Leseprobe Kapitel 10

 Cover Fälschung 1400 Pixel

F Ä L S C H U N G

 

Roman

 

© 2007 Ole R. Börgdahl

Vierte Auflage

Titel der Originalausgabe: »Fälschung«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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10                Fälschung

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Der Gastgeber zog sich hinter das Pult zurück. Konrad Schumann klatsche, drehte sich erst jetzt richtig zu den Gästen um und schwieg einige Sekunden, bis wieder Ruhe eingekehrt war. Sein Blick ging über die Stuhlreihen. Edmund Linz sah ihn gebannt an. Er hatte noch die Rede des Gastgebers im Ohr, aber irgendetwas irritierte ihn. Er sah Konrad Schumann genau an. Kannte er diesen Mann. Er überlegte noch einmal. Schumann, nein Prof. Dr. Schumann, nein. Sicherlich kannte er einige Leute mit diesem Namen, aber keiner von ihnen war mit Prof. Dr. Konrad Schumann identisch. Es vergingen einige Sekunden, in denen Edmund Linz nachdachte. Das Raunen im Saal verstummte langsam.

»Danke, danke, dass Sie mir heute die Gelegenheit geben…«

Es waren diese ersten Worte des Mannes, der jetzt vor den Gästen stand und sprach. Es hallte in Edmund Linz Ohren nach. Diese Stimme kannte er, genauso wie das Gesicht des Mannes. Er nahm nicht mehr wahr, was Konrad Schumann sagte, sondern hörte nur noch den Klang seiner Stimme.

»…einmal wieder die hervorragenden Arbeiten zu präsentieren, die den großen und alten Meistern würdig sind…«

Konrad Schumann kam ohne Umschweife auf das erste Bild zu sprechen. Er erklärte das Motiv, erzählte Anekdoten über die Entstehung und rühmte den Ort, an dem das Original hing. Mit Beginn seiner Rede hatten zwei Bedienstete die Staffelei weiter nach vorne geschoben, sodass das Bild jetzt im Mittelpunkt der Szene stand. Edmund Linz nahm diese Bewegungen nicht wahr. Er starrte nur Konrad Schumann an. Er bekam auch nicht den Beginn der Auktion mit, das Abgeben der ersten Gebote. Er sah ausschließlich den alten Mann dort vorne vor ihm. Konrad Schumann hatte sich nicht verändert, glaubte Edmund Linz zumindest. Die Erinnerung war da, auch wenn sie nur auf sehr wenigen Eindrücken basierte.

Die beiden Männer hatten sich einmal am Telefon gesprochen und genau einmal getroffen, und zwar in Edmund Linz Haus. Es war sieben oder acht Jahre her und seit dieser Zeit besaß Edmund Linz ein vielversprechendes Ölgemälde von Paul Gauguin, ein Bild, an dem heute all seine Hoffnungen hingen und das ihm in wenigen Wochen all seine finanziellen Probleme abnehmen sollte. Er hatte den Gauguin von diesem Mann gekauft, der jetzt nicht weit von ihm stand und dem Publikum einen Monet anpries, einen gefälschten Monet, eine Kopie, für die bereits die ersten Gebote ausgerufen waren.

*

Edmund Linz versank unmerklich in seinem Stuhl. Seine Gedanken gingen einige Jahre zurück. Es gab noch viele Freunde und Geschäftspartner, die seine Leidenschaft kannten. Irgendjemand hatte den Tipp gegeben und Konrad Schumann hatte sein Angebot unterbreitet. Zunächst telefonisch und dann hatten sie sich verabredet. Bereits beim ersten Gespräch hatte Konrad Schumann angedeutet, worum es ging, aber am Telefon ließ sich schlecht abschätzen, ob alles so stimmte, was er behauptete. Konrad Schumann kam allein, wie vereinbart. Edmund Linz sah sein Gesicht, sein Aussehen von damals, jetzt ganz genau vor sich und er hörte kurz die Stimme, die aus dem Heute kam und die die Gebote ausrief. Dann versank Edmund Linz wieder in seine Gedanken, er war wieder in dem prächtigen Haus, das er einst besessen hatte. In dem Holzkoffer befand sich das Objekt. Konrad Schumann setzte sich auf den angebotenen Sessel, behielt die Hand aber immer noch fest am Griff des Holzkoffers. Edmund Linz setzte sich ihm gegenüber. Sie sahen sich erst an, dann wanderte Konrad Schumanns Blick durch das Zimmer. Es war beinahe wie ein Salon eingerichtet, teure Möbel, Vasen, Skulpturen, alles sehr geschmackvoll arrangiert. Es kam Bewegung in den Holzkoffer. Konrad Schumann deutete auf den Tisch. Edmund Linz verstand und nickte. Der Gast legte den Holzkoffer auf die mit Keramikfliesen besetzte Tischoberfläche. Es war ein mittelgroßer Atelierkoffer, zur Aufbewahrung von Bildern, Zeichnungen, Skizzen und kleinformatigen Ölgemälden. Der Koffer hatte zwei Schnappverschlüsse, die Konrad Schumann mit seinen Daumen entriegelte. Die Schnapper schnellten hoch und er öffnete den Deckel. Er klappte ihn ganz weit auf, sodass er auf der Tischplatte zum Liegen kam. Edmund Linz blieb dabei ruhig sitzen. Er beugte sich nicht vor. Er sah nur die ganze Zeit seinem Gegenüber ins Gesicht, beobachtete seine geschäftige Miene. Dieses intensive Beobachten musste mit ein Grund dafür sein, dass Edmund Linz den Mann jetzt wieder erkannte. Er brauchte gewöhnlich einige Treffen mehr, um sich das Gesicht von Menschen einzuprägen, um sie später wiederzuerkennen. Konrad Schumann nahm das Tuch heraus, das den Gegenstand bedeckte. Mit den Fingerspitzen griff er seitlich in den Koffer und hob das Bild heraus. Er drehte es und hielt es vor seine Brust. Edmund Linz rührte sich noch immer nicht. Er sah sich das Bild aus der Entfernung an. Er musste seine Emotionen unterdrücken. Dann erhob er sich plötzlich. Er hatte etwas vorbereitet. In der Ecke des Zimmers stand an der Wand gelehnt eine zusammengeklappte Staffelei. Edmund Linz nahm die Staffelei und zog sie auseinander. Er trug sie zu einer halbhohen Säule, auf der eine Vase stand, die von einer Deckenlampe angestrahlt wurde. Er nahm die Vase vorsichtig von ihrem Sockel und stellte sie auf den Boden. Den Sockel stellte er ebenfalls zur Seite. Er richtete die langen Enden der Staffelei aus, sodass die Deckenlampe genau auf die Ablageleiste der Staffelei zielte. Konrad Schumann erhob sich, brachte das Bild zu dem vorbereiteten Platz und setzte es auf der Ablage. Er trat einige Schritte zurück und überließ dem Hausherrn das Terrain. Edmund Linz zögerte zunächst, stellte sich dann aber so vor das Bild, dass seine Statur den Strahl der Deckenlampe nicht unterbrach. Vor ihm auf der Staffelei stand ein Ölgemälde. Das Format war quadratisch, nicht mehr als fünfzig mal fünfzig Zentimeter. Es war das Portrait eines Kindes, eines kleinen Mädchens. Sie trug einen Sonnenhut und sie lächelte den Betrachter verlegen an. Im Hintergrund des Gemäldes waren einige Objekte abgebildet, die einen Hinweis auf den Ort gaben, an dem sich das Kind aufhielt. Es war ein Meer zu sehen, gemalt in einem starken Blau, und ein Strand mit fast gelbem Sand und gesäumt von tiefgrünen Palmen. In bunten Farben lag ein Fischerboot am Strand, den Kiel in den Sand gebohrt. Eigentlich waren die Farben nur noch zu erahnen und nur durch das Licht der Deckenlampe in ihrer Ausstrahlung geweckt. Die Bildoberfläche war stark verschmutz. Die Kunst eines Restaurators wurde an diesem Gemälde schon sehr lange nicht mehr ausprobiert. Edmund Linz ging jetzt mit dem Gesicht dicht vor das Gemälde. Er konnte leichte Crackelierungen erkennen, feine Risse, die die Ölfarbschicht durchzogen. Sie waren nicht überall, nur in einigen Bereichen. Edmund Linz besah sich die Bildoberfläche mit den Augen, sah sich einige Details an. Die Ausführung des Hintergrunds, die feinen Linien, mit denen der Sonnenhut gezeichnet war und das Gesicht des Mädchens, das glatt und rein erschien. Dann nahm er das Bild von der Staffelei. Er hielt es so zwischen seinen Händen, wie zuvor Konrad Schumann. Er drehte es auf die Rückseite. Die Leinwand hatte Flecken, das Holz des Rahmens war nicht vollständig von der umgeschlagenen Leinwand verdeckt. Das Holz schimmerte im Licht des Deckenfluters grau und wirkte sehr trocken. Er stellte das Bild wieder ab. Erst jetzt betrachtete er sich die linke untere Ecke des Gemäldes. Er hatte es gleich beim ersten Blick auf das Bild gesehen. Es stimmte also. Wieder beugte er seinen Oberkörper nach vorne und ging mit dem Gesicht ganz dicht heran. Der Schriftzug lag ebenfalls unter einem schmutzigen Firnis. Es waren zwei Zeilen. Edmund Linz stellte sich wieder aufrecht und sah zu Konrad Schumann hinüber, der regungslos die bisherige Begutachtung beobachtet hatte.

»Sie wollen mir also tatsächlich einen Gauguin verkaufen? Woher stammt er, woher haben Sie den?«, fragte Edmund Linz ganz ruhig.

»Privatbesitz«, antwortete Konrad Schumann. »Umständehalber zu verkaufen. Wie ich Ihnen bereits gesagt habe, vertrete ich die Interessen eines Sammlers, der sich von dem Bild trennen muss.«

An genau diese Worte konnte sich Edmund Linz plötzlich sehr gut erinnern: »Umständehalber zu verkaufen.« Das, was ihm vor Jahren den Gauguin eingebracht hatte, die Not seines Vorbesitzers, war jetzt auch sein eigenes Schicksal. Umständehalber zu verkaufen von einem Sammler. Edmund Linz war damals auch begierig, neben dem Gauguin noch andere Werke zu bekommen, das fiel ihm jetzt ebenfalls wieder ein.

»Es gibt also eine Sammlung. Warum haben Sie mir dann nur dieses eine Bild angeboten?«, fragte er.

Konrad Schumann zuckte mit den Schultern. »Ich habe nur den Auftrag, genau dieses eine Bild zu verkaufen. Ob es tatsächlich eine Sammlung gibt, und ob sie ebenfalls veräußert wird, kann ich Ihnen nicht sagen. Alles, was ich weiß hat, mir mein Auftraggeber so mitgeteilt, wie ich es Ihnen gerade erzählt habe. Und ich habe fast schon zu viel gesagt, wenn ich ehrlich bin.«

»Woher weiß ich, dass das Bild echt ist, dass Sie mir hier keine Fälschung andrehen wollen?«, fragte Edmund Linz weiter. »Was ist mit einem Herkunftsnachweis?«

»Gibt es nicht. Das Bild wurde niemals ausgestellt. Alles, was es gibt, ist eine Expertise. Stil und gewählte Symbolik entsprechen dem, was Gauguin in den Jahren 1889 bis zu seinem Tode im Jahre 1903 unter Kunst verstand.«

Der Herkunftsnachweis. Edmund Linz hörte kurz wieder Konrad Schumanns Stimme, wie er ein Gebot nannte. Der Herkunftsnachweis war schon damals ein Thema. Das Haus Blammer hätte den Gauguin ohne Herkunftsnachweis nicht angefasst, aber er selbst war damals so begierig auf das Bild. Er wollte es haben, um es zu besitzen. Damals hatten ihm die Beweise gereicht, die Konrad Schumann ihm vorlegte. Er hatte Simon Halter auch nicht die Wahrheit gesagt. Er hatte gar nicht sofort eine eigene Materialanalyse gemacht. Natürlich hatte er Laboruntersuchungen durchgeführt, aber erst ein gutes halbes Jahr später, nachdem er das Bild schon gekauft und bezahlt hatte. Er musste zugeben, dass er beim Kauf des Bildes der Erste sein wollte und später hatte er immer Angst, dass seine Analysen eine Fälschung entlarven würden und sein Traum dann vorbei war, aber so kam es nicht. Die Materialanalyse zeigte nichts Verbotenes auf. Die Farben und die Leinwand waren fast sicher authentisch und es gab das Gutachten eines Kunsthistorikers namens Professor Lehner, der ebenfalls von der Echtheit des Bildes überzeugt war. Auch Simon Halter hatte all diese Untersuchungen noch einmal durchführen lassen und war zu dem gleichen Ergebnis gekommen. Schwieriger war es da schon mit dem Herkunftsnachweis, aber auch hier gab es mittlerweile positive Ergebnisse, die die Echtheit des Gauguins belegten. Aber warum verkauft Konrad Schumann heute Kopien, also genau genommen Fälschungen? Diese Frage durchzuckte kurz seine Gedanken, dann erinnerte er sich wieder, wie die Verhandlungen an jenem Abend vor ein paar Jahren in die entscheidende Phase gingen.

»In Ordnung, wenn es keinen Herkunftsnachweis gibt, dann zeigen Sie mir wenigstens die Expertise, die Sie haben«, sagte Edmund Linz zu Schumann.

Konrad Schumann ging hinüber zum Tisch und suchte etwas in dem Holzkoffer. Er kehrte mit einem Umschlag zurück und übergab ihn Edmund Linz. Darin befand sich der Bericht von Professor Lehner, emeritierter Kunsthistoriker der Universität Tübingen, zuletzt wohnhaft in Augsburg. Edmund Linz hatte noch nie etwas von dem Mann gehört, was nichts bedeuten mochte. Professor Lehner schrieb eingangs, dass ihm das Werk selbst nicht bekannt sei, ordnete es dann aber einer Epoche zu, die mit der zweiten Südseereise Gauguins zusammenfiel. Edmund Linz überlegte.

»Und Sie haben keinen Beleg, dass das Bild schon einmal in einer Ausstellung präsentiert wurde?«, fragte er noch einmal.

»Ich sagte doch, es gibt keinen Herkunftsnachweis, meines Wissens wurde das Bild niemals ausgestellt. Es war wohl immer in Privatbesitz und der bisherige Eigentümer hatte kein Interesse, großartig bekannt zu machen, dass er einen Gauguin besitzt.«

Edmund Linz betrachtete sich wieder die Signatur. Neben dem Schriftzug Paul Gauguin war die Jahreszahl 1902 eingetragen. Darunter und noch etwas weiter nach links versetzt gab es einen Bildtitel. Edmund Linz drehte sich zu Konrad Schumann um und sah ihn an.

»Gauguin hat um 1900 in der Südsee gelebt«, sagte er. »Das Mädchen ist aber eindeutig eine Europäerin. Dem Titel nach heißt sie Julie, »Julie des Bois«. Ein ungewöhnlicher Titel, ein ungewöhnliches Motiv für Gauguins Südseephase, meinen Sie nicht? Er hat doch damals eher Südseefrauen gemalt, wenn ich richtig informiert bin.«

Konrad Schumann sah seinem Gastgeber gelassen ins Gesicht. »Ich kenne mich da nicht aus. Wir können uns ein zweites Mal treffen und Sie bringen dann jemanden mit, der all diese Fragen beantworten kann und der vielleicht auch Proben für eine Materialanalyse nimmt. Ob ich dann allerdings das Ölgemälde noch zum Kauf anbiete, oder ob es noch zu haben ist, wenn das Labor seinen Bericht fertig hat, kann ich Ihnen leider nicht garantieren.«

»Warum bietet Ihr Auftraggeber das Bild nicht einfach einem Auktionshaus an? Bei einer Versteigerung kann er doch bestimmt einen höheren Preis erzielen?«, fragte Edmund Linz und achtete auf Konrad Schumanns Reaktion.

»Es gibt sicherlich Gründe dafür, die Sie sich bestimmt denken können«, antwortete Konrad Schumann immer noch emotionslos.

Edmund Linz sah ihn weiterhin an. Dann drehte er sich mit einer hastigen Bewegung weg, ging zu einer der Kommoden und holte aus einer quietschenden Schublade ein Vergrößerungsglas heraus. Er kehrte zur Staffelei zurück und zog die beiden vorderen Füße nach vorne, sodass das Ölgemälde jetzt flacher lag. Edmund Linz beugte sich wieder zur Bildoberfläche herunter und richtete die Lupe aus. Er inspizierte beinahe jeden Quadratzentimeter des Bildes. An einigen Stellen verharrte er länger an andere kehrte er ein zweites oder drittes Mal zurück. Die Signatur hatte er sich bis zum Schluss aufgehoben. Mit winzigen Bewegungen scannte er jeden Millimeter des Namenszuges und des Bildtitels ab. Schließlich richtete er sich wieder auf, fasste sich in den Rücken und streckte sich. Er drehte sich zum Tisch um. Neben dem Holzkoffer, in dem das Ölgemälde transportiert wurde, lag noch das Tuch. Edmund Linz schritt eilig auf den Tisch zu, griff es sich und kehrte damit zu der Staffelei zurück. Er nahm das Ölgemälde auf und übergab es wortlos an Konrad Schumann, der es vorsichtig entgegennahm. Dann hängte Edmund Linz das Tuch über das Gestänge der Staffelei. Er ließ sich das Ölgemälde zurückgeben und legte es mit der Bildseite nach unten auf die Streben der Staffelei. Die Auflagefläche war jetzt mit dem weichen Tuch geschützt. Die Lupe hatte er in die Hosentasche gesteckt. Er holte sie wieder hervor und begann sich die Rückseite des Ölgemäldes ebenso genau anzusehen, wie zuvor die Vorderseite. Die Flecken mussten von Feuchtigkeit stammen. Es hatten sich feine Ränder darum gebildet. Einige Punkte stammten aber auch von Farbresten, die irgendwie von hinten an die Leinwand gekommen waren. An der Leinwand war soweit nichts auszusetzen. Es war ein Baumwollgewebe, nicht sehr fein gewebt. Die Lupe wanderte weiter zum Rand, zum Holzrahmen. Er hielt die Lupe auf das Holz. Er wusste nicht, was er hier zu sehen erwartete, was ihm Anhaltspunkte geben sollte. Die einfachen Hinweise verstand er, wie zum Beispiel, dass eine Leinwand nicht synthetisch und dass das Holz des Rahmens nicht mehr frisch sein durfte. Für alles andere war er kein Experte. Er glaubte aber, schon genug alte Meisterwerke, alte Ölgemälde gesehen zu haben, um zu entscheiden, dass das Bild hier vor ihm, durchaus dazugehören könnte. Er steckte die Lupe wieder in die Hosentasche, um das Ölgemälde aufzunehmen. Konrad Schumann verstand sofort. Er nahm das Tuch und richtete das Gestell wieder auf. Edmund Linz drehte das Bild und setzte es wieder in die Staffelei. Er trat einige Schritte zurück und sah noch einmal prüfend auf das Ölgemälde.

»Was wollen Sie oder besser Ihr Auftraggeber für den Gauguin haben? Sie hatten mir den Preis noch nicht genannt, glaube ich.« Edmund Linz Stimme klang sachlich, als ginge es nur um ein reines Geschäft und nicht um die Emotionen, die sich jetzt in ihm abspielten.

»Entschuldigen Sie, aber ich habe Ihnen den Preis mitgeteilt und Sie haben Glück, dass Sie noch nicht mit anderen Interessenten um das Bild bieten müssen. Wir möchten das Geschäft so diskret wie möglich abwickeln. Das heißt aber nicht, dass es keine anderen Interessenten gibt.«

»Stimmt, ich erinnere mich natürlich, Sie haben mir den Preis genannt.«

Edmund Linz musste sich entscheiden. Es war viel Geld. Aber es war ein Preis, den er durchaus bereit war, zu zahlen und vor allem er besaß dieses Geld, anders als heute. Damals war es für ihn kein Problem. Er überlegte dennoch. Ein Gauguin dachte er. Die Gelegenheit war günstig. Er sah noch einmal zu dem Ölgemälde. Konrad Schumann folgte seinem Blick. Edmund Linz zückte die Lupe erneut aus seiner Hosentasche. Er ging dichter an das Gemälde heran. Fast zögernd richtete er die Lupe auf das Bild, zunächst auf die Augen des kleinen Mädchens, dann noch einmal auf die Signatur. Es war die einzige Chance, ein solches Bild für relativ wenig Geld zu bekommen.

»Warten Sie bitte hier«, sagte er dann höflich.

Er hatte eine Entscheidung getroffen. Er verließ den Raum durch eine zweite Tür, die in sein Arbeitszimmer führte. Er zog die Tür hinter sich zu und ließ Konrad Schumann allein zurück. Der Safe war schnell entriegelt. Es waren vier Packen mit Geldscheinen, die er sich bereitgelegt hatte. Sie waren glatt wie gebügelt, vier saubere Pakete. Er konnte sie alle mit einer Hand greifen. Er verschloss den Safe wieder und kehrte zu seinem Gast zurück. Konrad Schumann hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht verändert. Er sah seriös und zugleich unberechenbar aus. Er sah das Geld in Edmund Linz Hand, aber er verzog noch immer keine Miene, als wäre es nichts, als löse das viele Geld keine Emotionen aus. Wie hoch würde seine Provision sein, zehn Prozent, zwanzig. Vielleicht war es keine Summe, die ihn zum Jubeln brachte. Edmund Linz erreichte Konrad Schumann und sah ihm ins Gesicht. Er lächelte und erzwang damit auch von seinem Gegenüber ein Lächeln. Bevor Edmund Linz das Geld übergab, deutete er zum Tisch, auf dem noch immer der aufgeklappte Holzkoffer lag. Konrad Schumann verstand und beide gingen hinüber und setzten sich wieder. Erst jetzt reichte Edmund Linz die Geldbündel hinüber. Konrad Schumann sah sich die Packen nur oberflächlich an. Er blätterte ein Bündel durch, fand an den Scheinen aber nichts auszusetzen. Er legte das Geld in den Holzkoffer und wollte gerade das gefaltete Tuch darüber ausbreiten.

»Ach entschuldigen Sie«, sagte Edmund Linz. »Der Koffer, würde es Ihnen etwas ausmachen, mir auch den Koffer zu überlassen?«

Konrad Schumann sah ihn an und lächelte dann. »Kein Problem.« Er nahm die Geldbündel wieder heraus und stopfte sie links und rechts in die Innentasche seines Jacketts, als wenn es gar nichts wäre. Er schob den Holzkoffer ein Stück zu Edmund Linz hinüber, hob den Deckel an und klappte ihn schließlich zu.

Das Klappen des Deckels, das Aufeinanderschlagen des Holzes holte Edmund Linz wieder in die Gegenwart zurück. Der Gastgeber hatte gerade das Höchstgebot mit einem Hammerschlag besiegelt. Es ging wieder um einen Monet, eine Kopie, eine Fälschung. Dieser Konrad Schumann verkaufte Fälschungen. Das Wort Fälschung klirrte in Edmund Linz Kopf, es hallte nach. Seine Gedanken flogen zu dem Gauguin, der zurzeit noch im Kunst- und Auktionshaus Blammer verwahrt wurde, als handele es sich um den größten Schatz der Geschichte. Der Gauguin war echt, hämmerte es in Edmund Linz Kopf. Das Bild war echt, keine Fälschung. Er zwang sich, daran zu glauben, es definitiv zu wissen, weil nicht allein er es bestätigt hatte, sondern weil es Simon Halter wusste und auch Heinz Kühler, weil es der Sachverständige Claudius Brahm bestätigt hatte. Und dann waren da noch die anderen Beweise, die historischen Beweise, wie Simon Halter sie nannte. Alles sagte, dass der Gauguin, das Gemälde »Julie des Bois«, echt sei. Sie hatten dem Bild in ihrer Euphorie sogar schon einen neuen Titel gegeben, »Julie des Bois – Mädchen mit Sonnenhut«. Das Mädchen, Julie Jasoline, war historisch belegt, sie hatte existiert, ein richtiger Mensch, keine Fantasiegestalt. Die Beweise waren vorhanden, der Gauguin war echt, er musste echt sein, unbedingt.

Es ging bereits um das achte oder neunte Bild. Edmund Linz hatte den größten Teil der Versteigerung nicht mitbekommen. Konrad Schumann erklärte gerade etwas zu dem Motiv des Gemäldes. Das Bild wurde neben ihn geschoben, während er sprach. Edmund Linz sah nur Konrad Schumanns Lippen, er hörte nicht, was sie wirklich sagten, er hörte etwas anderes. Es hämmerte sich in seinen Kopf. Konrad Schumann stand plötzlich direkt vor ihm. Außer ihnen beiden war niemand mehr im Raum. Sie befanden sich auch nicht mehr in dem großen Saal. Edmund Linz war wie in Trance. Konrad Schumann sagte etwas, deutlich und klar, seine Lippen bewegten sich.

»…haben Sie wirklich all die Jahre geglaubt, dass der Gauguin echt sei? Ich besitze gar keine echten Meisterwerke, sehen Sie, alles nur Kopien…«

Edmund Linz hörte die Worte, Kopien, Fälschungen, hallte es wieder nach. Konrad Schumann schwieg, sah ihn einfach nur an.

»…ich habe so viel Geld für eine Fälschung bezahlt?«

»…für ein Original wäre es allerdings deutlich zu wenig gewesen«, antwortete Konrad Schumann.

Dann hob ein Herr, der neben Edmund Linz saß, den Arm, um ein Gebot abzugeben. Er stieß Edmund Linz leicht an und sofort war es vorbei. Konrad Schumann stand nicht mehr vor ihm. Sie waren auch nicht mehr alleine. Konrad Schumann kümmerte sich nicht um Edmund Linz, er stand ruhig neben dem Bild, das gerade versteigert wurde und zeigte zu den Bietern, die dann vom Gastgeber mit Namen aufgerufen wurden. Das Gebot lag bereits bei neuntausend D-Mark. Es ging nun in Fünfhunderterschritten aufwärts und endete dann genau bei siebzehntausend. Es war nur ein Teil von dem, was Edmund Linz für seinen Gauguin bezahlt hatte. Er hörte die Stimme des Gastgebers deutlich und auch die von Konrad Schumann, der bereits das nächste Bild anpries. Vielleicht hatte Konrad Schumann sein Metier gewechselt, vielleicht hatte er früher noch mit Originalen gehandelt und war erst später auf das Geschäft mit den Kopien gekommen. Dieser Konrad Schumann war derjenige, der ihm den Gauguin verkauft hatte, das war eindeutig. Auch wenn er heute mit Kopien handelte, musste das nichts heißen. Es gab zu viele Beweise für die Echtheit des Gauguin.

Die Auktion verlief insgesamt doch sehr langsam. Es war auch nicht notwendig bei nur zwölf angebotenen Objekten. Bei einer Viehauktion wäre das Ende schon nach zehn Minuten gekommen, so dauerte alles fast anderthalb Stunden. Konrad Schumann holte immer weit aus, wenn er über das nächste Bild berichtete. Alle verkauften Gemälde erhielten kleine Zettel mit den Namen der erfolgreichen Bieter und wurden nach der Versteigerung tatsächlich noch auf ihren Staffeleien belassen. Edmund Linz und andere Interessierte nutzten noch einmal die Gelegenheit, sich die Kopien anzusehen. Es waren aber wesentlich weniger Leute, als noch vor der Auktion, sodass diesmal genug Zeit blieb, in Ruhe an der kleinen Galerie vorbei zu gehen und sich erneut alles anzusehen. Konrad Schumann selbst hatte den Saal bereits verlassen. Edmund Linz stand wieder vor dem van Gogh und sah sich das gemalte Zola-Buch an, als die Tochter der Gastgeber an seine Seite trat.

Sie haben nichts gekauft?«, fragte sie.

Edmund Linz drehte sich zu ihr um und sah sie überrascht an. Er schüttelte den Kopf. »Nein, heute nicht, aber die Bilder sind wirklich von sehr guter Qualität, so wie ich es beurteilen würde. Glauben Sie, dass die Gemälde nicht vielleicht von Herrn Schumann selbst stammen könnten?«

»Nein, ich weiß es von ihm, aber er spricht natürlich nicht so gerne über das Thema«, antwortete sie.

»Bietet denn Professor Schumann seine Bilder nur auf solchen Veranstaltungen an?«, fragte Edmund Linz und sah die junge Frau genau an.

Sie nickte. »Soviel ich weiß, ja. Wir haben die Veranstaltung quasi übernommen. Im ersten Jahr hat eine Freundin meiner Mutter diesen Abend veranstaltet. Herr Schumann hat natürlich keine Malfabrik. Er bekommt über das Jahr immer nur sehr wenige neue Werke.«

»Woher stammt er, lebt er in München?«, fragte Edmund Linz.

»Ja, ich glaube schon.« Dann stutzte sie und begann etwas in ihrer Handtasche zu suchen. Sie zog schließlich einen kleinen Zettel heraus und hielt ihn vor sich hin. »Vor ein paar Tagen hat er hier angerufen. Meine Eltern waren nicht zu Hause. Er gab mir seine Telefonnummer, weil mein Vater ihn zurückrufen sollte.«

Sie zeigte Edmund Linz die Nummer kurz. Es war eine Telefonnummer mit Münchner Stadtvorwahl. Er sah genau hin und prägte sich die sechs Zahlen dahinter ein. Sie steckte den Zettel wieder fort. Dann wurden sie von einem anderen Gast gestört, der das Mädchen anscheinend gut kannte. Edmund Linz nutzte die Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Er setzte sich noch kurz auf einen der Stühle. Mit einem Stift und einem kleinen Block aus seinem Jackett befreite er sein Gedächtnis von der Telefonnummer, die er sich gemerkt hatte. Er blickte noch einige Zeit auf die Zahlen, dann erhob er sich und ging aus dem Saal in die Halle. Hier stand der größte Teil der Gäste und unterhielt sich. Die Kellner hatten wieder Getränke und noch einen Imbiss gereicht. Edmund Linz sah sich um. Er suchte nach Konrad Schumann, sah ihn aber nicht. An der Wand entlang ging er in Richtung Ausgang. An der Garderobe ließ er sich seinen Mantel geben und verließ die Villa. Er folgte mit schnellen Schritten der Einfahrt bis hin zum Tor. Er erreichte seinen Wagen, stieg ein und fuhr Richtung München, nach Hause. Während der Fahrt dachte er weiter nach. Die Beweise, dass der Gauguin echt war, schienen überwältigend zu sein. Es würde nicht mehr lange dauern und das Kunst- und Auktionshaus Blammer würde den neuen Gauguin feiern und die Beweise anführen und die Fachwelt würde bestätigen, dass das Bildnis des kleinen Mädchens mit dem Sonnenhut eine Sensation ist, die Sensation des Jahres. Die ganze Welt, die interessierte Welt würde von dem Bild erfahren. Zeitschriften und Zeitungen würden davon berichten. Die Geschichte des Bildes, die Geschichte von Julie Jasoline, ihrem Vater, ihrer Mutter und auch ihrer Schwester würde erzählt werden. Und dann, die Versteigerung. Das Bild war bis zur Auktion mit zehn Millionen versichert, zehn Millionen oder mehr könnte es schließlich einbringen. Noch vor Jahren hätte Edmund Linz alles Geld gegeben, um ein solches Bild zu besitzen, doch heute, heute brauchte er das Geld selbst, es konnte ihn retten, es musste ihn jetzt retten. Er lächelte bei diesem Gedanken vor sich hin, während er den Wagen über die Landstraße steuerte. Dann dachte er wieder an Konrad Schumann. Er sah den alten Mann vor sich, wie er von der Sensation erfuhr, wie er sich das Foto des Ölgemäldes in einer Zeitung ansah und wie er zu lachen begann, es nicht glauben konnte, dass er die Welt mit diesem Bild so hereingelegt hatte. Aber er hatte nicht die Welt hereingelegt, nein er hatte Edmund Linz hereingelegt, der Welt würde er jetzt die Wahrheit sagen. Die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge schmerzten in Edmund Linz Augen. Er hörte Konrad Schumann lachen und wusste, dass es aus war, dass der Traum vorbei war. Die Tatsache, dass das Kunst- und Auktionshaus Blammer auf eine Fälschung hereingefallen war, bedeutete eine noch größere Sensation als die Entdeckung eines vermeintlichen Gauguins. Dann knallte es in seinem Kopf. Er wusste nicht, wie es gekommen war. Seine Gedanken waren wie ein Albtraum. Es war schon spät und er war müde und darum hatte er diese wilden Gedanken gehabt. Was sollte aus sein und warum. Er musste sich erst einmal ausschlafen und morgen die Angelegenheit in Ruhe überdenken. Ihm war bewusst, dass er mit Konrad Schumann sprechen musste. Er musste sich Klarheit verschaffen. Er musste die Chance bekommen, noch rechtzeitig Einfluss zu nehmen. Er war so dicht vor seinem Ziel, so dicht.

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Im Buchhandel als eBook

F ä l s c h u n g

ISBN 978-3-8476-2037-2

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