Leseprobe Julie

Zwischen meinen Inseln

Z W I S C H E N   M E I N E N

I N S E L N

 

Roman

© 2010 Ole R. Börgdahl

Dritte Auflage

Titel der Originalausgabe: »Zwischen meinen Inseln«

Umschlaggestaltung, Illustration: Ole R. Börgdahl

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Handlung der Geschichte ist frei erfunden. Ähnlichkeiten oder Namensgleichheit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.


1     Julie Jasoline

Vorwort

Das Gesamtmaterial der Tagebücher von Madame Julie Jasoline umfasst fünfzehn gebundene Schreibhefte, dabei haben elf der Hefte eine Stärke von vierundsechzig Seiten und vier Hefte eine Stärke von achtundvierzig Seiten. Die Hefte haben etwa das Format fünfzehn mal zweiundzwanzig Zentimeter. Sie sind gegenüber dem Material, dass sowohl die Mutter, als auch die Schwester verwendet haben, von schlechterer Qualität und ähneln eher Schulheften. Auf die Einheitlichkeit der Umschlagsfarben hat Madame Jasoline weniger Wert gelegt, es erscheint eher so, dass sie ihr Material nach dem gewählt hat, was in ihrer Umgebung gerade zu erhalten war. Die Einträge sind ebenfalls nach Datum und Ort gegliedert. Das verwendete Schreibgerät variiert sehr häufig. Die ersten Einträge wurden mit einem Grafitstift vorgenommen, später hat Madame Jasoline aber auch einen Füllfederhalter verwendet, ist aber immer wieder zu ihrem vermeintlichen Lieblingsschreibgerät, dem Grafitstift, zurückgekehrt. Dann gab es noch eine Besonderheit. Die Mutter und die Schwester haben zeit ihres Lebens auf Französisch geschrieben, dies war auch so, als Madame Yvette Jasoline für einige Jahre in England gelebt hat. Madame Julie Jasoline hat die ersten Jahre ebenfalls auf Französisch geschrieben. In Australien begann sie dann nach kurzer Zeit ihre Einträge auch auf Englisch zu verfassen. Ohne dass wir ein System dahinter erkennen konnten, schrieb Madame Jasoline mal auf Englisch und mal auf Französisch. Wir glauben, dass es ihr irgendwann selbst nicht mehr bewusst war. Die nun folgenden Tagebücher sind Auszüge aus den Jahren 1909 bis 1958. Der Autorin sind laut ihrer Aufzeichnungen zahlreiche Menschen begegnet. Am Ende dieser Dokumentation findet sich daher ein alphabetisches Personenverzeichnis.

1909

Taiohae, 17. März 1909

Ich habe heute Geburtstag. Ich bin vierzehn geworden. Dies sind also die ersten beiden Sätze, die ich in dieses Heft schreibe. Es soll mein Tagejournal werden. Ich will es zumindest versuchen, ein Journal oder Tagebuch zu schreiben. Es war Vaters Geburtstagsgeschenk, eines seiner Geschenke. Ich habe eine Kette bekommen und Ohrringe, beides mit diesen schwarzen Perlen besetzt, die es auf Tahiti zu kaufen gibt. Vater hat sie in Papeete besorgt, als er letzten Monat dort war. Das war aber noch nicht alles, was er mir geschenkt hat. Ich darf mir auch zwei Kleider schneidern lassen. So, den ersten Absatz habe ich mit Worten gefüllt. Es war gar nicht so schwer und es hat Spaß gemacht. Ich weiß nicht, ob ich immer die Muße finden werde, alles aufzuschreiben, was passiert. Ich werde es auf jeden Fall versuchen.

Taiohae, 2. April 1909

In den letzten Wochen habe ich viele Muscheln am Strand gesammelt. Ich will unsere Möbel verzieren. Im letzten Jahr auf Tahiti habe ich solche Möbel gesehen. Die Türen von Schränken und die Schubladen von Kommoden waren mit einem glänzenden Material belegt. Es sind Intarsien und das Material ist Perlmutt. Das Perlmutt soll von Muscheln stammen. An unseren Stränden habe ich solche Muscheln bisher noch nicht gefunden, solche, die genauso glänzen wie dieses Perlmutt. Es gibt welche, die ähnlich sind, flach und fast ebenmäßig, aber die sind selten und besitzen nicht den Glanz, den ich auf Tahiti gesehen habe. Meine Muscheln sind doch wenigstens flach, sodass ich sie mit Leim auf den Möbeln anbringen kann. Ich habe mir zunächst nur ein Schränkchen aus meinem Zimmer vorgenommen, denn ich weiß ja nicht, wie geschickt ich mich anstelle und ob es überhaupt eine Verschönerung ist. Es wäre besser, wenn ich diese silberglänzenden Muscheln hätte, aber sie zu kaufen würde eine Menge Geld kosten.

Taiohae, 29. April 1909

Ich habe einen neuen Spruch für Vaters Büchlein gefunden oder besser, ich habe den Spruch von jemandem gehört. Am Anleger haben sich gestern zwei Kapitäne unterhalten. Der eine war wohl vor Kurzem im Krankenhaus in Papeete und schimpfte fürchterlich auf die Ärzte dort. Der andere Kapitän hat daraufhin so etwas Ähnliches gesagt, wie: »Die meisten Menschen sterben an ihren Ärzten und nicht an ihren Krankheiten.« Ich habe nachgesehen, dieses Zitat hatte Vater noch nicht und er fand den Spruch auch ganz lustig und wir waren der Meinung, dass auch ein bisschen Wahrheit daran sei. Leider kenne ich den Namen des Kapitäns nicht, weil Vater doch immer ganz genau notiert, von wem die Zitate stammen. Vater bezweifelt allerdings auch, dass dieser Kapitän der Urheber ist, er wird es sicherlich auch irgendwoher haben. Wir lassen es offen, vielleicht hören wir dieses Zitat ja noch einmal und wir bekommen heraus, von wem es stammt.

Taiohae, 15. Mai 1909

Die Schule bringt mir nicht mehr viel. Es wird langsam anstrengend, immer mit den Kleinen unterrichtet zu werden. Die Hälfte des Schultages verbringen wir Älteren dann auch in einem kleinen Studierzimmer. Die Lehrerin legt uns Bücher vor, aber ich bin die Einzige, die sich ernsthaft dafür zu interessieren scheint. Wir sind ja auch nur Mädchen. Die Jungen wurden schon vor einem Jahr nach Tahiti geschickt, zur Ausbildung. Die Bücher sind wirklich etwas Besonderes. Ich habe mir eines auf Englisch vorgenommen, mein Englisch ist schon sehr gut, weil ich oft mit den fremden Seeleuten und den Händlern spreche. Vater sieht es nicht gerne, wenn ich am Anleger spazieren gehe und die Menschen beobachte, die dort kommen und gehen. Noch weniger mag er es, wenn ich mit Fremden spreche. Wenigstens verbessere ich mein Englisch, sodass es mir nicht schwerfällt, die Bücher zu lesen und zu verstehen. Einmal sprach ich mit einem portugiesischen Kapitän, obwohl wir uns auf Englisch unterhalten haben, brachte er mir einige Worte seiner Sprache bei. Ich habe Vater nichts davon erzählt, aber ich habe zu Hause die Worte geübt und er hat sich gewundert. Bei den Büchern, die wir in der Schule haben, interessiert mich auch der Atlas. Wie weit doch alles von uns entfernt ist. Um nach Chile zu gelangen oder nach Australien, braucht ein Dampfschiff gut zwei oder drei Wochen. Nach Europa sind es viele, viele Wochen. Wir haben in der Schule etwas über Frankreich gelernt und über das alte Rom. Der französische Präsident ist ein Monsieur Armand Fallières, ein alter Mann mit einem weißen Bart. Die Lehrerin hat uns ein Foto von ihm gezeigt. Mit den Büchern lerne ich viel schneller, als im Unterricht, weil nicht immer jemand stört oder etwas nicht versteht oder weil die Lehrerin sich um die Kleinen kümmern muss. Ich könnte mir vorstellen, ebenfalls Lehrerin zu werden, aber keine Nonne. Ich hoffe es gibt auch Lehrerinnen, die nicht ins Kloster gehen müssen.

Taiohae, 31. Mai 1909

Pfingsten. Gestern waren wir in der Kirche. Ich liebe diese Zusammenkünfte, wenn sich alle so fein herausputzen. Ich konnte eines meiner neuen Kleider tragen, nur die Perlenkette nicht. Es gehört sich nicht in der Kirche, sagt Vater. Meine Kleider, das Blaue und das Braune, trage ich nur selten. Ich hätte mir zum Geburtstag doch lieber ein halbes Dutzend Hosen wünschen sollen, die sind praktischer.

Taiohae, 11. Juni 1909

Ich bin nicht sehr zufrieden. Das Schränkchen, auf das ich die Muscheln geklebt habe, ist nicht schön geworden. Es liegt wohl auch daran, dass sie nur auf dem Holz angebracht sind und ich sie natürlich nicht in das Holz einarbeiten konnte. Ich werde meine Bemühungen jetzt unterlassen, auch gefällt es Vater nicht so gut, wie ich es mir erhofft habe. Er sagt es mir aber nicht und hat mich sogar für mein Geschick gelobt. Ich weiß jetzt auch mehr über dieses Perlmutt. Ich werde es wohl kaum an unseren Stränden finden, denn es stammt von Muscheln und Tieren, die tief in der See leben und nach denen gefischt werden muss. Wer hier auf den Inseln einen Vorrat an Perlmutt besitzt, hat einen kleinen Schatz und nutzt ihn, um zu tauschen oder um etwas zu bezahlen. Die Tuamoto-Inseln werden deswegen auch von Händlern angefahren, die das Perlmutt aufkaufen.

Eiao, 17. Juli 1909

Ich bin noch gar nicht auf Eiao, wir sind noch auf dem Schiff und segeln Richtung Norden. Vater will fotografieren und ich begleite ihn diesmal. Wenn mein Tagebuch nass wird, muss ich alles noch einmal abschreiben. Es wird aber nicht nass, denn die See ist ruhig. Ich habe noch eine ganze Zeit lang die Bergspitzen auf Nuku Hiva sehen können, jetzt nicht mehr und Eiao ist auch noch nicht in Sicht.

Eiao, 19. Juli 1909

Wir haben zweimal auf dem Schiff übernachtet. Vater will die Fotografien nach Amerika verkaufen. Er nimmt die Landschaft der Insel auf. Ich kenne die Bilder, die er schon auf anderen Inseln gemacht hat, ich finde sie langweilig. Wir können bis nach Hatutu hinübersehen, es ist ja nur wenige Kilometer entfernt. Ich würde es bestimmt schaffen, dorthin zu schwimmen, aber das erlaubt Vater mir nicht. Auf Eiao haben wir einige Fischer mit ihren Booten getroffen. Ich kenne sie nicht und Vater auch nicht. Sie interessieren sich für Vaters Kamera. Vater fotografiert sie aber nicht, er hat zu wenig Filme dabei und braucht alles für seine Landschaften. Bei Hatutu liegt auch ein Schiff, es kann aber kein Fischerboot sein, wir sehen die Masten, es muss noch größer als unser Schiff sein. Es gibt Amerikaner, die von San Francisco aus nach Tahiti kommen und auch auf den Marquesas haltmachen, darum wollen auch die Amerikaner Vaters Fotografien kaufen. Morgen früh segeln wir wieder zurück.

Taiohae, 1. August 1909

Vater hat mir erst jetzt mehr über das Schiff bei Hatutu erzählt. Einer der Fischer, denen wir auf Eiao begegnet sind, hat von Gewehren gesprochen, von Kisten mit Snidergewehren. Der Fischer war sogar an Bord dieses Schiffes und hat sie mit eigenen Augen gesehen. Vater sagt, dass es wohl illegal sei, dass die Gewehre geschmuggelt werden. Er hat der Gendarmerie hier in Taiohae Bescheid gegeben. Die Gendarmerie muss diesen Schmuggel ernst nehmen, wie Vater sagt, denn die Gewehre könnten in die Hände von Aufständischen fallen oder zu Raubzügen benutzt werden.

Taiohae, 30. August 1909

Es war einfach nur widerlich. Ich habe schon häufiger betrunkene Matrosen gesehen, vor allem in Papeete, aber noch nie so ein Elend. Ich bin schon am Nachmittag einmal an unserer Taverne vorbeigekommen und habe drei von ihnen gesehen, als sie noch nicht so betrunken waren. Sie haben mir noch hinterher gerufen, aber ich habe keine Notiz von ihnen genommen, es war ja auch harmlos. Auf dem Rückweg, gut zwei Stunden später habe ich sie schon von Weitem gehört, sie waren immer noch da. Der eine saß inzwischen auf der Straße im Staub. Ein Karren hätte ihn überfahren können. Er hatte seine Flasche noch in der Hand, leer. Es war natürlich Absinth, was auch sonst. Die anderen beiden sind wenigstens auf der Veranda der Taverne geblieben, an einem Tisch sitzend und die Köpfe auf die Tischplatte gesenkt, bewegungslos. Hier standen auch eine Absinthflasche und etliche Bierflaschen neben ihnen auf dem Tisch. Am Boden lag eine weitere Flasche, zerbrochen. Die Scherben in einer Pfütze Alkohol. Es roch ganz aromatisch. Als ich gerade vorüberging und noch dachte, wer den einen Matrosen wohl von der Straße holen wird, da hob plötzlich einer der anderen beiden seinen Kopf, stand auf, ging zum Geländer der Veranda und erbrach sich, fast genau vor meinen Füßen. Ich habe mich sofort abgewendet und bin schnell weitergegangen, es war widerlich. Zum Glück kamen mir auch schon die Gendarmen entgegen.

Taiohae, 8. September 1909

Seit der Sache mit den Snidergewehren hat Vater nun immer sein altes Gewehr dabei. Die Kugel, die im Schaft steckt, ist jetzt aber herausgefallen. Vater sagt, es sei ein Glücksbringer. Er musste sich sehr bemühen, die Kugel wieder zu befestigen. Er hat sie mit etwas Teer festgeklebt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es halten wird.

Taiohae, 24. September 1909

Ich bin erst gestern von einer längeren Reise zurück. Ich nenne es meine Reisen. Vater hat geschimpft, dabei habe ich nichts Böses getan. Ich bin mit dem Postschiff nach Oa Pou gefahren und habe eine Woche in der Mission gewohnt, bei den Nonnen und dem Pater. Ich habe in der Schule unterrichtet, ich habe an einigen Tagen aus meinem Lieblingsbuch vorgelesen, aus Robinson Crusoe. Vater hat mir das Buch zu Weihnachten geschenkt. Es hat einmal ihm gehört. Ich habe es schon dreimal gelesen. In der Schule auf Oa Pou habe ich nur aus den besten Kapiteln vorgelesen. Es handelt von einer Insel. Wir leben schließlich auch auf Inseln, zwar nicht allein, wie dieser Robinson, aber doch allein im großen Ozean. Auf dem Rückweg nach Taiohae ist das Postschiff nach Ua Huka gefahren. Dort gibt es überhaupt keine richtige Schule. Einige Nonnen kommen extra aus Oa Pou und geben den Kindern der Bauern und Fischer einmal im Monat Unterricht. Sie bringen ihnen ein wenig Lesen und Schreiben bei und erzählen natürlich von Gott, was wichtiger zu sein scheint, als die Mathematik und Erd- und Völkerkunde. Ich habe mich sehr darüber gewundert, wo es doch mehrere Pfarreien auf Ua Huka gibt, die jeden Sonntag, den Menschen Gott näher bringen. Es ist spannend Lehrerin zu sein. Ich hätte so viele Ideen, die aber den Nonnen wohl nicht gefallen werden. Ich habe mit Vater darüber gesprochen. Er ist auf meiner Seite, meint aber, dass die Vorstellungen einer Vierzehnjährigen nicht zählen. Er wird recht haben. Ich nehme mir vor, bald nach Tahiti zu gehen und dort eine richtige Lehrerin zu werden, auf die die Schüler dann auch hören, die von dem Monsignores und den frommen Schwestern für ernst genommen wird. Ich habe Vater gefragt, wann wir wieder nach Tahiti gehen. Er konnte es mir nicht sagen. Irgendwie bin ich auch froh darüber. Ich will zwar Lehrerin werden, aber ich will meine Inseln nicht verlassen. Meine Inseln, das sind jetzt Oa Pou und Ua Huka und Nuku Hiva sowieso. Überall dort habe ich jetzt meine ersten Schüler.

Taiohae, 4. Oktober 1909

Ein großes Kriegsschiff hat heute in der Bucht geankert. Vater war bei den Offizieren, er kennt ja noch so viele von den Offizieren. Es gibt Neuigkeiten über die Snidergewehre. Das Schiff, das wir bei Hatutu gesehen haben, war mit fünfunddreißig Kisten beladen, in jeder Kiste zwölf dieser Gewehre. Viele waren schon alt und unbrauchbar, aber die meisten sollen noch geschossen haben. Die Marine hat die Waffen beschlagnahmt und die Leute auf dem Schiff in Haft gesetzt haben. Alles geht jetzt nach Tahiti, dort soll es dann eine Gerichtsverhandlung geben. Vater hat eine Zeugenaussage gemacht. Vielleicht muss ich das auch noch machen, denn ich habe das Schiff ja auch gesehen. Ich kann bezeugen, dass es bei Hatutu lag. Vater sagt aber, dass seine Aussage vorerst reicht. Er hat auch angegeben, dass ich gar nicht mit auf Eiao war. Er hat Angst, dass mich die Behörden nachher auch noch bei der Verhandlung haben wollen, damit ich als Zeugin aussage. Vater meint, es wäre besser, wenn keiner wüsste, dass ich auch etwas gesehen habe.

Taiohae, 26. Oktober 1909

Nachdem die Verschönerungen an den Möbeln nicht sehr gut gelungen sind, habe ich heute auf dem Markt nach etwas anderem gesucht, das sich zur Dekoration unseres Heimes eignet. Ich habe früher schon selbst einmal versucht, aus der Steinnuss etwas zu schnitzen. Vater hat es mir aber irgendwann verboten, weil es zu gefährlich ist, mit dem scharfen Messer und überhaupt war ich ja auch noch ein Kind. Ich will natürlich nicht wieder damit anfangen, weil mir auch das Geschick und die Geduld fehlen. Auf dem Markt gibt es immer einige Stände, an denen die Schnitzereien angeboten werden. Es gibt Kämme, kleine Gefäße, Löffel, Schüsseln aber auch Skulpturen, alles aus den Steinnüssen hergestellt. Ich habe mich natürlich für die Kunstwerke interessiert und einiges gekauft und ich habe auch etwas in Auftrag gegeben. Ein Händler, ein Bauer, den ich schon lange kenne, will mir einen richtigen Tiki schnitzen. Die Mission darf natürlich nichts davon wissen. Ich werde den Tiki auch nur in meinem Zimmer aufstellen und ihn geheim halten.

Taiohae, 18. November 1909

Ich habe heute das Paket von der Post abgeholt, Monsieur Guerinaud hat die Fotografien geschickt. Vater und ich haben sie gemeinsam durchgesehen und sortiert. Einige sind gut für Vergrößerungen. Wir mussten uns beeilen, denn das Postschiff sollte schon am Nachmittag wieder fahren. Ich habe alles genau notiert, die Negative beschriftet und verpackt. Vater hat auch gleich neue Filme bestellt, er hat in den letzten Wochen viel verbraucht, einige Rollen sind wohl auch unbrauchbar geworden, weil sie zu lange in der Sonne lagen. Dann hat Vater Monsieur Guerinaud in seinem Brief zum wiederholten Male gebeten, endlich eine Filiale auf Nuku Hiva zu eröffnen, es würde sich lohnen, was natürlich nicht stimmt, denn außer Vater fotografiert hier kaum jemand von den Leuten. Wir sind dann gemeinsam zum Anleger gegangen und haben unsere Rücksendung direkt am Schiff aufgegeben.

Taiohae, 12. Dezember 1909

Ich musste ja lange warten, aber endlich ist mein Tiki fertig. Er wurde mir in einem Tuch verhüllt überreicht. Die wenigen Francs, die ich für ihn bezahlen musste, haben den Künstler glücklich gemacht. Er hat aber gar nicht erst versucht, mir noch weitere Aufträge zu entlocken. Ich weiß auch, warum, denn die Missionare sind, auf dem Markt gewesen und es sah nicht so aus, als ob sie sich nur für die angebotenen Früchte und die duftenden Gemüsestände interessiert hätten. Ich verstehe es nicht, die kleine Figur ist doch ganz harmlos, sie ist wunderbar glatt und von außen dunkelbraun gefärbt und alles wurde poliert. In den dicken runden Kopf wurden zwei glotzende Augen und eine breite Nase geschnitzt. Der Mund ist rund mit wulstigen Lippen. Die Figur ist zwar klein, dafür aber recht schwer.

Taiohae, 27. Dezember 1909

Weihnachten ist vorbei und ich habe endlich Ruhe. Ich habe mir Bücher gewünscht. Sie sind schon vor ein paar Wochen aus Tahiti gekommen, aber Vater hat sie vor mir versteckt, sie sollten ja ein Weihnachtsgeschenk sein. Endlich habe ich meinen eigenen Atlas und ein Universalwörterbuch, einen dicken Schinken, wie Vater sagt. Aus einer Kiste, die Vater vor mir hütet, hat er weitere Bücher für mich hervorgeholt. Ich möchte zu gern wissen, was sich noch in der Kiste befindet. Ich werde es aber nicht ausspionieren, aus Respekt vor Vater. Ich muss einfach darben, was er noch für mich hat und mir vielleicht zu meinem Geburtstag gibt. Jedenfalls habe ich zwei Bände von einem Herman Melville. Derzeit blättere ich allerdings in dem Atlas. Kurz vor Weihnachten bin ich wieder auf Ua Huka gewesen. Vater hat mich ausgeschimpft und mich noch zu einer härteren Strafe verurteilt, wenn ich nicht in Begleitung einer der Nonnen gewesen wäre. Wir sind eine Woche lang mit einem Karren zu mehreren Dörfern gefahren und haben die Schar von Kindern unterrichtet, die nicht zur Schule kommen können. Es hat mir Freude gemacht. Die Lehrerin hat mich fast alles alleine machen lassen. Es war eine schöne Übung. In einem Dorf an der Küste haben wir die sieben Kinder eines Koprabauern unterrichtet. Der älteste Sohn, ein großer, kräftiger Junge in meinem Alter, konnte weder lesen noch schreiben, was sogar seine jüngeren Geschwister leidlich beherrschten. Dafür konnte er mir alles über das Kopra erzählen. Ich nahm mich seiner an und habe damit eine Mission begonnen, die ich unbedingt zu Ende bringen muss. Onoo heißt dieser Junge. Er hat mir sogar ein Weihnachtsgeschenk gemacht, eine Kokosnussschale, auf die er eine Gruppe von Pferden geschnitzt hat. Es ist ein wunderschöner Wandschmuck, der jetzt in meinem Zimmer hängt.

1910

Taiohae, 8. Januar 1910

Heute haben wir ein verspätetes Weihnachtsgeschenk bekommen. Eigentlich hat Vater es bekommen und eigentlich war es kein Weihnachtsgeschenk. Es war ein Paket aus Amerika, von Vaters Schulfreund. Ich war ganz aufgeregt, fast wie ein Kind. Vater und ich haben es gemeinsam geöffnet. Das Paket war größer als die, die wir sonst bekommen. Ich will es kurz machen. Vater hat einen neuen Fotoapparat. Monsieur Chazaud schreibt, dass er sehr modern sei, das neuste Modell. Es ist eine Brownie 2a mit einer ausfahrbaren Linse. Die Klappe an dem Fotoapparat wird geöffnet und die Linse fährt an einem gefalteten Ledersack heraus. Vaters alte Brownie hatte das nicht. Monsieur Chazaud hat natürlich auch noch neue Fotofilme mitgeschickt.

Taiohae, 10. Februar 1910

Ich glaube ich will nicht mehr nach Tahiti und dort Lehrerin werden. Ich brauche das nicht. Ich habe meine Aufgabe gefunden. Ich weiß natürlich, dass ich eine Ausbildung brauche, um zu unterrichten, aber es geht doch auch so. Für die Schüler, die ich habe und die mir folgen, reicht es, auch wenn dies vermessen klingt. Auf Ua Huka bin ich schon bekannt. Ich war bereits zum vierten Male dort, zuletzt sogar allein, auch wenn nur für ein paar Tage, weil die Lehrerin erkrankt war. Ich habe auch schon Erfolge. Ich habe einigen Mädchen und Jungen das Lesen und Schreiben beigebracht. Diese Fertigkeiten scheinen mir am Dringlichsten zu sein. Alles andere erlernt sich dann von allein, wenn jemand erst einmal in der Lage ist, ein Buch zu lesen oder die Bibel, wie es die Lehrerin sofort angeführt hat. Einen Schüler habe ich, der besonders eifrig ist, zumal er auch mein erster Schüler war. Es ist Onoo, der mir sogar weitere seiner Kumpane zu geführt hat. Sie müssen alle schon lange auf dem Feld arbeiten und dennoch, sind sie bemüht, meinen Unterricht am Nachmittag zu besuchen.

Taiohae, 12. Februar 1910

Ich habe heute für Vater gekocht. Onoos Großmutter hat mir die Zubereitung einiger Gerichte gezeigt. Eigentlich war es nicht nett, meine neuen Künste an Vater auszuprobieren, wo es doch sein Geburtstagsgeschenk sein sollte. Aber es hat uns beiden geschmeckt, also habe ich nichts falsch gemacht. Onoos Großmutter sagt, aus der Brotfrucht ließe sich alles kochen. Eine Familie könnte das ganze Jahr über von der Brotfrucht leben und von den vielen verschiedenen Speisen, die sich daraus zubereiten ließen. Ich weiß nicht, das was ich gekocht habe war doch recht einfach, es war gut, aber es war einfach und so möchte ich es nicht jeden Tag essen. Ich bin doch ganz froh, dass wir morgen wieder in die Taverne gehen. Nicht dass mir französisches Essen besser schmeckt, aber ich brauche dort wenigstens nicht zu kochen und hinterher auch nicht abzuwaschen.

Omoa, 18. März 1910

Meinen Geburtstag habe ich nicht zu Hause gefeiert. Vater und ich sind seit gestern auf Fatu Hiva. Es war die weiteste Schiffsfahrt seit Langem. Wir sind an Hiva Oa und an Tahuata vorbei gesegelt. Omoa auf Fatu Hiva ist eine recht große Siedlung, nicht zu vergleichen mit Taiohae, bei Weitem nicht, aber es ist hier trotzdem sehr belebt. Vater wird diesmal nicht nur die Landschaften fotografieren, sondern auch die Dörfer und vor allem Omoa. Wir wollen eine Woche bleiben und es hat gestern schon sehr schön für mich begonnen. Wir haben zu meinem Geburtstag gegrillt, am Strand. Es gab Fisch und Brotfrucht und richtige Kartoffeln und so vieles mehr zu essen, denn es hat nicht lange gedauert und ich hatte viele Gäste. Einige Leute haben sich einfach dafür interessiert, was wir am Strand machen und Vater musste ja unbedingt damit heraus, dass es mein fünfzehnter Geburtstag sei. Mir wurden alle möglichen Glückwünsche überbracht, Gebete, Gedichte, Gesang. Ich habe eine Harpune geschenkt bekommen und einige Schnitzereien. Es wurde mir einfach so gegeben, die Leute wussten ja vorher nicht, dass ich Geburtstag habe. Dann haben wir alle gemeinsam gegrillt und gegessen und dabei sind die vielen verschiedenen Speisen zusammengekommen. Wir hätten natürlich nicht so viel Fisch gehabt, um all die Leute zu bewirten, aber das war eben auch nicht notwendig. Meine Gäste haben ihre Speisen nämlich selbst mitgebracht. Wer von dem Fest gehört hat, ist zurück zu seiner Hütte oder zu seinem Haus gelaufen und hat Essen von dort geholt. Es wurde alles geteilt und ich musste von allem probieren. Mein erster Tag auf Fatu Hiva hatte wirklich einen sehr schönen Ausklang.

Omoa, 2. April 1910

Aus der einen Woche sind doch einige Tage mehr geworden. Vater hat sich sogar noch Filme für seinen Fotoapparat dazu kaufen müssen. Es war aber auch Glück dabei, denn ein Handelsschiff hatte Ware für Fatu Hiva geladen und wollte weiter nach Hiva Oa und Nuku Hiva fahren. Die Fotofilme waren eigentlich für den Händler in Taiohae gedacht. Vater hat den Zahlmeister des Schiffes davon überzeugen können, dass er die Filme ja ohnehin bekommen würde, wenn er wieder auf Nuku Hiva sei und dass er sie eben jetzt schon bräuchte. Vater hat nicht alles bekommen, was er haben wollte, aber doch so viel, dass er erst einmal weiter fotografieren konnte. Sein Glück war es auch, dass er den Zahlmeister recht gut kennt. Für mich gab es nach einer Woche nicht mehr viel Neues auf Fatu Hiva zu tun und so habe ich Vater auf seinen Unternehmungen begleitet. Ich bin regelrecht zu seiner Assistentin geworden.

Ua Huka, 15. Mai 1910

Es soll eine Mutprobe sein, die Frucht des Maulbeerstrauches roh zu essen. Eigentlich wird aus der Noni ja ein Saft gepresst, dem weitere Zutaten beigegeben werden, damit er genießbar ist. Ich wollte natürlich erst einmal wissen, ob man sich an der Noni nicht vergiften kann. Dann hat einer der Jungen vorgekostet und so getan, als sei es köstlich. Ich habe mir auch eine Frucht gepflückt und vorsichtig probiert. Ich musste auf den Kern aufpassen, es war eher ein Stein wie bei einem Pfirsich, aber wo der Pfirsich süß und aromatisch schmeckt, ist die Noni einfach nur schrecklich. Sie schmeckt geradezu faulig. Ich hätte das Fruchtfleisch sofort wieder ausgespuckt, wenn nicht alle um mich herumgestanden hätten. Ich habe sogar gejubelt, wie gut es sei und mir noch eine Noni genommen. Immerhin habe ich zwei gegessen, aber es war bestimmt das letzte Mal. Den Saft werde ich wohl vorerst auch nicht wieder anrühren.

Ua Huka, 7. Juni 1910

Meine kleine Schule ist jetzt endgültig aufgelöst worden. Der Monsignore hat es verboten und gleichzeitig eine eigene Schule eingerichtet, die wohl die christlichen Werte deutlicher vermittelt, als mein Unterricht, in dem nur weltliche Dinge Platz finden. Zumindest habe ich etwas angestoßen, das eben nur von anderen weitergeführt wird. Allein mein erster und jetzt einziger Schüler ist mir noch geblieben, Onoo. Er hat mich sogar schon einmal in Taiohae besucht. Er kann recht gut lesen. Im Schreiben fehlt ihm aber noch die Übung. Ich lasse ihn aus dem Robinson Crusoe abschreiben, was ihm nicht gefällt, aber eine gute Übung ist. Onoos Familie ist mir auch schon gut bekannt. Für seine jüngeren Brüder und seine Schwester Vanessa war ich ja bereits die Lehrerin. Nur seine Eltern sträuben sich und sind zu stolz, um von mir, einem kleinen Mädchen, zu lernen. Es gibt auch einige alte Leute in der Familie. Ich weiß noch nicht, wer sie sind. Vielleicht sind es die Großeltern oder sogar die Urgroßeltern. Es können auch Onkeln und Tanten sein, was ich aber eigentlich nicht glaube. Heute Nachmittag holt mich Onoo von der Missionsstation ab und er zeigt mir das Land seiner Familie. Wir werden uns wohl wie immer am Dorfrand treffen, damit die Nonnen und vor allem der Monsignore nichts zu reden bekommen. Ich möchte nicht, dass Vater durch so etwas veranlasst wird, mich zurückzuholen und mir am Ende noch verbietet wieder herzufahren. Bisher toleriert Vater meine Ausflüge, aber er weiß ja auch, wie selbständig ich bin.

Taiohae, 30. Juni 1910

Auf der Fahrt von Ua Huka nach Nuku Hiva habe ich heute viele Haie gesehen. Es waren mehrere Dutzend und sie sind auf einen Kadaver gegangen. Es war vermutlich ein Wal, von dem aber nicht mehr viel übrig war. Unser Kapitän hat extra den Kurs geändert und ist näher herangefahren. Er hat die Haie verflucht, sie als Biester und Bestien beschimpft und seinen Steuermann auf das Getümmel im Wasser schießen lassen. Es sind wohl einige Haie getroffen worden und sofort haben sich die anderen auf die Opfer gestürzt. Das Wasser färbte sich rot, es war grausam aber auch sehr interessant. Ich habe nie zuvor Haie so aus der Nähe gesehen. Delphine begleiten die Segelschiffe ja häufiger, aber Haie schwimmen wohl eher unter der Meeresoberfläche, es sei denn, sie haben eine Beute. Irgendwann hat der Kapitän dann das Zeichen zum Aufhören gegeben und uns wieder auf Kurs gebracht.

Taiohae, 12. Juli 1910

Vater hat die beiden Zeichnungen immer in einem Regal in seinem Arbeitszimmer stehen. Jetzt hat er sie gerahmt und im Wohnzimmer aufgehängt. Ich habe heute davor gestanden. Wir waren noch so klein und trugen diese Sonnenhüte. Ich hocke vor einem Fischerboot und Thérèse steht auf ihrem Bild neben einem großen Korb. Dieser Maler, dieser Monsieur Gauguin, hat es so gezeichnet, wohl, damit wir uns voneinander unterscheiden, denn sonst bin ich wie Thérèse und Thérèse ist wie ich. Vater spricht nie von Mutter. Er hat einmal gesagt, ich könne zu ihr fahren, wenn ich wollte, ich könne bei ihr und Thérèse leben, in Frankreich. Vater wird mich nicht begleiten und darum will auch ich nicht fort. Ich will ihn nicht alleine zurücklassen. Wir gehören zusammen, nachdem er mich doch schon einmal verloren hat.

Taiohae, 7. August 1910

Ich habe noch nie Karten gespielt und wir hatten auch bislang keine Karten zu Hause. Vater hat jetzt aber fünf Päckchen mit Spielkarten geschenkt bekommen. Sie riechen noch ganz nach Farbe und sind richtig fest und glatt. Vater hat gefragt, ob er sie gleich ins Feuer geben soll, um mich nicht zu verderben. Ich habe natürlich Nein gesagt. Vater hat dann überlegt, ob er ein Kartenspiel kennt, das er mir beibringen kann. Er hat einen Stapel Karten nachdenklich gemischt und weiter überlegt. Dann sagte er mir, dass ich jetzt Piquet erlernen würde. Jeder von uns hat zwölf Karten bekommen, die restlichen acht wurden auf den Tisch gelegt. Dann haben wir unser Blatt angesehen und noch einmal Karten ausgetauscht. Vater hat immer alles vorgemacht, die ersten Partien haben wir offen gespielt, damit ich lerne, worum es geht. Vater hat mir auch das Zählen der Punkte beigebracht, was ich am schnellsten verstanden habe. Beim eigentlichen Kartenspiel muss man versuchen, die Karte des anderen auszustechen, also einen höhere Karte dagegenzuhalten, um einen Stich zu gewinnen. Ich habe solche Begriffe gelernt wie Farbe bekennen, Sexte, Octave oder Cartes blanches. Nach jeweils sechs Spielen steht ein Gewinner fest. Je länger wir gespielt haben und je besser ich es verstanden habe, desto interessanter war es für mich.

Taiohae, 25. August 1910

Ich bin erst gestern wieder nach Hause gekommen. Ich war wie schon die letzten Monate wieder auf Ua Huka, eine kurze Woche lang. Ich habe in Onoos Familie gelebt, mit ihnen vom selben Tisch gegessen und später in der Küche geholfen. Vanessa ist mir zu einer kleinen Freundin geworden. Die Frauen in Onoos Familie sind in der Minderheit. Vanessa nennt mich ihre große Schwester, sie ist gerade einmal sieben und ich schon fünfzehn. Ich lese ihr oft vor, obwohl meine Bücher nicht immer der richtige Stoff für eine Siebenjährige sind. So erzähle ich ihr Märchen, die ich aus dem Gedächtnis vortrage. Ihre Mutter und die beiden alten Frauen hören auch zu, wenn ihre Arbeit es zulässt. Ich weiß allerdings nicht, ob sie mein Französisch immer verstehen. Selbst Vanessa und auch Onoo haben damit noch ihre Schwierigkeiten. Ich selbst versuche einige Worte Marquesanisch zu lernen. Vieles lerne ich in der Küche und ebenso vieles bringen mir Onoo und Vanessa bei. Die Grammatik, sofern es eine gibt, habe ich bisher noch nicht richtig durchschaut. Onoo versteht sich nicht auf diese Dinge, sondern verwendet die Grammatik ohne mir eindeutige Regeln nennen zu können. Einmal habe ich Onoo auf die Felder begleitet. Sie lagen hoch oben zur Steilküste hin. Es gab Vanille, herrlich duftend und wir haben Mangos geerntet, ein Obst, das es zu jeder Mahlzeit gibt, genauso wie die Bananen, die mehr im Tal wachsen. In die Kokosnusshaine, von denen die Ropaatis mehrere besitzen, hat mich Onoo nicht mitgenommen. Es sei zu gefährlich, hat er mir erzählt und mir die Gefahr mit den herabfallenden Nüssen beschrieben. Die Palmen sind oft mehr als dreißig Fuß hoch und die Nüsse hängen ganz oben in den Kronen. Auf dem Weg zur Erde werden die Kokosnüsse zu gefährlichen Geschossen. Wir haben dafür aber Kokosnüsse geschält, was eine harte Arbeit ist. Ich habe auf einer Art Hocker gesessen, vor einem ein Metallspieß, neben einem Berg von Nüssen. Ich habe dann eine Kokosnuss genommen und sie auf den Spieß gehackt. Dann habe ich gezogen und die faserige Schale aufgerissen, um an die harte Nuss zu gelangen. Ich habe nur eine Nuss geschafft, dann waren meine Kräfte am Ende. Mit etwas Übung schaffe ich sicherlich mehr, aber es ist keine richtige Arbeit für mich. Besser gefallen hat mir dagegen das Monoimachen. Onoo hat mir schon des Öfteren den Tiare-Busch gezeigt. Seine Blüten duften so herrlich. Die gepflückten Blüten werden in Kokosnussöl eingelegt. Selbst Vanessa konnte mir erklären, dass das Öl die guten Stoffe aus den Tiare-Blüten aufnimmt und so zum Monoi-Öl wird. Ich kenne das Monoi-Öl schon seit Langem, seinen Geruch verbinde ich immer mit ganz frühen Erinnerungen. Ich war noch sehr klein und ich wurde mit dem Öl eingerieben. Ich wusste bislang aber nicht, wie Monoi-Öl gemacht wird, jetzt weiß ich es und habe es sogar selbst hergestellt. Onoo hat mir ein kleines Fässchen geschenkt, mit ganz frischem Monoi, das wir gerade erst gemacht haben. Ich will es jetzt jeden Tag benutzen, es riecht ja auch so gut und macht die Haut schön weich. Vanessa benutzt es auch für ihr Haar, was ich nicht so bevorzuge.

Taiohae, 12. September 1910

Vater hat es sich gestern mit einem Glas Absinth gemütlich gemacht. Er öffnet die Flasche ja nur sehr selten. In den vergangenen Tagen hat er viel in der Dunkelkammer gearbeitet. Es sind gute Aufnahmen geworden, ich habe sie mir angesehen. Das meiste ist wohl entstanden, als ich auf Ua Huka war. Wir haben die Bilder dann noch gemeinsam sortiert und die Päckchen fertiggemacht. Vater sagte, sie würden nach links und nach rechts gehen. Mit links meint er Australien, eine Adresse in Brisbane und zwei in Sydney. Rechts ist Amerika. Ein Päckchen nach San Francisco und eines sogar nach New York. Ich habe noch nie eine Zeitung oder ein Magazin gesehen, das Vaters Bilder gedruckt hat, aber die Zeitschriften aus Amerika oder Australien erreichen uns hier ja auch nur selten. Ich habe mir dann ebenfalls ein Glas genommen und den Absinth probiert, nur einen ganz kleinen Schluck. Vater hat nicht protestiert, weil er gleich gesehen hat, dass es mir nicht schmeckt. Ich musste sofort an den Matrosen denken, der sich vor meinen Augen erbrochen hat. Erst wurde mir auch etwas übel, aber dann kam doch ein wohlig warmes Gefühl in meinen Bauch. Trotzdem wird mir dieses Getränk wohl niemals schmecken.

Taiohae, 3. Oktober 1910

Ich werde einen Liebesbrief schreiben, einen Liebesbrief an Onoo. Ich bin plötzlich wie verzaubert, ich konnte mich am letzten Freitag gar nicht von ihm losreißen. Oh, er ist so fern von hier. Die Fahrt mit einem der Schiffe, die zwischen den Inseln verkehren ist so lang, was mir sonst doch nie so vorgekommen ist. Onoo hat mich geküsst, oben bei den Vanille-Feldern, inmitten dieses betörenden, beruhigenden Duftes. Er hat eine Schote aufgebrochen und sie zwischen seinen Fingern zerrieben. Es war wie eine Betäubung, als er mich dann in seinen Armen hielt und mich küsste. Onoo ist ein braver Kavalier, er hat mich nur dieses eine Mal geküsst. Danach gingen wir Hand in Hand zum Tal hinunter. Erst als wir auf seine Familie trafen, ließ er meine Hand los. Ich stand aber den Rest des Tages immer ganz in seiner Nähe und berührte seine Finger, wenn wir unbeobachtet waren. Die letzten Tage musste ich immer an Onoo denken. Ich habe diese Gefühle früher nicht für ihn gehabt, wo wir uns doch auch schon so viele Monate kennen. Ich rechne, es sind bald zehn Monate. Ich werde jetzt dieses Büchlein zuklappen und meinen Brief beginnen.

Taiohae, 15. Oktober 1910

Heute haben sie einen toten Matrosen am Strand gefunden. Ich habe gesehen, wie er zur Gendarmerie getragen wurde. Vater hat sich später erkundigt. Der Mann wurde erstochen, mit einem Messer oder einem Spieß. Er kommt von dem Frachtsegler, der seit Kurzem in unserer Bucht vor Anker liegt. Der Matrose soll noch ganz jung gewesen sein, kaum ein paar Jahre älter als ich. Sie wissen noch nicht, wer ihn getötet hat, oder ob es nicht doch ein Unfall war. Von den Leuten hier auf der Insel kann es niemand gewesen sein. Die Gendarmen wollen jetzt den Frachtsegler untersuchen und die Mannschaft befragen.

Taiohae, 22. Oktober 1910

Der Frachtsegler liegt seit mehr als einer Woche in der Bucht. Die Gendarmen haben blutige Verbände auf dem Schiff gefunden, auch getrocknetes Blut. Sie vermuten jetzt, dass der Matrose nicht hier auf Nuku Hiva erstochen wurde und auch nicht auf seinem Schiff. Der Frachtsegler ist aus Papeete gekommen. Der Matrose wurde wohl bei einer Messerstecherei im Hafen von Papeete verletzt. Weil er sich nicht behandeln ließ ist er schließlich an seinen Wunden verblutet. Für die Gendarmerie auf Nuku Hiva gibt es somit nichts mehr zu tun.

Ua Huka, 11. November 1910

Ich habe heute bei der Ernte geholfen. Die Schoten der Johannisbrotbäume können in diesen Wochen gepflückt werden. Onoo hat mich mit aufs Feld genommen. Seine Familie besitzt siebzig Johannisbrotbäume. Es wird natürlich nicht gepflückt, sondern mit Stöcken gegen die tragenden Äste geschlagen. Die Schoten fallen dann herunter und können aufgesammelt werden. Anfangs habe ich auch einen Stock genommen, aber es wird auf die Dauer zu schwer und ich konnte den Stock zuletzt gar nicht mehr in die Höhe heben. Nach einer Pause habe ich mich dann den Sammlerinnen geholfen. Wir haben eine Menge Schoten zusammenbekommen. Abends hat Onoo mir dann die Früchte noch einmal gezeigt. Die Hülsen werden getrocknet, können aber auch frisch zu Brei verarbeitet werden. Onoo hat auch einige Schoten aufgebrochen und mir den Samen gezeigt, der ebenfalls verkauft werden kann. Ich brauche jetzt ein paar Tage um mich auszuruhen, aber dann möchte ich wieder bei der Ernte helfen, es hat wirklich Freude gemacht.

Taiohae, 11. Dezember 1910

Heute habe ich etwas Ekelhaftes mit angesehen. Einige Fischer hatten aus dem Meer eine große Schildkröte gefangen und mit an den Strand gebracht. Sie haben sie erst dort getötet. Sie haben ihr mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen, sie betäubt, sodass sie nicht mehr zuschnappen konnte und sie dann mit einem Messer aufgeschnitten, es war nicht schön, aber ich habe mir alles genau angesehen, weil ich auch wissen wollte, wie eine Schildkröte unter ihrem Panzer aussieht. Der Panzer ist mit dem Tier verwachsen. Die Fischer haben mit langen Messern alles Fleisch herausgetrennt. Das Fleisch wurde verteilt und jeder hat eine ordentliche Portion erhalten, es war eine sehr große Schildkröte. So ganz ohne das Tier in seinem Inneren sah der Panzer dann aber doch recht klein aus, eine leere Hülle. Einer der Männer hat ihn kurz als Trommel benutzt. Dann wurde der Panzer aber zersägt und das Schildpatt wurde abgetrennt. Ich durfte mir ein Stück ansehen. In die Sonne gehalten schimmert es in bunten Farben. Das Schildpatt wurde auch an die Jäger verteilt. An diesem Tag hatten sie wirklich eine reiche Beute. Die Schildkröte tat mir aber trotzdem leid.

Taiohae, 27. Dezember 1910

An den ruhigen Tagen habe ich mir ein Spiel für den Unterricht ausgedacht. Ich glaube, es stammt nicht von mir, denn ich erinnere mich, als Kind auf ähnliche Weise die Buchstaben des Alphabets gelernt zu haben. Ich will eine Tafel nehmen und mit Kreide ein Wort darauf schreiben. Dann werde ich mit einem Tuch die Buchstaben wieder auswischen. Ich lasse nur einzelne Striche der Buchstaben stehen. Die Schüler müssen dann herausfinden, welches Wort ich geschrieben habe. Ich werde erst einfach beginnen, mit kurzen Wörtern. Später sollen die Wörter dann länger werden. Bei den längeren Wörtern muss man aber wohl einzelne Buchstaben stehen lassen, damit es nicht ganz so schwierig ist.

1911

Ua Huka, 9. Januar 1911

Ich habe mich danach gesehnt, dass Weihnachten und Neujahr vorübergehen. So gern ich diese Tage auch mit Vater verbringe, so sehr hat es mich doch auch fortgezogen. Onoo und seine Familie feiern das Weihnachtsfest nicht wie wir. Sie folgen zwar den Zeremonien, die die Kirche vorgibt und ich bin auch davon überzeugt, dass sie gute Christen sind. Ich weiß aber auch, dass Onoos Großeltern noch ganz anders erzogen wurden und dass die Familie stets auch den Riten der Alten folgt. Ich liebe Onoos Familie, ich liebe Vanessa, die immer noch Große Schwester zu mir sagt und ich liebe seine Brüder, die ihn um mich bewundern. Vor Onoos Eltern habe ich Respekt, sie behandeln mich wie eine von den Inseln. Onoos Großmutter spricht von den Alten noch am besten Französisch. Ich habe ihr von meiner Geburt erzählt, weil sie es von mir wissen wollte, weil die Geburt eines Menschen das Schicksal bestimmt. Wer auf einer weichen Strohmatte geboren wird, muss zeit seines Lebens um jedes Recht und um alles kämpfen. Wer auf einem Fischerboot zur Welt kommt, den können die Haie und großen Fische im Meer niemals etwas anhaben. Ich wurde in einem Wald geboren, so hat Vater es mir immer erzählt. Er war nicht dabei und konnte es nicht verhindern. Onoos Großmutter hat es aber als gutes Zeichen gesehen. Je schwieriger die Geburt, desto glücklicher wird das Leben eines Menschen. Die Großmutter gab mir den Namen Julie de Bois, damit jeder gleich weiß, zu welcher Sorte Mensch ich gehöre. Es kam überraschend für mich und doch enthält es die Wahrheit. Großmutter hat erklärte, dass es etwas Ehrenvolles, etwas Naturnahes sei, wenn ein Mensch vom Walde kommt oder vom Berg oder vom Meer oder vom Fluss. Ich bilde mir ein, dass sich dieser Name jetzt erfüllt, ich fühle mich stark. Vanessa hat es als Erste aufgegriffen, sie nennt mich ihre Große Schwester Julie de Bois.

Ua Huka, 13. Januar 1911

Es ist nicht immer leicht, mit Onoo alleine zu sein, meisten gehen wir hinauf zur Steilküste und sitzen an dem Feld mit den Vanille-Sträuchern. Manchmal ziehen wir uns zwischen die Holzgestelle zurück, in denen die Pflanzen eingehängt sind. Wir liegen dann nebeneinander und sehen in den blauen Himmel, sehen, wie die Wolken vorbei ziehen und Onoo hält meine Hand. Wir erzählen uns Geschichten, die wir uns ausdenken. Onoo erzählt zumeist, dass er als Kapitän die Welt kennenlernen will und dass ich ihm den Weg nach Frankreich zeigen soll. Ich bringe ihm dann bei, welche Städte und Länder er dort besuchen kann. Wir dürfen nicht zu lange fortbleiben. Wir müssen auch immer etwas Vanille geerntet haben oder wir gehen gleich mit Hacken und Rechen zum Feld. Natürlich bleibt uns keine Zeit das Unkraut zu jäten und wenn doch, dann immer nur ein bisschen. So geht es zwar nicht jeden Tag, aber diese Tage sind mir dann die schönsten. Onoo hat sehr viel Fantasie und er ist intelligent. Ich sehe es daran, wie schnell er lernt und mit welcher Begeisterung. Sein Leben scheint vorbestimmt zu sein. Als ältester Sohn wird er einen großen Teil der Plantagen bekommen, die heute noch seinem Vater und Großvater gehören. Er wird eines Tages zum Oberhaupt seiner Familie werden. So kann ich mir Onoo noch gar nicht vorstellen. Ich genieße jetzt die Zeit und ich gestehe mir sogar ein, dass ich Onoo sehr liebe.

Anmerkungen der Herausgeber

In diesem Teil der Tagebücher, das heißt in den Originaldokumenten, sind sehr viele unvollendete Beschreibungen zu finden. Madame Jasoline, oder besser Julie, wie wir sie noch nennen wollen, hat in den Aufzeichnungen häufig Sätze durchgestrichen, neu begonnen und zum Teil wieder durchgestrichen. Die Streichungen sind nicht immer lesbar. In diesem Zusammenhang haben wir über die Lebenssituation von Julie nachgedacht und versucht einzuschätzen, welches tatsächliche Verhältnis sie zu Onoo oder der Familie Ropaati hatte. Meine Frau und ich haben die Familie Ropaati selbst kennengelernt. Uns ist sogar Vanessa, die jüngste Schwester von Onoo Ropaati, noch begegnet. Die Ropaatis sind heute einfache Koprabauern. Zu Julies Zeiten bedeutete dies aber hohes Ansehen und eine gewisse gesellschaftliche Stellung innerhalb der Inselwelt der Marquesas. Noch heute ist der Landbesitz der Ropaatis beträchtlich und gehört größtes Vermögen der Familie. Julie hatte sich also im Jahre 1911 nicht einfach mit einem Bauernsohn liiert. Dennoch haben die kolonialen Verhältnisse in Französisch-Polynesien eine solche Verbindung nicht toleriert. Julie berichtet nur am Rande davon. Sie ist sich aber auch nicht der Situation bewusst. Sie lebt in ihrer Welt und der Vater lässt sie bis zu einem gewissen Grade gewähren. Was Victor Jasoline allerdings tatsächlich darüber denkt, erfahren wir nur sehr oberflächlich. Dies liegt zum einen daran, dass er natürlich nicht selbst zu Wort kommt und zum anderen, dass Julie sehr wahrscheinlich nicht alle Konflikte zwischen ihr und ihrem Vater dokumentiert hat. Sie lebt auch hier in ihrer eigenen Welt. Dieses Fazit ist nicht negativ gemeint, es liegt zum einen an Julies Jugend und zum anderen an den Umständen, unter denen sie aufgewachsen ist. Der Leser wird aber in den folgenden Aufzeichnungen, insbesondere in denen der späteren Jahre, eine Entwicklung, eine Reifung in dem Menschen Julie Jasoline erkennen. Nach diesem kleinen Einschub möchten wir Julie wieder selbst zu Worte kommen lassen.

Taiohae, 22. Januar 1911

Wie hat Onoos Großmutter mich genannt, Julie de Bois. Ich habe die Zeichnung von der Wand genommen und aus der einfachen Julie eine Julie de Bois gemacht. Ich habe versucht, die Worte so zu schreiben, wie der Maler sie geschrieben hat. Ich habe Monsieur Gauguins Grab im letzten Jahr auf dem Friedhof über Atuona gesehen. Er ist 1903 gestorben, die Zeichnung hat er 1902 gemacht, es sind fast zehn Jahre her. Ich bin doch recht erwachsen jetzt.

Taiohae, 14. Februar 1911

Onoo hätte mich am liebsten gleich wieder mitgenommen, aber ich bleibe noch bei Vater. Ich tue Onoo Unrecht, er ist ja nicht nur gekommen, um mich abzuholen, er hat Vater auch ein Geschenk gemacht, einen wundervollen Stock. Es ist kein Spazierstock, wie ihn die Männer in Papeete tragen, sondern ein Bergstock, mit dem sich jedes Gelände bezwingen lässt. Onoo hat es uns vorgemacht. Der Stock ist aber nicht nur praktisch, sondern auch sehr schön. Onoo hat lange nach einem geeigneten Ast gesucht und ihn erst im Januar gefunden. Ich habe den Stock noch so gesehen, wie ihn die Natur gegeben hat und jetzt ist er ein Kunstwerk. Er ist der Länge nach blank poliert. Dann hat er einen geschnitzten Griff. Die Rillen darin zeigen die gleichen Motive, wie sie die Männer als Tattoos tragen. Onoo hat eines seiner Armtattoos in den Griff gearbeitet, als seine Unterschrift. Die Rillen im Griff sind aber nicht nur schön, sie sorgen auch dafür, dass die Hand immer einen festen Halt hat. Vater hat sich sehr über das Geburtstagsgeschenk gefreut. Für Onoo und mich ist dies sehr wichtig. Ich möchte, dass Vater Onoo genauso gern hat wie mich. Darum darf es jetzt auch nicht so aussehen, als wollte Onoo mich einfach nur wieder mitnehmen. Vater und ich haben ihn gestern verabschiedet und ich werde ihm frühestens in zwei Wochen nach Ua Huka folgen.

Taiohae, 17. März 1911

An meinem sechzehnten Geburtstag ist Onoo heute zu Besuch bei mir und Vater. Ich denke Vater wird erst jetzt bewusst, was Onoo mir bedeutet. Ich weiß nicht, ob er es gutheißt. Vater hat mir immer meine Freiheiten gelassen, meine Entscheidungen. Ich habe Onoo auch nach Taiohae gebracht, weil Vater akzeptieren soll, dass wir jetzt ein Paar sind. In Onoos Familie ist dies schon längst geschehen. Vater weiß es, aber er hat mich noch nicht darauf angesprochen und er wird es auch nicht, solange Onoo noch hier ist. Dann aber wird Vater mit mir sprechen. Onoo wird noch bis übermorgen bleiben. Ich wollte ihm dann eigentlich folgen, aber ich werde es nicht tun, zumindest nicht gleich. Ich möchte Vater Gelegenheit geben, mit mir allein zu sein und zu sprechen. Onoo hat von seinem Land gesprochen und über die Ernte und überhaupt von den Dingen, die auf Ua Huka wachsen. Vater schien interessiert zu sein, aber ich habe auch das Gefühl, das er Onoo gemustert hat. Ich habe mittlerweile gelernt, dass Onoos Familie sehr angesehen ist und das nicht nur auf Ua Huka, seinen Vater und Großvater kennen die Leute auch auf den anderen Inseln, selbst auf Nuku Hiva, wo ihre Waren den Überseehändlern angeboten werden. Das Monoi der Ropaatis hatte schon immer eine besondere Qualität, die selbst auf Tahiti begehrt ist. Vater weiß über all dies Bescheid.

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 Im Buchhandel als eBook

Zwischen meinen Inseln

ISBN 978-3-8476-2104-1

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