wirklich all die Jahre geglaubt, dass der Gauguin echt sei? Ich besitze gar keine echten Meisterwerke, sehen Sie, alles nur Kopien…«

Edmund Linz hörte die Worte, Kopien, Fälschungen, hallte es wieder nach. Konrad Schumann schwieg, sah ihn einfach nur an.

»…ich habe so viel Geld für eine Fälschung bezahlt?«

»…für ein Original wäre es allerdings deutlich zu wenig gewesen«, antwortete Konrad Schumann.

Dann hob ein Herr, der neben Edmund Linz saß, den Arm, um ein Gebot abzugeben. Er stieß Edmund Linz leicht an und sofort war es vorbei. Konrad Schumann stand nicht mehr vor ihm. Sie waren auch nicht mehr alleine. Konrad Schumann kümmerte sich nicht um Edmund Linz, er stand ruhig neben dem Bild, das gerade versteigert wurde und zeigte zu den Bietern, die dann vom Gastgeber mit Namen aufgerufen wurden. Das Gebot lag bereits bei neuntausend D-Mark. Es ging nun in Fünfhunderterschritten aufwärts und endete dann genau bei siebzehntausend. Es war nur ein Teil von dem, was Edmund Linz für seinen Gauguin bezahlt hatte. Er hörte die Stimme des Gastgebers deutlich und auch die von Konrad Schumann, der bereits das nächste Bild anpries. Vielleicht hatte Konrad Schumann sein Metier gewechselt, vielleicht hatte er früher noch mit Originalen gehandelt und war erst später auf das Geschäft mit den Kopien gekommen. Dieser Konrad Schumann war derjenige, der ihm den Gauguin verkauft hatte, das war eindeutig. Auch wenn er heute mit Kopien handelte, musste das nichts heißen. Es gab zu viele Beweise für die Echtheit des Gauguin.

Die Auktion verlief insgesamt doch sehr langsam. Es war auch nicht notwendig bei nur zwölf angebotenen Objekten. Bei einer Viehauktion wäre das Ende schon nach zehn Minuten gekommen, so dauerte alles fast anderthalb Stunden. Konrad Schumann holte immer weit aus, wenn er über das nächste Bild berichtete. Alle verkauften Gemälde erhielten kleine Zettel mit den Namen der erfolgreichen Bieter und wurden nach der Versteigerung tatsächlich noch auf ihren Staffeleien belassen. Edmund Linz und andere Interessierte nutzten noch einmal die Gelegenheit, sich die Kopien anzusehen. Es waren aber wesentlich weniger Leute, als noch vor der Auktion, sodass diesmal genug Zeit blieb, in Ruhe an der kleinen Galerie vorbeizugehen und sich erneut alles anzusehen. Konrad Schumann selbst hatte den Saal bereits verlassen. Edmund Linz stand wieder vor dem van Gogh und sah sich das gemalte Zola-Buch an, als die Tochter der Gastgeber an seine Seite trat.

Sie haben nichts gekauft?«, fragte sie.

Edmund Linz drehte sich zu ihr um und sah sie überrascht an. Er schüttelte den Kopf. »Nein, heute nicht, aber die Bilder sind wirklich von sehr guter Qualität, so wie ich es beurteilen würde. Glauben Sie, dass die Gemälde nicht vielleicht von Herrn Schumann selbst stammen könnten?«

»Nein, ich weiß es von ihm, aber er spricht natürlich nicht so gerne über das Thema«, antwortete sie.

»Bietet denn Professor Schumann seine Bilder nur auf solchen Veranstaltungen an?«, fragte Edmund Linz und sah die junge Frau genau an.

Sie nickte. »Soviel ich weiß, ja. Wir haben die Veranstaltung quasi übernommen. Im ersten Jahr hat eine Freundin meiner Mutter diesen Abend veranstaltet. Herr Schumann hat natürlich keine Malfabrik. Er bekommt über das Jahr immer nur sehr wenige neue Werke.«

»Woher stammt er, lebt er in München?«, fragte Edmund Linz.

»Ja, ich glaube schon.« Dann stutzte sie und begann etwas in ihrer Handtasche zu suchen. Sie zog schließlich einen kleinen Zettel heraus und hielt ihn vor sich hin. »Vor ein paar Tagen hat er hier angerufen. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Er gab mir seine Telefonnummer, weil mein Vater ihn zurückrufen sollte.«

Sie zeigte Edmund Linz die Nummer kurz. Es war eine Telefonnummer mit Münchner Stadtvorwahl. Er sah genau hin und prägte sich die sechs Zahlen dahinter ein. Sie steckte den Zettel wieder fort. Dann wurden sie von einem anderen Gast gestört, der das Mädchen anscheinend gut kannte. Edmund Linz nutzte die Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Er setzte sich noch kurz auf einen der Stühle. Mit einem Stift und einem kleinen Block aus seinem Jackett befreite er sein Gedächtnis von der Telefonnummer, die er sich gemerkt hatte. Er blickte noch einige Zeit auf die Zahlen, dann erhob er sich und ging aus dem Saal in die Halle. Hier stand der größte Teil der Gäste und unterhielt sich. Die Kellner hatten wieder Getränke und noch einen Imbiss gereicht. Edmund Linz sah sich um. Er suchte nach Konrad Schumann, sah ihn aber nicht. An der Wand entlang ging er in Richtung Ausgang. An der Garderobe ließ er sich seinen Mantel geben und verließ die Villa. Er folgte mit schnellen Schritten der Einfahrt bis hin zum Tor. Er erreichte seinen Wagen, stieg ein und fuhr Richtung München, nach Hause. Während der Fahrt dachte er weiter nach. Die Beweise, dass der Gauguin echt war, schienen überwältigend zu sein. Es würde nicht mehr lange dauern und das Kunst- und Auktionshaus Blammer würde den neuen Gauguin feiern und die Beweise anführen und die Fachwelt würde bestätigen, dass das Bildnis des kleinen Mädchens mit dem Sonnenhut eine Sensation ist, die Sensation des Jahres. Die ganze Welt, die interessierte Welt würde von dem Bild erfahren. Zeitschriften und Zeitungen würden davon berichten. Die Geschichte des Bildes, die Geschichte von Julie Jasoline, ihrem Vater, ihrer Mutter und auch ihrer Schwester würde erzählt werden. Und dann, die Versteigerung. Das Bild war bis zur Auktion mit zehn Millionen versichert, zehn Millionen oder mehr könnte es schließlich einbringen. Noch vor Jahren hätte Edmund Linz alles Geld gegeben, um ein solches Bild zu besitzen, doch heute, heute brauchte er das Geld selbst, es konnte ihn retten, es musste ihn jetzt retten. Er lächelte bei diesem Gedanken vor sich hin, während er den Wagen über die Landstraße steuerte. Dann dachte er wieder an Konrad Schumann. Er sah den alten Mann vor sich, wie er von der Sensation erfuhr, wie er sich das Foto des Ölgemäldes in einer Zeitung ansah und wie er zu lachen begann, es nicht glauben konnte, dass er die Welt mit diesem Bild so hereingelegt hatte. Aber er hatte nicht die Welt hereingelegt, nein er hatte Edmund Linz hereingelegt, der Welt würde er jetzt die Wahrheit sagen. Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge schmerzten in Edmund Linz Augen. Er hörte Konrad Schumann lachen und wusste, dass es aus war, dass der Traum vorbei war. Die Tatsache, dass das Kunst- und Auktionshaus Blammer auf eine Fälschung hereingefallen war, bedeutete eine noch größere Sensation als die Entdeckung eines vermeintlichen Gauguins. Dann knallte es in seinem Kopf. Er wusste nicht, wie es gekommen war. Seine Gedanken waren wie ein Albtraum. Es war schon spät und er war müde und darum hatte er diese wilden Gedanken gehabt. Was sollte aus sein und warum. Er musste sich erst einmal ausschlafen und morgen die Angelegenheit in Ruhe überdenken. Ihm war bewusst, dass er mit Konrad Schumann sprechen musste. Er musste sich Klarheit verschaffen. Er musste die Chance bekommen, noch rechtzeitig Einfluss zu nehmen. Er war so dicht vor seinem Ziel, so dicht.

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Im Buchhandel als eBook

F ä l s c h u n g

ISBN 978-3-8476-2037-2

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