Leseprobe Thérèse

 Ströme meines Ozeans

S T R Ö M E   M E I N E S  

O Z E A N S

 

Roman

 

© 2008 Ole R. Börgdahl

Fünfte Auflage

Titel der Originalausgabe: »Ströme meines Ozeans«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.

 

2     Thérèse Pallet

Vorwort

Das Gesamtmaterial der Tagebücher von Madame Thérèse Pallet, geborene Jasoline, umfasst fünf, in Karton gebundene Notizbücher zu je hundertvierundvierzig Seiten. Das Format aller Bücher liegt bei etwa dreizehn mal achtzehn Zentimeter. Seiten. Zwei der Tagebücher sind nicht vollständig beschrieben und wurden jeweils in einem neuen Heft fortgesetzt. Madame Pallet hat das letzte Tagebuch ihrer Mutter genommen, um es für ihre ersten eigenen Einträge zu verwenden. In diesem ersten Heft hat Madame Pallet mit Beginn der Besetzung Frankreichs sehr eng und sparsam geschrieben. Sie hat dies auch einige Jahre nach dem Krieg noch beibehalten, sodass die Einträge in dem ersten Tagebuch fast über einen Zeitraum von zehn Jahren gehen. Bei der Form der Einträge hat sich Madame Pallet an den Tagebüchern ihrer Mutter orientiert, alle Einträge beginnen wie schon bei Madame Yvette Jasoline mit Ort und Datum. Die nun folgenden Tagebücher sind Auszüge aus den Jahren 1938 bis 1948 und stammen bis auf die letzten fünf Einträge alle aus dem ersten der drei Tagebücher. Der Autorin sind laut ihrer Aufzeichnungen zahlreiche Menschen begegnet. Am Ende dieser Dokumentation findet sich daher ein alphabetisches Personenverzeichnis.

1938

Paris, 19. Oktober 1938

Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll. Ich weiß nicht, wie ein Tagebuch geschrieben wird. Ich weiß nicht, für wen ich schreiben soll, vielleicht für mich, ganz sicher für mich. Nur für mich? Ich erinnere mich jetzt, auch noch aus Kindheitstagen, wie ich damals Mutter beobachtet habe, wie sie in den Büchern geschrieben hat, die jetzt in meinen Besitz sind. Ich habe heute in Mutters Tagebüchern gelesen. Es war das erste Mal. Als sie noch lebte, hat sie niemanden ihre Aufzeichnungen lesen lassen. Ich bin lange in der Zeit zurückgegangen. Ich habe über meinen Vater gelesen, über meine Geburt und über die Zeit, in der ich und Mutter noch in Übersee gelebt haben. Es gibt elf Tagebücher, alle eng beschrieben. Ich habe darin geblättert und gelesen, aber ich brauche noch so viel mehr Zeit für alles. Ich habe ihre letzten Einträge gelesen, es war wichtig, um alles zu verstehen, ich weiß nicht, ob ich es verstanden habe, ob ich es je verstehen werde. Sie hat Roderic und mich verdächtigt, sie zu hintergehen. Sie hatte Angst, dass ich ihm nach Australien folgen würde. Oh Mutter, es tut mir so leid, es war doch alles ganz anders. Und dann die Sache mit dem Portrait von Julie und mir und ihre Träume. Es ist nicht zu verstehen, was in ihr vorgegangen ist. Da ich ohne Mutters Wissen in ihren Tagebüchern lese und weil sie mir die Erlaubnis dazu nicht mehr erteilen kann, werde ich sie entschädigen, indem ich die Aufzeichnungen jetzt, nach ihrem Tod, fortsetze. Ich weiß nicht, wie lange ich es durchhalten werde, weil ich in meinem bisherigen Leben noch nie Tagebuch geführt habe. Ich wusste nicht, dass es so viele sind. Das Elfte ist aber kaum zur Hälfte gefüllt und der letzte Eintrag ist auch schon fast zwei Monate alt. Ich habe eine Seite ausgelassen. Ich habe mir extra blaue Tinte besorgt, da Mutters Aufzeichnungen in Schwarz sind. Diese Zeilen hier zeigen, dass ich einen Anfang gemacht habe. Ich überlege jetzt, wem ich hier eigentlich berichte. Ich habe mir nie zuvor Gedanken über ein Tagebuch gemacht. Es ist merkwürdig, mir selbst zu erzählen, warum ich es mache, aber gerade dies scheint die Antwort auf die Frage zu sein, für wen ich Tagebuch schreibe. Ich schreibe an unsichtbare, körperlose Individuen. Bei Mutters Tagebüchern gehörte ich auch zu diesen Individuen, die jetzt Gestalt annehmen. Mutter wird es sich gedacht haben, dass ich es eines Tages lese. Wer sonst, wenn nicht ich, ihre Tochter. Ich nehme dies als stille Genehmigung hin. Mutter hat über die Dinge geschrieben, die sie bewegt haben. Es waren heitere, aber auch traurige Begebenheiten. Ich glaube, ich habe den Geist dahinter verstanden. Ich weiß nicht, ob es mir gelingen wird, ob ich meinem eigenen Tagebuch vielleicht doch nicht alles verraten werde, was in mir vorgeht. Ich weiß auch nicht, ob es Mutter geschafft hat. Ich kenne noch nicht alles, was sie geschrieben hat, aber ich weiß von so manchen unserer gemeinsamen Erlebnisse, was sie darüber gedacht hat. Ich frage mich, ob ich etwas davon in den Tagebüchern finde oder ob ich sogar entdecken muss, dass ich meine Mutter eigentlich gar nicht richtig kannte. Dieser letzte Gedanke macht mir Angst. Natürlich habe ich Mutter nicht richtig gekannt, sonst hätte ich dies alles verhindert. Ich weiß auch, wie es dazu gekommen ist, ich weiß es spätestens, seitdem ich ihren Letzten Willen kenne. Ich habe ihn erfüllt und bin jetzt auch erleichtert, dass sie ihre letzte Ruhe nicht hier in Paris gefunden hat. Ihr Tod hat etwas mit Sehnsucht zu tun und diese Sehnsucht begann nicht hier in Paris. Ich habe hier in Paris von Mutter Abschied genommen. Alles andere wurde von mir so geregelt, wie es Mutter gewünscht hat. Ich habe die Firma Borniol damit beauftragt. Solange ich Mutters Grab nicht besuche, habe ich aber einen anderen Ort, an dem ich mit ihr sprechen kann. Es ist dort, wo es passiert ist, dort, wo sie ihre Seele übergeben hat. Es ist ein unscheinbarer Stein auf der Brüstung. Ich kann die Hand auflegen und dann mit Mutter sprechen, und während ich mit ihr spreche, rieche ich das Wasser, das unter mir durch die Brücke rauscht, ich rieche die Brandung, ich rieche das Salz in der Luft, ich spüre Mutters Sehnsucht, obwohl ich es nicht verstehen kann. Ich kann mich sehr wohl noch an unseren Abschied erinnern, ich habe es nicht vergessen.

Paris, 22. Oktober 1938

Meine ersten Einträge in dieses Buch gingen über mehrere Seiten, ich musste ja auch einen Anfang finden. Ich will über meine Gefühle schreiben und über Ereignisse, die mich im täglichen Leben bewegen. Hierzu gehört auch, dass ein Krieg abgewendet werden konnte. Für mich war es ein Aufatmen. Die Konferenz in München hat zu einer friedlichen Lösung geführt. Die Meinungen gehen aber auseinander. Die Canard jubelt geradezu, weil ein Frieden immer besser ist als jeder Krieg, auch wenn es um eine gerechte Sache geht. Es gibt anderswo aber auch die Ansicht, dass Daladier und Chamberlain nicht hätten nachgeben dürfen, aber ist es denn nicht wichtiger, den Krieg zu verhindern. Nach all dieser Kriegsangst gibt es neuen Schwung im Geschäft. In den Wochen der Krise hatte es merklich nachgelassen, doch jetzt haben sowohl Pierre Craquin mit der Neuware als auch ich mit meinen antiken Möbeln gut zu tun. Pierre Craquin kümmert sich seit Monaten auch um die Buchführung und ich denke wir werden es so beibehalten.

Paris, 11. November 1938

Ich glaube es ist nicht gut, dass ein deutscher Beamter in Paris ermordet wurde, jetzt wo doch eigentlich wieder Ruhe herrschen sollte. Der Angestellte aus der deutschen Botschaft ist gestorben. Vor vier Tagen bereits soll sich die Tat ereignet haben. Der Täter hat sich verhaften lassen. Dies alles sollte eigentlich den Jahrestag nicht trüben, dennoch bin ich traurig. Mutter hat immer auf unser Ritual gedrängt und ich habe mich beteiligt. Der Wein, ich habe ihn tatsächlich geöffnet, aber nur ein Glas getrunken. Ich weiß noch nicht, was ich mit dem Rest mache. Mutter und ich hatten an den Abenden immer die ganze Flasche gelehrt, es gehörte zum Ritual. Ich habe Mutter nie richtig gesagt, dass für mich ein anderes Datum des Großen Krieges mehr Bedeutung hat, ein Datum, an dem ich nicht feiere, sondern in Trauer bin, noch heute, noch immer, auch nach dreiundzwanzig Jahren. Dann gestern ein Anruf von Madame Bernier. Sie fragt mich, ob es mir gut geht. Eine Nachbarin von Madame Bernier ist plötzlich gestorben. Die Frau hatte sie immer versorgt, eingekauft, im Haus geholfen. Madame Bernier sagte so etwas, dass sie vielleicht jetzt doch ein Zimmer in einer Residenz nehmen wolle. Vielleicht ist das besser. Ich habe den Garten letztes Jahr im Sommer gesehen, er ist längst nicht mehr so schön wie früher, jetzt wo sich die Nachbarn nur halbherzig darum kümmern. Madame Bernier geht doch auf die neunzig zu, ein stolzes Alter.

Paris, 22. November 1938

Endlich ist die letzte Post heraus und es kommen die ersten Kondolenzschreiben aus Übersee. Onkel Jaquces hat sich aus San Francisco gemeldet, ein kurzer Brief, was soll er mir auch mitteilen. Phyllis und Onkel Pierre haben auch geschrieben. Phyllis will mich aufmuntern und lädt mich nach Québec ein, ich solle doch nun endlich einmal kommen. Ich habe tatsächlich auch schon daran gedacht, von all dem hier fortzukommen, aber mittlerweile ist mein Bedürfnis nicht mehr so groß.

Lyon, 1. Dezember 1938

Roderic hat geschrieben, er weiß noch nichts von Mutter, er lässt sie grüßen. Ich werde ihm zurückschreiben. Mutter hat Roderic sehr gemocht. Ach, wie lange ist auch das schon wieder her. Roderics Brief kommt aus New York. Das Briefpapier ist ganz dünn, der Brief selber war auch sehr leicht, er ist mit dem Flugzeug über den Atlantik gekommen. Er hat die Freiheitsstatue besucht und dieses furchtbar hohe Haus, das sie vor ein paar Jahren in Manhattan gebaut haben. Roderic wird nicht vor dem nächsten Jahr nach Paris zurückkehren und ich soll ihn doch bald in New York besuchen. Im Januar ist der See im Central Park zugefroren und es lässt sich dort Schlittschuh laufen. Roderic würde gerne einige Pirouetten mit mir drehen. Es klingt schon lustig, aber dann weiß ich sofort, dass ich vorerst nicht reisen möchte, denn er lädt auch Mutter ein. Ich werde ihm jetzt sofort zurückschreiben.

Dardilly, 31. Dezember 1938

Silvester. Das Weihnachtsfest war nun doch sehr schön. Ich war nicht allein, ich werde auch das neue Jahr nicht alleine beginnen. Ich bin in Dardilly bei Adèle. Sie und Christian haben mich eingeladen und es war die richtige Entscheidung zu fahren. Heute Abend gehen wir sogar auf einen Ball. Adèle scherzt immer und lästert über die Männer in Paris und dass ich nur in Lyon einen richtigen Kavalier finden kann. Sie macht mir Hoffnung auf den heutigen Abend. Ich habe nur darüber gelacht, aber ich tue ihr den Gefallen und werde mich nicht verstecken. Ach, ich habe ja sogar auch schöne Weihnachtsgeschenke erhalten, einige neue Schallplattenaufnahmen. Adèle kennt meinen Geschmack und so hat sie für mich etwas vom Spatz von Paris besorgt. Ich habe ja schon einiges von der Piaf.

1939

Paris, 5. Januar 1939

In den letzten Wochen habe ich den Flügel nicht ein einziges Mal gespielt, erst heute wieder. Vielleicht war es ja albern und hat nichts mit Pietät oder Trauer zu tun. Ich habe mich heute auf jeden Fall sehr gut gefühlt, es ist ein Stück Normalität zurückgekehrt. Ich habe dabei nicht versucht etwas Leises oder Trauriges zu spielen, ich habe irgendetwas gespielt, von jedem etwas, gerade so, wie es mir einfiel, als müsste ich eine Leere füllen. Mutter hat mein Spiel immer gefallen und der Flügel war ihr Geschenk. Sie will, dass ich weiterspiele, für sie spiele, wo immer sie jetzt auch ist.

Paris, 22. Januar 1939

Mein alter Lieferwagen musste jetzt schon wieder in die Werkstatt. Er ist inzwischen auch zu klein, dies stelle ich immer wieder fest. Seitdem der große Lastwagen nicht mehr da ist, musste ich fast immer eine Spedition beauftragen, weil in den Lieferwagen kaum etwas hineinpassen will. Der Motor ist auch zu schwach, die Sitze halten nicht mehr lange und auch sonst.

Paris, 10. Februar 1939

Zum Jahreswechsel habe ich weiter aufgeräumt. Mutters Garderobe habe ich verschenkt. Es gab nichts für mich, das ich behalten mochte, es war ja größtenteils Alltagskleidung. Pelzmäntel oder teure Hüte hat Mutter nie besessen. Die Möbel in ihrem Zimmer habe ich gelassen. Ich könnte ihr Zimmer jetzt für Gäste bereithalten, noch ein Gästezimmer, ich könnte fast eine Pension eröffnen. Mutters Schmuck halte ich natürlich in Ehren, und auch die kleinen Dinge, die immer ihr gehört haben, aber die ganz in unseren gemeinsamen Haushalt aufgegangen sind, behalte ich natürlich auch, nur die Kaminuhr, die ich nie mochte, ist verkauft. Die Uhr war seit fast fünfzig Jahren im Besitz der Familie, aber sie war bei Weitem kein teures Erbstück. Ich weiß, dass Großmutter die Uhr auf einem Wohltätigkeitsbazar gekauft hat, sie hätte auch nur ihr Geld spenden können und die Uhr dort lassen sollen. Der Trödler hat mir ein paar Francs gegeben, jetzt ist sie weg. Dann ist noch ein Brief aus der Schweiz gekommen, von Madame Bagourd, von der ich lange nichts gehört habe. Sie hat mir ihr Beileid ausgesprochen. Sie muss es irgendwie erfahren haben, natürlich, uns kennen doch eine Menge Leute, so etwas spricht sich herum. Ich habe Madame Bagourd zurückgeschrieben, ihr gedankt und sie nach ihrem Befinden gefragt. Der Adresse nach lebt sie noch immer in Genf.

Paris, 25. Februar 1939

Jetzt ist schon wieder etwas mit dem Opel gewesen. Ich musste ihn neulich stehen lassen und habe die Metro genommen. In der Werkstatt wollten sie es noch einmal versuchen, aber ich habe Nein gesagt. Ich stehe nun also ohne Wagen da. Für die Lieferungen geht es weiterhin mit einer Spedition, aber ich will mich trotzdem nach einem neuen Auto umsehen. Ich schaue schon immer auf der Straße, welches Modell mir gefällt. Es soll wieder ein Lieferwagen sein und kein großer Lastwagen, damit ich ihn auch mal so nutzen kann.

Paris, 2. März 1939

Seit vier Monaten bin ich nun schon alleine im Geschäft, ich bin natürlich nicht alleine, aber ich führe es alleine, ohne Mutter, die ja immer da war und sich um die Buchhaltung und die Ordnung gekümmert hat. Der Jahresabschluss wäre eine Quälerei für mich geworden, wenn Pierre Craquin mir nicht geholfen hätte. Er hat ohnehin die Bücher des vergangenen Jahres geführt und ich habe fast den Eindruck, er ist noch etwas gründlicher als Mutter es war. Er kennt sich auch bei den Einfuhrsteuern aus und hat einige Posten gesehen, bei denen wir vielleicht noch die eine oder andere Rückzahlung erreichen können. Ich muss mir die neuen Bestimmungen zeigen lassen, es führt kein Weg daran vorbei.

Paris, 7. März 1939

Es ist ein netter Brief von Madame Bagourd gekommen. Sie hat geantwortet, es geht ihr gut, sie lebt am See, in einem Haus, das ihrem Sohn gehört. Sie hat ihre Familie, ist Großmutter, es sind, glaube ich, drei Enkelkinder, zwei Mädchen und ein Junge. Madame Bagourd hat auch harte Zeiten durchgemacht, das Glück von heute soll sie dafür entschädigen.

Paris, 10. März 1939

Mich wundert, dass ich nur unwichtige Dinge vorantreibe. Ich habe jetzt entschieden, dass es unwichtig ist, einen neuen Standort für den Laden zu finden. Den ganzen Februar über habe ich mich an den Wochenenden umgesehen, bin durch die Arrondissements gezogen und habe versucht mir vorzustellen, wo eine Möbelhandlung besser platziert wäre als in der Rue Réaumur. Es ist Unsinn. Das Haus gehört mir, ich habe hier alles, was ich brauche, Platz, die Nähe zu meiner Wohnung und meine Kunden wissen, wo sie mich finden können. Vielleicht wollte ich ja nur die Veränderung. Ich habe jetzt entschieden, dass alles so bleibt.

Paris, 18. März 1939

Jetzt muss ich doch etwas ändern. Mutter hat sich nicht nur um die Buchhaltung gekümmert, sie war auch für das Geschäft mit den Neumöbeln zuständig. Ich habe mich nie darum gekümmert. Es ist sicherlich einträglich, aber es macht auch viel zusätzliche Arbeit. Mutter hat sich um die Kataloge gekümmert, sie kannte die Hersteller, die Vertreter der Fabriken. Ich bekomme jetzt Anfragen, Besuchsankündigungen und es gibt auch viele Kunden, die zu mir in den Laden kommen, und sich einrichten wollen, mit neuen Möbeln. Es sind nicht meine Kunden, es sind Mutters Kunden. Pierre Craquin kümmert sich darum, aber er hat längst nicht das Wissen, das Mutter hatte. Außerdem soll Pierre Craquin auch mich vertreten, sich um meine Kunden kümmern, wenn ich im Frühjahr wieder umherfahre. Mutters Umsätze waren immer recht gut, aber mir fehlt die Leidenschaft zu ihrem Geschäft. Ein Möbelstück wird für mich erst interessant, wenn es älter ist, als ich es selbst bin. Ich muss eine Lösung finden. Entweder stelle ich noch jemanden ein, oder ich lasse es in den nächsten Monaten auslaufen, indem ich die Kunden an unsere Konkurrenz verweise. Es würde mir natürlich wehtun und Pierre Craquin müsste noch mehr Neues lernen, wenn er sich in die Welt der antiken Möbel einarbeitet.

Paris, 20. März 1939

Die Politik ist weiterhin besorgniserregend. Deutschland hatte sich doch verpflichtet, nur das Sudetenland von der Tschechei zu nehmen. Jetzt gibt es die Tschechei gar nicht mehr. Hitler hat dafür das Protektorat Böhmen und Mähren errichtet.

Paris, 2. April 1939

In Spanien ist der Bürgerkrieg in die entscheidende Phase getreten. Die Truppen der Nationalisten haben nun doch die Hauptstadt Madrid erobert. Dieser Franco hat damit den Bürgerkrieg für beendet erklärt.

Paris, 5. April 1939

Übermorgen ist Feiertag. Wir müssen noch einkaufen. Über Ostern werde ich in Paris bleiben. Am Sonntag bin ich ins Theater eingeladen. Madame Moulinet wird die ganze nächste Woche freihaben, sie fährt zu ihrer Tochter nach Chartres. Madame Moulinet versucht jetzt schon alles vorzubereiten. Wir haben eine Liste gemacht, aber es ist ohnehin nicht allzu viel zu tun. Madame Moulinet macht in Mutters Zimmer sauber, auch wenn nicht viel anfällt, wo es ja nicht mehr benutzt wird. Gestern haben wir uns gemeinsam umgesehen. Wir haben uns gemeinsam das Gemälde angesehen. Madame Moulinet kennt es ja schon seit Langem, wie sie mir gesagt hat, aber sie hat nicht geglaubt, dass es tatsächlich ein echter Gauguin ist, sie meinte, dann müsste Gauguin mich ja gekannt haben. Ich habe es ihr bestätigt und ihr erzählt, dass Mutter und ich vor vielen Jahren einmal in Übersee gelebt haben. Sie war richtig beeindruckt. Ich habe ihr nichts von Julies Tod erzählt, vielleicht hat sie es sich ja auch denken können oder sie hat es gewusst. Ich glaube Mutter hat ihr einmal erzählt, dass sie Zwillingstöchter hatte. Ich wollte nichts in Mutters Zimmer verändern, aber ich überlege jetzt, das Bild abzunehmen. Ich habe Angst vor dem Bild, seit ich weiß, dass es Mutter in den Bann gezogen hat. Das Bild hat sich verändert, das waren Mutters Worte. Ach, welch ein Unsinn, es ist doch nur Stoff, Farbe und Holz. Ich werde alles so belassen, so wie es Mutter gefallen hätte.

Paris, 10. April 1939

Heute war eine Europakarte im Figaro abgebildet. Polen ist ja so eingeklemmt und sieht so klein und schwach aus. Seit Tagen wird in der Stadt davon gesprochen, dass Frankreich und die Engländer zu den Polen stehen, wenn sie aus dem Osten und Westen von einem Feind bedrängt werden. Polen hat es in seiner Geschichte schwer gehabt, schreibt der Figaro. Polen wurde ja so oft geteilt, verschwand sogar für Jahrzehnte von der Landkarte und ist erst seit dem Krieg wieder eine eigenständige Nation.

Paris, 15. April 1939

Roderic hatte es schon in seinem letzten Telegramm zu meinem Geburtstag vor einem Monat angekündigt, er kommt für ein paar Wochen nach Europa. Jetzt hat er wieder geschrieben. Er wird am dritten oder vierten Mai in Paris ankommen. Ich habe ihm natürlich sofort geantwortet, dass er sich kein Hotel zunehmen braucht. Er kann bei mir wohnen, ich habe immerhin zwei Gästezimmer, die nur selten genutzt werden. Ich spüre, dass ich mich richtig auf den Besuch freue.

Paris, 25. April 1939

Nachdem uns ein Krieg erspart geblieben ist, wurde Präsident Lebrun für eine zweite Amtszeit vom Parlament gewählt. Das Ausland bleibt aber weiterhin unruhig, denn Italien hat Albanien unterworfen.

Paris, 2. Mai 1939

Jetzt ist es ganz schnell gegangen. Ich hatte gar nicht mehr an unser Haus in Cricqueboeuf gedacht, vielleicht, weil es mehr Mutters als mein Feriendomizil war. Ich könnte diesen Sommer hinfahren, wo weder Mutter noch ich im letzten Jahr einmal dort waren. Ich habe Madame Moulinet im letzten August hingeschickt, um alles in Ordnung zu bringen, ihr hat es dort immer gefallen, auch wenn sie Arbeit hatte. Ich habe jetzt nicht lange überlegt. Es gab ja über die Jahre genug Interessenten. Ein Makler hat mir empfohlen, das Haus und die Wiese getrennt zu verkaufen, damit es einen besseren Preis gäbe. Es war wohl die richtige Entscheidung. Seit gestern gehört mir nichts mehr in Circqueboeuf, Mutter möge es mir verzeihen.

Paris, 10. Mai 1939

Ich habe gerade die Zeit, hier wieder etwas zu schreiben. Roderic ist vor einer Woche angekommen, aber jetzt schon wieder fort. Nein, ganz so ist es nicht, er kommt ja wieder, er hat nur heute und morgen Geschäfte in Brest zu erledigen. Ich habe Roderic am vergangenen Dienstag vom Gare du Nord abgeholt. Mehr als drei Jahre haben wir uns nicht gesehen. Er hat es bedauert, dass sich nicht schon früher eine Gelegenheit geboten hat.

Paris, 17. Mai 1939

Ich komme eben aus Rueil. Ich habe neue Blumen gepflanzt, die von der Gärtnerei haben mir nicht gefallen. Den Stein habe ich auch abgebürstet, mit Seifenlauge. Ich habe mit Lucien gebetet, dass die Welt im Frieden bleibt.

Paris, 3. Juni 1939

Ein kurzer Anruf von Adèle, sie ist in Cap Martin. Ihr Vater ist vor drei Tagen gestorben. Es kam für mich unerwartet. Ich muss überlegen, wann ich zuletzt von Adèle und Christian gehört habe. Anfang des Jahres war ich noch in Dardilly, dann haben wir zu meinem Geburtstag telefoniert, aber danach nicht mehr. Adèle überlegt jetzt, ob sie ihre Mutter zu sich nimmt. Ich war noch nie in Cap Martin, ich hätte gern einmal gesehen, wie Adèles Eltern dort leben, gelebt haben. Dass es doch immer wieder Dinge geben muss, die plötzlich zu Ende sind, ohne dass es ein Zurück gibt. Die Beerdigung ist morgen. Monsieur Keyser hat Cap Martin geliebt, er wird dort auch seine letzte Ruhe finden.

Paris, 17. Juni 1939

Roderics Zeit hier in Paris geht jetzt zu Ende. Er hat seine Geschäfte erledigt. Es war beinahe so wie im Sommer 1935. Wir haben viel unternommen. Einmal hat er mich sogar auf einer meiner Reisen begleitet. Wir sind ein recht gutes Team, auch weil ich Roderic einiges über mein Geschäft beigebracht habe. Ich habe tatsächlich einmal kurz darüber nachgedacht, Roderic nun doch nach Australien zu begleiten und wenn es nur für ein halbes Jahr wäre, so wie wir es schon einmal geplant hatten. Roderic ist davon überzeugt, dass es Krieg gibt und dass es um Polen gehen wird.

Paris, 14. Juli 1939

Frankreich feiert den hundertfünfzigsten Jahrestag. In jeder Zeitung lässt sich nachlesen, wie unbedeutend die Erstürmung der Bastille eigentlich war, aber sie gilt eben als Geburtsstunde einer neuen Freiheit. Wir haben natürlich auch schon seit einigen Wochen ganz National dekoriert, mit vielen Rosetten in den Farben der Trikolore. Ich habe auch versucht, Möbel aus der Zeit um 1789 zu finden, aber es ist schwer. Jean hatte die geschmacklose Idee, zum 14. Juli eine Guillotine ins Schaufenster zu stellen. Marie hat ihn dafür auch gescholten. Ich denke aber, es war nur ein Spaß, obwohl er nicht ganz unrecht hatte. Etwas Symbolisches wäre mir allerdings auch eingefallen, nämlich einen Thron neben einen Schemel zu stellen. Ich hätte einen großen Stuhl genommen und ihn mit Stoff überspannt und die Lehne mit Goldfarbe verziert. Dann habe ich aber ein Kanapee gefunden, das im Stile des achtzehnten Jahrhunderts ausgeführt ist. Jetzt am Wochenende werden wir es ins Schaufenster stellen, zusammen mit zwei Puppen, die wie ein Marquis und ein Bauer gekleidet sind. Ich denke das ist symbolisch genug.

Paris, 20. Juli 1939

Ich habe schon lange mit dem »202« geliebäugelt, jetzt steht er vor dem Haus. Ich habe ihn letzte Woche gekauft und bar bezahlt und heute Morgen abgeholt. Er ist so schnittig, weil seine Scheinwerfer nicht auf den Kotflügeln sitzen, sondern im Kühlergrill versteckt sind. Eigentlich sollte ich mir ja einen Lieferwagen kaufen. Ich werde es ja auch noch tun.

Paris, 27. Juli 1939

Dem Louvre wurde schon wieder ein Bild gestohlen. Der berühmteste Fall war ja der Diebstahl der Mona Lisa vor gut dreißig Jahren. Diesmal ist das Bild nicht ganz so alt und auch nicht so berühmt. Natürlich kennt man die Werke von Watteau. Bis vor wenigen Tagen hing auch noch sein »L´différent« im Louvre. Der Figaro hat das Gemälde abgedruckt. Die »Gleichgültige« sieht mir eher aus wie ein entrückter Tänzer. Das Werk stammt aus dem Jahre 1717. Vielleicht hat der Louvre ja Glück, bislang hat es seine Bilder wohl immer zurückbekommen.

Paris, 7. August 1939

Der Orsay ist nun kein richtiger Bahnhof mehr. Der Fernverkehr wurde jetzt eingestellt und es laufen nur noch Vorortzüge in die große Halle ein. Er war keine vierzig Jahre in Betrieb, dabei finde ich seine Architektur recht ansprechend, aber die Bahnsteige sollen zu kurz für die heutigen Züge gewesen sein, es finden nicht mehr alle Wagons Platz, sodass die Reisenden nach vorne laufen müssen, um von dort auszusteigen. Ich hoffe nur, sie reißen das Gebäude am Ende nicht noch ab.

Paris, 10. August 1939

Adèle war am Telefon ganz aufgelöst, sie hat nicht geweint, aber ihre Stimme hatte alle Trauer dieser Welt in sich. Madame Keyser ist tot. Erst der Vater im Juni und keine zwei Monate später nun auch noch ihre Mutter. Adèle ist wieder in Dardilly, sie hat ihre Mutter vor zwei Wochen zuletzt besucht, da war noch alles in Ordnung und heute früh kommt der Anruf. Die Zugehfrau hat Madame Keyser gefunden, sie muss in der Nacht eingeschlafen sein. Adèles Mutter war nicht krank. Adèle kann es einfach nicht begreifen. Sie wird heute Nachmittag den Zug nach Cap Martin nehmen. Sie hat mich nicht darum gebeten, aber ich weiß, ich spüre, dass sie mich jetzt braucht. Ich habe ihr gesagt, dass ich komme. Ich werde gleich packen, ich weiß noch gar nicht, wann ein Zug fährt, aber ich werde schon irgendwie nach Cap Martin gelangen.

Paris, 18. August 1939

Ich war eine Woche fort, erst in Cap Martin und dann noch zwei Tage in Dardilly. Ich bin im Schlafwagen über Lyon nach Cap Martin gefahren, die ganze Nacht hindurch. Adèle hat mich mit dem Auto ihres Vaters abgeholt. Christian ist erst am nächsten Tag mit dem Zug gekommen, einen Tag vor der Beerdigung. Wenn ich bedenke, dass das Grab noch frisch war. Christian hat sich an den folgenden Tagen um die Behördengänge gekümmert und Adèle und ich haben die Sachen ihrer Eltern durchgesehen, Kartons gepackt, alles aufgeräumt. Wir haben zwei Tage dafür gebraucht, für alles Wesentliche. Adèle und Christian werden in den nächsten Wochen noch einmal zurückkehren. Ich weiß nicht, ob sie das Haus verkaufen wollen. Es ist wirklich sehr schön, auch in der Umgebung von Cap Martin, es war aber nicht die richtige Jahreszeit, es zu genießen.

Paris, 4. September 1939

Jetzt muss es eine Mobilmachung geben. Wir werden uns die Aggression nicht gefallen lassen. Ich weiß nicht, ob dies auch wirklich meine Meinung ist, ich weiß nicht, ob wir wirklich Soldaten nach Polen schicken sollten. Gestern gab es die Kriegserklärung, von unserer Seite, weil die Deutschen pünktlich zum 1. September, pünktlich zu Beginn des Wochenendes, in Polen eingedrungen sind. Glauben die denn, unsere Regierung geht ins Wochenende und toleriert diesen Akt der Gewalt. Wir haben es nicht toleriert und am heiligen Sonntag die Antwort gegeben. Ich weiß nicht, ob es dadurch besser oder gerechter wird. Gerecht ist es aber allemal.

Paris, 6. September 1939

An einer Sammelstelle wurde uns gezeigt, wie Gasmasken angelegt werden. Wir haben diese scheußlichen Dinger auch gleich behalten dürfen. Uns wurden auch Straßen und Adressen genannt, in denen sich Schutzräume befinden. Was trauen sie den Deutschen zu, dass Paris überrannt wird. Noch ist doch nicht viel geschehen, Polen wurde angegriffen und wir haben protestiert und den Krieg erklärt.

Paris, 20. September 1939

Die polnische Regierung ist nach Rumänien geflohen, Polen ist besiegt, kaum zwei Wochen nach Kriegsbeginn. Frankreich und England brauchen Polen nicht mehr zur Seite zu stehen. Wir haben jetzt unseren eigenen Krieg. Natürlich muss Polen befreit werden.

Paris, 8. Oktober 1939

Es passiert nichts, wir haben Krieg und doch ist kein Krieg, nicht bei uns. Ich erinnere mich noch an das Jahr 1914, und weil ich mich daran erinnere, ist mir dieser Zustand fast lieber, als wenn es eine umkämpfte Front gibt, die sich gar noch auf unserem Territorium befindet. Aber so geht es nicht. In Polen wurde gekämpft, unsere Verbündeten wurden besiegt.

Paris, 1. November 1939

Heute ist Mutters siebzigster Geburtstag. Im letzten Jahr habe ich den Geburtstag noch verdrängt, doch seit einiger Zeit erzähle ich Mutter, was mich bewegt oder was in der Welt vor sich geht. Es mag eigentümlich sein, jetzt wo ich darüber auch noch schreibe, aber es ist ja auch eigentümlich, sehr eigentümlich, doch es ist mir wichtig und es wird ja niemand davon erfahren, wenn ich Mutter etwas erzähle. In diesen Tagen muss ich ihr wieder über einen Krieg berichten. Ich hoffe, dies ist bald vorbei.

Paris, 12. November 1939

Am Westwall soll es deutsche Lautsprecherdurchsagen geben. Sie werden nicht zuerst auf uns schießen, dass soll ein Versprechen der Deutschen sein. Es ist aber egal, denn wir müssen ja auch zuerst schießen, weil wir den Krieg erklärt haben.

Paris, 4. Dezember 1939

Ich habe im Sommer etwas weniger Kohlen gekauft, als die Jahre zuvor, aber wirklich nicht viel weniger. Jetzt stelle ich fest, dass mein Vorrat wohl nicht bis zum Januar, geschweige denn bis zum Frühjahr reichen wird. Es ist ärgerlich, weil Kohlen jetzt besonders teuer sind. Seit Mitte November ist es recht kalt, ich hoffe es ist nur vorübergehend.

Paris, 9. Dezember 1939

Es gibt einen neuen Kriegsschauplatz. Die Gegner sind Russland und Finnland, zwei Länder mit einer gemeinsamen Grenze. Die russischen Truppen sind schon einige Kilometer nach Finnland eingedrungen. Es werden Orte genannt, von denen ich noch nie etwas gehört habe.

Paris, 15. Dezember 1939

An den Völkerbund habe ich gar nicht gedacht. Die Zeitungen berichten, dass die Aggressoren, dass Deutschland bereits vor einigen Jahren selbst dem Völkerbund gekündigt hat. Russland wurde jetzt hinausgeworfen, wegen des Krieges gegen die Finnen, die sich noch immer tapfer wehren. Was diesen Krieg betrifft, hat wohl jeder schon mit einer Niederlage Finnlands gerechnet. Vielleicht ist es ja bald soweit, aber noch haben die Finnen nicht verloren.

Paris, 20. Dezember 1939

Russland hat sich seinen Teil von Polen genommen, schon vor Wochen, jetzt gab es die Kriegserklärung. Die polnische Regierung sitzt in Rumänien und erklärt Russland den Krieg. Russland war im Großen Krieg unser Verbündeter, was geschieht jetzt.

Dardilly, 24. Dezember 1939

Das Weihnachtfest verbringe ich in Dardilly. Heute am Heiligenabend herrscht große Geschäftigkeit auf dem Gut. Jetzt, zur Mittagszeit, ist aber etwas Ruhe eingekehrt, alle bereiten sich auf das Fest vor. Es verspricht so friedlich zu werden, ich kann kaum glauben, dass Krieg ist und dass schon so viele gestorben sind und dieses Weihnachtsfest nicht mehr erleben können. Ich weiß gar nicht, ob es auf französischer Seite schon Opfer gab, aber natürlich in Polen und in Finnland oder wo sonst noch gekämpft und geschossen wird.

Dardilly, 29. Dezember 1939

Ich wollte in diesen Tagen den Jahresabschluss vorbereiten, in Paris, im Geschäft. Es kann warten, ich bleibe noch über Silvester in Dardilly. Adèle hat zwischen den Jahren immer ein großes Programm, viele Besuche und ich begleite sie und lerne so immer die verschiedensten Leute kennen. Der Silvesterabend findet wieder im Gemeindehaus statt. Ich glaube, vor Jahren schon einmal dabei gewesen zu sein. Wir gehen einfach hin und brauchen uns um nichts zu kümmern. Im letzten Jahr hat Adèle noch für die Verpflegung gesorgt, in diesem Jahr machen es andere Nachbarn, es geht reihum, hat mir Adèle erklärt.

1940

Dardilly, 1. Januar 1940

Das Silvesterfest war doch recht fröhlich. Wir haben erst mit allen Leuten aus dem Dorf gefeiert, wir waren im Gemeindehaus. Dann heute früh so gegen zwei sind wir zum Gut zurückgelaufen und haben uns in der großen Stube noch ein Stündchen zusammengesetzt. Wir haben nicht über den Krieg gesprochen, sondern über alte Zeiten, vielleicht ist das so, dass über alte Zeiten gesprochen wird, wenn die jetzige Zeit nicht so hoffnungsvoll ist. Es ist eben erst nach acht, ich konnte nicht mehr schlafen. Ich schaue gerade aus dem Fenster, auf dem Hof ist es ganz ruhig. Sicher waren die Mägde und Knechte schon in den Ställen, die Arbeit am Vieh muss eben gemacht werden. Um acht ist es aber immer ruhig, für eine gute Stunde, egal ob an Neujahr oder einem beliebigen anderen Tag. Ich denke gerade, wenn ich wieder nach Paris reise, dann nicht vor dem 5. Januar.

Dardilly, 5. Januar 1940

Heute wäre mein Abreisetag gewesen. Ich habe eben mit Monsieur Craquin telefoniert. Ich werde noch in Dardilly bleiben. Christian meinte, die Deutschen würden jetzt bald in die Offensive gehen, jetzt wo Polen besiegt ist. Obwohl es sehr kalt ist und Kälte einen Angriff aufschieben könnte, sind die Deutschen doch unberechenbar und ihnen ist alles zuzutrauen. So meint es jedenfalls Christian und ich vertraue ihm in solchen Dingen. Ich will noch zwei Wochen warten, dann gibt es vielleicht etwas Neues.

Dardilly, 10. Januar 1940

Die Kälte hält sich, ich habe gelesen, dass ganz Europa darunter leidet. In Paris ist es auch sehr kalt. Ich habe mit Madame Moulinet telefoniert. Sie sagt, wem danach zumute ist, kann auf den kleineren Gewässern, auf Teichen und Seen Schlittschuh laufen. Wer sich dabei aber das Bein bricht, kann nicht flüchten, falls die Deutschen doch irgendwann auf Paris zurennen. Aber vielleicht ist es ohnehin besser, seine Kräfte zu schonen. Als Erstes wird ab morgen in ganz Frankreich das Fleisch rationiert. Dabei macht es keinen Unterschied, ob ich in Paris geblieben wäre, oder eben hier in Dardilly bin. Ich bin ohnehin keine große Fleischesserin, aber vielleicht wird das wenige, was ich brauche noch weniger.

Dardilly, 20. Januar 1940

Meine Rückreise habe ich weiter verschoben. Ich telefoniere einmal die Woche mit Madame Moulinet, mein Haushalt macht mir die geringste Sorge, aber Madame Moulinet vermittelt mir die Stimmung in Paris, besser als es Monsieur Craquin kann, mit dem ich immer nur geschäftliche Dinge bespreche. Madame Moulinet hat mir auch einige Pariser Zeitungen geschickt, darunter die Canard, die ich in Lyon bisher nicht bekommen habe. Der Januar ist ohnehin immer ruhig, Zeit sich um die Lieferanten zu kümmern, Preise für das Jahr auszuhandeln und die neuen Kataloge zu studieren. Außerdem wird Monsieur Craquin ja auch von Marie unterstützt, die sich in allem genauso gut auskennt wie ich. In der Werkstatt kommt Jean gut allein zurecht. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es eigentlich schade, ich bin so gern an der Tischlerbank. Vielleicht sollte ich wieder mehr in der Werkstatt arbeiten, wenn ich wieder in Paris bin. Mich wundert, dass mir die Tage hier in Dardilly nicht langweilig werden. Es gibt eben immer etwas zu unternehmen. Adèle und ich machen Besuche, gehen auf den Markt, wir sind häufig unterwegs. Es ist eigentlich eine schöne Zeit.

Dardilly, 29. Januar 1940

Morgen fahre ich nun doch nach Paris zurück. Es wird aber keine Rückkehr für sehr lange sein, höchstens für eine Woche, um nach dem Rechten zu sehen. Der Krieg ist noch nicht entschieden, er ist ja noch nicht einmal richtig ausgebrochen, was ein Glück ist, denn es gibt viele Stimmen, die behaupten, es würde noch zum Frieden kommen, noch bevor es entscheidende Kämpfe gegeben hat. Frankreich und England werden akzeptieren, dass Polen jetzt zum Deutschen Reich gehört. Mit der Kriegserklärung haben wir nur unser Gesicht gewahrt, es wird wieder einen Vertrag geben, wie vor zwei Jahren in München.

Paris, 31. Januar 1940

Ich hatte heute den ganzen Tag mit dem Geschäft zu tun, es war ein langer Tag. Ich habe die Bücher durchgesehen, die Kataloge begutachtet, ich werde sie mir übrigens mit nach Dardilly nehmen. Ich war in der Werkstatt, im Lager, ich war überall.

Paris, 1. Februar 1940

Ich habe eine Lebensmittelkarte zugeteilt bekommen. Jetzt kann genau überwacht werden, wer wie viel erhält. Die Karte muss in den Lebensmittelgeschäften vorgezeigt werden, ohne sie gibt es ab sofort nichts mehr. Ich weiß nur noch nicht, ob ich die Karte auch in Dardilly verwenden kann. Die Dame an der Ausgabestelle konnte es mir auch nicht beantworten. Ich werde meine Lebensmittelkarte jedenfalls mit nach Dardilly nehmen, ich werde dann sehen, was sie damit machen.

Paris, 4. Februar 1940

Ich packe schon wieder, es werden drei große Koffer, ich will auch für das Frühjahr gerüstet sein. Außerdem nehme ich meine Papiere mit, die Fotoalben und die wichtigen Geschäftspapiere, die Grundbucheinträge und Besitzurkunden für die Rue Réaumur, die Rue Faubourg und für das Ferienhaus in Fontainebleau und natürlich auch für mein Wohnhaus. Ich komme mir wie ein Flüchtling vor und es ist ja auch eine Flucht. Eben habe ich noch an meinem Flügel gespielt, ich werde ihn vermissen. Ich überlege schon, ob ich ihn so einfach im Haus lassen kann. Madame Moulinet wird ihn wie die anderen Möbel mit Laken abdecken, aber ob das reicht. Was mache ich mir da für Gedanken, ich bin vielleicht schneller wieder zurück, als ich denke und dann war dieses Überlegen und Grübeln ganz umsonst.

Dardilly, 13. Februar 1940

Heute habe ich von Monsieur Craquin ein kleines Päckchen aus Paris bekommen, die Geschäftspost. Es ist wie vereinbart alles geöffnet und mit Vermerken versehen. Monsieur Craquin kümmert sich um fast alles, aber es bleiben mir immer noch einige Dinge selbst zu beantworten. Die schlechte Nachricht, es wird keine Möbellieferungen mehr aus Manchester geben. Sie wollen keine Schiffsbesatzung durch deutsche Unterseeboote verlieren, nur wegen ein paar kriegsunwichtiger Möbel. Monsieur Craquin hat überschlagen, was wir vom letzten Jahr noch im Lager haben. Es ist natürlich nicht viel, weil wir in Manchester eigentlich nur kaufen, wenn ein Kunde das Möbel bestellt. Ich weiß nur, dass wir im letzten Jahr ein paar Kommoden und kleinere Schränke auf Lager genommen haben, die uns besonders billig angeboten wurden. Jetzt muss Monsieur Craquin diese Sachen anbieten, solange bis die Seegebiete wieder sicher sind.

Paris, 1. März 1940

Endlich habe ich meine Lebensmittelkarte getauscht. Es war aber ein hartes Stück Arbeit, die Neue überhaupt zu bekommen. In Paris musste extra ein Antrag gestellt werden, dass ich meine Lebensmittelkarten bis auf weiteres im Departement Rhône erhalte. Ich habe bestimmt alle meine Papiere vorgelegt, meine Geburtsurkunde, meinen Pass, eine Bestätigung von Adèle und Christian, dass ich als Gast bei ihnen wohne. Adèle und ich sind deswegen dreimal nach Lyon hineingefahren. Ohne die neue Lebensmittelkarte wäre ich sicher nicht verhungert, denn ich bin bisher immer sehr gut von Adèle und Christian verpflegt worden, aber wer weiß, wie es künftig aussieht, wenn die Behörden beginnen, auf den Gütern Lebensmittel zu beschlagnahmen und wir wirklich nicht mehr viel haben. Ich hoffe, es kommt nie so weit.

Dardilly, 5. März 1940

Ich verfolge das Kriegsgeschehen. Es soll zwischen Finnland und den Russen bereits einen Frieden geben. Die Engländer kämpfen auf See und das englische Festland wird von den Deutschen aus der Luft angegriffen. An den französischen Grenzen ist es weiterhin ruhig, obwohl wir uns eindeutig im Krieg mit dem Deutschen Reich befinden. Vielleicht wird dieser Krieg für Frankreich ja doch anders als der Letzte. Wenn irgendwann die Kämpfe beginnen und falls es dann einen Sieg für uns gibt, müssen wir rechtzeitig planen, denn der Alkohol zum Feiern darf nur noch an bestimmten Tagen verkauft werden.

Dardilly, 12. März 1940

Pierre Craquin hat mir den Abschluss des Februars geschickt. Es gab ein paar Aufträge für Reparaturen und es gab sogar Interessenten für die antiken Möbel in unserem Lager. Sekretäre sind gefragt, möglichst stabil und mit Geheimfach oder doppelten Böden. Dies betont Pierre Craquin besonders und er schreibt, dass er drei Stücke verkauft hat. Die Preise, die er erzielen konnte, sind auch in Ordnung, mehr als in Ordnung. Mich drängt es beinahe hier in der Gegend nach weiteren Möbeln zu suchen, vielleicht lassen sich ja einige Schätze finden, die Pierre Craquin in Paris dann gut verkauft. Er schreibt noch, dass seine Frau Frankreich verlassen hat. Madame Craquin hat Verwandte in Kanada und sie will versuchen dorthin zu gelangen. Ich bin also nicht die Einzige, die voreilig die Flucht ergreift.

Dardilly, 20. März 1940

Im Hafen von New York liegen drei Ozeanliner vor Anker. Unsere Normandie und die englischen Schiffe Queen Mary und Queen Elizabeth, alle vor dem Krieg aus Europa geflüchtet. Die New Yorker sollen jubeln, denn wann haben sie schon die Gelegenheit, drei dieser Luxusliner an einem Ort gleichzeitig zu sehen. Die Queen Elisabeth ist doch noch gar nicht so alt, hat doch den Liniendienst noch gar nicht aufgenommen, soviel ich weiß. Ich kann mich erinnern, von ihrem Stapellauf gerade erst gelesen zu haben, vor einem oder höchstens zwei Jahren.

Dardilly, 29. März 1940

In Finnland ist der Krieg beendet. Es gab einen Friedensvertrag. Ich kann nicht sagen, wer gewonnen hat, sicherlich die Russen, denn Finnland muss Grenzgebiete abgeben. Die Russen haben gesiegt, weil Finnland nicht mehr in der Lage gewesen ist, den Krieg weiterzuführen, so schreiben es die Zeitungen. Die verlorenen Gebiete scheinen mir nicht sehr groß zu sein, aber auch das Elsass ist nicht sehr groß und unsere Ahnen kennen den Schmerz eines Verlustes.

Dardilly, 17. April 1940

Nach Polen kommen jetzt Dänemark und Norwegen. Die Wehrmacht führt weiterhin keinen richtigen Krieg gegen uns, sondern greift andere Länder an. Norwegen ist reich an Bodenschätzen. Wer Krieg führen will, braucht Erz und Eisen für seine eigenen Kanonen, und er will nicht, dass es andere bekommen. In Norwegen sind jetzt die Engländer mit ihrer Marine gefordert, so hat es uns Christian erklärt.

Dardilly, 10. Mai 1940

Es wird jetzt doch kein friedliches Pfingstfest geben. Wieder haben die Deutschen sich einen Freitag ausgesucht, wieder zerstören sie die Wochenendstimmung, aber das wird unser geringstes Problem sein. Es ist schon spät, in wenigen Minuten haben wir bereits den elften Mai. Dieser Monat markiert jetzt endlich den Beginn. Es gibt seit heute eine Front, die sich französischem Boden nähert. Die Wehrmacht hat die Kriegserklärung erst jetzt richtig angenommen. Ich hoffe wir schlagen den Feind zurück. Ich hoffe, dass ich wenigstens das nächste Pfingstfest wieder im Frieden begehen kann.

Dardilly, 25. Mai 1940

Als es noch ruhig war, habe ich mich in Dardilly versteckt, jetzt, wo Frankreich angegriffen wird, begebe ich mich wieder nach Paris. Es kann passieren, dass ich dort eingeschlossen werde. Ich Reise morgen früh, nur für ein paar Tage.

Paris, 28. Mai 1940

Madame Moulinet hat mir ein behagliches Heim gerichtet. Obwohl ich ja nur diese paar Tage in Paris bin, hat sie alles gründlich saubergemacht, als wenn ich vorerst nicht wieder nach Dardilly zurückkehren würde. Ich weiß nicht, vielleicht könnte ich doch bleiben, wie Millionen Pariser auch, oder doch nicht, denn gerade jetzt flüchten viele Leute aus der Stadt. Es ist wie im Großen Krieg, nur dass Mutter und ich damals geblieben sind.

Paris, 2. Juni 1940

In diesen unruhigen Zeiten feiert Madame Bernier ihren neunzigsten Geburtstag. Ich hätte mir für sie und für mich und für ganz Frankreich gewünscht, dass Frieden sei und dass keine deutschen Truppen auf französischem Boden stehen. Es ist nicht zu ändern, der Geburtstag lässt sich nicht verschieben, er steht schließlich schon seit neunzig Jahren fest. Wir haben schon im Heim gefeiert, in der Residenz, wie die Betreiber ihr Altenheim nennen. Es war trotz all der trüben Gedanken schön. Nachbarn sind gekommen und werden sich weiter um Madame Bernier kümmern können, weil das Heim keine zwei Kilometer von Madame Berniers Häuschen entfernt liegt. Das Haus gehört ihr noch, die Kosten für das Heim bestreitet sie von ihren Ersparnissen. Ich denke Madame Berniers Nichte, die Mutter und ich nie kennengelernt haben, wird sich jetzt doch um alles kümmern müssen, wenn sie es noch kann, denn Metz dürfte längst gefallen sein. Irgendwann gibt es wieder Frieden und spätestens dann.

Paris, 5. Juni 1940

Pierre Craquin hat alles vorbereitet. Die Möbel, die ich aus Dardilly geschickt habe, sind gut angekommen. Wir sind zusammen mit Jean ins Lager gefahren und haben die Reparaturen durchgesprochen. Jean braucht beinahe keine Anweisungen, er weiß, worauf es mir ankommt. Es war aber schön, ihn, Marie und Pierre Craquin nach diesen Monaten wiederzusehen. Ich bin nur froh, dass Jean nicht in diesem Krieg kämpfen muss, wo er doch den Großen Krieg so glücklich überlebt hat. Morgen fahre ich zurück nach Dardilly. Meinen Flügel werde ich nicht mehr spielen, ich habe mir vorgenommen, es erst wieder zu tun, wenn dieser Krieg vorüber ist. Ich habe mir allerdings einige Schallplatten in den Koffer gepackt und nehme natürlich auch das Grammophon mit.

Dardilly, 7. Juni 1940

Die Nachricht des Tages, Dünkirchen ist gefallen. Die französische Armee ist nicht sehr erfolgreich. Ich will nicht, dass mich jemand für unpatriotisch hält und darum bleiben meine Gedanken hier in diesem Büchlein. Ich habe Angst vor dem Krieg, der sich so schnell und unaufhaltsam Paris nähert. Ich bin froh, dass Adèle mich dazu gebracht hat, in Dardilly zu bleiben. Jetzt bin ich hier und werde vorerst auch nicht mehr nach Paris zurückkehren. Ich habe schon alles geplant. Mein Haus lasse ich leer räumen und auch das Geschäft. Die Möbel und alle Kleider und Wertsachen aus der Rue Mandar, werden in die Rue Faubourg gebracht. Mein »202« soll dort auch stehen, solange ich ihn nicht fahren kann. Ich werde alles in der Rue Faubourg einlagern lassen und hoffe, dass mich die Deutschen nicht bestehlen oder alles zerstören, wenn sie Paris überrennen. Ich lasse mir weitere Sachen nach Dardilly schicken, die ich jetzt nicht mitnehmen konnte. Mit genügend Barschaft habe ich mich auch schon versorgt. Madame Moulinet wird meine Wohnung verschließen. Sie selbst will zu ihrer Tochter nach Chartres. Pierre Craquin und Marie kümmern sich um das Geschäft. Wir werden morgen schließen. Ich weiß nicht, wie lange ich fort sein werde. Jean will unbedingt noch in der Werkstatt arbeiten, bis er die letzten Reparaturen erledigt hat. Dann sorgt er dafür, dass alles aus der Werkstatt ins Lager kommt, die Maschinen und Werkzeuge. Anschließend wollen er und Marie abwarten, wie sich die Dinge in Paris entwickeln.

Dardilly, 9. Juni 1940

Ich wollte eben das Grammophon spielen, da stelle ich fest, dass es gar nicht mehr funktioniert. Auf der Reise kann es nicht passiert sein. Vielleicht war ja schon vorher etwas damit. Ich habe es ja auch lange nicht mehr benutzt. Ich muss mir eben in Lyon ein Neues besorgen.

Dardilly, 11. Juni 1940

Italien hat uns den Krieg erklärt, uns und England. Christian meint, die Italiener werden über die Alpen kommen. Was ist jetzt noch für die Italiener zu gewinnen, nach Dünkirchen. Frankreich wurde doch bereits sturmreif geschossen.

Dardilly, 13. Juni 1940

Paris selbst ist noch nicht bombardiert worden, dafür aber die Flugplätze in der Umgebung. Madame Moulinet hält Kontakt zu mir. Ihr Brief ist noch durchgekommen, obwohl die Wehrmacht schon vor den Toren von Paris steht. Der Krieg ist verloren, wenn erst einmal Paris gefallen ist. Erst passiert gar nichts und dann ist alles vorbei, bevor sich unsere Armee überhaupt richtig aufgestellt hat. Was ist daran jetzt gut? Vielleicht, dass es keine Toten mehr geben wird? Was ist schlecht, dass Frankreich besiegt wurde? Vielleicht ist jetzt ja alles zu Ende und wir machen weiter wie im letzten Jahr, nur dass eben der Druck abgelassen wurde. England, Deutschland und Frankreich beenden den Krieg. Polen, was ist dann mit Polen? Gibt es eine zweite Konferenz in München? Chamberlain ist nicht mehr da. Es wird Zeit, alles aus der Entfernung zu beobachten und dann weiterzusehen.

Dardilly, 22. Juni 1940

Wir müssen befürchten, dass die Deutschen auch zu uns kommen. Irgendjemand soll sie schon in der Gegend westlich von Lyon gesehen haben. Ich bin aus Paris geflüchtet, aber sie haben mich eingeholt. Ich hoffe nur, es wird hier nicht auch noch gekämpft, obwohl, Frankreich muss sich doch verteidigen. Christian will schon wissen, dass alles vorbei ist.

Dardilly, 23. Juni 1940

Im Radio konnten wir eine Ansprache hören, Teile der französischen Armee haben sich von Dunkirchen aus nach England in Sicherheit gebracht. Brigadegeneral Charles de Gaulle von der vierten Panzerdivision hat sich schon am 18. Juni aus London gemeldet und uns aufgefordert, den Kampf fortzusetzen. Ich habe es erst gestern gehört, als es von der englischen BBC wiederholt wurde und selbst heute soll die Ansprache noch ein paar Male ausgestrahlt worden sein. Es ist ein verzweifelter Aufruf, was sollen wir hier in Frankreich tun, der Feind steht im Land. Marschall Pétain hat doch gestern in Compiègne die Kapitulation unterzeichnet. Was hätten wir noch ausrichten können, in diesen wenigen Tagen oder soll der Kampf auch nach der Kapitulation noch weitergehen. Ich weiß nicht, ob dieser Aufruf verantwortungsvoll ist. General de Gaulle sprach auch vom Freien Frankreich, dessen Interessen er jetzt von England aus vertritt, ist so etwas seriös?

Dardilly, 20. Juni 1940

Christian hat sie gesehen, deutsche Soldaten in Lyon. Es wurde wohl auch geschossen. Er hat einen brennenden Lastwagen gesehen. Adèle war ganz böse auf Christian und sie hat Angst. Später haben wir gehört, dass es keine weiteren Kämpfe gab. Unsere Truppen haben den Deutschen nichts mehr entgegenzusetzen, wird behauptet. Ich kann das nicht glauben.

Dardilly, 25. Juni 1940

Es ist wahr. Heute ist der Tag der Niederlage. Das Volk soll trauern und so haben wir uns heute auf dem Dorfplatz eingefunden. Wir sind nicht nach Lyon gefahren, auch hier in Dardilly hat die Trauer ihre Male. Es gibt einen Gedenkstein mit einer Schrifttafel, den Helden des Großen Krieges, den Siegern. Sie Gedenken der Opfer, sie hatten hier Opfer während des Großen Krieges, aber, gottlob keine Toten in diesem Feldzug, soweit sie es schon wissen, denn es wurde doch gestern noch gekämpft und gestorben oder haben wir uns feige ergeben. Ich entschuldige mich für das Wort Feige. Wie kann ich darüber ein Urteil abgeben. Ich denke an Lucien, wir haben Lucien heute auch geehrt, ich habe es getan, denn die Menschen hier, die mich noch gar nicht richtig kennen, wissen nichts von Lucien. Lucien hat seinen Krieg gewonnen und ich habe in diesem Krieg, der verloren ging, niemanden gehabt. Es ist also nicht mein Krieg. In einem Jahr ist es irgendein Konflikt gewesen, der einen Eintrag in die Geschichtsbücher verlangt, sicherlich nicht sehr hervorgehoben, es sei denn dort drüben, bei den Deutschen, dort wird es der große Triumph sein, aber das geht mich ebenso wenig etwas an. Ich habe heute brav getrauert, so wie es dem französischen Volk aufgetragen wurde. Wir sind still nach Hause gegangen. Zu Hause habe ich aber noch nicht meine Koffer gepackt, es ist wohl noch zu früh.

Dardilly, 27. Juni 1940

Es gibt eine Demarkationslinie, Frankreich soll geteilt werden. Wenigstens ziehen sich die Deutschen hinter diese Linie nach Norden zurück. Die Gefahr entfernt sich von Lyon. Mir ist aber noch nicht klar, was eine Demarkationslinie ist, was bedeutet es für uns, wird Paris künftig zum Deutschen Reich gehören und für wie lange, wann ziehen sie sich wieder zurück. Ein unerträglicher Gedanke, dass sie bleiben. Lucien, mein Lucien, wir haben den Krieg doch gewonnen, sie durften doch gar nicht mehr kämpfen.

Dardilly, 1. Juli 1940

Für Frankreich ist der Krieg zu Ende. Ich habe richtig gehandelt. Die Deutschen stehen in Paris. Ich werde vorerst nicht zurückkehren, die Entscheidung ist gefallen, ich bleibe noch in Dardilly und beobachte alles von hieraus. Adèle und Christian sind jetzt die Menschen, die mir am nächsten stehen. In Paris war ich allein, seit fast zwei Jahren allein. Das Geschäft in der Rue Réaumur und die Büros und das Lager in der Rue Faubourg habe ich zum Glück schon letzten Monat geschlossen. Ich hoffe es geschieht nichts mit meinem Besitz. Ich werde Pierre Craquin telegrafieren oder ihm schreiben, er soll ein Auge auf alles haben, wenn er kann. Natürlich geht es nicht um ein Jahr, vielleicht um ein oder zwei Monate, vielleicht ein viertel Jahr. Im Herbst bin ich ganz sicher zurück, was soll ich im Sommer in Paris. Das Meer ist doch so nah, Marseille und die kleinen Orte mit ihren schönen Stränden. Wenn Paris wieder freigegeben wird, kehre ich zurück, ich will nicht dort sein, wenn die Deutschen es noch besetzt halten.

Dardilly, 10. Juli 1940

Die Engländer führen weiter Krieg und sehen uns aufseiten der Deutschen. In Algerien wurde vor einigen Tagen unsere Flotte beschossen. Wir erfahren nicht viel mehr. Die Bretagne, die Dunkerque und die Provence wurden, versenkt, die Strasbourg konnte entkommen. Im Atlantik und im Mittelmeer wurden französische Schiffe von den Engländern gekapert, sodass auch sie nicht mehr für einen Krieg gegen England eingesetzt werden können.

Dardilly, 18. Juli 1940

Seit der Niederlage ist noch kein Monat vergangen und schon hat sich die Regierung neuformiert. Paris ist nicht mehr Regierungssitz, wie auch, wo die Deutschen dort residieren. Ich habe Vichy schon gekannt, aber mir nie vorstellen können, dass von dort aus einst die Geschicke unserer Nation gelenkt werden. Marschall Pétain hat Präsident Lebrun abgesetzt und selbst die Regierung übernommen. Es ist ja nur vorübergehend. Christian sagt, dass auch Pétain nur vorübergehend den Staat führen wird, er ist zu alt, über achtzig. Die größere Gefahr gehe wohl eher von diesem Laval aus, er soll den Deutschen hörig sein. Als Stellvertreter des alten Pétain kann es schnell geschehen, dass er zum Präsidenten wird, aber gibt es noch einen Präsidenten, gibt es die Dritte Republik noch?

Dardilly, 2. August 1940

Madame Moulinet hat geschrieben. Ich war ganz überrascht, Madame Moulinet ist in Paris, aber ihr Brief wurde in Gannat aufgegeben und in Vichy noch einmal gestempelt, er wurde also aus Paris herausgeschmuggelt. Madame Moulinet erwähnt nichts davon in ihrem Brief, sie schreibt nur von einem Vorschlag, den sie bereits in die Tat umgesetzt hat. Sie fühlt sich im großen Paris sicherer als in Chartres und sie will unser Haus in der Rue Mandar bewohnen, solange ich noch in Dardilly bleibe. Ihre Tochter ist mitgekommen und sie wollen sich um alles kümmern, vor allem darum, dass die deutsche Kommandantur das Haus nicht requiriert. Derzeit sind wohl viele leerstehende Häuser von dieser Requirierung betroffen. Die Deutschen richten sich in Paris ein. Überall sind Uniformen zu sehen, berichtet Madame Moulinet. Die Pariser halten sich zurück, es nützt ja auch nichts, sich aufzulehnen und in Gefahr zu bringen. Ganz im Gegenteil, es gibt sogar schon Leute, die sich den Deutschen anbieten. Die Mehrheit steht aber hinter Frankreich, das jetzt nicht mehr existiert. Dann berichtet Madame Moulinet noch, dass Adolf Hitler in Paris gesehen wurde. Es ist die Behauptung einer Marktfrau vom Place Louis Lépine. Sie will ihn gesehen haben, schon am 23. oder 24. Juni, ganz in der Früh, in einem Automobil. Wenn das wirklich stimmt, warum hat dann keiner geschossen.

Dardilly, 21. August 1940

Über dem Kanal fliegen Bomber und sie erreichen London, London wird bombardiert. Die Deutschen wollen die Engländer so besiegen, wie sie uns besiegt haben, aber ihre Panzer können nicht schwimmen und darum schicken sie zuerst Flugzeuge.

Dardilly, 11. September 1940

Heute habe ich einen richtigen Philosophen kennengelernt. Monsieur Mounier war auf der Gesellschaft gestern Abend bei Adèle und Christian eingeladen. Ich habe mich eine Stunde lang mit ihm unterhalten, es war sehr interessant. Philosophie ist gar nicht so schwer zu verstehen, es handelt von den einfachen Dingen des Lebens und es kommt auf die Betrachtung dieser Dinge an. Ich finde, die Philosophie kann vom Krieg ablenken. Ich habe auch ein paar Literaturempfehlungen erhalten, und wenn ich eines der Bücher in Lyon nicht erhalten sollte, dann will mir Monsieur Mounier aushelfen.

Dardilly, 3. Oktober 1940

Es gibt Vichy-Franzosen und es gibt sogenannte Freie Franzosen, die sich dem ganzen Umbruch entzogen haben, die meinen, nicht von den Deutschen besiegt worden zu sein und die weiter kämpfen. Sie kämpfen aufseiten der Engländer. Wir erfahren wie immer alles verspätet, die Engländer wollten in Dakar landen, doch unsere Armee, die Armee der Vichy-Franzosen hat sie zurückgeschlagen. Dabei haben auch Franzosen gegen Franzosen gekämpft. Ich finde es unerhört.

Dardilly, 15. Oktober 1940

Ich versuche mich daran zu erinnern, wie es 1936 in Berlin zuging. Ich habe damals nichts von einer Hetze gegen Juden mitbekommen, aber, was schlimm genug ist, ich habe von der Hetze profitiert. Die Möbel, die ich so günstig erworben habe, waren auf der Flucht zurückgelassener Besitz, und zwar von jüdischen Familien. Im Deutschen Reich haben sich viele jüdische Familien entschlossen, das Land zu verlassen. Grund dafür war aber doch die Hetze gegen alles jüdische Leben und die Beschränkungen, die den Juden auferlegt wurde, Beschränkungen per Gesetz. In Frankreich geschieht jetzt wohl Ähnliches. Es gibt neue Verordnungen und Gesetze, die von Pétain erlassen oder doch zumindest unterschrieben und gebilligt wurden. Wir können es jetzt lesen. Die Armee, öffentliche Ämter und der öffentliche Dienst und die Presse sind für Franzosen mit jüdischem Glauben ab sofort verboten, sie sollen aus diesen Bereichen entfernt werden, was immer das bedeutet. Vielleicht bedeutet es den Verlust der Arbeit, der Anstellung, des Auskommens, der Existenz oder vielleicht bedeutet es auch Schlimmeres. Ich überlege, ob es in Dardilly Juden gibt, ob ich jemanden kenne, der jüdischen Glaubens ist. Es gibt bestimmt Leute hier und bestimmt sehr viele in Lyon. Wie sollen wir uns verhalten. Der Umgang mit jüdischen Mitbürgern ist nicht verboten, aber vielleicht wird es von den Oberen nicht gern gesehen, vielleicht bedeutet es Gefahr, auch für normale Bürger. Ich bin erschreckt darüber, wie ich zu denken beginne. Dies alles kommt von den Deutschen, sie haben es vorgelebt und Frankreich wird gezwungen, es nachzuahmen.

Dardilly, 23. Oktober 1940

Die Philosophie ist die Liebe zur Weisheit. Ich habe endlich Zeit gefunden, mir etwas über Philosophie durchzulesen. Ich habe mir natürlich von Monsieur Mounier ein Buch ausgeliehen, das heißt, eigentlich sind es drei Bücher, drei Bände einer Reihe. Es ist alles recht einfach beschrieben, worauf ich bestanden habe und siehe da, ich habe schon etwas begriffen, die Liebe zur Weisheit, die Liebe, über etwas näher nachzudenken, etwas zu hinterfragen, den Sinn der Dinge zu erkunden. Im ersten Band findet sich in der Einleitung der Hinweis, dass dir die Philosophie nicht dein Brot zum Leben geben kann, dafür aber große Befriedigung. Ich muss jetzt herausfinden, ob dies wirklich so ist.

Dardilly, 1. November 1940

Italien geht auf Griechenland los. Mit jedem Erfolg der Deutschen wird Mussolinis Italien immer unbedeutender. Jetzt hat er begonnen etwas dagegen zu unternehmen.

Dardilly, 5. November 1940

Wir haben lange darüber gesprochen. Es gab ein Signal, das jedem Franzosen aus dem Herz gesprochen hat. Pétain lehnt es ab, mit den Deutschen den Krieg in Europa weiterzuführen. Wir haben diesen Krieg begonnen, weil das Deutsche Reich in Polen einmarschiert ist, wir können die Polen doch jetzt nicht verraten, obwohl es niemanden mehr gibt, der verraten werden könnte, denn Polen ist besiegt, wir sind besiegt, sollen wir jetzt helfen, auch die Engländer zu besiegen. Wir hätten unsere Gründe, denn Churchill führt bereits Krieg gegen uns, hat Franzosen getötet und ist dafür verantwortlich, dass wir uns gegenseitig umbringen. Pétain hat so entschieden, wie wir es von unserem Held des Großen Krieges erwartet haben. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit und nur ein Stratege kann es verstehen. Christian ist vielleicht ein wenig reifer als wir. Pétain fordert die Franzosen nun aber doch auf, dass sie sich an der Neuordnung Europas beteiligen, einer Neuordnung nach Willen der Deutschen. Christian interpretiert es mit Einfluss nehmen, mitentscheiden, die Chance, den eigenen Willen einzubringen. Ich habe aber das Gefühl, es ist besser, aufseiten der Engländer zu kämpfen. Oh Gott, ich hoffe dies liest niemand, der es mir falsch auslegen könnte, aber im Herzen beginne ich ein Freier Franzose zu werden, aber ich bin in diesem Vichy gefangen.

Dardilly, 16. November 1940

Ich war die letzten beiden Tage in Gruissan, bei Clémentine. Es ist schon eine weite Reise, acht Stunden mit dem Zug, weil wir auf keiner Hauptstrecke gefahren sind. Clémentine kümmert sich nicht um den Krieg und wir haben auch nicht über den Krieg gesprochen, wir haben über gar nichts Unangenehmes gesprochen. Der Sommer soll schön gewesen sein in Gruissan, selbst jetzt ist es noch warm. Die Rückreise hat mich heute den ganzen Tag gekostet, aber es ist egal, ich habe ja Zeit.

Dardilly, 23. November 1940

Der Kongo ist wohl aufseiten de Gaulles, so habe ich es jetzt erfahren. Natürlich kam es wieder von Adèle. Das Freie Frankreich hat seine Hauptstadt gewählt, Brazzaville, das am Kongo-Fluss liegt. Ich glaube nicht, dass die Deutschen so schnell dorthin gelangen, daher ist die Wahl sehr geschickt. Paris ist ja schließlich schon wenige Wochen nach Beginn der deutschen Offensive gefallen, dies wird Brazzaville nicht passieren.

Dardilly, 1. Dezember 1940

Griechenland wehrt sich gegen die Italiener. Alle wissen, dass jetzt die Deutschen eingreifen müssen. Die Italiener haben eben erst in Lybien verloren.

Dardilly, 15. Dezember 1940

Christian hat diesen Laval dafür verantwortlich gemacht und Christian hat gesagt, dass der Alte, er meint, respektlos Pétain damit, also das der Alte von diesem Laval bedrängt wird, dass die Zugeständnisse durch Manipulation erreicht werden. Christian mag recht gehabt haben, aber er hat sich in Pétain, in unserem Pétain geirrt. Uns erreicht die Nachricht, dass Laval unter Hausarrest steht, angeordnet von dem Alten, von Pétain, der schon noch weiß, was er tut, was gut und was falsch ist, vor uns und vor der Welt.

Dardilly, 19. Dezember 1940

Die Tage werden besinnlicher und ich habe mich wieder mit den geliehenen Philosophiebüchern beschäftigt. Ich habe die Einführung noch einmal gründlich durchgelesen. Die Philosophie sieht ihr Dasein in den nicht exakten Wissenschaften. Die exakten Wissenschaften können alles messen, die Höhe von Gebäuden, die Größe einer Fläche, die Geschwindigkeit von Automobilen. Die Philosophie will dann jene Fragen beantworten, die sich nicht messen oder berechnen lassen. Ein schönes Beispiel ist die Frage nach dem Gut und dem Böse. Für mich sind die Boche die Bösen in diesem Krieg und keine Philosophie kann mich davon abbringen. Die Boche allerdings würden sich als die Guten bezeichnen, denke ich, denn sie sehen in dem was sie tun, ihr Recht. Und wenn nicht geklärt werden kann, wer gut oder böse ist, auf wessen Seite steht dann Gott. Ich will gar nicht spekulieren, dass es vielleicht keinen Gott gibt. Ich habe aber auch gelesen, dass die Philosophie schon seit mehr als zweitausend Jahren betrieben wird. Das Bild von den griechischen Philosophen war mir zwar geläufig, aber, dass Platon oder Aristoteles lange vor Christi Geburt gelebt haben, war mir nicht bewusst. Wer über Philosophie liest, will auch darüber reden. Ich habe mit Adèle einige Themen besprochen und sie fand auch Freude daran, ein wenig zu diskutieren. Ich werde es aber auch nicht übertreiben.

Dardilly, 21. Dezember 1940

Adèle hat mir heute eine merkwürdige Schrift gezeigt, eine mehrseitige Broschüre eines Literaturzirkels. Die Freunde von Alain-Fournier haben das Werk herausgegeben, so stand es in der Überschrift, gemeint ist der Schriftsteller Henri Alain-Fournier. Ich habe nichts dabei gefunden. Ich kenne die Literatur von Alain-Fournier aber auch nicht so gut. Dann hat mir Adèle noch das Buch gezeigt, »Der große Meaulnes«, natürlich, Alain-Fourniers berühmtes Werk. Ich habe es auch irgendwann einmal gelesen und erinnere mich nur noch daran, dass es um Liebe ging und ich erinnere mich, dass Henri Alain-Fournier als Lieutenant im Großen Krieg gefallen ist, als Lieutenant. Adèle tat ganz verschwörerisch und hat von dem Codebuch gesprochen, mehr wollte sie mir nicht verraten.

Dardilly, 26. Dezember 1940

Wir bekommen keine Post mehr aus Paris, schon seit mehreren Monaten nicht, schon seit der Niederlage nicht. Ein Brief von Madame Moulinet ist im August durchgekommen, doch der zählt nicht. Die Boche kontrollieren alles, machen ihre Vorschriften, ihre Verordnungen und ihre Gesetze. Christian sagt, dass es Methode sei, das mit den Briefen. Wir warten ab. Zu Weihnachten ist es schmerzlich, nichts aus Paris zu hören.

1941

Dardilly, 7. Januar 1941

Ich würde sagen, die Logik ist mir die verständlichste Disziplin bei der Philosophie. Logik ist das folgerichtige Denken. Wenn ich sehe, dass Christian am Abend die Wagen zur Heuernte herausfahren lässt, dann wird wohl für den nächsten Tag schlechtes Wetter angesagt sein. Genau das hatte ich vor ein paar Monaten beobachtet und ich habe Adèle gefragt, warum die Arbeiter noch so spät auf die Felder gehen. Adèle sagte, es würde regnen. An dem betreffenden Abend sah es wirklich nicht so aus, aber sie hatte recht, am nächsten Vormittag zogen Wolken auf und es regnete die folgenden fünf Tage fast ununterbrochen. Das ist also Logik, wenn das Heu noch am Abend eingefahren wird, gibt es Meldungen über aufziehendes schlechtes Wetter. Logik, das sind Prämissen und Konklusionen, jetzt kenne ich auch die Fachbegriffe.

Dardilly, 11. Februar 1941

 Ich bin jetzt ein paar Monate nicht tätig gewesen, aber ich konnte nicht anders, ich musste wieder beginnen. In Lyon findet sich so vieles. Adèle öffnet mir die Türen, denn es sind ihre Bekannten, die Familien ihres Standes, die seit Jahrzehnten Möbelschätze beherbergen und bereit sind, diese zu verkaufen. Ich habe mit ein paar Stühlen begonnen. Dann wurden mir auch andere, größere Möbelstücke angeboten, für die meine Zimmer im Gästehaus keinen Platz mehr zuließen. Bei einem Pächter der Enous steht aber eine Scheune leer, die ich jetzt mieten konnte. Mit einem Fuhrwerk habe ich gestern Nachmittag alles hinüberbringen lassen. Für meine Wohnung war es viel, in der Scheune verlieren sich die Möbel. Ich sammele jetzt auch Decken und Laken, um die Möbel vor allzu viel Staub und Dreck zu schützen. Ich glaube nicht, dass ich irgendetwas hier in Lyon verkaufen werde, aber später, wenn sich die Lage in Paris geändert hat, wird es ein gutes Geschäft geben, davon bin ich überzeugt. Der heutige Karfreitag wird noch ruhig werden, aber am Sonntag und Montag ist Familientag bei den Enous. Adèle hat es mir schon angekündigt und ich bin gespannt, wen ich jetzt noch alles aus Christians weitläufiger Familie kennenlernen werde.

Im Buchhandel als eBook

Ströme meines Ozeans

ISBN 978-3-8476-2105-8

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