Leseprobe Kapitel 3

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F A R O

 

Roman

© 2011 Ole R. Börgdahl

Vierte Auflage

Titel der Originalausgabe: »Faro«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

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3                Gestrandet

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Das Licht zuckte unruhig über die nassen Felsen, blieb kurz stehen und wanderte dann weiter. Der Regen glänzte silbrig im Schein der Laterne. Der Wind hatte das Schlauchboot zwischen die Steine gedrückt. Die Gummiwulst war eingerissen und das Boot steckte schlapp in einer Felsspalte. Der Mann mit der Laterne bückte sich, sein schwarzer Regenmantel berührte den Boden. Er zog das Schlauchboot aus der Spalte, betrachtete die Überreste. Dann richtete er sich wieder auf und hielt sein Licht auf die Brandung.

Michael spürte nicht, wie sein Kopf zur Seite gelegt wurde, wie ihm jemand unter die Arme griff, ihn hochhob und von den Felsen zog. Erst als man ihn an der Taille hielt, stöhnte er auf. Er merkte, dass man ihn trug, dass jemand seine Beine über die Felsen hob. Dann wurde er wieder bewusstlos.

*

Die Fensterläden waren nicht ganz geschlossen. Die Sonne drang durch die offenen Ränder, warf gleißende Strahlen auf den Holzfußboden. Ein Augenpaar sah Michael von der Wand her an, ein stechend roter Blick. Das aufgerissene Maul mit den gelben Zähnen schrie ihn lautlos an. Daneben ein lachendes Gesicht, weiß wie Elfenbein, mit roten Wangen und dicken roten Lippen. Michael wollte sich aufrichten, doch ein Schmerz in der rechten Seite hinderte ihn an der Bewegung. Er blieb liegen, schob nur den Kopf etwas vor. Er lag auf einem Sofa, das mit einem Laken, einer dicken Steppdecke und einem Kopfkissen zu einem Bett hergerichtet war. Links und rechts zwei Sessel und davor ein kleiner Tisch, auf dem ein Aschenbecher stand. Im Zimmer roch es nach kaltem Pfeifenrauch. Michael befühlte seinen Kopf. Ein Verband war um seine Stirn gewickelt. Mit der linken Hand fasste er unter die Decke und fühlte auch dort einen Verband, der fest und steif um Bauch und Hüfte gelegt war. Mit der Hand drückte er vorsichtig seine rechte Seite. Der Schmerz lag in Höhe der Rippen. Er ließ den Kopf wieder ins Kissen sinken und sah noch einmal auf die Masken an der Wand. Es waren exotische Gesichter, bunt bemalt. Zwei hatten lange Bärte aus schwarzem Tierhaar. Die Maske mit den stechenden Augen trug Hörner. An der Wand hingen auch Waffen, Speere, Blasrohre, ein Bogen und eine uralte verrostete Pistole.

Der Raum in dem Michael sich befand, war groß. Er sah einen Esstisch mit einer Gruppe von Stühlen, daneben ein Eichenschrank mit offenen Regalen. Es standen Teller, Tassen und Untertassen darin. Es gab einen kleinen Sekretär. Michael erkannte ein Tintenfass mit Feder, einen gusseisernen Briefbeschwerer, einen Brieföffner und eine Schere. Unter dem Briefbeschwerer lag ein Stoß Papiere. Gleich neben dem Sekretär befand sich ein schmaler Tisch, auf dem ein Radio stand. Es hatte unzählige Knöpfe, eine große Runde Frequenzskala und eine dicke Antenne, die rechts aus dem Gehäuse ragte. Auf dem Lautsprechergitter waren die Umrisse eines Flugzeugs graviert. Michael richtet sich etwas auf. Er unterdrückte den Schmerz, stützte sich auf die Ellbogen. Einen solchen Radioapparat hatte er noch nie gesehen. Es erinnerte ihn an die Geräte, die Greimel im Funkraum des U-Bootes benutzte. Michael legte sich wieder auf das Kopfkissen, starrte an die Decke mit ihren brauen Holzbalken. Er dachte an die Kameraden. Er fragte sich jetzt, warum der Kaleun alleine im Schlauchboot gelegen hatte, wo waren die anderen Boote? U-810 war vor seinen Augen gesunken. Warum hatten sie den Kaleun zurückgelassen, weil sie glaubten, er sei tot? Vielleicht war Sieber wirklich schon tot, vielleicht waren sie alle tot. Er hatte nicht mehr mit Sieber gesprochen. Michael schloss die Augen, versuchte sich zu erinnern. Nein, Sieber hatte noch gelebt. Michael döste wieder ein.

*

Als Michael erwachte, roch es nach süßlichem Pfeifenrauch. Der Aschenbecher stand nicht mehr auf dem kleinen Tisch. Er sah sich um. Jemand saß vor dem Sekretär, hatte ihm den Rücken zugewandt. Der Mann zog an seiner Pfeife, blies den Rauch aus und beugte sich über die Papiere, die vor ihm lagen. Michael beobachtete ihn einen Moment lang. Dann schluckte er.

»Hallo!« Es war erst nur ein Krächzen. Michael musste husten. »Hallo!«, wiederholte er.

Der Mann drehte sich langsam um. Er hatte ein faltiges Gesicht, kleine braune Augen und kurze graue, fast schon weiße Haare. Er war glattrasiert und trug eine Brille mit runden Gläsern in einem dunklen Nickelgestell. Der Alte lächelte, erhob sich von seinem Stuhl, ging zu Michael hinüber und setzte sich in einen der Sessel. Er zog noch einmal an seiner Pfeife, blies den Rauch zur Seite aus.

»¡Hola! Wie geht es dir, hast du Durst?« Der Alte sprach Michael auf Spanisch an. Er gestikulierte, führte ein unsichtbares Glas zum Mund.

Michael verstand und nickte. Der Alte erhob sich und ging zurück zum Sekretär. Aus einer Flasche schenkte er ein Glas Wasser ein, brachte es zum Sofa und gab es Michael. Der Alte ließ sich wieder im Sessel nieder. Michael trank Schluck für Schluck. Er nickte dem Alten zu.

»Danke, Gracias!«

Die beiden Männer sahen sich einen Moment lang schweigend an. Der Alte lächelte, tippte sich dann mit dem Finger an die Stirn.

»¡Lesión! Du hast eine ganz schöne Beule.«

Michael schüttelte den Kopf und deutete an, dass er nicht verstand. Der Alte überlegte, dann versuchte er etwas anderes. Er tippte sich auf die Brust.

»Paulus, Paulus Cavarro.«

Das hatte Michael verstanden. »Paulus!«, wiederholte er. Dann tippte er sich selbst auf die Brust. »Michael, Michael Stromm.«

Der Alte nickte. »M-i-c-h-a…« Er stockte. »Ah, Miguel!«

Der alte Paulus erhob sich und reichte Michael die Hand. Beide wiederholten noch einmal ihre Namen. Dann schwiegen sie wieder. Paulus zeigte schließlich auf Michael.

»¡El militar!«

Michael hatte verstanden, er zögerte erst, brauchte es aber nicht zu leugnen. Dieser Mann hatte ihn hier hergebracht, hatte ihm die Uniform ausgezogen und ihm seine Wunden versorgt. Michael nickte. »Ja, Soldat, Matrose, Marine, Schiff.« Er zeichnete mit seiner Hand Wellen in die Luft und machte den Ton eines Signalhorns nach.

»¡La marina, si!«, wiederholte Paulus.

Sie schwiegen erneut. Dann legte sich Paulus die Hände an die Wange, neigte den Kopf, schloss kurz die Augen und zeigte auf Michael.

»¡Dormir! Du musst jetzt noch etwas schlafen, du bist noch nicht gesund.«

Michael hatte zwar die Worte nicht verstanden, dafür aber die Geste. Der alte Paulus sah ihn an, nickte noch einmal, stand dann auf und verließ das Zimmer. Michael blickte ihm nach. Er nahm noch einen Schluck Wasser, legte sich wieder aufs Kopfkissen und dachte nach.

*

Eine leise Musik erfüllte den Raum. Michael schlug die Augen auf und erinnerte sich sofort wieder an alles. Die Musik endete abrupt, ging kurz in ein Rauschen über und eine neue Melodie ertönte, Klaviermusik, zu der eine Tenorstimme sang. Michael richtete sich auf. Vor dem merkwürdigen Radio saß eine junge Frau. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Er konnte nur ihr langes schwarzes Haar sehen, das sie zu einem schweren Zopf geflochten hatte. Sie drehte an der Frequenzskala des Radios. Die neue Musik gefiel ihr offenbar nicht. Es rauschte wieder, dann erklang eine aufgeregte Stimme, die in einer fremden Sprache schnell und melodisch sprach, aber sofort wieder unterbrochen wurde. Es rauschte ein paar Sekunden, dann wurde Tanzmusik gespielt, ein großes Orchester mit Trompeten und Klarinetten. Die junge Frau ließ den Drehknopf los und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück.

»Wir können es auch ausschalten, wenn es dich stört.«

Michael fuhr zusammen. Der alte Paulus stand vor seinem Bett. Michael sah ihn überrascht an.

»Er hat gefragt, ob dich die Musik stört.«

Die junge Frau hatte sich zu ihnen umgedreht. Jetzt war Michael noch überraschter, sie sprach Deutsch mit ihm. Er schüttelte den Kopf.

»Nein, nein, stört mich nicht«, sagte er ebenfalls auf Deutsch und wandte sich Paulus zu.

Sie übersetzte. Dann sprach Paulus wieder mit Michael. Die junge Frau übersetzte erneut.

»Er möchte sich deine Verbände ansehen, du sollst dich aufsetzen, wenn du kannst.«

Michael nickte. Es schmerzte, als er den Oberkörper streckte. Paulus besah sich zuerst seinen Kopf, nahm sogar den Verband ab und prüfte die Wunde auf der Stirn. Er hatte frische Verbände dabei, träufelte eine helle Flüssigkeit auf ein Stück Watte und betupfte die Stirn. Dann besah er sich auch die alte Wunde am Arm, die schon gut verheilt war. Den großen Verband um Michaels Brust löste er nicht, er prüfte nur, ob noch alles festsaß. Dann schlug Paulus die Decke ganz zurück und entblößte Michaels Beine. Am linken Schienenbein war Michael ebenfalls bandagiert, er hatte es bisher noch gar nicht bemerkt. Die junge Frau sah von ihrem Platz aus zu, wie Paulus den Verband löste.

»Da hat es dich besonders schlimm erwischt, aber Paulus hat dir ordentlich Morphium gegeben, darum bist du auch noch so müde.«

Paulus lächelte. »Si, morfina.«

Michael richtet sich noch ein Stück mehr auf, um selbst zu sehen. Die Wunde war großflächig und immer noch blutig. Paulus war sehr vorsichtig. Er nahm eine Jodpaste und beschmierte die Wundränder. Michael zuckte zusammen. Dann legte Paulus einen neuen Verband an, sah noch einmal zufrieden auf seinen Patienten und deckte Michael wieder zu.

»Danke, Gracias.«

Paulus lächelte, klopfte Michael auf die Schulter und erklärte ihm etwas. Die junge Frau hatte ihren Platz am Radio verlassen und war zu Michaels Krankenlager gegangen. Sie setzte sich in einen der Sessel und sah ihn an.

»Paulus hat dir eben erzählt, dass du noch nicht aufstehen kannst, du wirst nicht richtig gehen können, nicht mit dem Bein. Du hattest Glück, dass es nicht gebrochen ist. Dafür hast du aber drei gebrochene Rippen, ja und deinen Kopf hast du dir auch ganz schön gestoßen. Bei Paulus bist du aber in guten Händen. Er war Sanitäter beim Militär.« Sie zögerte kurz. »Ich bin übrigens Serina, Serina Menozza.«

»Ich heiße Michael Stromm.«

»Ich weiß.«

Dann sagte Paulus wieder etwas. Serina nickte und übersetzte. »Weißt du eigentlich, was mit dir geschehen ist, woher du kommst?«

»Nein«, antwortete Michael, »oder doch, ja ich wollte mit meinem Schlauchboot übersetzen. Das Wetter wurde schlecht, ein Sturm.«

Serina nickte. »Paulus hat dich vor drei Tagen gefunden, unten in den Felsen. Es stimmt, wir hatten ein Unwetter. Der Wind hatte eine Plane losgerissen. Paulus ist nach draußen gegangen, da hat er dein Schlauchboot in den Felsen gesehen und dann hat er auch dich gefunden und hierher in den Leuchtturm gebracht.«

»In den Leuchtturm?«, fragte Michael. »Ich bin wieder auf der Insel, der Sturm hat mich wieder zurückgetrieben?«

»Welche Insel?«

»Eine kleine Insel, öde, keine Bäume, aber mit einem Leuchtturm.«

Serina überlegte. Dann übersetzte sie. Paulus antwortete sofort. Er begann zu gestikulieren, zeigte zum Fenster. Serina hörte ihm aufmerksam zu, nickte immer wieder. Dann sah sie zu Michael, der nichts verstanden hatte.

»Eine kleine Insel sagtest du. Es gibt viele kleine Inseln, aber nur eine, auf der auch ein Leuchtturm steht. Du bist dir sicher, dass dort ein Leuchtturm war?«

Michael nickte. »Ganz sicher, ich habe ihn doch gesehen und in der Nacht gab es ein Leuchtfeuer.«

Serina überlegte. »Also, Paulus sagt, die Insel, die du beschreibst, könnte Alegranza sein. Du bist hier jetzt auf Gran Canaria. Es ist unmöglich, dass du mit einem Schlauchboot von Alegranza hierhergekommen bist.«

Paulus war inzwischen zu dem Sekretär gegangen. Er kam mit einer Karte zurück und entfaltete sie auf dem Tisch. Michael richtete sich wieder etwas auf. Paulus begann, die Karte zu erklären. Er zeigte auf eine Insel, die im Norden des Archipels lag und dann fuhr sein Finger schräg nach unten auf eine andere, wesentlich größere Insel.

»Hier sind wir«, erklärte Serina. »Paulus sagt, dass es von Alegranza bis zu uns gut hundertvierzig Seemeilen sind. Wie lange warst du denn in deinem Schlauchboot?«

»Ich weiß nicht, welcher Tag ist denn heute?«

»Heute haben wir den 23. Februar, es ist Dienstag«, sagte Serina.

Michael versuchte sich zu erinnern. »Wir wurden am 17. angegriffen. Ich weiß nicht, wie viele Tage wir dann im Schlauchboot waren, bis wir die kleine Insel erreicht haben.«

»Alegranza, die Insel heißt Alegranza, wenn du wirklich dort warst.«

Michael sah noch einmal auf die Karte. »Ich bin nur einen Tag auf Alegranza geblieben. Ich wollte hierhin.« Er zeigte auf die Insel, die Alegranza am nächsten lag. Er stellte fest, dass es tatsächlich zwei Inseln waren, vor der größeren lag noch eine kleinere. Er tippte mit dem Finger auf die Karte. »Ich wollte hierhin, ich wollte dann in eine Stadt, mich dort verstecken. Auf eurem Alegranza sind Polizisten aufgetaucht. Ich wollte mich nicht erwischen lassen und außerdem war da nichts auf Alegranza.«

»Paulus kennt den Leuchtturmwärter. Er hätte dir sicher geholfen, dir zu essen gegeben und dich versteckt. Wir mögen die Guardia civil hier auch nicht, Francos Polizei.«

»Wie sollte ich das wissen«, sagte Michael. »Und ich wollte es auch nicht ausprobieren. Ich habe mich in das Schlauchboot gesetzt und wollte zu der anderen Insel rüber. Wie weit ist es von Alegranza dorthin?« Michael tippte wieder auf die Karte.

»Lanzarote, das ist Lanzarote«, sagte Serina dann fragte sie Paulus und übersetzte gleich seine Antwort.

»Es sind sechs oder sieben Seemeilen, aber Paulus meint, dass man es mit einem kleinen Schlauchboot nicht hätte riskieren sollen. Du kennst ja die Strömungen dort nicht und du siehst ja auch, dass es ganz anders ausgegangen ist, du wärst beinahe gestorben.«

Michael schwieg für einen Moment. Er sah Serina an und dann blickte er zu Paulus. »Danke, Gracias. ¡Muchas gracias! Sagt man das so?«

Serina nickte. »Ja, das ist richtig, aber du brauchst dich nicht bei uns zu bedanken. Du musst dich bei deinem Schutzengel bedanken, dass du jetzt nicht für immer auf dem Meeresgrund liegst.«

»Mein Schutzengel?«

»Ja, an so etwas sollte man immer glauben, aber am besten ist es, wenn du ihn gar nicht erst brauchst, deinen Schutzengel.«

»Ich fürchte, dass ich meinen Schutzengel in den letzten Jahren recht häufig gebraucht habe. Ich war im Krieg.«

»Das wissen wir«, sagte Serina. »Deine Uniform. Paulus sagt, du bist bei der Marine, er meint, du fährst auf einem U-Boot. An deiner Uniform hat er es gesehen.«

»Meine Uniform, wo sind meine Sachen?«

»Keine Angst, wir haben alles für dich aufbewahrt.« Serina wandte sich an Paulus und sprach mit ihm. Er antwortete und sie übersetzte.

»Paulus hat deine Uniform versteckt. Er hat dir auch deine Erkennungsmarke abgenommen.«

Michael fasste sich an die Brust. Die Erkennungsmarke fehlte. Er sah Serina fragend an.

»Es ist sicherer für dich und auch für uns, wenn niemand weiß, dass du Deutscher bist. Es gäbe nur Scherereien mit der Guardia civil und das wollen wir nicht.«

Der alte Paulus sprach wieder. Serina hörte ihm nickend zu und wandte sich dann an Michael. »Paulus sagt, dass es schwieriger geworden ist, gefährlicher. Zu Beginn des Krieges haben die Behörden es mit der Neutralität Spaniens nicht so genau genommen, da wurdet ihr noch ohne viel Aufhebens außer Landes gebracht, da gab es in Las Palmas noch deutsche Handelsschiffe, die trotz Internierung plötzlich verschwunden sind. Aber das kann sich Franco heute nicht mehr leisten und so verhält sich auch die Guardia civil.«

»Die Schliemann«, sagte Michael nachdenklich. »Ich bin zwei Jahre zu spät, mit der Schliemann wäre ich von hier fortgekommen, ganz sicher.«

Serina sah ihn fragend an. »Ein deutsches Schiff? Ich glaube nicht, dass es in Las Palmas noch deutsche Schiffe gibt.« Sie überlegte. »Der Krieg ist für dich vorbei. Du kannst dich hier auf der Insel verstecken. Wenn du allerdings zur Polizei möchtest, dann sehe zu, dass du uns da nicht hineinziehst. Wenn du wieder gesund bist, kannst du nach Las Palmas gehen.«

Michael schüttelte den Kopf. »Nein, nein, ich will mich nicht stellen, man würde mich doch festhalten, das hast du doch selbst gesagt. Nein, ich muss wieder zurück.«

»Zurück, du willst wieder in den Krieg, warum?«

»Weil es meine Pflicht ist, ich habe einen Eid geleistet. Ich muss mein Vaterland verteidigen. Es ist meine Pflicht, auch meinen Kameraden gegenüber.«

»Wir wissen gut über den Krieg Bescheid.« Serina zeigte auf das Radio. »Paulus sagt, seit die Amerikaner in diesem Krieg kämpfen, ist er für euch verloren, ihr werdet ihn verlieren. Das war doch schon einmal so und außerdem weiß Paulus, wovon er spricht, er hat auch schon einmal gegen die Amerikaner gekämpft und er hat verloren.«

Serina übersetzte für Paulus, der nickte und gleich antwortete.

Serina wandte sich wieder an Michael. »Er sagt, dass Amerika zu groß ist für euch. Sie haben zu viele Soldaten, zu viele Panzer und zu viele Schiffe. Sie werden zusammen mit England siegen. Sie sind doch schon in Afrika gelandet und sie werden auch über das Mittelmeer kommen und dann immer weiter.«

Michael schwieg für ein paar Sekunden, sah Serina an und dann auch Paulus. »Ich weiß nur, dass ich zurück muss. Der Krieg ist nicht verloren, noch nicht, und darum muss ich weiterkämpfen.«

»Das ist deine Sache«, sagte Serina. »Paulus wird dich wieder gesund machen und dann kannst du gehen, wohin du willst. Nur sage niemandem, dass wir dir geholfen haben, vor allem nicht der Guardia civil, wenn sie dich doch noch schnappen.«

Michael lächelte. »Du hast recht, entschuldige. Ich werde nichts sagen und ich will auch erst einmal gesund werden.«

Serina hatte die ganze Zeit sehr ernst geschaut, jetzt lächelte sie wieder. Michael legte sich auf sein Kopfkissen zurück. Die gebrochenen Rippen hatten zu schmerzen begonnen. Paulus ging zum Sekretär zurück, beugte sich wieder über seine Papiere. Michael und Serina sahen sich eine Zeit lang schweigend an. Dann besann sich Michael.

»Du sprichst wirklich sehr gut deutsch. Ich war eben ganz überrascht.«

»Danke! Ich bin froh, dass ich es noch nicht verlernt habe. Es ist lange her, dass ich mit jemandem auf Deutsch gesprochen habe, sehr lange.«

»Und, wo hast du es gelernt, in der Schule?«

Serina nickte. »Ja, in der Schule, aber nicht in Spanien. Ich habe ein paar Jahre in Österreich gelebt, in Wien. Mein Vater hat im Konsulat gearbeitet, ich war noch ein Kind. Es war eine schöne Zeit, ich denke immer gerne daran zurück. Österreich war damals noch ein eigenes Land.«

»Im Konsulat ist dein Vater Diplomat. Das klingt doch interessant.«

»Er war Diplomat, er ist tot.«

»Oh, entschuldige.« Michaels Stimme wurde leise.

»Es ist schon gut.« Serina zögerte. »Meine Mutter stammt hier von der Insel, nach Vaters Tod wollte sie wieder zurück.«

»Und jetzt wohnt ihr, bei Paulus.«

»Nein, ich helfe Paulus nur manchmal im Haus, er lebt hier ganz allein. Mutter und ich wohnen in Fataga, das ist ein kleines Dorf in den Bergen, in der Gemeinde San Bartolomé de Tirajana, aber das sagt dir wohl nicht viel.«

Michael schüttelte den Kopf.

Serina nahm die Landkarte, die noch auf dem Tischchen lag. »Hier sind wir, hier steht El Faro, der Leuchtturm. Das Gebiet nennt man Maspalomas. In den Pinienhainen gibt es nämlich eine Unmenge Tauben. Maspalomas heißt viele Tauben, so einfach ist Spanisch.« Sie lächelte, dann zeigte sie wieder auf die Karte. »Fataga liegt hier oben, das sind gut zwanzig Kilometer von El Faro. Die Straße führt dann weiter nach San Bartolomé, dem Gemeindesitz.« Sie fuhr mit dem Finger quer über die Insel. »Und das hier ist Las Palmas mit seinem Hafen.«

Michael beugte sich vor. »Eine große Stadt?«

»Ja!«

»Und der Hafen? Viele Schiffe im Hafen?«

»Da musst du Paulus fragen. Aber soviel ich weiß, ist Las Palmas ein wichtiger Handelshafen, auch wenn es im Krieg wohl weniger geworden ist.«

»Ich brauche einfach nur ein Schiff nach Spanien, von dort könnte ich mich nach Frankreich durchschlagen und mich wieder bei einem Stützpunkt melden. Im letzten Jahr hat es ein Leutnant von San Sebastián in Spanien über die Grenze nach Frankreich geschafft. Er hat sich dann in Bordeaux gemeldet und ist von dort aus zu seiner Flottille zurückgekehrt.«

»Wenn du meinst, wir leben jedenfalls nicht mehr in Las Palmas. Mutter fährt gar nicht mehr hin und ich bin auch nur sehr selten dort, obwohl ich ja das Auto habe. Wenn du mehr über Las Palmas wissen willst, musst du Paulus fragen.« Sie erhob sich von ihrem Platz. »Ich muss jetzt gehen. Wenn du mit Paulus sprechen möchtest, dann muss du Spanisch lernen, ich bin ja nicht immer hier.«

Sie gab Michael die Hand, wandte sich ab und sprach noch kurz mit Paulus, der sie dann auch hinausbegleitete. Michael war plötzlich allein. Er sank wieder zurück auf sein Kissen. Er war müde. Er strich mit der Hand über den Verband an seinem Bauch. Er dachte an Las Palmas, an ein Schiff, das ihn nach San Sebastián bringen sollte. Er kannte diesen Ort überhaupt nicht, er wusste nur, dass er in der Nähe der französischen Grenze lag, einer Grenze, die jetzt zum Deutschen Reich gehörte. Michael döste schon wieder, als Paulus das Zimmer betrat.

*

Es dauerte noch drei Tage, bis Michael seine große Müdigkeit überwunden hatte. Es lag an dem Morphium. Als die Wirkung nachließ, wurden die Schmerzen etwas stärker, aber das konnte er ertragen. Serina war nur einmal zu Besuch gekommen. Michael hörte, wie sich draußen ein Auto näherte. Serina brachte Vorräte mit und auch gekochtes Essen, das ihre Mutter zubereitet hatte. Paulus kochte selbst nicht gerne, und wenn er nichts von ihnen bekäme, würde er unmögliche Dinge essen, wie Serina meinte. Sie nahm auch seine Kleidung mit, um sie für ihn zu waschen und sie hatte frisches Bettzeug für Michaels Krankenlager dabei. Serina zeigte Michael auch, wie er das Radio bedienen musste. Paulus hatte das Gerät erst vor einem halben Jahr gekauft. Es war ein Kurzwellenempfänger, ein amerikanisches Gerät der Firma Zenith mit dem bezeichnenden Namen Transoceanic Clipper. Paulus hatte das Radio auf das Tischchen vor Michaels Krankenlager gestellt. Serina erläuterte ihm das Kurzwellenband, zeigte ihm, wie er die deutschen Sender finden konnte. Als Michael später wieder alleine war, hörte er stundenlang Radio. Er benutzte den Kopfhörer, lag auf seinem Kissen und stellte mit der linken Hand die Kurzwellen-Frequenzen ein. Auf den deutschen Sendern gab es nicht sehr viele Nachrichten, einmal erkannte er die Stimme von Hans Fritzsche, die sich aber wegen des schlechten Empfangs nach wenigen Sekunden in ein Rauschen verlor. Dann stieß er auf eine ganz andere deutsche Stimme. Die Sendung begann mit dumpfen Paukenschlägen, dreimal kurz und einmal lang. Es folgte die Ansage: »Hier ist England, hier ist England!« Es war der deutsche Dienst der BBC, der British Broadcasting Corporation. Feindsender dachte Michael, aber er blieb bei der Sendung. Er hörte sich einige der Nachrichten an. Es wurde über die Erfolge der Alliierten in Nordafrika berichtet. Michael suchte dann aber doch nach anderen Sendern. Er liebte es, bei Musik zu dösen. Abends hörte er zusammen mit Paulus die Nachrichten auf Spanisch. Er konnte selbst kein Wort verstehen. Paulus versuchte aber zu erklären, worüber berichtet wurde. Er gestikulierte oder verwendete die wenigen englischen Worte, die er sprach.

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Im Buchhandel als eBook

F A R O

ISBN 978-3-8476-2103-4

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