Leseprobe Thérèse

 Zwischen meine Inseln

Z W I S C H E N   M E I N E N

I N S E L N

 

Roman

© 2010 Ole R. Börgdahl

Dritte Auflage

Titel der Originalausgabe: »Zwischen meinen Inseln«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

2     Thérèse Pallet

Vorwort

Im Folgenden werden die Tagebücher von Madame Thérèse Pallet, geborene Jasoline, fortgesetzt. Hierbei fanden die Einträge aus dem zweiten und dritten Notizbuch Verwendung. Die Notizbücher sind in Karton gebunden, im Format dreizehn mal achtzehn Zentimeter und je hundertvierundvierzig Seiten stark. Das Material wurde eindeutig nach Kriegsende beschafft und hat eine schlechtere Papierqualität als das erste der Tagebücher. Das dritte Tagebuch ist zudem nur zu dreiviertel beschrieben, da Madame Pallet ihre Notizen Anfang der sechziger Jahre eingestellt hat. Dann sei noch bemerkt, dass Madame Pallet Anfang 1951 keinen Füllfederhalter mehr verwendet hat, sondern eindeutig einen der damals noch neuen Kugelschreiber. Die nun folgenden Tagebücher sind Auszüge aus den Jahren 1948 bis 1961.

1948

Paris, 25. Oktober 1948

Ab dem 20. Oktober war ich für vier Tage in Dardilly. Adèles Geburtstag und selbstverständlich Christians Fünfundsiebzigster, der sehr überschwänglich begangen wurde. Es ist nicht seine Art, aber er musste sich fügen, sie wollten ihn ehren, ganz Dardilly und wie es mir schien auch halb Lyon. Adèles Geburtstag nahm sich dann sehr bescheiden aus, erholsam bescheiden, wir waren unter uns und das hat mir noch am besten gefallen, der 20. Oktober war Trubel und die folgenden drei Tage Erholung. Meine Scheune wurde ja abgerissen. Adèle hatte es mir schon im letzten Jahr berichtet. Ich bin etwas wehmütig an den Ort gegangen. Es ist jetzt noch eine leere Fläche, aber der Bau eines Wirtschaftsgebäudes ist schon geplant. Es wird überall modernisiert. Für meinen Aufenthalt hatte ich ein Zimmer im Haupthaus, wie damals, als meine Immigration begann. Im Haupthaus wurde auch vieles neu gemacht. Adèle hat mir die renovierte Küche gezeigt, ganz stolz, als wäre es ihr Arbeitsplatz.

Paris, 10. November 1948

Die Versorgung Berlins über die Luft dauert jetzt schon mehrere Monate. Die Sowjetunion hat aber ihr Ziel, das Aushungern der amerikanischen, englischen und französischen Zonen, nicht erreicht. Jetzt wurde sogar ein neuer Flughafen innerhalb unserer Zone eröffnet und sorgt dafür, dass noch mehr Transportflugzeuge die Stadt anfliegen können.

Paris, 1. Dezember 1948

Ich habe einen schönen Auftrag erhalten, der Jean für die nächsten Wochen gut auslastet. Wir werden mehrere Büros ausstatten, mit Möbeln aus Holz, obwohl ich für ein Stahlunternehmen arbeite. Die Union Sidérurgique wurde erst in diesem Jahr gegründet und hat ihren Verwaltungssitz hier in Paris. Es ist zwar ein staatliches Unternehmen, aber die Herren, mit denen ich verhandelt habe, zeigten sich sehr großzügig und verlangen nur beste Qualität. Es ist ein schöner Auftrag, der uns für die nächsten drei Jahre gut auslasten wird. Ich habe schon einmal gerechnet. Es sind einundzwanzig Schreibtische, davon vier große für die Chefbüros. Zu jedem Schreibtisch gehört natürlich ein Drehstuhl aus Holz mit einer schwarzen Ledersitzfläche. Dann wird es einen großen und zwei kleine Besprechungsräume geben, insgesamt neunzig Stühle und Besprechungstische mit einer Gesamtfläche von gut fünfzig Quadratmetern. Von den Schränken und Regalen werden dann noch einmal siebzig bis achtzig Stück benötigt. All dies werden wir in unserer Werkstatt fertigen. Es wird sich zeigen, ob Jean dann noch Hilfe braucht. Die Büros der Sidérurgique sind noch gar nicht gebaut. Wir haben noch bis zum Sommer nächsten Jahres, bis wir die ersten Möbel liefern müssen. Wir können also vorproduzieren. Ich möchte noch in diesem Jahr alle Probestücke fertigmachen, um noch Änderungen vornehmen zu können.

Paris, 5. Dezember 1948

Ich habe einen fast wahnsinnigen Plan verwirklicht, aber er ist noch nicht ganz vollendet. Ich habe in dem Portrait nie eine Bedrohung gesehen, es war doch nur ein Bild. Doch es gab schon früher Begebenheiten, die mich daran zweifeln ließen, dass dieses Kunstwerk wirklich so harmlos ist. Für mich ist und war es ein Teufelsbild. Ich hätte gerne ein Messer gegriffen und es in Streifen geschnitten, die Farbe aus dem Stoff geschlagen, das Holz zu Asche verbrannt. Ich mochte mich aber keiner höheren Strafe aussetzen und so habe ich anders gehandelt. Ein großes Stück Leinwand, richtige Künstlerleinwand war schnell und billig zu bekommen. Mit Hammer und Nägeln war leicht umzugehen. Der erste Schritt war die Verhüllung. Sie ist mir auf Anhieb gelungen, fast so als habe das Leinen immer schon dort gesessen. Jetzt war es nur noch ein Ding und ich habe das Ding genommen und habe es an die Seine gebracht. Ich habe den Kerl ganz willkürlich ausgesucht. Es tummeln sich so viele von diesen Künstlern dort herum. Ich habe ihm Geld gegeben, einen Vorschuss und habe ihm genau erklärt, was er malen soll. Er fand die Brücke als zu oft gemalt und wollte mir eine andere vorschlagen. Es musste aber diese sein. Ich habe ihn dann alleingelassen. Ich kenne ihn nicht beim Namen und er kennt mich auch nicht. Wir sind am Fluss verabredet.

Paris, 18. Dezember 1948

Heute hatte er das Bild dabei, es ist noch nicht fertig, aber die Leinwand zeigt schon die Brücke, die Umgebung. Am 5. Januar treffe ich ihn wieder, dann soll seine Arbeit beendet sein. In der Zwischenzeit versuche ich, nicht daran zu denken. Ich werde die Festtage in Fontainebleau verbringen.

1949

Paris, 7. Januar 1949

Vorgestern war sein Werk vollendet, meines aber noch lange nicht. Ich lasse die Farben gerade noch eine Zeit lang trocknen, dann werde ich selbst ans Werk gehen.

Paris, 10. Januar 1949

Madame Moulinet war gestern auf der Post und hat mit Amerika telefoniert, denn Vorgestern kam ein Telegramm. Édith hat eine Tochter zur Welt gebracht, Madame Moulinet ist Großmutter.

Paris, 18. Januar 1949

Heute hatten wir unsere große Präsentation bei der Union Sidérurgique. Wir wurden in ein Hotel hier in Paris eingeladen. Die Probemöbel haben wir dann in einem großen Konferenzraum aufgebaut. Es wurde uns alles abgenommen, sodass wir jetzt produzieren können. Ein Teil des benötigten Holzes habe ich noch vor Weihnachten in England bestellt und es wurde schon letzte Woche geliefert. Die Holzteile werden wir jetzt in einer Schreinerei vorfertigen und dann bei uns in der Werkstatt zusammensetzen.

Paris, 1. Februar 1949

Phillis hat mich heute angerufen, sie musste mit mir sprechen. Ich wusste erst gar nicht, was sie wollte, dann habe ich es verstanden. Es geht doch tatsächlich um einen Mann. Phillis hat jemanden kennengelernt und sie hat mich gefragt, ob ich ihr einen Rat geben könnte. Phillis wird dieses Jahr sechzig, sie hat es extra betont und sie war doch schon zweimal verheiratet, dies hat sie auch extra betont, wohl, damit ich sage, dass dies alles keine Rolle spielen würde. Ich habe gesagt, dass dies alles keine Rolle spielt und gefragt, ob sie denn wirklich wieder heiraten wolle. So weit ist es wohl noch nicht. Der Mann heißt David, ich darf zunächst nur seinen Vornamen erfahren, wobei ich finde, dass Phillis etwas albern ist. Dieser David ist Arzt von Beruf, ein Badearzt in Brighton und er ist zwei Jahre jünger als sie. Phillis soll ihrem Herzen folgen, das habe ich ihr geraten, auch wenn es sehr abgedroschen klingt. Wir haben doch tatsächlich fast zwei Stunden telefoniert, es scheint also recht ernst zu sein.

Fontainebleau, 20. Februar 1949

Ich weiß nicht, ob ich verrückt bin. Wenn es so wäre, würde ich nur im Wahn handeln und nicht diese doch recht vernünftigen Worte hier aufschreiben. Ich habe mich extra nach Fontainebleau zurückgezogen. Das Bild hat jetzt zwei Meister. Ich habe es nach meinem Geschmack, nach meiner Wut, nach meiner Enttäuschung und nach meiner Trauer so gemacht, wie es jetzt ist. Es ist düster und verzerrt. Das Wichtigste ist aber, dass die Farben und die Leinwand gut deckend sind. Ich wollte das Portrait nicht töten, ich will sie nur zum Schweigen bringen. Ich habe das Bild schon signiert, aber ich stelle immer wieder fest, dass es noch lange nicht fertig ist. Ich werde es noch solange bearbeiten, bis ich endlich meine Ruhe habe.

Paris, 13. März 1949

Die Lage in Vietnam sieht nicht sehr gut aus. Der Krieg hätte längst gewonnen sein müssen, stattdessen gibt es immer wieder Nachrichten über den Rückzug der Truppen. Die anderen Kämpfen um ihre Selbstständigkeit, wofür kämpfen die französischen Soldaten, zur Aufrechterhaltung einer alten Ordnung, eines Kolonialreiches, das nicht nur dort in Asien zu bröckeln beginnt.

Paris, 16. März 1949

Ich habe beschlossen, meinen Geburtstag in Versailles zu feiern, obwohl es keine richtige Feier sein soll, ich will Madame Bernier besuchen, und wenn es passt, will ich sie im Rollstuhl durch den Park schieben. Es gibt dort ein Café, in dem wir einen gemütlichen Nachmittag verbringen können.

Paris, 3. April 1949

Es gibt Neuigkeiten von Phillis und David, von Dr. David Palmer. Phillis hat mir einen langen Brief geschrieben. Sie hat sogar eine Fotografie beigelegt. Der Mann sieht sehr sympathisch aus. Er ist Junggeselle, war noch nie verheiratet. Phillis schreibt, dass es Liebe ist, von beiden. Sie ist sehr offen zu mir, sie schreibt aber auch, dass sie über solche Dinge mit ihren Nichten nicht sprechen könne. In Brighton wissen die Leute bereits, dass sich Phillis und David näherstehen, ich weiß nur nicht, was Phillis damit meint. Sie würde sich sehr freuen, wenn ich ihren David einmal kennenlerne. Ich könnte vielleicht im Mai auf ein Wochenende nach Brighton kommen.

Paris, 20. April 1949

Ich möchte noch einmal mit Mutter sprechen. Es geht natürlich nicht und darum habe ich etwas getan, was mich zweifeln lässt, ob ich nicht doch verrückt bin. Ich beruhige mich und rege mich dann wieder auf und das im Wechsel und das seit zwei Jahren. Es fehlt noch etwas, um endlich davon loszukommen. Den Brief habe ich geschrieben, um Mutter die Wahrheit zu sagen. Ich werde niemals Antwort darauf erhalten, darum ist der Brief selbst die Antwort. Ich weiß nicht, ob es gerecht war, diesen Brief zu schreiben. Das Portrait habe ich früher auch nie gehasst, so wie ich es heute hasse. Es war für mich die stille Vereinigung, zwischen mir und meiner toten Schwester. Julie ist nicht tot und darum ist jetzt alles anders. Ich habe das Portrait jetzt verschwinden lassen, weil Mutter betrogen wurde, sie hat umsonst getrauert.

Anmerkungen der Herausgeber:

Der von Madame Pallet erwähnte Brief liegt uns vor. Er wurde mir im Jahre 1998 vom damaligen Pfarrer der Gemeinde Saint-Eutrope in Allaire übergeben. Der Brief befand sich in den Unterlagen der Friedhofsverwaltung. Der Brief hat folgenden Inhalt:

Geliebte Mutter,

ich weiß nicht, ob es gerecht ist, dir diesen Brief zu schreiben, aber du warst auch nicht gerecht zu mir. Du bist gegangen, ohne an mich zu denken. Du hast das Bild gesehen und du wusstest, dass sie noch lebt. Wie konnte das sein. Es ist ein schrecklicher Zauber, das Bild hat dich verzaubert, dich gezwungen, Dinge zu tun, die nicht gut für uns waren. Das Bild ist nicht gut, ich habe Angst davor. Ich musste mich schützen. Ich sehe sie heute nur noch, wenn ich in den Spiegel schaue. Das Götzenbild konnte ich nicht zerstören, ich konnte nicht und das ist deine Schuld. Aber ich brauche es dennoch nicht mehr anzusehen, es hat seine Macht verloren. Ich habe es noch im Haus, aber es ist unter Wasser begraben, dort, wo du auf den Grund gegangen bist. Ich müsste dich hassen, du hast mich allein gelassen. Aber es ist unchristlich, einer Gestorbenen Vorwürfe zu machen. Ich nehme alles zurück. Bitte verzeihe mir.

Und jetzt ruhe weiter in Frieden.

Thérèse

Paris, 14. Mai 1949

Die Sowjetunion hat aufgegeben, dank der Berliner Luftbrücke hat die Blockade gar nichts genutzt. Der Landweg ist jetzt wieder frei. Es ist kaum vorstellbar, was in nicht ganz einem Jahr alles mit Flugzeugen nach Berlin transportiert wurde. Die Zeitungen schreiben, dass es fast dreihunderttausend Flüge waren, dass anderthalb Millionen Tonnen Kohle und über eine halbe Million Tonnen Lebensmittel nach Berlin geflogen wurden. Ein Teil Berlins lebt also weiterhin unter amerikanischer, englischer und französischer Hoheit, genauso wie der Teil des Deutschen Reiches, der nicht von der Sowjetunion besetzt ist. Da die Deutschen in diesem westlichen Teil jetzt wieder einen souveränen Staat erhalten sollen, wurden die drei Zonen aber zusammengefasst. Es wurde ein neuer Staat gegründet. Was aus der sowjetischen Zone wird, bleibt ungewiss.

Paris, 3. Juni 1949

Es ist jetzt einige Wochen her, dass ich den Brief nach Allaire geschickt habe. Ich hatte Zeit nachzudenken. Ich sollte mich innerlich versöhnen. Ich muss froh sein, glücklich sein, dass meine Schwester noch lebt. Ich bin schon fast eine alte Frau, ich kann mir Hass nicht mehr leisten und Ungerechtigkeit schon gar nicht. Ich war ungerecht, weil ich Julie nicht zu Wort kommen ließ, sie wusste vielleicht auch nichts von mir und war genauso überrascht und erbost über mich. Dann kommt hinzu, dass Adèle Einfluss auf mich hat, guten Einfluss. Ich bin fast so weit, nach Australien zu schreiben.

Brighton, 19. Juni 1949

Jetzt habe ich es auch geschafft, Dr. David Palmer kennenzulernen. Phillis hat mich aber damit überrascht, dass die beiden sich auch genau an diesem Wochenende verlobt haben. Gestern gab es ein schönes Fest, David ist anscheinend eine Persönlichkeit der Brightoner Gesellschaft. Der Empfang am frühen Abend hat mich an Geburtstage des Colonels erinnert, Ansprachen, Glückwunschreden und solche Sachen. Zum Glück war damit nach einer Stunde Schluss und es wurde mit Freunden und Verwandten weitergefeiert. Die Hochzeit soll am 17. September stattfinden, ich muss mir diesen Termin schon einmal vormerken, ich bin immerhin Phillis Trauzeugin.

Paris, 11. Juli 1949

An diesem Wochenende haben mich Adèle und Christian besucht. Es war ein Fehler beide Bianchi-Räder zu verkaufen, denn ausgerechnet am Samstag wollte Adèle mit dem Fahrrad Paris erkunden. Christian hatte zum Glück keine Lust, er wollte noch Zeitung lesen und seinen Mittagsschlaf halten. Adèle wollte noch nie mit mir Fahrrad fahren. Wir sind noch am Vormittag zum Händler gegangen, kurz vor Ladenschluss, und haben uns ein Rad geliehen. Ich konnte es ja erst heute wieder abgeben und musste daher für drei Tage bezahlen. Adèle war am Samstag aber nicht sehr ausdauernd. Wir sind im Ganzen nur fünf Kilometer gefahren, zu einem Café, ein Stück an der Seine entlang und wieder zurück in die Rue Mandar. Ich überlege jetzt, noch ein gebrauchtes Fahrrad zu kaufen, für Gäste, aber ich weiß nicht, ob sich das wirklich lohnt.

Paris, 30. Juli 1949

Ich werde zwar selber nie mehr einen Wagen lenken, aber ich interessiere mich weiterhin für Automobile. Citroën verkauft seit Neustem den sehr puristischen 2CV. Die Sitze sehen wie Gartenstühle aus und in den Kurven knickt er tief ein, so weich muss die Federung sein. Ich habe einen 2CV durch unsere Straße fahren sehen.

Paris, 7. August 1949

Die ersten Büros bei der Union Sidérurgique sind eingerichtet. Das Bürogebäude ist zwar noch eine große Baustelle, aber zumindest in der obersten Etage konnten die Räume schon bezogen werden. Unsere Möbel passen sehr gut hinein und wir haben großes Lob erhalten. Die nächste Etage müssen wir in drei Monaten mit Möbeln beliefern. In der Werkstatt sind wir gut im Zeitplan. Obwohl Jean fast ausschließlich für die Sidérurgique tischlert, können wir einen Teil unserer Reparaturaufträge ebenfalls noch erledigen.

Paris, 25. August 1949

Mir steht eine Sache noch bevor, um die ich mich in den nächsten Tagen kümmern muss. Es geht um das Hochzeitsgeschenk für Phillis und David. Es ist schon das zweite Hochzeitsgeschenk, dass Phillis von mir bekommt. Mir fällt ein, dass ich sie schon immer einmal fragen wollte, was aus dem Wandteller geworden ist. Ein solches Geschenk ist also ausgeschlossen, nichts für die Wand. Ich habe natürlich schon eine Idee, aber ich weiß noch nicht, wie ich ein Möbelstück nach Brighton schaffen soll. Ich habe einen niedlichen kleinen Sekretär, der zu jeder Einrichtung passen würde, ob nun in der Garderobe oder im Salon und für den sich in jedem Haus noch ein Platz findet.

Paris, 2. September 1949

Ich sehe alles ganz sachlich. Anwälte sind dazu da, Angelegenheiten zwischen den Parteien zu regeln. In Liverpool ist alles geregelt. Ich war im August in Gayton. Ich hätte auch alles von Paris aus regeln können. Ich wollte aber noch einmal zurück an den Ort meiner Kindheit, dort wo Mutter und ich glücklich waren. Paris ist eigentlich erst der dritte Ort in meiner Vita. Nachdem wir aus Übersee kamen, war gleich Gayton unsere erste Station. In Gayton erinnere ich mich an Großvater, an unser Haus, an das Land und ein wenig auch an Liverpool. Ich bin dort gewesen. Vielleicht habe ich ein wenig gehofft, auch Julie anzutreffen. Ich weiß, dass sie das Haus genommen hat, ich weiß aber nicht, ob sie es nicht von Australien aus verwaltet. Die Anwälte, die sich bisher um alles gekümmert haben, sind gut und würden auch dies ermöglichen. Natürlich habe ich nicht nach Julie gefragt. Ich bin wieder zurück in Paris. Vielleicht werde ich in einem oder in zwei Jahren noch einmal einen Versuch machen, vielleicht aber auch nicht, vielleicht warte ich auch, dass Julie sich bei mir meldet. Sie kann nämlich herausfinden, wo ich zu erreichen bin, dafür habe ich gesorgt. Ich liebe meine Familie und Julie ist das Einzige, was mir noch geblieben ist. Vielleicht ist sie auch das Tor zu weiteren Jasolines, vielleicht habe ich Neffen und Nichten, vielleicht gibt es Kindeskinder. Wenn ich morgen die erste Kerze zum Advent anzünde, werde ich für meine Familie beten.

Brighton, 18. September 1949

Ich habe festgestellt, wenn ich in Brighton bin, schreibe ich immer sonntags in meinem Tagebuch. Meine Tante Phillis ist jetzt zum dritten Mal verheiratet, Phoebe Palmer. Phillis musste es ertragen, dass sie der Standesbeamte und später auch noch der Pastor mit Phoebe angesprochen haben. Danach hieß sie aber wieder Phillis und keiner hat gefragt warum. Phillis nennt ihren richtigen Namen mittlerweile die Anekdote ihres Lebens. Heute Vormittag, nachdem wir uns alle ausgeschlafen haben, wurde über die nähere Zukunft gesprochen. Ich hatte übrigens ein Zimmer in Davids Haus, während das frisch verheiratete Paar in Phillis Haus die Hochzeitsnacht verbracht hat. David wohnt nur einige Meter von Phillis entfernt, es sind Nachbarhäuser. David hat unten seine Praxis und oben eine Wohnung. In Zukunft sollen Praxis und Wohnhaus voneinander getrennt sein, er zieht zu Phillis oder hat es sogar schon getan. David wird nicht mehr ewig als Arzt arbeiten und dann kann er Praxis und Haus bequem an seinen Nachfolger verkaufen, ohne umziehen zu müssen. Über all dies haben wir heute beim gemeinsamen Frühstück geplaudert. Eine Hochzeitsreise werden Phillis und David auch unternehmen, aber erst im Dezember mit dem Ziel Südafrika.

Paris, 11. Oktober 1949

Das Deutsche Reich bezahlt für den Krieg mit der Teilung des Landes. Die Sowjetunion hat nun wohl endgültig beschlossen, ihre Zone nicht den Zonen der drei anderen Siegermächte anzuschließen, der Osten des Deutschen Reiches wird damit auch nicht der neuen Bundesrepublik angegliedert. Es wird zwei separate deutsche Staaten geben, denn vor wenigen Tagen wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet und ist damit das Gegenstück zur Bundesrepublik Deutschland. Berlin bleibt allerdings eine Insel in der Sowjetischen Zone, wenn ich den Artikel im Figaro richtig verstanden habe, eine Insel, auf der es auch einen französischen Teil gibt.

Paris, 21. Oktober 1949

Die Kommunisten haben mich eigentlich nie richtig bewegt, ich war weder für sie, noch gegen sie, sie waren einfach nur eine politische Richtung, eine Partei. Zu Anfang der Besatzung waren die Kommunisten mehr auf deutscher Seite, aber nachdem auch die Sowjetunion vom Deutschen Reich angegriffen wurde, hat sich dies wieder umgekehrt und es ist in Frankreich nichts dabei, kommunistisch zu wählen, auch wenn ich es nicht tue. Es kann aber auch anders aussehen, ganz anders. Ich habe gelernt, dass der Kommunismus, dass ein kommunistisches Regime, ein ganzes Land vereinnahmen kann, ihm seine Doktrin aufgeben, ja aufzwingen kann. Die Sowjetunion war die Keimzelle. In China gab es in diesem Jahr ebenfalls eine Revolution und die Kommunisten haben gesiegt und vereinnahmen jetzt mit ihrer Doktrin fast das ganze Land. Und dann ist da noch Vietnam, wo sogar wir Franzosen gegen die Kommunisten Krieg führen, um unsere angestammte Kolonie zu halten. In einem Krieg liegt ohnehin Aggression, aber auch ohne einen Krieg, ist Aggression zu spüren. Soweit zur Politik. Ich habe auch in Dardilly angerufen, gestern hatte Christian Geburtstag, heute Adèle. Mit Adèle habe ich lange gesprochen. Christian war in den letzten Wochen nicht bei guter Gesundheit.

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Im Buchhandel als eBook

Zwischen meinen Inseln

ISBN 978-3-8476-2104-1

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